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Edelmetalle

Spezialist sagt: «Der Silbermarkt ist komplett ausgetrocknet»

Die Rally von Silber und Gold zeigt sich bei Händlern und ihren Kunden. Sie wurzelt in Fundamentalgrössen des Marktes.

Reto Zanettin

Ein 100-Gramm-Goldbarren und ein 100-Gramm-Silberbarren. (Mai 2024)

Ein 100-Gramm-Goldbarren und ein 100-Gramm-Silberbarren. (Mai 2024)

Bloomberg

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Gold und Silber sind Inflations- und Krisenschutz, sie dienen den Anlegern innerhalb eines gemischten Portfolios zum Werterhalt. So lautet die herkömmliche Auffassung. Sie gilt weiterhin. Doch spätestens im zurückliegenden Jahr 2025 haben die Investoren erfahren: Edelmetalle können auch Wertvermehrer sein.

Denn seit Anfang Januar ist der Silberpreis um knapp 150 Prozent auf über 70 Dollar je Unze gestiegen; zugleich hat eine Unze Gold mehr als 60 Prozent an Wert gewonnen und wird momentan zu etwas über 4300 Dollar gehandelt. Wer die beiden Metalle also vor zwölf Monaten gekauft hat, blickt zum Jahresanfang 2026 auf eine Verdoppelung seines Silbers und eine Veranderthalbfachung seines Goldes. Dies, auch wenn die Kurse in den vergangenen Tagen schwankten und bisweilen unter Druck standen.

Dass Preisanstiege mit Knappheit einhergehen, entspricht hier nicht nur einem ökonomischen Gesetz: Vermehrt kämen Kunden ins Geschäft und fragten nach physischen Silberbarren, berichtet Michael Zagorowski, Numismatiker der Zürcher Münzenhandlung Erwin Dietrich, aus seinem Berufsalltag. «Neu dabei ist, dass der Preis zweitrangig ist. Denn der Silbermarkt ist komplett ausgetrocknet.» Jene Kunden sind laut dem Spezialisten Privatleute, die Barren zu 50 bis 1000 Gramm kaufen wollen.

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Der Grund für hohe Kundennachfrage beziehungsweise die Knappheit am Markt sei wohl, erklärt Zagorowski: Bisher sei die Marge für Schmelzgesellschaften so klein gewesen, dass sie sich nicht mit Silber beschäftigten. Die Gesellschaften hätten darum auf Gold gesetzt, da dies aufgrund des hohen Goldpreises sinnvoller erschien. «Der Deckungsbeitrag einer Unze Gold überstieg die Marge einer Unze Silber um ein Vielfaches.»

Erst seit einiger Zeit, da auch der Silberpreis massiv angezogen hat, haben sich die Gewinnmargen pro Unze Silber ausgeweitet. Für die Schmelzgesellschaften ist das weisse Edelmetall darum zwar interessant geworden. Aber, so der Experte: «Die in der Vergangenheit vernachlässigten Investitionen in die Silberproduktion wiegen schwer und verstärken den ohnehin massiven Mangel an physischem Silber.» Und das spiegelt sich in der Knappheit der Silberbarren auf dem Edelmetallmarkt.

Gold-Silber-Preis-Verhältnis im Langzeitschnitt hoch

Das Gold-Silber-Förderverhältnis liege zurzeit bei etwa 7 zu 1, das heisse für jede Tonne Gold werden rund 7 Tonnen Silber gefördert - «Dieses Verhältnis ist deutlich niedriger als in früheren Jahren und Jahrzehnten, als es bei 15 zu 1 oder sogar 40 zu 1 lag», sagt Zagorowski. Dies unterstreiche die momentane relative Knappheit von Silber im Bergbau.

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Zudem: Das Gold-Silber-Preis-Verhältnis ist in historischer Betrachtung auf vergleichsweise hohem Niveau. Es errechnet sich, indem man den Preis je Unze Gold durch den Preis je Unze Silber dividiert. Zurzeit also teilt man 4380 durch 74 Dollar und erhält ein Verhältnis von 59 zu 1 (Stand 2. Januar).

Der historische Durchschnitt wird bei etwa 15 zu 1 angesetzt, was grob den natürlichen Vorkommen der beiden Edelmetalle in der Erdkruste entspricht - Silber ist rund 20-mal häufiger als Gold. Im 20. Jahrhundert lag die Gold-Silber-Relation mal unter 40 zu 1, mal über 80 zu 1. Vor einem Jahr betrug sie 90 zu 1; sie ist seither also wieder gesunken.

Das Gold-Silber-Verhältnis kann Anlegern Hinweise darauf geben, ob Gold und Silber eher günstig oder eher teuer sind. Eine hohes Verhältnis wird oft als Signal dafür aufgefasst, «dass Silber unterbewertet ist und verstärkt in Silber investiert werden könnte», schreibt der Edelmetallhändler Philoro.

Legt man nun die in der kürzeren Sicht aufgetretenen Werte von über 80 zu 1 an, so wird man Silber zum momentanen Stand - rund 60 zu 1 - als nicht extrem stark unterbewertet beziehungsweise Gold nicht als stark überbewertet einstufen. Hält man am langfristigen historischen Schnitt und den natürlichen Vorkommen der Edelmetalle fest, so ergeben sich andere Schlüsse: Dann stehen 15 bis 20 zu 1 einem aktuellen Wert von 59 zu 1 gegenüber, und der Silberpreis dürfte markant aufholen - rein rechnerisch auf mehr als 280 Dollar je Unze.

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Ob ein solcher Wert realistisch ist? Was man sagen kann: Selbst wenn der Silberpreis im Jahr 2026 den 150-Prozent-Zuwachs von 2025 wiederholt, er würde bis zum Start ins 2027 nicht in die Nähe jener 280 Dollar gelangen.

Derweil ist das weisse Edelmetall aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften in der Wirtschaft gefragt, speziell in der Elektroindustrie, die Silber für Photovoltaikanlagen und Elektroautos einsetzt. Der Trend weg von fossilen Energiequellen hin zur Elektrifizierung spricht für eine anhaltende Nachfrage und damit höhere Silbernotierungen - es sei denn, die Hersteller finden günstigere Alternativen und schwenken auf diese um.

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Reto Zanettin

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