BILANZ: Annette und Steve, wie muss man sich das erste Rendezvous von Ihnen beiden Sparfüchsen vorstellen? Haben Sie sich damals bei McDonald’s zum Milkshake getroffen?

ANNETTE ECONOMIDES: (lacht) Ein bisschen stilvoller war es schon.

STEVE ECONOMIDES: Wir haben ja beide früh gelernt zu arbeiten. Insofern hat es, wenn ich mich recht erinnere, damals schon für ein Abendessen bei Kerzenschein gereicht ...

... wie verschwenderisch romantisch!

STEVE: Ja, durchaus. Aber es stimmt natürlich, dass keiner von uns mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde.

Was brachte Sie auf den Spartrip?

ANNETTE: Nach unserer Hochzeit 1982 verdiente Steve als Grafikdesigner sieben Dollar in der Stunde. Alle möglichen Leute haben uns damals Ratschläge gegeben.

STEVE: Ich sollte zum Beispiel zwei Jobs annehmen, und natürlich sollte auch Annette arbeiten.

Um sich all das leisten zu können, was gemeinhin so zum American Dream gehört? Eigenheim, Autos, Ferien im Disneyland?

ANNETTE: Ja, genau. Doch auf eine Doppelbelastung hatte ­Steve keine Lust, und ich wollte lieber zu Hause bleiben und mich um unsere Kinder kümmern. Deshalb mussten wir lernen, zu sparen und scharf zu kalkulieren.

Klingt irgendwie nach Konsumverweigerung.

STEVE: Nein, überhaupt nicht. Wir haben aus der finanziellen Knappheit nur eine Tugend gemacht: Seither kaufen wir nur gebrauchte Autos, im Supermarkt wandern nur Sonderangebote in den Einkaufswagen. Wir weigern uns auch, Kreditkarten zu benutzen, stattdessen zahlen wir immer in bar.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie Ihre fünf Kinder mit weniger als 35  000 Dollar pro Jahr grossgezogen haben. Mit Verlaub: Das erscheint uns fast unmöglich!

STEVE: Sie sollten mal mit uns in den Supermarkt kommen, dort würden wir Ihnen schon zeigen, wie weit man mit wenig Geld kommt.

ANNETTE: Neulich hat uns ein Fernsehteam beim Einkauf begleitet. Der Reporter gab uns 100 Dollar, am Ende füllten unsere Einkäufe rund ein Dutzend Tüten. Er meinte ganz erstaunt, dass Durchschnittsamerikaner es mit dem Geld gerade mal auf zwei Tüten gebracht hätten.

Wie oft gehen Sie einkaufen?

ANNETTE: Einmal im Monat. Dazu bedarf es natürlich einer genauen Planung und Vorbereitung. Wir erstellen zum Beispiel eine detaillierte Liste von Dingen, die wir benötigen. An die halten wir uns pedantisch. Gleichzeitig sammeln wir Coupons von Sonderangeboten. Auf diese Weise haben wir es jahrelang geschafft, unsere Familie mit einem Lebensmittelbudget von 30 Dollar wöchentlich zu ernähren.

Und mit Kleidung, Möbeln und anderen Dingen halten Sie es vermutlich ähnlich.

ANNETTE: Ja, unsere Tochter Becky etwa hat für ihre High-School-Abschlussfeier ein tolles Kleid für 20 Dollar in einem Secondhandshop entdeckt. Und unser Sohn Joseph hat bei einem Lagerverkauf einen Baseballschläger für 10 Dollar ergattert, der im Laden 150 Dollar kostet. Sie hätten mal sehen sollen, wie er gestrahlt hat!

STEVE: Möbelstücke kaufen wir grundsätzlich gebraucht – zum Beispiel von Leuten, deren Häuser gerade zwangsversteigert werden.

Können Sie es dennoch verstehen, wenn Menschen es als Lustgewinn empfinden, einfach mal spontan Geld für ein paar luxuriöse Schuhe oder ein sündhaft teures Parfum zu verschleudern?

ANNETTE: Nein, weil die Freude daran meist nicht lange anhält. Als wir frisch verheiratet waren, haben wir uns unsere erste Couch bei JCPenney gekauft, ein ziemlich scheussliches Ding, das damals gerade ein Sonderangebot war. Ich erinnere mich, dass ungefähr zur selben Zeit bei unseren Nachbarn – ebenfalls ein frisch getrautes Ehepaar – ein Lastwagen anrollte und die Möbelpacker eine sehr elegante Sitzgarnitur ins Wohnzimmer schleppten. Leder und Design, alles war vom Feinsten. Ich habe damals, ganz ehrlich, ein paar Tränen vergossen.

STEVE: Aber nach neun Jahren, als wir unser Haus abbezahlt hatten und unsere Nachbarn unter ihrer Schuldenlast zu ersticken drohten, waren wir es plötzlich, die gelacht haben.

Was haben Sie noch an Rappenfuchser-Tipps auf Lager?

STEVE: Bei wiederkehrenden Ausgaben wie etwa Hypothekenzinsen sollte man die Vertragsbedingungen mit der Bank besonders hart und beharrlich aushandeln. Und natürlich stets die günstigste Versicherung wählen.

ANNETTE: Ausserdem sollte man, sofern möglich, alles selbst erledigen: vom Autowaschen über Reparaturen bis hin zum Haareschneiden. Und beim Arzt immer nach kostenlosen Probeexemp­laren von Medikamenten fragen, um die Hausapotheke aufzufüllen!

STEVE: Ferien buchen wir grundsätzlich nie in der Hauptsaison. Zudem kann ein Urlaub auch zu Hause Freude machen, wenn man Dinge unternimmt, die im Alltag keinen Platz haben.

Zum Beispiel?

STEVE: Wir haben ein sieben Meter langes Motorboot im Garten stehen.

Was für ein Luxus, das hätten wir gar nicht erwartet.

STEVE: (lacht) Es gehört einem befreundeten Arzt, der keinen Platz zum Unterstellen hatte. Das dürfen wir kostenlos benutzen. So haben alle unsere Kinder auf einem nahe gelegenen See Wasserski fahren gelernt.

ANNETTE: Gut angezogen zu sein, muss ebenfalls nicht viel kosten – sofern man sich von den verrückten Moden fernhält und stets im «Sale» (Ausverkauf) einkauft. Als wir mit der ganzen Familie neulich bei der «Dr. Phil Show» im Fernsehen waren, mussten uns die TV-Leute als Einzige nicht komplett neu einkleiden, weil wir so proper und adrett angezogen waren.

Ihre Spartipps haben Sie zunächst als ehrenamtliche Schuldenberater in Ihrer Kirchgemeinde weitergegeben. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie aus Ihren Ratschlägen ein Geschäft machen könnten?

STEVE: Na ja, Geschäft ist ein bisschen übertrieben. Die Reak­tion auf unsere Newsletters und später unser Buch war allerdings irgendwann so überwältigend, dass wir uns entscheiden mussten – entweder weiter wie bisher oder uns ganz unserer Aufklärungsarbeit widmen. Vor sechs Jahren habe ich dann den Job an den Nagel gehängt.

ANNETTE: (lacht) Ziemlich mutig! Denn die Sparwelle war da noch gar nicht ausgebrochen. Im Gegenteil: Das Leben auf Pump galt noch als das Nonplusultra.

Heute sind Sie im Rezessionsstress: Fernsehauftritte, Radio- und Zeitungsinterviews, Fanpost. Eigentlich müssten Sie doch gar nicht mehr sparen.

STEVE: Ach, wissen Sie, das Sparen ist zur Gewohnheit geworden und macht Spass.

ANNETTE: Wenn wir wollten, könnten wir viel mehr Kapital aus unserer momentanen Berühmtheit schlagen. Gerade gestern haben wir mit einem Verleger gesprochen, der uns ein lukratives Angebot für ein zweites Buch gemacht hat. Wir haben aber bis auf weiteres abgelehnt – weil wir unser Leben nicht komplett auf den Kopf stellen wollen und sehr zufrieden sind mit dem, was wir haben.

Warum haben Ihre Landsleute in den vergangenen Jahren derart hemmungslos über ihre Verhältnisse gelebt?

STEVE: Das ist natürlich ein ausgesprochen vielschichtiges Thema. Eine gewisse Risikofreudigkeit ist wohl Teil des American Way of Life, und so wird lieber investiert als gespart – auch wenn die Zeiten unsicher sind. Und die niedrigen Zinsen sowie grosszügige Steuergeschenke durch die Regierung nach dem 11. September 2001 haben die Kauflust der amerikanischen Konsumenten angeheizt wie nie zuvor.

Das allein erklärt aber die immense Verschuldung noch nicht.

ANNETTE: Kennen Sie die Redewendung «Keeping up with the Joneses»?

Ja, sie spricht den Druck an, mit den Nachbarn mitzuhalten.

STEVE: Die Menschen haben sich bis über beide Ohren verschuldet, um Hauskäufe, Autos und andere Anschaffungen zu finanzieren. Und es wurde ihnen von den Banken leicht gemacht: Im Schnitt hat jeder Amerikaner mehr als sechs Kreditkarten!

Aber wenn die Zinsen steigen, schnappt die Schuldenfalle zu.

ANNETTE: Schon richtig, aber der Wunsch nach immer mehr ist wohl Teil des menschlichen Wesens. Bei uns in Amerika gelten Vermögen und Reichtum seit je auch als Ausdruck persönlichen Glücks. Da ist sicher das calvinistische Erbe bemerkbar.

Wer zu den Erwählten zählt, dem verleiht Gott Glück und Wohlstand auf Erden.

ANNETTE: Genau, insofern erscheinen materielle Werte durchaus als Beweis eines gottgefälligen, guten Lebens. Reichtum hat in den USA keinen schalen Beigeschmack.

Jetzt erleben wir aber die Kehrseite der Medaille.

STEVE: Ja. Und in einem Land, in dem in den vergangenen Jahren der Überfluss regierte, wo das Hobby Nummer eins Shopping war und jeder im Schnitt unbeschwert 10  000 Dollar Kreditkartenschulden anhäufte, zieht nun zwangsläufig eine neue Bescheidenheit ein. Die Krise zwingt uns alle umzudenken.

ANNETTE: Die Menschen müssen jetzt haushalten lernen. Und wir helfen ihnen dabei.

Ist Ihre frohe Botschaft des Frugalen im Land des angeblichen «Raubtierkapitalismus» nicht geradezu revolutionär?

ANNETTE: (lacht) Na ja, so drastisch würde ich es vielleicht nicht sehen. Wir beide haben grundsätzlich nichts gegen Wohlstand. Wir freuen uns über jeden erfolgreichen Unternehmer oder Manager. Es geht nur darum, nicht über seine Verhältnisse zu leben. Und das muss ein Millionär genauso beachten wie ein Fabrik­arbeiter.

STEVE: Der Stahlmagnat Andrew Carnegie wurde einmal gefragt, wie viel aus seiner Sicht eigentlich genug sei. Seine Antwort: «Immer noch ein bisschen mehr.» Das ist doch furchtbar.

Warum? Trauen Sie Carnegie die Fähigkeit zum Glücklich­sein nicht zu?

ANNETTE: Ich vermute mal, dass jemand wie er es schwer hat, tiefe Zufriedenheit zu verspüren. Sehen Sie, bei uns gab es beim letzten Weihnachtsfest Geschenke für nicht mehr als 65 Dollar. Und wissen Sie, was? Wir hatten nicht eine Sekunde lang das Gefühl, auf irgendetwas verzichten zu müssen. Wir sind eine rundum glückliche Familie!

Die Wirtschaftskrise hat sie zu nationalen Vorbildern gemacht: die eingefleischten Knauserer Steve und Annette Economides aus Scottsdale im US-Bundesstaat Arizona. Der 51-jährige Amerikaner und seine 49-jährige Frau ­haben mit einem Minibudget fünf Kinder grossgezogen. Ihr Name stammt aus dem Griechischen und bedeutet «Sohn des Wirtschafters». Und seit die Rezession die globale Wirtschaft erfasst hat, sind die Economides Vorbild für viele geworden. Ihr Buch «America’s Cheapest Family» ist zum Bestseller avanciert, Zehn­tausende von Menschen lesen ihre Newsletters oder holen sich Tipps auf der Webseite www.homeeconomiser.com.

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