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Clément Trouche

«Man braucht Mut, um durchzuhalten und nicht loszulassen»

Der Direktor des neuen Musée de la Mode et du ­Cos­tume von Fragonard in Arles über das, was bewegt.

Charlotte Fischli

<p>Clément Trouche (*1987) lebt und arbeitet in seiner Heimat Arles. Dieses Jahr eröffnete er als künstlerischer Leiter das lokale Mode- und Kostümmuseum.</p>

Clément Trouche (*1987) lebt und arbeitet in seiner Heimat Arles. Dieses Jahr eröffnete er als künstlerischer Leiter das lokale Mode- und Kostümmuseum.

Andrane de Barry

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Wer oder was hat Ihren Geschmack am meisten beeinflusst?

Clément Trouche: Die Seele der Provence, die in einigen unberührten Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert noch immer erhalten ist, inspiriert mich mehr als alles andere auf der Welt. Sie sind die Traumkulissen für alle Filme, die in meiner Vorstellung leben.

Ein Ort, der Ihnen viel bedeutet?

Ganz klar, das Musée de la Mode et du Costume in Arles. Es ist ein Ort, von dem ich seit über zwanzig Jahren geträumt habe und der dank Agnès, Françoise und Anne Costa, die die Parfümerie Fragonard führen, Wirklichkeit geworden ist. Es ist ein altes Stadthaus, vollständig restauriert und umgestaltet von den Architekten des Pariser Studios Ko.

Wer ist Ihre Stil-Ikone, verstorben oder lebend?

Christian Lacroix, Vivienne Westwood, Dries Van Noten, Alessandro Michele und all die anderen Maximalisten. Mich faszinieren der Reichtum ihres Denkens und ihre Fähigkeit, die Vielzahl der Bilder in ihren Köpfen in ästhetische Tempel zu übersetzen.

Wo finden Sie inneren Frieden?

Mein Zuhause in Arles, im Viertel Roquette, ist mein Zufluchtsort. Alternativ gehe ich in die Salons des Hotels La Mirande in Avignon – allein oder mit den Menschen, die ich liebe – und schwelge im Gefühl, dass uns dort nichts passieren kann.

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Eine Sache, für die Sie immer viel Geld ausgeben würden?

Ein Arlésienne-Band! Die Schleifen wurden traditionell im 19. Jahrhundert in Saint-Étienne, manchmal auch im deutschen Krefeld hergestellt. Die Komplexität ihrer Muster sowie die Raffinesse der Webtechnik, die in der Welt der Textilien und Bänder einzigartig ist, verleihen ihnen einen besonderen Status. Ihre geheimnisvolle Geschichte und ihre Seltenheit machen süchtig – man kann nie genug davon haben.

Was haben Sie auf Reisen immer mit dabei?

Meinen Computer – auch wenn ich mir wünschte, es wäre anders. Ich habe nach Begegnungen mit Menschen oder auch Kunstwerken oft das Bedürfnis, Ideen aufzuschreiben.

Welches war die beste Mahlzeit, die Sie kürzlich gegessen haben?

Das Bankett von Fabien Vallos änlässlich der Eröffnung des Musée de la Mode et du Costume. Inmitten der Arena von Arles servierte er 300 Gästen an zwei langen Tafeln traditionelle französische Gerichte. Alles war absolut köstlich. Ausserdem liebe ich die georgische Küche: Khachapuri, Khinkali, Chakapuli!

Eine aktuelle Obsession von Ihnen?

Die weissen Fayence-Teller aus Moustiers des Ateliers von Reine und Isabelle Bondil. Sie sind ein Garant fürs Gelingen eines jeden Tischgedecks und halten ein traditionsreiches Handwerk lebendig.

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Ein Beautyprodukt, ohne das Sie nicht leben können?

«Bel Oranger», das nach Sommer duftende Eau de Toilette von Fragonard.

Was schauen Sie gerade?

«The Makanai. Cooking for the Maiko House». Die Netflix-Serie zeigt das intime Leben in japanischen Häusern, in denen Geishas ausgebildet werden.

<p>­Traditioneller Fayence-Teller aus Moustiers des Atelies von Reine und ­Isabelle Bondil.</p>
<p>Zur Museumser­öffnung veranstaltete Trouche mit dem Gastronomen Fabien Vallos ein Bankett in der Arena von Arles.</p>
<p>Schatzkammer: Das neu eröffnete Kostümmuseum von Arles wurde vom renommierten Architektenduo Studio Ko gebaut.</p>
<p>«The Knight in the Panther's Skin», ein Hauptwerk der georgischen Literatur aus dem 12. Jahrhundert, ist Trouches aktuelle Lektüre.</p>
<p>Die Gassen von Arles im Süden Frankreichs, wo die Familie von Clément Trouche seit Generationen lebt.</p>
<p>Die Netflix-Show «The Makanai. Cooking for the Maiko House» blickt in die Koch- und Geishakultur Japans.</p>
<p>Favoriten aus der georgischen Küche: Khachapuri (Bild), Khinkali oder Chakapuli.</p>
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Traditioneller Fayence-Teller aus Moustiers des Atelies von Reine und Isabelle Bondil.

Henri Szwarc

Und was lesen Sie?

Das Gedicht «The Knight in the Panther’s Skin», ein Hauptwerk der georgischen Literatur aus dem 12. Jahrhundert. Die Geschichte über mittelalterliche, höfische Liebe und Romantik hilft mir, ein Land besser zu verstehen, dem ich seit einigen Jahren einen Teil meines Herzens gewidmet habe.

Das älteste Stück in Ihrem Kleiderschrank, das Sie immer noch tragen?

Meinen Ring mit einer Korallenkamee aus dem Mittelmeer. Ich trage ihn seit zwanzig Jahren täglich.

Was macht etwas wirklich originell?

Die Ausstrahlung von Inspiration und Handwerkskunst. Für mich muss ein Objekt, ein Kleidungsstück oder ein Accessoire eine Emotion vermitteln sowie die Energie der Person, die es mit Überzeugung erdacht und geschaffen hat.

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Welches Lied hilft bei Traurigkeit?

Ich bin selten traurig – ich möchte weder in diesem Zustand sein noch in ihm bleiben. Trotzdem liebe ich Lieder, die mich zu Tränen rühren. Ich höre sie mir aber nur an, wenn es mir gut geht – um mich genau daran zu erinnern!

Was ist das Mutigste, das Sie je getan haben?

Mut hat viele Definitionen. Ich habe einmal die Katze eines Freundes gerettet, die während eines Hausbrandes unter einem Möbelstück eingeklemmt war. In Paris bin ich im sechsten Stock über eine Dachrinne gelaufen, um durch ein Fenster ins Haus zu kommen, weil jemand seine Schlüssel vergessen hatte. Das Mutigste war aber wohl, meinen Jugendtraum, ein Mode- und Kostümmuseum in Arles zu gründen, nie aufzugeben. Man braucht Mut, um durchzuhalten und nicht loszulassen.

Was verursacht Ihnen Gänsehaut?

Schönheit, das Erhabene, das Unerklärliche. Manchmal ist es eine Landschaft, manchmal die Vibration einer Stimme, manchmal ein seltener, intensiver Blick – oder eine unerwartete Geste, die sich entfaltet und mit ihrer Poesie überrascht. Aber auch ein Gemälde in einer Kirche, das vom Sonnenlicht berührt wird, die Kraft einer Opernarie, die, auf einem einzigen Ton gehalten, die Welt in der Zeit einfrieren kann. Und Heiratsanträge auf Instagram! (Lacht.)

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Was macht wahre Freundschaft aus?

Ah, l’amitié! Ich habe eine intensive Beziehung zu ihr. Mit meinen engsten Freunden spreche ich fast jeden Tag persönlich oder am Telefon. Ich liebe auch viele Menschen, die weit weg wohnen – und jedes Wiedersehen ist ein echtes Fest. Ich schätze es, zu wissen, dass wir füreinander da sind und im Geiste verbunden, auch wenn uns das Leben zeitweise auseinanderreisst.

Das schönste Kompliment, das Sie je erhalten haben?

Vielleicht dieses: «Danke für alles, was Sie mit Ihrer Leidenschaft und Grosszügigkeit tun.» Es ist eine wohltuende Aussage, die mir hilft, zu erkennen, wie viel Glück ich habe, Dinge zu tun, die bei anderen Menschen ankommen, bei ihnen Emotionen hervorrufen – und mich wiederum sehr glücklich machen.

Was sollten wir unseren Kindern beibringen und ihnen weitergeben?

Ich bin bei geschiedenen Eltern aufgewachsen, aber auch mit einer Nanny. Es waren einfache Häuser, aber sie waren erfüllt von Liebe, Respekt, Toleranz, Akzeptanz anderer und Lachen! Ich wünschte mir, dass alle in solchen Verhältnissen aufwachsen. Wenn Respekt ein angeborener Wert wäre und Toleranz kein Problem, dann wären Liebe und Lachen in jedem Gesicht zu sehen.

Was bedeutet es, schön zu leben?

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Schönheit wird geschaffen und erlebt, auch wenn wir nicht die gleiche Definition davon haben. Sie hat die Kraft, die Menschen zusammenzubringen, die dasselbe als schön erachten und schätzen. Wir sollten versuchen, uns mit dem zu umgeben, was wir schön finden – zu Hause, an uns selbst, in uns selbst –, und dies zu teilen. Solange dieser Austausch stattfindet, bleibt die Schönheit der Menschheit bestehen.

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