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Der Purosangue ist Ferraris erster Viertürer, bleibt aber ein Sportwagen. Der Motor ist ein Traum, das Bedienkonzept der Horror.
Der Ferrari Purosangue hat vier Türen. Dank des bärenstarken 12-Zylindermotors ist der Wagen aber ein Sportwagen.
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Der Ferrari Purosangue ist eines der bemerkenswertesten Automobile der italienischen Sportwagen-Schmiede. So ist der Wagen der erste Viertürer der Firmengeschichte. Mit 473 Litern hat der Purosangue sogar einen Kofferraum, der den Namen verdient. Aber auf eine Frage reagieren die Herrschaften aus Maranello stets angesäuert: Ist der Purosangue etwa ein SUV? «Ist Ferrari ein Nutzfahrzeug? Nein!», entgegnete Ferrari-Chef Benedetto Vigna in einem Interview mit dem «Manager Magazin» not amused.
Doch der Erfolg der Konkurrenz mit leistungsstarken SUVs wie dem Lamborghini Urus oder dem Aston Martin DBX hat in Maranello dann vor einigen Jahren offenbar zu einem Umdenken geführt, um vom Boom zu profitieren. Statt als SUV wird der Purosangue aber als Sportwagen mit vier Sitzplätzen vermarktet – und von denen gab es in der Firmengeschichte ja schon einige, wie den Ferrari GTC4 Lusso, der als Shootingbreak zu beschreiben wäre.
Mit dem viertürigen Purosangue wagt sich Ferrari nun auf Neuland. Um den Einstieg hinten zu erleichtern, öffnen sich die hinteren Türen gegen die Fahrtrichtung, und das auch mit elektrischer Hilfe. Letzteres ist unnötiger Schnickschnack. Der Purosangue ist höher als ein Mittelmotorsportwagen, der Einstieg entsprechend leichter. Die Karosserie wirkt aus einem Guss, die Motorhaube ist leicht gestreckt, was dem Wagen GT-Flair verleiht. Und Gott sei Dank verzichtet Ferrari auch beim ersten Viertürer auf spätpubertäres Flügelwerk.
Der beste Platz bleibt jener vorne links. Die Sitze und die Sitzposition sind langstreckentauglich. Und letzte Zweifel, dass der Purosangue dennoch ein Sportwagen ist, lösen sich in Luft auf, sobald der Startknopf gedrückt und so der 12-Zylinder-Saugmotor zum Leben erweckt wird.


Motor: 12-Zylinder-Saugmotor mit 6,5 Litern Hubraum
Leistung: 725 PS
Beschleunigung: 0–100 km/h in 3,3 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: über 310 km/h
Gewicht: 2245 kg
Preis des Testwagens: 461’708 Franken (inkl. MwSt)
Wer sich wie der Testfahrer mit dem Auto durch den Zürcher Büroverkehr quält, den beschleicht fast schon das Gefühl, sich beim Wagen entschuldigen zu müssen. Denn diese Prachtmaschine ist nicht für Ampelgegurke gebaut, auch wenn das 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe diese Aufgabe stoisch über sich ergehen lässt.
Auf Schweizer Landstrassen kann der Fahrer ansatzweise erfahren, was im Wagen steckt. Mit den grossen Schaltpaddels ein, zwei Gänge herunterschalten, Gas geben – und die Post geht ab, auch akustisch. Das Posaunen des hochdrehenden 12-Zylinders ist ein Genuss. Laut Datenblatt meistert der Purosangue den Sprint von 0 auf 100 km/h in 3,3 Sekunden – denn die 725 PS haben mit den gut zwei Tonnen Gewicht ein leichtes Spiel.
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Nicht nur der Motor, auch das Fahrwerk zerstreut jeden Zweifel daran, dass man in einem Sportwagen sitzt. Zum einen ist der Schwerpunkt weiterhin recht tief. Zum anderen haben die Ingenieure dem Auto neue Aktivdämpfer verpasst, die sich elektrisch viele Hundert Mal pro Sekunde auf die Fahrbahn einstellen und die Karosserie konsequent im Lot halten. Wankbewegungen in Kurven? Vergiss es.

Das Lenkrad der Purosangue hat mehr Knöpfe als der Controller einer Playstation.
PR/Loris Scalzo
Das Lenkrad der Purosangue hat mehr Knöpfe als der Controller einer Playstation.
PR/Loris ScalzoFerrari hat sich längst als Luxushersteller etabliert, der sich in Sphären wie Hermès bewegt. Das scheint zu einer gewissen Arroganz zu verleiten. So kostet der Testwagen, der über einige Extras verfügt, fast eine halbe Million Franken. Ein Navigationssystem ist dennoch nicht an Bord. Es gibt nur eine Anbindung ans Smartphone. Und haben die Ingenieure sich bei Fahrwerk und Motor einmal mehr selbst übertroffen, so sind sie beim Bediensystem falsch abgebogen.
Um den Fahrer nicht abzulenken, gibt es keinen zentralen Touchscreen. Doch Ferraris Alternative überzeugt nicht: Die Anzeigen sind im Cockpit gebündelt. Um aber das Radio einzuschalten, muss man im Cockpitdisplay ein Menu über ein winziges Touchpad auf dem Lenkrad bedienen – das ist zu fummelig.
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Insgesamt ist das Lenkrad übersät mit Knöpfen und Reglern. Der Lautstärkeregler zum Beispiel ist auf der linken Hinterseite des Lenkrads angebracht. Den Knopf hat der Tester erst nach rund einer Stunde entdeckt.
Dem Erfolg des Purosangue tut das aber keinen Abbruch: 2025 verkaufte Ferrari allein in der Schweiz 147 Exemplare, damit ist der Purosangue hierzulande der meistverkaufte Ferrari. Die Verkaufszahlen übertreffen sogar jene des BMW X4 – aber das ist ja auch ein SUV.
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