Kaum ein Ökonom zweifelt noch an der Rezession, die von den USA über Europa bis nach Asien für konjunkturellen Winter sorgt. Offen ist die Frage, ob die Flaute nur kurz andauert oder ob mit einer längeren Eiszeit zu rechnen ist und sich die Anleger während Jahren auf magere Aktienrenditen einstellen müssen.

Ein ähnliches Bild zeigte sich schon vor fünf Jahren. Damals befürchteten viele Experten ebenfalls eine längere Seitwärts­bewegung an den Aktienmärkten. Zunächst setzte sich der negative Trend des Vorjahres tatsächlich fort. Nachdem der SMI 2002 um über 40 Prozent eingebrochen war, verloren die grössten Schweizer Aktien bis im März 2003 noch einmal ein Fünftel an Wert. Doch dann setzte die Wende zur einer der längsten und kräftigsten Haussen ein (siehe Grafik auf Seite 80).

Nun könnte sich diese Geschichte wiederholen. Davon jedenfalls sind die Börsenprofis überzeugt, die BILANZ zu ihren Erwartungen befragt hat. Sogar Marc Faber hat ins Lager der Optimisten gewechselt. Er sieht für Aktien im kommenden Jahr ein Aufwärtspotenzial von 40 Prozent. Allerdings müssten sich die Anleger noch einige Wochen gedulden, bis die Trümmer der geplatzten Kreditblase beseitigt seien. Mit der Pleite von Lehman Brothers habe sich der Reinigungsprozess jedoch beschleunigt, ist Fleur Platow zuversichtlich. Und Bernhard Signorell sieht in den gewaltigen Hilfspaketen der Regierungen einen weiteren Katalysator. Für Alex Hinder ist entscheidend, den richtigen Zeitpunkt für den Einstieg zu erwischen. Sobald die immensen liquiden Mittel wieder in Aktien investiert werden, könnte der Aufschwung ebenso heftig geraten wie zuvor der Einbruch.

Dieser ist übrigens trotz zeitweise freiem Fall der Finanzwerte an der Schweizer Börse längst nicht so heftig ausgefallen wie in anderen Märkten. Unter den wichtigsten Börsenplätzen haben – in US-Dollars gerechnet – nur Chile und Japan etwas weniger gelitten als die Schweiz, die Wall Street ähnlich stark. Alle andern Börsen haben deutlich herbere Verluste erlitten: England zum Beispiel über 50 Prozent, Deutschland und China gar 70 Prozent.

NEUE GEFAHREN. Die BILANZ-Experten warnten zwar vor einem Jahr vor einer weiteren Verschärfung der Krise und rieten dazu, die Aktienquote zu reduzieren sowie Schwellenländer und Rohstoffe zu meiden. Doch vom Ausmass des Abschwungs über alle Vermögensklassen hinweg wurde selbst Marc Faber überrascht – auch wenn seine Tipps trotz dem Einbruch im Sektor der chinesischen Immobilien wie schon im Vorjahr mit über 120 Prozent mit Abstand die beste Performance erzielten.

Lange dürfte die Börsenerholung indes nicht währen. Sie berge bereits neue Gefahren, warnt Fleur Platow. Marc Faber: «Die Krise wird mit den gleichen Mitteln bekämpft, die sie verursacht haben.» Die Stützungsprogramme der Staaten und Notenbanken dürften schon bald zu Inflation und Währungskrisen führen und neue Turbulenzen an den Finanzmärkten auslösen.

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