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Deutschland

Warum die Deutschland-Wahl für Anleger doch spannend ist

Anders als noch in Frankreich bleiben Anleger im Vorfeld der deutschen Wahlen eher gelassen: Angela Merkels Erfolg ist wahrscheinlich. Dennoch könnte der Sonntag für Branchen richtungsweisend sein.

Annika Janssen

Die wichtigsten Köpfe im deutschen Bundestagswahlkampf:Angela Merkel (CDU, 63): Merkel ist die am längsten amtierende Regierungschefin des Westens. Sie ist in Deutschland die erste Frau an der Regierungsspitze. In der DDR arbeitete Merkel als Physikerin. Politisch aktiv wurde sie erst nach dem Fall der Berliner Mauer. Zwei Jahre nach der Abwahl von Bundeskanzler Kohl wurde sie CDU-Vorsitzende. Im November 2005 führte sie die CDU nach sieben Jahren Opposition an die Macht zurück.
Martin Schulz (SPD, 61): In der Bundespolitik ist Schulz noch ein Neuling. 22 Jahre lang sass er im EU-Parlament, von 2012 bis 2017 als Präsident. Zuvor war er in seinem Heimatort Würselen Bürgermeister. Mit 24 war er Alkoholiker, schaffte es aber, sich aus dem Sumpf zu ziehen. Er wurde Buchhändler, ehe er in die Politik ging. Studiert hat er nie, die Schule brach er vorzeitig ab. Er wirbt damit, dass ihm trotz aller Handicaps der Aufstieg aus einfachen Verhältnissen gelungen ist.
Wolfgang Schäuble (CDU, 74): Er sitzt seit 1972 im Bundestag. Als Innenminister handelte er 1990 mit der DDR den Einigungsvertrag aus. Innenminister wurde er auch in der ersten Regierung Merkels. Seit 2009 ist er Finanzminister. Ans Aufhören denkt der seit einem Attentat 1990 an den Rollstuhl gefesselte Polit-Senior noch nicht. Der aus Baden-Württemberg stammende Jurist kandidiert erneut für den Bundestag und gilt auch als ministrabel.
Sigmar Gabriel (SPD, 58): In seiner kurzen Amtszeit als Aussenminister schaffte er es, sich mit den Präsidenten der Türkei, der USA und dem Ministerpräsidenten Israels anzulegen. 2013 war er als Wirtschaftsminister gestartet. Seit 2009 SPD-Vorsitzender, entschied er sich auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten. Schulz übernahm von Gabriel auch den Parteivorsitz. Seine Beliebtheitswerte sind seitdem stark gestiegen. Aussenminister würde er gerne bleiben, seine Chancen sind aber gering.
Ursula von der Leyen (CDU, 58): Die Ärztin ist schon so lange Ministerin wie Merkel Kanzlerin. Sie diente ihr je vier Jahren als Familien- und Arbeitsministerin, bevor sie 2013 das Verteidigungsressort übernahm. Wegen ihres Umgangs mit Bundeswehrskandalen wirkt die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht angeschlagen. Ihr wird Profilierung auf Kosten anderer vorgeworfen. Leyen möchte gern im Amt bleiben, doch hat sie in ihrer Partei einen schweren Stand.
Thomas de Maizière (CDU, 63): Der Nachfahre hugenottischer Einwanderer gehört der Bundesregierung schon seit dem Amtsantritt Merkels an. Innenminister ist er schon zum zweiten Mal. Bei ihm bündelten sich einige Mammutthemen der Wahlperiode. Das Chaos der Flüchtlingskrise brachte ihn in Bedrängnis. Der Minister brachte aber viele Verschärfungen im Asylrecht und bei den Sicherheitsgesetzen auf den Weg. Er könnte sich nach der Wahl vielleicht in einem anderen Ressort wiederfinden.
Peter Altmaier (CDU, 59): Der Kanzleramtsminister ist der oberste Manager der Regierungsarbeit. 2015 wurde er Flüchtlingskoordinator und zog damit Kompetenzen des Innenministers an sich. Als Wahlkampfmanager verfasste er das Wahlprogramm im Wesentlichen selbst. Der Hobbykoch aus dem Saarland kokettiert gerne mit seiner Leibesfülle («Ich bin nicht der wichtigste, aber der gewichtigste Minister im Kabinett»). Er dürfte bei einem Wahlsieg auch künftig eine führende Rolle spielen.
Christian Lindner (FDP, 38): Fast im Alleingang gelang es dem Unternehmensberater, eine am Boden liegende Partei wieder aufzurichten. Bei der Landtagswahl in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen holte er als Spitzenkandidat mit 12,6 Prozent für die FDP ein glänzendes Ergebnis. Sollte die FDP in den Bundestag zurückkehren, will Lindner der Landespolitik Lebewohl sagen und nach Berlin ziehen. Im Wahlkampf, der ganz auf seine Person zugeschnitten ist, gibt sich der Porsche-Fan betont lässig.
Cem Özdemir (Grüne, 51): Die Eltern des Schwaben kamen in den 60er Jahren als türkische Gastarbeiter nach Deutschland. Integration ist eines der wichtigsten Themen des Realpolitikers. Bei den Grünen ist er seit 1981. Er wurde 1994 erster Abgeordneter türkischer Herkunft im Bundestag. Von 2004 bis 2009 war Özdemir Abgeordneter des EU-Parlaments, 2008 wurde er Parteichef. Der studierte Sozialpädagoge hat zwei Kinder.
Katrin Göring-Eckardt (Grüne, 51): Die Thüringerin war 1989 in der DDR an der Gründung der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt beteiligt, die im Bündnis 90/Die Grünen aufging. Ihr Theologiestudium schloss sie nicht ab, sie ist aber in der evangelischen Kirche aktiv. Die zweifache Mutter gehört wie Özdemir zum Realo-Flügel der Öko-Partei. Dieser steht einer «schwarz-grünen» Koalition mit Merkels Christdemokraten aufgeschlossener gegenüber als die Parteilinke.
Sahra Wagenknecht (Die Linke, 48): Die Tochter einer Deutschen und eines Iraners ist in Talkshows gefragt, auf Facebook hat sie hunderttausende Likes. Wagenknecht nimmt Stimmungen auf und benützt umstrittene Formulierungen, etwa auch mit kritischen Tönen zur Einwanderung. Als Rednerin kann die Ehefrau des früheren SPD- und heutigen Linke-Politikers Oskar Lafontaine Hallen für sich einnehmen.
Alexander Gauland (AfD, 76): Seine politische Karriere begann der in Sachsen geborene Jurist bei den Christdemokraten und brachte es bis zum Chef der hessischen Staatskanzlei. Als AfD-Spitzenkandidat könnte er nun eine Partei rechts der CDU/CSU ins nationale Parlament führen. Gauland gilt als wichtigster Unterstützer der Rechtsnationalen in der AfD und scheut keine provokanten Äusserungen.
Alice Weidel (AfD, 38): Die promovierte Volkswirtin aus Baden-Württemberg repräsentiert den wirtschaftliberalen Flügel der Partei. Anders als die Rechtsnationalen ist Weidel für eine «gesteuerte qualifizierte Zuwanderung», aber auch gegen eine «Politik der offenen Grenzen», die muslimische Armutsmigranten ohne Qualifikation nach Deutschland locke. Die Unternehmensberaterin lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung und zwei Kindern am Bodensee.
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Die wichtigsten Köpfe im deutschen Bundestagswahlkampf:Angela Merkel (CDU, 63): Merkel ist die am längsten amtierende Regierungschefin des Westens. Sie ist in Deutschland die erste Frau an der Regierungsspitze. In der DDR arbeitete Merkel als Physikerin. Politisch aktiv wurde sie erst nach dem Fall der Berliner Mauer. Zwei Jahre nach der Abwahl von Bundeskanzler Kohl wurde sie CDU-Vorsitzende. Im November 2005 führte sie die CDU nach sieben Jahren Opposition an die Macht zurück. RMS

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Am Sonntag wählen die Deutschen einen neuen Bundestag. Die Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich haben Anlegern in diesem Jahr Sorgenfalten auf die Stirn getrieben, aus Angst vor einem Erstarken populistischer Parteien. In Deutschland wird nun aller Voraussicht nach die 2013 gegründete rechtspopulistische AfD erstmals in den Bundestag einziehen. Trotzdem können Investoren Ruhe bewahren: Wahrscheinlich bleibt vieles beim Alten.
Die Unionsparteien CDU/CSU liegen in den jüngsten Wahlumfragen mit 36 Prozent weit vor der SPD, die auf 22 Prozent der Stimmen kommt. Angela Merkel, seit zwölf Jahren im Amt, hat beste Chancen, weitere vier Jahre Bundeskanzlerin zu bleiben. Ihr Kontrahent Martin Schulz von der SPD gilt als chancenlos. «Wir sehen die Wahrscheinlichkeit, dass Angela Merkel die Kanzlerschaft behält, bei 90 Prozent», sagt Ricardo Garcia, Ökonom der UBS. Grosse Überraschungen erwartet er am Sonntagabend, wenn die Wahllokale schliessen, nicht. Auch andere Marktbeobachter sehen dem Ereignis gelassen entgegen. Grössere Börsenbewegungen nach der Wahl erwarten sie nicht.

Koalitionsfrage noch offen

Die Deka-Bank betrachtet die deutsche Bundestagswahl aus wirtschaftspolitischer Sicht gar als «Nicht-Ereignis». Schliesslich gehe es Deutschland gut, und in guten Zeiten neigten Wähler dazu, alles beim Alten zu lassen. Trotzdem sollten Anleger die Bundestagswahl im Nachbarland keinesfalls ignorieren. Denn die Zusammensetzung der neuen deutschen Regierung dürfte sich mittel- bis langfristig auf einzelne Branchen auswirken und die Entwicklung einzelner  Valoren beeinflussen.

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Offen sind vor allem die Fragen, mit welchem Koalitionspartner Merkel letztlich regieren wird – und auf welchen Stimmenanteil die AfD kommt. «Die Partei wird wohl in der Opposition landen. Eine akute Gefahr für die Stabilität der Europäischen Union (EU) sehen wir nicht», sagt Daniel Lösche, Investmentstratege beim Fondsanbieter Schroders. Der Effekt auf die europäischen Kapitalmärkte werde deshalb gering sein.

Von starker FDP profitieren

Europa-Investoren müssen sich mit Blick auf die anstehende Bundestagswahl nicht sorgen, sagt auch Dylan Ball, Portfoliomanager bei der Investmentgesellschaft Franklin Templeton. «Viele Konjunkturindikatoren sprechen dafür, dass die wirtschaftliche Erholung in Europa weitergeht», sagt Ball. Viele Unternehmen überzeugten mit guten Fundamentaldaten, was für europäische Aktien spreche. «Daran wird sich nach der Bundestagswahl nichts ändern», sagt Ball. Grundsätzlich stehen alle grossen deutschen Parteien zu einem geeinten Europa mit einer stärker abgestimmten Aussen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik. Auch den Euro stellen sie nicht in Frage.
In Deutschland könnten je nach künftiger Regierungskoalition Immobilienunternehmen, Versorger und digital gut aufgestellte Unternehmen profitieren, sagt Oliver Maslowski, Fondsmanager bei GAM: «Im Vergleich zur Wahl im Jahr 2013 könnte die wirtschaftsliberale FDP in diesem Jahr der grosse Gewinner sein. Sollte die Partei Einzug in die Regierung erhalten, könnte es zu einer Abschaffung der Mietpreisbremse kommen.» Hiervon würden grosse Privatvermieter profitieren, etwa die Wohnungsunternehmen Vonovia, LEG Immobilien oder Deutsche Wohnen. «Eine Übergewichtung des Immobiliensektors erscheint aus Risiko-Rendite-Perspektive sinnvoll», sagt Maslowski.

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Auf Digitalisierungstrend setzen

Deutsche Versorger wiederum könnten profitieren, wenn die neue Regierung die Elektromobilität weiter vorantreibt. Elektroautos brauchen Strom – und um diesen zu liefern, müsste die Stromproduktion erheblich gesteigert werden. Unabhängig vom Wahlausgang dürfte zudem die Digitalisierung in Deutschland künftig eine grössere Rolle spielen. Fast alle Parteien wollen die Breitbandversorgung ausbauen und sehen im schnellen Internet Chancen für Bildung, Gesundheit, Sicherheit und Industrie. Während Telekomunternehmen in einem starken Preis- und Technologiewettbewerb stehen, profitieren Unternehmen mit einer klaren Digitalstrategie branchenübergreifend.
Handlungsbedarf besteht also noch nicht. Ohnehin sei es für die Kapitalmärkte nicht entscheidend, wer nach der Bundestagswahl am Sonntag regiert, erklärt die Sutor Bank. Die Bank hat sich die Entwicklung von Bruttoinlandprodukt (BIP) und Aktienmarkt in Deutschland in den Amtsperioden aller bisherigen Bundeskanzler angeschaut. Demnach ist es für die Entwicklung des BIP und des deutschen Leitindex Dax relativ egal, wer gerade Kanzler ist. Starke Marktbewegungen seien vielmehr meist das Resultat globaler Ereignisse.

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