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Carsten Schloter: «Doch – ich würde es wieder tun»

Swisscom-Chef Carsten Schloter über die Justizprobleme seiner Italotochter Fastweb, ungeahnte Folgen des iPad und überrissene Managersaläre.

Veröffentlicht 07.05.2010

BILANZ: Herr Schloter, Sie haben gerade die «Patrouille des Glaciers» hinter sich gebracht. Haben Sie noch Muskelkater?

Carsten Schloter: Nein. Die ersten ein, zwei Tage spürt man das noch, speziell an den Waden, aber jetzt ist es vorbei.

Was fasziniert Sie am härtesten Gebirgswettlauf der Welt?

Die Natur. Die kann man zwar während der Patrouille nicht so gut geniessen, aber während der ganzen Vorbereitung verbringt man viele Stunden da oben. Das Zweite ist, an die eigenen Grenzen zu gehen. Es ist ein Abenteuer. Mit meinen beiden Konzernleitungskollegen, Mario Rossi und Urs Schäppi, teilzunehmen, war ja eigentlich eine Schnapsidee – keiner von uns stand vorher je auf Tourenski. Wir haben erst diesen ­Winter damit angefangen.

Wie lange haben Sie trainiert?

Jedes Wochenende praktisch ein oder zwei Touren. Und ich mache zudem pro Jahr auf dem Bike fünf- bis sechstausend Kilometer.

Haben Sie sich in letzter Zeit gewünscht, dass Sie in den Jahren zuvor etwas weniger Sport getrieben und sich dafür Fastweb etwas genauer angeschaut hätten?

Wir haben uns damals sehr viel Zeit genommen. Und: Ich war während der ganzen Due Diligence vor Ort mit unserem Team und habe mir die einzelnen Themen sehr intensiv angeschaut. Wir haben das herausgefunden, was man damals sehen konnte.

Der Verdacht auf Mehrwertsteuerbetrug und auf die Existenz einer kriminellen Organisation war damals bekannt. Sie hätten davon ausgehen müssen, dass da noch viel Schlimmeres auf Sie zukommt.

Damals war nicht absehbar, was alles dahinter stehen würde. Dass gewisse Lieferanten die Mehrwertsteuer nicht bezahlt hatten, wussten wir. Aber die Gesamtdimension des Falls und der kriminelle Hintergrund mit Kontakten bis zur höchsten politischen Ebene waren nicht ersichtlich.

Als Sie mit Fastweb unterschrieben, hatte der Gründer, Silvio Scaglia, bereits Besuch vom Staatsanwalt. Spätestens dann hätten bei Ihnen sämtliche Alarmglocken klingeln müssen. Waren Sie im Kaufrausch, froh, dass Sie endlich mal eine Übernahme tätigen durften?

Nein. In einem Unternehmen haben Sie immer Verfahren laufen. Wenn heute jemand die Swisscom übernähme, würde er Verfahrensrisiken in der Höhe von mehreren hundert Millionen Franken übernehmen – die Weko-Prozesse, die regulatorischen Vorstösse, auch das eine oder ­andere Strafverfahren. Als Unternehmen werden Sie immer wieder angezeigt – das gehört einfach zu einem Konzern.

Sie haben sich von Scaglia als VR erst getrennt, als er verhaftet wurde. Das hätten Sie viel früher tun müssen.

Bedenken Sie: Bis heute liegen keine Beweise gegen Scaglia vor. Und das Geschäft in Italien läuft sehr stark über Beziehungen. Es war uns wichtig, sein Netzwerk nicht zu verlieren. Deshalb haben wir versucht, das bestehende Management an Bord zu behalten.

Sie haben sich bei der Übernahme auf die beiden von Fastweb vorgelegten Gutachten verlassen und verzichteten trotz dem Anfangsverdacht auf tiefer gehende Prüfungsrunden wie eine Integrity Due Diligence der Manager und Geschäftspartner oder eine forensische Due Diligence, wo nach kriminellen Mustern gesucht wird. Warum?

Hätte es einen klaren Verdacht gegeben, dass Fastweb selber ­Akteur von kriminellen Handlungen gewesen wäre, hätte man ­eine intensive forensische Due Diligence durchführen müssen. Wenn Sie aber als Unternehmen missbraucht werden, besteht ­dazu kein Anlass. Und man kann nicht Tausende von Lieferanten und Kunden überprüfen, nur weil einer seine Mehrwertsteuer nicht bezahlt. Eines der von Fastweb vorgelegten Gutachten stammte zudem von einer renommierten internationalen Buchprüfungsgesellschaft und beinhaltete auch eine forensische Auf­arbeitung der Sachverhalte. Dieses Gutachten bestätigte, dass Fastweb echte Leistungen erbracht hat.

Haben Sie das Hochrisikoland Italien unterschätzt?

In Ihrer Frage schwingt so ein Volksglaube mit: Jeder Italiener ist ein Mafioso …

… die Frage hat nichts mit Volksglaube zu tun, sondern mit der Tatsache, dass Italien auf dem Korruptionsindex Platz 63 belegt, die Schweiz Platz 5.

Wenn Sie nur in Ländern agieren, die gleich gut oder besser sind als die Schweiz, machen Sie im Ausland keine Geschäfte mehr.

Mit dieser Argumentation könnten Sie auch im grössten ­afrikanischen Schurkenstaat tätig werden.

Nein, aber in Europa haben Sie nirgends ein systematisches ­Betrugsrisiko.

60 Prozent der Fastweb-Kunden sind Firmen und Behörden. Wie viele davon sind in den letzten Monaten abgesprungen aus Angst vor einem Reputationsrisiko?

Im März haben wir im Grosskundenbereich 73 Prozent aller ­Ausschreibungen am Markt gewonnen, so viel wie nie zuvor. Das zeigt, dass die Reputation bisher unbeschädigt ist. Und die Wahrscheinlichkeit, dass das noch passiert, reduziert sich ­täglich. Auch die Medien in Italien berichten inzwischen viel ­differenzierter.

Dennoch hat die Swisscom den Nimbus vom grundsoliden Staatsunternehmen, vom Felsen in der Brandung verloren.

Das ist in erster Linie eine Frage, was die Schweizer Medien daraus machen. In zahlreichen Berichten wurde der Teil der Affäre, welcher die Telecom Italia betrifft, auch uns angelastet. Wenn man solche Tatbestände mischt, dann geht der Nimbus vielleicht verloren.

Bis Ende 2007 war die Swisscom noch an der New York Stock Exchange kotiert. Müssen Sie jetzt auch noch eine ­Untersuchung der SEC fürchten?

Diese Frage kann ich Ihnen im Augenblick nicht beantworten.

Hat die Tatsache, dass Sie in Mailand selber in die Hosen steigen, auch damit zu tun, dass Sie fürchten, die Affäre könnte Sie den Kopf kosten?

Nein. Es geht hier um die Glaubwürdigkeit von Fastweb in Italien. Wir mussten die Kredibilität des Unternehmens unbedingt sichern, auch weil wir in den ersten Wochen nicht abschätzen konnten, ob ein Reputationsschaden eintreten wird.

Fastweb hat 6,9 Milliarden Franken gekostet. An Gewinn­beiträgen zurückgekommen sind bislang nur 55 Millionen. Das ist minimal.

Seit die Cashflow-Beiträge von Fastweb höher sind als die Zinsen, die wir für die Finanzierung der Übernahme zahlen müssen, entsteht ein positiver Wertbeitrag für die Swisscom-Aktionäre. Den Punkt erreichten wir relativ schnell. Und dieser Beitrag wird aufgrund des Wachstums von Fastweb jedes Jahr grösser. Schauen Sie mal, was wir woanders anstellen müssten, um einen solchen Wertbeitrag zu erzielen. Im IT-Geschäft etwa müssten wir bei den dortigen Margen eine Milliarde Mehrumsatz generieren.

Heisst das, unter dem Strich würden Sie trotz allem sagen: Fastweb war ein guter Kauf, ich würde es wieder tun?

Wenn wir die heute bekannte Gesamtdimension der Krise damals gewusst hätten, hätten wir sicher zugewartet mit Investitionen. Aber mit dem, was man damals wusste: Ja!

Herr Schloter, haben bei Ihnen die Champagnerkorken ­geknallt, als die Wettbewerbskommission die Fusion von Sunrise und Orange verbot?

Darüber können wir uns kurzfristig freuen, weil die Weko diese beiden Unternehmen klar geschwächt hat. Aber jetzt drohen auch uns zusätzliche Regulierungen. Das ist kein Anlass, um Champa­gnerkorken knallen zu lassen. Es ist traurig, dass man zum Schluss kommt: Wir schwächen jetzt mal alle Marktteilnehmer in gleichem Masse, dann kommt es schon gut. Stattdessen sollte sichergestellt werden, dass in diesen Markt noch mehr investiert wird und noch mehr Dynamik entsteht.

Jetzt ist Ihre Marktmacht zementiert. Auch ausländische Interessenten werden sich hüten, in die Schweiz zu kommen.

Das ist tatsächlich so: Sunrise und Orange sind momentan ­unverkäuflich.

Die Lobby der Swisscom in Bern ist berüchtigt. Haben Sie auch dafür geweibelt, dass der Deal nicht zustande kommt?

Überhaupt nicht.

Sind Sie einverstanden mit der Diagnose, dass die Liberalisierung des Schweizer Telekommarktes nach zwölf Jahren nur halb geglückt ist?

Es gibt zwei Kriterien, an denen man den Erfolg der Liberalisierung messen kann: die Preise für die Endkunden und das Investitionsvolumen pro Einwohner. Die Schweizer Preise liegen im Festnetz europaweit im günstigsten Drittel. Und trotzdem gehört die Schweiz zu den Ländern mit den weltweit höchsten Investitionen pro Kopf. Somit ist die Liberalisierung gelungen. Jetzt ist es eine politische Überlegung, ob man in Zukunft eine Seite höher bewertet: tiefe Preise oder hohe Investitionen. Man kann nicht beides haben. Bisher hat man auf Investitionen gesetzt, das bringt Früchte. Und dass die Preise im Mobilfunk höher sind als im Ausland, hat damit zu tun, dass der Schweizer Mobilfunkmarkt sieben Jahre später liberalisiert wurde als der ausländische. Hier sinken die Preise jährlich um sieben Prozent – ähnlich wie in andern europäischen Ländern.

Was halten Sie vom iPad?

Ein fantastisches Gerät!

Wie wird es die Art, wie wir das Internet benutzen, verändern?

Die grösste Auswirkung sehe ich woanders: am Verkaufspunkt. Denken Sie an eine Autogarage: Dort gibt es eine permanente ­Interaktion zwischen dem Kunden, dem Verkäufer und dem Produkt. Aber wenn es um den Abschluss geht, verschanzt sich der Verkäufer hinter einem PC, der fest installiert ist. Das stört die Interaktion. Mit dem iPad können Sie den Verkaufsprozess ganz anders gestalten. Das erklärt auch die hohen Verkaufszahlen des iPad in den USA. Viele Unternehmen haben grosse Mengen dieses Geräts bestellt – aus Apple-Sicht sehr überraschend. Auch wir fassen ins Auge, das iPad im Swisscom-Shop einzusetzen.

Anders als das iPhone wird Apple das iPad nicht mehr exklusiv nur einem oder zwei Carriern pro Land überlassen. Was bringt das iPad der Swisscom noch?

Datenverkehr im Mobilfunknetz, zusätzliche Kosten, aber hoffentlich auch den einen oder anderen neuen Kunden.

Herr Schloter, Brady Dougan hat dieses Jahr 90 Millionen Franken kassiert, Sie selber verdienen als CEO 1,8 Millionen, ein Fünfzigstel. Empfinden Sie das als ungerecht?

Wissen Sie, alles ist ungerecht. Auch 1,8 Millionen ist ungerecht. Und wenn ein Büromitarbeiter 5000 Franken verdient, während jemand in Indien für die gleiche Arbeit 400 Franken verdient, ist das genauso ungerecht. Wenn wir Gerechtigkeit wollten, müssten wir alle bei uns selbst anfangen und einen wesentlichen Teil ­unseres Ertrags an Entwicklungsländer abführen. Aber wenn ich als Gutgestellter Neid empfinden würde gegen einen noch Bessergestellten, wäre das traurig.

Wie stehen Sie zur Abzockerinitiative?

Die Vergütungen haben Massstäbe erreicht, die nicht mehr ­vertretbar sind. Wenn Sie auf die Geschichte der Menschheit schauen: Zu grosse Einkommensunterschiede vertrug es noch nie. Es gab Zeiten, da wurde so etwas pragmatisch, aber nicht sehr elegant gelöst – denken Sie an die Französische Revolution. Es muss den Unternehmen bewusst sein: Wenn Sie sich nicht selbst regulieren, wird die ­Politik eingreifen.

Würden Sie die Initiative unterschreiben?

Ich kenne den präzisen Inhalt der Initiative nicht. Aber für mich ist klar, dass es heute ­eine Form der Lohnregulierung braucht, wenn sich die Firmen auch weiterhin nicht selbst regulieren.

Würde die Swisscom nach einer Vollprivatisierung höhere Löhne zahlen?

Das könnten wir nicht vertreten. Dann wären wir nicht mehr glaubwürdig gegenüber unseren Mitarbeitern und Kunden.

Der Sportler: Der 47-Jährige übernahm 2006 die Führung der Swisscom, nachdem sein Vorgänger Jens Alder das Handtuch geworfen hatte im Streit mit dem Bundesrat über die Auslandexpansion des Unternehmens. Schloter, Vater von drei Kindern, ist gebürtiger Franke, ging jedoch in Paris zur Schule, wo er auch studierte. Mit der Akquisition der deutschen Debitel kam er 2000 zur Swisscom. Schloter ist begeisterter Biker, Skifahrer und Jogger. Er wohnt in Bern. Seit April ist er jedoch drei Tage die Woche in Mailand, wo er nun persönlich Fastweb leitet.

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