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Nachhaltigkeit

Wie Zürich Food Waste den Kampf ansagt

Immer noch werden weltweit viele Lebensmittel verschwendet. Doch es regt sich Widerstand - vor allem in Weltstädten. Und auch in Zürich finden sich vergleichsweise viele Vorhaben.

Gabriel Knupfer

Privathaushalte sind die grössten Verschwender überhaupt. Pro Jahr schmeisst jeder Schweizer 117 Kilogramm an noch brauchbaren Lebensmitteln weg. Mit diesen alternativen Lösungen kann jeder die Wegwerfmentalität eindämmen.
Ablaufdatum prüfen  Mit dem Mindeshaltbarkeitsdatum ist es so eine Sache. Ein belieber Twitter-Spruch bringt es auf den Punkt: «Liebe Verbraucherinnen und Verbraucher, es heisst «mindestens haltbar bis» und nicht «ganz sicher tödlich ab»! Danke.» Daher sollte man immer auch dem eigenen Geruchssinn und Sehvermögen vertrauen: Riechen die Produkte noch gut und haben keinen Schimmel? Joghurt ist meist mehrere Tage nach Ablaufdatum noch in Ordnung und Zucker sogar mehrere Jahre!
Rezepte für Reste  Übriggebliebenes vom Vortag aufwärmen ist kein grosses Geschmackserlebnis für den Gaumen. Wer aber im Internet nach speziellen Rezepten zum Wiederverwerten der Essensreste sucht, wird auf vielen Food-Plattformen fündig – beispielsweise beim Blog von Oliver Baroni: «Nie wieder Essen wegschmeissen!» oder auf den Websiten der grossen Handelsketten.
Hightech nutzen  Wer gerne mal vergisst, was er noch alles im auf Lager hat, kann sich die Technologie von smarten Kühlschränken zunutze machen. Solche Hightech-Geräte sind zwar teuer, melden aber dank intelligenter Software über das Smartphone, woran es fehlt, was bald abläuft und wie die Temparatur dem Inhalt angepasst werden sollte.
Zweite Chance für Backwaren und Co.  Warum sollten belegte Brote und Gebäck vom Vortag in der Tonne landen? Für den halben Preis finden sie bei Projekten wie der «Äss-Bar» reissenden Absatz. Foodtrucks holen Übriggebliebenes bei Partner-Bäckereien ab  und bieten es der Kundschaft «frisch von gestern» an. Sogar ein Lieferservice kann angefragt werden. Gibt es zweimal in Zürich, in St.Gallen, Winterthur und Bern.
Last Minute fürs Restaurantessen  Im Restaurant essen und Nahrungsabfälle vermeiden? Eine britische App macht das möglich: Essen, das in der Gastronomie oder beim Bäcker übrig geblieben ist, kann über «Too good to go» ausgewählt werden und für einen symbolischen Preis kurz vor Ladenschluss abgeholt werden. Dieses Konzept bewahrt zubereitete Speisen vor dem Abfall und satt sollen die Nutzer von den Portionen auch werden.
Sharing Economy für Lebensmittel  Der Trend des Teilens erfasst auch Nahrungsmittel: Wer zum Beispiel vor dem Urlaub seinen Kühlschrank leeren möchte, ohne Verwendbares wegzuwerfen, kann es zum Beispiel über 

«Foodsharing.ch» verschenken.
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Privathaushalte sind die grössten Verschwender überhaupt. Pro Jahr schmeisst jeder Schweizer 117 Kilogramm an noch brauchbaren Lebensmitteln weg. Mit diesen alternativen Lösungen kann jeder die Wegwerfmentalität eindämmen. RMS

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Der verschwenderische Umgang mit Lebensmitteln ist unökologisch und kostet viel Geld. Ein Drittel von dem, was weltweit produziert wird, geht verloren, schätzt die Welthungerhilfe. Das sind 1,3 Milliarden Tonnen aufwendig hergestellte Nahrungsmittel, die jedes Jahr im Abfall landen.
Doch gegen dieses Übel regt sich Widerstand. Besonders in Städten, wo die Problematik der Verschwendung am schlimmsten ist, bilden sich Vereine und Unternehmen, die Food Waste den Kampf ansagen. Das Trinity College in Dublin hat eine grosse Datenbank mit über 4000 Projekten gegen Verschwendung zusammengestellt. Als einzige Schweizer Stadt hat es Zürich auf die Liste der 100 Städte geschafft.

London vor New York und Berlin

Am meisten Projekte listet die Datenbank «Sharecity100» in London. 197 einzelne Initiativen von der «Backdoor Kitchen» bis zum «Walworth Garden» arbeiten hier an der nachhaltigen Stadt der Zukunft. Dazu gehören etwa Foodsharing, urbaner Gartenbau, Saatguttausch und das Sammeln von verwertbaren Lebensmitteln aus Müllcontainern, das sogenannte Containern oder Mülltauchen.
Weit vorne sind auch die Weltstädte New York (mit 185 Projekten) und Melbourne (144). Doch das kleine Zürich muss den Vergleich mit diesen Metropolen nicht scheuen. Mit 42 gelisteten Initiativen liegt die Limmatstadt auf Augenhöhe mit Mailand (42), Wien (43) oder Frankfurt (57). Und viel wichtiger als die Zahl der Projekte ist ohnehin die Qualität der Ideen zur Verringerung von Lebensmittelabfällen.

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Seed City auf dem Hönggerberg

Eines der Projekte in Zürich ist Seed City auf dem Campus Hönggerberg der ETH. Der Gemeinschaftsgarten hat 40 Mitglieder, von denen etwa 15 aktiv sind. Dabei geht es unter anderem um die umweltverträgliche und sozial gerechte Produktion von Lebensmitteln. Durch den Anbau von saisonalem Gemüse und Obst, das Vermitteln von Wissen und das gemeinsame körperliche Arbeiten wolle man «die Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln und ihrer Erzeugung steigern», sagt Barbara Orth von Seed City.
Das urbane Gärtnern erlebt in den letzten Jahren einen weltweiten Boom. Zwar gehören Schrebergärten seit Jahrzehnten zum Stadtbild vieler Schweizer Städte, doch die kollektiv bewirtschafteten Stadtgärten verleihen dem Lebensmittelanbau in der Stadt in den letzten Jahren neuen Schub. Auch in Zürich ist diese Art der Landwirtschaft in der Stadt mit 15 Projekten auf dem Vormarsch.

Ökosystem in der Stadt

Eng verknüpft mit dem neuen Stadtgärtnern ist das Konzept der Permakultur. Dabei geht es darum, künstlich ein landwirtschaftlich nutzbares Ökosystem zu schaffen, welches einmal etabliert, zeitlich unbegrenzt und weitgehend selbstständig funktioniert.
«Für Seed City ist Permakultur ein Konzept zur Planung und Gestaltung eines nachhaltigen, in Kreisläufen funktionierenden Gartens», bestätigt Orth. Doch in gewissem Sinne seien auch der soziale Austausch, das gemeinsame Lernen und Arbeiten, sowie die Weitergabe von Wissen Teil des Kreislaufes und damit der Permakultur.

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Abfallreduktion durch Foodsharing

Ebenfalls dem Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung verschrieben haben sich Projekte im Bereich des Foodsharing. Dabei wird Essen, das sonst im Abfall oder der Biogasanlage enden würde, verschenkt oder zu verbilligten Preisen abgegeben. Diese Art der Abfallreduktion betreibt seit einigen Jahren die Äss-Bar. In Zusammenarbeit mit Bäckereien werden in den Verkaufsstellen Brot und Patisserie vom Vortag zu einem stark vergünstigten Preis verkauft.
Ende 2013 in Zürich gestartet, gibt es inzwischen Äss-Bar-Filialen in Bern, Winterthur, St. Gallen und Freiburg. «Das Projekt stösst auf grosses Echo und wird von den Kunden begeistert aufgenommen», freut sich Geschäftsführer Sandro Furnari. Auch finanziell scheint das Konzept aufzugehen: «Das Unternehmen ist zu 100 Prozent eigenfinanziert und wächst seit der Gründung stetig weiter».

Potenzial für 12 bis 15 Standorte

Im letzten Jahr habe Äss-Bar 250 Tonnen Lebensmittel verkauft, die ansonsten vernichtet worden wären, sagt Furnari. Durch den Verkauf habe man zudem rund 225 Tonnen CO2eingespart. Damit leiste man einen wichtigen Beitrag zur Schonung der verfügbaren Ressourcen und zur Sensibilisierung der Gesellschaft für die Thematik, ist Furnari überzeugt.

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Bei Äss-Bar will man in den nächsten Jahren weiter expandieren. «Mit dem bestehenden Konzept schätzen das Potenzial in der Schweiz auf 12 bis 15 Standorte», sagt Furnari. Parallel wolle man die Schulung und Beratung ausbauen. Was die langfristigen Perspektiven betrifft gäbe es viele Möglichkeiten. So könnte man zum Beispiel auch Obst und Gemüse auf die gleiche Art vor dem Abfalleimer retten, wie man es heute mit Backwaren macht. Und ein weiterer möglicher Schritt wäre die Zusammenarbeit mit Detailhändlern.

Zwei Millionen Tonnen

Die Sharecity-Datenbank zeigt, dass das Bewusstsein für die Problematik der Lebensmittelverschwendung zunimmt. Zu tun bleibt dennoch viel: Schweizer werfen jährlich zwei Millionen Tonnen einwandfreier Lebensmittel weg, schätzt die Umweltschutzorganisation WWF. Fast die Hälfte davon wird in privaten Haushalten entsorgt. Zumindest in Zürich fällt mit der Datenbank eine Ausrede dafür weg. Es war noch nie so einfach, doch noch eine Verwendung für übriggebliebene Esswaren zu finden, wie heute.
Über die Autoren
Gabriel Knupfer
Gabriel Knupfer
Gabriel Knupfer ist Redaktor Wirtschaft-Desk RMS für Blick und die Handelszeitung, für die er seit zehn Jahren arbeitet.

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