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Meinung

Das Investitions-Paradoxon

Je schneller sich Technologien entwickeln und neue MΓΆglichkeiten erΓΆffnen, desto weniger lohnen sich Investitionen.

Adriel_Jost

Adriel Jost

Adriel Jost

Β«Je schneller sich Technologien entwickeln, desto kΓΌrzer ist deren Nutzungsdauer – und desto geringer fΓ€llt der potenzielle Ertrag der Investitionen aus,Β» sagt Adriel Jost.Β 

ZVG

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Der technologische Fortschritt weist ein atemberaubendes Tempo auf. In den letzten Jahrzehnten hat sich diese Entwicklung exponentiell beschleunigt. Der Übergang von der analogen zur digitalen Welt – geprΓ€gt durch die Verbreitung von PCs, Internet und Mobiltelefonen – erstreckte sich ΓΌber rund 30 Jahre, von 1970 bis 2000. In den darauffolgenden 15 Jahren revolutionierten BreitbandanschlΓΌsse, Smartphones, Cloud-Computing und soziale Medien unseren Alltag. Seit etwa 2015 erleben wir erneut eine UmwΓ€lzung, diesmal durch Anwendungen der kΓΌnstlichen Intelligenz und der autonomen Robotik, in nochmals halbierter Zeit.

Eine weitere Beschleunigung des Wandels ist absehbar. Eine Kombination von Quantencomputern und ausgereifter kΓΌnstlicher Intelligenz kΓΆnnte Produkte und Dienstleistungen nahezu in Echtzeit vom Konzept zur Marktreife bringen. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen treten damit in immer kΓΌrzeren AbstΓ€nden auf. Diese exponentielle Entwicklung ist fΓΌr den menschlichen Verstand nur schwer zu erfassen – bringt aber, etwa im medizinischen Bereich, enorme Vorteile mit sich.

Adriel Jost ist Ex-SNB-Mitarbeiter, Fellow am Institut fΓΌr Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) in Luzern und PrΓ€sident des Thinktanks Liberethica.

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Doch wie gehen Unternehmen damit um, dass Innovationen in immer kΓΌrzeren Zyklen auftreten? Das hyperdynamische Umfeld erΓΆffnet unzΓ€hlige neue GeschΓ€ftsmΓΆglichkeiten. Das Beispiel OpenAI zeigt, wie sich Start-ups innerhalb kΓΌrzester Zeit zu milliardenschweren Unternehmen entwickeln kΓΆnnen. Etablierte Unternehmen geraten wiederum unter Druck, technologisch Schritt zu halten. Erhebliche Investitionen sind nur schon erforderlich, um angesichts des technologischen Wandels nicht zurΓΌckzufallen.

WΓ€hrend neue Technologien hohe Erwartungen wecken, sinkt zugleich der Investitionsanreiz.

Aber lohnen sich diese Investitionen ΓΌberhaupt? Neue Technologien verdrΓ€ngen ihre VorgΓ€nger rasch. Auf Investitionen in Maschinen oder IT-Systemen drohen Verluste, wenn deren Nutzen rasch abnimmt. WΓ€hrend also neue Technologien hohe Erwartungen wecken, sinkt gleichzeitig der Investitionsanreiz. Unternehmen sehen sich mit einem Paradoxon konfrontiert: Je schneller sich Technologien entwickeln und neue MΓΆglichkeiten erΓΆffnen, desto kΓΌrzer ist deren Nutzungsdauer – und desto geringer fΓ€llt der potenzielle Ertrag der Investitionen aus.

Als Β«Innovator’s DilemmaΒ» wurde das PhΓ€nomen bekannt, dass Unternehmen zΓΆgern, neue Technologien zu ΓΌbernehmen, da dies ihre bestehende Infrastruktur entwertet. Nehmen Unternehmen auf diese Infrastruktur RΓΌcksicht, verpassen sie den Anschluss und scheiden aus dem Markt aus.

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Das heutige Investitions-Paradoxon kΓΆnnte tiefer greifende Konsequenzen haben. Es betrifft nicht mehr nur einzelne Unternehmen, sondern ganze MΓ€rkte. So rechtfertigen sich die aktuell hohen Aktienkurse nur, wenn sich die massiven Investitionen in neue Technologien wie die kΓΌnstliche Intelligenz tatsΓ€chlich in steigenden Gewinnen niederschlagen.

Doch was passiert, wenn diese Technologien von der nΓ€chsten bereits abgelΓΆst werden, bevor sie sich auszahlen? Abschreibungen und Verluste werden an der Tagesordnung sein. Die Angst vor sogenannten Stranded Assets – also VermΓΆgenswerten, die kaum Rendite abwerfen, weil sich das technologische und wirtschaftliche Umfeld bereits wieder geΓ€ndert hat – wird weiter wachsen.

Die Unsicherheit ΓΌber zukΓΌnftige technologische Standards kΓΆnnte Investitionsentscheidungen hemmen. Technologischer Fortschritt fΓΌhrt also nicht zwangslΓ€ufig zu mehr Investitionen. Unsicherheit und kurze Innovationszyklen kΓΆnnten im Gegenteil dazu fΓΌhren, dass Unternehmen – insbesondere diejenigen, die nicht zu den allergrΓΆssten gehΓΆren – zurΓΌckhaltender investieren.

Dieser Artikel erschien in der BILANZ 08/2025.

 

BILANZ Cover 8/25
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