«Ich schlafe ein». Alltagsworte, ein banaler Satz. Mit ihm eröffnet Sheryl Sandberg ihr neues Buch, «Option B». Es sind die letzten Worte, die Sandberg zu ihrem Ehemann Dave Goldberg je sagte. Am 1. Mai 2015 brach er im Fitnessraum zusammen und starb, im Alter von 47 Jahren.
Mit «Option B» verarbeitet Sandberg, Geschäftsführerin von Facebook, den Tod ihres Mannes. Option A wäre für Sandberg gewesen, gemeinsam mit Dave alt zu werden. Sie schildert auf gut 180 Seiten ihren Schmerz, ihre Verzweiflung, die Angst um ihre zwei Kinder – und wie sie schrittweise ihren Weg aus der Trauer zurück ins Leben findet.
Facebook-Post nach dem Tod ihres Mannes
Es ist diese Offenheit, der Mut zur persönlichen Geschichte, mit der Sandberg ihre Leser berührt und inspiriert. Und mit der sie zugleich die Mission ihres Arbeitgebers Facebook lebt: das Private teilen. Die Grundlage für das Buch, das Sandberg gemeinsam mit dem Psychologen Adam Grant schrieb, war ein Facebook-Post 30 Tage nach dem Tod ihres Mannes, mit dem sie ihre Trauer öffentlich machte. Er wurde 402'000 Mal geteilt und erhielt mehr als 74'000 Kommentare.
Es ist das zweite Mal, dass Sandbergs persönliche Biografie zur Grundlage einer Bewegung avanciert. Ihr erstes Werk, «Lean in», etablierte die mächtige Managerin als Ikone der Frauenbewegung. Sandberg sprach darin über ihre eigenen Unsicherheiten, untermauerte ihre Thesen mit Zahlen zur Ungleichheit und ermutigte Frauen zu mehr Selbstbewusstsein.
«Setzt euch an den Tisch. Dann ist alles möglich»
Ihre Botschaft lautete einfach: «Liebe Frauen, seid ehrgeizig. Bleibt höflich, aber hängt euch rein. Setzt euch an den Tisch. Dann ist alles möglich.» Rund 32'000 Lean-In-Zirkel wurden in Folge des Buchs gegründet, auch mehrere in der Schweiz. Gemeinsam versuchen die Frauen, dem Vorbild Sheryls nachzueifern.
In «Option B» setzt sie auf die bewährte Mischung aus persönlichen Erfahrungsberichten und wissenschaftlichem Fundament. Ihr gelingt es, authentisch und sogar humorvoll über eine der schwersten Erfahrungen zu schreiben, die ein Mensch wohl machen kann: den plötzlichen und vorzeitigen Tod des Partners und Vaters ihrer beiden Kinder. Und darüber, wie sie innerlich wieder Lebensmut gefunden, Resilienz entwickelt hat.
Auch Firmen brauchen Resilienz
Sie wäre nicht Sheryl Sandberg, wenn sie mit dem Buch nicht gleichzeitig auch ein Internetportal gestartet hätte, auf der ihre Leser berichten können, wie sie eigene schmerzhafte Erfahrungen überwunden haben und – Sie ahnen es – Resilienz-Gruppen gründen können.
Sandberg bezieht den Begriff der Resilienz, der inneren Widerstandskraft, auch auf Teams und ganze Unternehmen – und thematisiert damit einen Trend, der seit einigen Jahren aus der Psychotherapie in Coaching und Management schwappt. Sandberg schreibt: «Wie jeder Mensch Resilienz braucht, brauchen es Organisationen ebenfalls.»
Es gibt einen Unterschied im Tonfall von «Option B» zu «Lean In». Auch wenn Sandberg im ersten Werk Unsicherheiten eingesteht, ist es doch durchdrungen von dem Glauben an die individuelle Gestaltungsmacht, dass mit Geschick und Mut alle Hürden zu überwinden sind. Dafür ist Sandberg häufiger kritisiert worden.
Kraft und Mut schöpfen
In einem Punkt räumte sie bald nach dem Tod ihres Mannes ihre Fehleinschätzung ein, die sie im Buch unterstreicht: «Als ich ‚Lean In’ schrieb, merkten einige Menschen an, dass ich den Schwierigkeiten von Müttern ohne keinen Partner nicht genug Aufmerksamkeit widmete. Sie hatten Recht.»
In «Option B» gesteht Sandberg ein, dass Schicksalsschläge überwältigend und Hürden beklemmend hoch sein können – und schildert, welche Möglichkeiten sie gefunden hat, um selbst in den schwierigsten Phasen wieder Kraft und Mut zu schöpfen. Sie steht weiterhin für die persönliche Wahl. Im ersten Facebook-Post schreibt sie von der überwältigenden Trauer, aber: «Wo immer ich kann, möchte ich mich für das Leben und seine Bedeutung entscheiden.»
In Bezug auf den Arbeitsplatz benennt sie noch deutlicher als zuvor die Verantwortung von Vorgesetzten und Unternehmenseignern, Mitarbeiter bei persönlichen Verlusten und in Krisen zu unterstützen. «Ich glaube seit langem, dass es für Mitarbeiter wichtig ist, dass sie sich auf der Arbeit verstanden und unterstützt fühlen. Ich weiss jetzt, dass dies nach einem Schicksalsschlag sogar noch wichtiger ist. Traurigerweise ist geschieht das viel seltener, als es sein sollte.»
Facebook gewährt 20 Tage Trauerurlaub
Facebook hat die bezahlte Abwesenheit für Mitarbeiter im Falle eines Trauerfalls auf 20 Tage aufgestockt. Sandberg fordert andere Firmen auf, damit gleichzuziehen. In der Schweiz etwa gewährt der Gesetzgeber im Todesfall einen bis drei Tage Sonderurlaub für nahe Familienangehörige.
Sandberg fordert auch, Mitarbeiter im Krankheitsfall zu unterstützen. Sie nennt das Beispiel einer Managerin, die im Moment der Beförderung Krebs diagnostiziert bekam – und nach Beratung die leitende Funktion dennoch antrat. Einsatz aus dem Team machte es möglich, dass die Mitarbeiterin Chemo-Therapie und neuen Job unter den Hut bekam.
Ein Plädoyer für Offenheit
«Option B» ist Trauerarbeit und zugleich ist ein Plädoyer dafür, die Eventualitäten des Lebens nicht zu verschweigen und aus dem Arbeitsleben isolieren zu wollen. Sondern einen offenen Umgang damit zu finden, der Mitarbeitern hilft und damit auch das Unternehmen insgesamt stützt. Sehen Sie in der Bildergalerie, wo in Firmen die meisten Frauen anzutreffen sind:
Wo in Firmen die meisten Frauen anzutreffen sind:Damit Frauen in die Chefetagen aufsteigen können, braucht es einen Talentpool. Wie gross dieser ist, untersucht der aktuelle Schilling-Report. Die Branchen im Überblick:
Immobilienfirmen weisen den höchsten Frauenanteil von allen Schweizer Unternehmen in der Belegschaft auf (45 Prozent). Weibliche CEOs gibt es aber keine in der Branche. RMS Versicherungen verfügen über eine breite Basis: 43 Prozent der Belegschaft ist weiblich. Über alle Ebenen ist der Frauenanteil grösser als im Durchschnitt aller befragten Unternehmen. RMS Auch in der Bankenbranche ist das Potenzial in der Belegschaft überdurchschnittlich, das schlägt sich allerdings noch nicht in den oberen Etagen nieder. Lediglich in den Verwaltungsräten sind Frauen besser verteten (22 Prozent Verwaltungsrat, 9 Prozent VR-Präsidium) als im Durchschnitt aller Schweizer Firmen. Einbezogen wurden 23 Banken, darunter die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse. RMS Der Blick auf die Verteilung von Frauen im gesamten Durchschnitt der befragten Konzerne: Es zeigt sich, dass in den Top-Etagen noch deutlich weniger Frauen verteten sind als in der breiten Basis. 107 der 200 grössten Schweizer Unternehmen haben mitgemacht. RMS Die Industrie weist eine interessante Verteilung auf: Trotz geringer Basis nähert sich das mittlere und das Top-Management dem Gesamtdurchschnitt an. Es gelingt den Unternehmen offenbar gut, ihre Talente zu nutzen. RMS In der Medien- und Informatikbranche sind Frauen im mittleren und Top-Management vergleichsweise gut vertreten (22 Prozent). Auf Ebene der Geschäftsleitung sind es noch 10 Prozent, darüber gibt es keine Frauen mehr. Die Zahlen sind vergleichsweise hoch, vor allem, da der Anteil an Frauen in der Belegschaft nur bei 35 Prozent liegt. RMS In der Transport- und Logistikbranche arbeiten überdurchschnittlich viele Frauen in der Führungsetage. Von den sechs Unternehmen, die an der Umfrage teilnahmen, hat eines einen weiblichen CEO: Susanne Ruoff bei der Schweizerischen Post. Die Daten weisen eine untypische Verbreiterung nach oben hin auf. RMS Detailhändler und weitere Konsumgüterunternehmen fallen in dieses Branchencluster. In keiner anderen Branche arbeiten so viele Frauen in der Belegschaft - der Anteil verjüngt sich allerdings mit steigender Hierarchiestufe deutlich. RMS Im Bereich Life Sciences, also Chemie-, Pharma-, Medtech- und Biotechunternehmen - haben durchschnittlich viele Frauen angestellt. Im mittleren Management und Topmanagement schlägt dieser Anteil aussergewöhnlich hoch durch. Die Branche zeigt gute Voraussetzungen für einen steigenden Frauenanteil auf höchster Ebene. RMS Bei den Unternehmensdienstleistungen haben fünf Konzerne ihre Daten eingereicht. Keines hat einen weiblichen CEO oder Verwaltungsratpräsidenten. Ingesamt liegt der Frauenanteil bei 50 Prozent. RMS Besondere Unternehmen im Überblick: Alle fünf grossen bundesnahen Unternehmen haben an der Erhebung teilgenommen. Es zeigt sich, dass vor allem das mittlere Management zum Durchschnitt abfällt. Da eine der Firmen von einer Frau geführt wird – die Schweizerische Post von Susanne Ruoff - ergibt sich ein hoher weiblicher Anteil auf der CEO-Ebene. RMS Der Durchschnitt der SMI-Firmen bildet dagegen annähernd den Gesamtdurchschnitt ab. Allerdings werden alle SMI-Firmen von einem Mann geführt. RMS Bei den Unternehmen in der öffentlichen Hand ist das Potenzial leicht unter dem Durchschnitt, dafür sind Frauen in der Geschäftsleitung und auf CEO-Ebene stärker vertreten als im Gesamtvergleich. RMS Der Frauenanteil an der Belegschaft der Kantonalbanken ist mit 45 Prozent leicht überdurchschnittlich. Bei den Führungspositionen fallen sie allerdings gegenüber den Gross- und Privatbanken zurück.
Guido Schilling RMS