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Exchange Traded Funds: «Regulierung wird ETF begünstigen»

Deborah Fuhr, Leiterin Marktanalyse bei BlackRock, verfolgt seit 14 Jahren die Entwicklung des ETF-Marktes.

Die renommierte ETF-Expertin, Deborah Fuhr über Wachstumstrends der Branche und die Kriterien für die Wahl des richtigen Produkts.

Von Hansjörg Ryser
06.05.2011

Wie wirken sich die Unruhen im Mittleren Osten auf den ETF-Markt aus?

Deborah Fuhr:
Im Januar, als die Unruhen im Mittleren Osten ausbrachen, kam es zu deutlichen Abflüssen in ETF der Schwellenmärkte. Eigentlich erstaunlich, ist doch Ägypten der einzige betroffene Markt, der im MSCI und damit in den meisten ETF überhaupt vertreten ist.

Und die Folgen des Erdbebens in Japan?
Die japanischen ETF haben sich von den Einbrüchen rasch erholt. Am 15. März verzeichnete in den USA nur ein Aktienwert einen höheren Tagesumsatz als die ETF auf den MSCI Japan. Im März resultierte ein Nettozufluss von 1,7 Milliarden Dollar in Japan-ETF.

Welche Anlegertrends ¬beobachten Sie?
Die Schwellenmärkte verzeichnen wieder Zuflüsse, insbesondere Brasilien, Russland, Korea und Taiwan. In den USA sehen wir steigendes Interesse an Dividendenwerten. Gefragt sind zudem Agrarrohstoffe, Immobilien, ganz besonders auch Gold und Silber als Inflationsschutz. Im ersten Quartal waren die Neugeldzuflüsse in ETF fast dreimal so hoch wie im selben Vorjahreszeitraum.

Sie reisen rund um die Welt um mit Investoren über ETF zu sprechen. Welche Unterschiede stellen Sie dabei zwischen den verschiedenen Regionen fest?
In Asien gibt es zahlreiche ETF zu lokalen Branchen und Märkten, welche vor allem den Bedürfnissen der asiatischen Anleger entsprechen und in Europa nicht angeboten werden. Die Risikotoleranz ist in Asien tendenziell höher als in Europa oder den USA.

Gibt es spezifische Eigenheiten in Europa?
In Asien dienen viele Produkte dazu, Zugang zu einem bestimmten Markt zu erhalten. In Europa ist der Anlagehorizont längerfristig ausgerichtet. Die Strategien zielen stärker auf die Vorsorge und ein Sparziel ab. Die Portfolios sind stärker diversifiziert. Allerdings ist die Vermögensverwaltung noch stark von den Provisionen getrieben, was den Einsatz von ETF einschränkt.

Ganz anders als in den USA?
Ja, dort ist das Kostenbewusstsein der Berater und der Anleger viel höher. In der Folge ist der Anteil an ETF in den Portfolios grösser und der Markt rund zehn Jahre älter. Auch ist der Markt weniger fragmentiert. In den USA gibt es zu einem Index einige wenige grosse Anbieter und ETF. In Europa werden allein zum Aktienleitindex Stoxx 50 über 30 ETF mit 160 Börsenkotierungen angeboten. Werden in den USA die meisten ETF einheitlich in Dollar geführt, gibt es in Europa den gleichen ETF oft in unterschiedlichen Währungen, dazu auch abgesichert gegen Währungsrisiken.

Sehen Sie Gemeinsamkeiten?
Generell sind die Anleger auf den Heimmarkt fokussiert, in Europa wie auch in Asien und ganz besonders in den USA. Eine weitere Gemeinsamkeit ist das fehlende Wissen. Die rasante Entwicklung dieses Marktes erfordert massive Anstrengungen in der Ausbildung, damit die Anleger die ETF besser verstehen.

Welchen Einfluss haben die Zulassungs- und Aufsichtbehörden, welche den Anlegerschutz verbessern wollen?
In England und Australien dürfen Berater nicht länger für den Vertrieb von Produkten entschädigt werden, sondern nur für die Beratung. Das wird den Einsatz von ETF fördern. In den USA wird verstärkt darauf geachtet, welche Derivate bei der Verwaltung von ETF zum Einsatz kommen. So wurde bereits die Entwicklung von Produkten gestoppt und der ¬Zugang für private Anleger beschränkt.

Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?
In Europa muss das Handelsvolumen der einzelnen ETF unter den Mifid-Richtlinien nicht gemeldet werden. Im Gegensatz zu den USA. Darum erscheint der ETF-Markt in den USA viel liquider. Der Vertrieb an die Endkunden sollte transparenter werden, insbesondere bei den Kosten. Neue Vorschriften müssen letztlich aber für die Anbieter anwendbar sein und nicht zusätzliche Unsicherheiten schaffen, etwa im Bereich der Besteuerung.

Wie gross ist das Risiko, dass es nach dem rasanten Wachstum und bei der grossen Vielfalt im ETF-Markt zu einem Kollaps wie bei Lehman Brothers kommen kann?
Bei den ETF ist dieses Risiko gering, da diese wie alle anderen Fonds Sondervermögen bilden und beim Konkurs einer Bank geschützt sind. Tatsächlich gibt es aber viele andere Produkte, welche ETF ähnlich sind, aber letztlich als Schuldverschreibungen, Partnerschaften oder Treuhandfirmen ein Gegenparteirisiko haben. Und auch bei den ETF kann mit dem Einsatz von Derivaten ein solches Risiko entstehen. Damit die Anleger diese Unterschiede erkennen können, muss das Wissen verbreitert und vertieft werden, bei den Anlegern wie auch bei den Beratern und Vermögensverwaltern.

Worauf sollten Anleger achten?
Zunächst sollten Anleger bestimmen, in welchen Markt und in welcher Grössenordnung sie investieren wollen. Die Produkte sollten zur Anlagestrategie passen. Sodann müssen sie beurteilen, ob ein ETF den zugrunde liegenden Index physisch oder mit Derivaten synthetisch nachbildet, ob er gegen ein Währungsrisiko abgesichert oder in Domizilwährung geführt wird und ob er ausschüttend ist oder die Gewinne thesauriert. Wichtig ist die Grösse des Fonds wegen der Liquidität. Ferner ist auf die Reputation des Fondsbetreib achten.

In welchen Situationen sind aktive Anlagen gegenüber von ETF im Vorteil?
Anleger müssen überlegen, wo sie Chancen haben, im Vergleich zum Markt eine bessere Rendite zu erzielen. Das kann beispielsweise mit Aktien oder Obligationen im Heimmarkt möglich sein, weil sie da mit den Firmen vertraut sind. Je grösser aber die Korrelationen unter den einzelnen Wertschriften sind, umso geringer ist die Chance, eine Mehrrendite zu erreichen.

Was treibt das Wachstum?
ETF werden als Basisbausteine in Portfolios und zur Umsetzung einer Anlagestrategie sowohl bei privaten Anlegern wie auch institutionellen weiter an Bedeutung gewinnen. Selbst aktive Anlagefonds dürften vermehrt ETF einsetzen. Die Regulierung wird ETF begünstigen. In einigen Märkten wie etwa Schwellenländern gibt es noch Angebotslücken.

Geht das Wachstum zu Lasten der Direktanlagen oder anderer Produkte?
Der Zufluss aus Fonds und strukturierten Produkten überwiegt.

Wo sehen Sie die Grenzen?
Es gibt inzwischen 140 ETF-Anbieter. Auf die drei grössten entfallen 70 Prozent des Marktvolumens. Für neue Anbieter wird es zusehends schwierig, auf diesem Markt Fuss zu fassen. Ich erwarte eine Konsolidierung bei Betreibern aber auch von einzelnen ETF. Allerdings ist der Markt selbst im Vergleich zu den aktiven Fonds noch immer deutlich kleiner und das Wachstumspotenzial dadurch immens.

Wie erheben Sie Ihre Daten für die Marktberichte?
Wir erhalten von den ETF-Betreibern jeden Monat standardisiert die Angaben. Diese gleichen wir über die Daten von Bloomberg ab.

Sie sind beim Marktführer BlackRock  tätig. Wie unabhängig sind Ihre Berichte?
Wären wir nicht unabhängig, würde uns niemand die Daten liefern und niemand unsere Analysen wollen. Inzwischen verteilen wir unsere Berichte an 12’000 Empfänger.

Wieso leistet sich BlackRock einen solchen Aufwand?
Damit kann BlackRock die Führungsrolle im ETF-Markt weiter etablieren. Wir vermitteln zudem Wissen und Vertrauen, was das Marktwachstum allgemein unterstützt.

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