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Valley View 
Open Data: Die Innovation von Morgen

Christian Simm: Executive Director der Swissnex, San Francisco (Bild: ZVG).

Auf Routenplanern wie Google Maps finden sich zahlreiche öffentliche Daten. Diese machen es uns im Leben sehr oft einfacher. Die Open Data Bewegung ist ein grosse Thema – auch politisch.

Von Christian Simm
18.10.2013

Versetzen wir uns einige Jahre zurück. Für öffentliche Verkehrsmittel konnte der Nutzer die Ankunfts- und Abfahrtszeiten, sowie als auch die Fahrtdauer in kleinster Schrift auf mehrfach ausfaltbaren Reiseplänen ersehen. Diese mussten erst einmal bei einem Informationsschalter besorgt werden – sofern es noch welche gab. Umsteigemöglichkeiten und Gesamtreisezeiten von A nach B mussten selbst kalkuliert werden. Für längere Reisen wendete man sich an Spezialisten.  
Autofahrer mussten meist über den Daumen peilen, was die Reisedauer anging. Wenn man Pech hatte und im Stau sass, konnte man bestenfalls im Radio die nächste Umleitungsgelegenheit hören. Dann war es aber schon zu spät - von vorneherein wusste man noch nichts über den Stau. Das alles ist heute anders. Dank offener Daten.

Routenplaner wie Google Maps oder Waze sind lediglich einige der tausenden allgegenwärtigen Anwendungen, welche wertvollen Nutzen aus Offenen Daten produzieren, und uns damit das Leben auf so unauffällige Art erleichtern. Open Data, wie das Konzept international bekannt ist, wurde mittlerweile zu einer wichtigen Bewegung. Laut der Definition der Open Knowledge Foundation, weltweit eine Autorität in Sachen Open Content und Open Data, geht es dabei um «Daten, die von jedermann frei verwendet, nachgenutzt und verbreitet werden können - maximal eingeschränkt durch Pflichten zur Quellennennung und ‘sharealike’».

Offene Daten sind Inhalte, welche allgemein verfügbar und zugänglich wie auch maschinenlesbar sind. Voraussetzung ist ebenfalls eine universelle Beteiligungsmöglichkeit. Gute Bespiele für Offene Daten sind Geodaten, Wetter-, Umwelt-, Transport- und Finanzdaten, sowie wissenschaftliche Forschungsergebnisse und kulturelle Datenbestände. So können wir heutzutage in Zürich wissen, wie das Wetter morgen in London sein wird, welche Museen nächsten Monat in New York freien Eintritt anbieten, und in welchem Pariser Stadtteil es die meisten Kinderärzte gibt. Nicht dazu gehören persönliche Angaben wie Einkommenssteuer oder Gesundheitsdaten sowie sicherheitsrelevante Daten der öffentlichen Verwaltung.

Obwohl der Begriff Open Data auch Daten von privaten Unternehmen, Universitäten oder gemeinnützigen Organisationen umfasst, bleiben offene Verwaltungsdaten ein Kernpunkt der Bewegung. Die erwähnten Bespiele beweisen, wie zahlreich und reichhaltig öffentliche Daten sind. Als rechtmässig öffentliche Informationen sind diese Daten im Grunde genommen leicht zugänglich zu machen. Oft geht es bei der politischen Entscheidung darüber um die Frage der richtigen Umsetzung. Die Anwendungsmöglichkeiten, sobald diese Daten öffentlich zugänglich und frei verfügbar sind, sind eigentlich endlos.

In genau dieser Anwendungsmöglichkeit und Wiederverwendbarkeit liegt der qualitative Unterschied zwischen Offenen Daten und (lediglich) öffentlichen Daten. Im Dokumentformat sind Daten nutzlos, weil sie nicht weitergenutzt werden können, also nicht analysiert oder verglichen werden können, kein Massstab gesetzt werden kann, keine Muster erkennbar sind.

Denn eigentlich ist das Grundkonzept der Datenöffnung ja schon älter. Wissenschaftliche Ergebnisse öffentlicher Forschungsprojekte werden weltweit bereits seit den fünfziger Jahren durch das Weltdatensystem des internationalen Wissenschaftsrates verbreitet; seit 1955 auch in maschinenlesbarer Form. Allerdings ermöglichten erst das Internet und später die Verarbeitungs- und Visualisierungsmethoden von Big Data die sinnvolle Weiternutzung offener öffentlicher Daten. Offene Daten erzeugen somit Transparenz : Open Data als demokratisches Werkzeug? Viele stimmen zu.

Die Open Data Bewegung ist deshalb weltweit ein grosses Thema. In den USA hat das Weisse Haus bereits im Mai 2009 das allererste nationale Datenportal als Onlineplattform lanciert. Seither bieten viele Regierungen und Städte in ähnlichen Onlineportalen zentralen Zugang zu Verwaltungsdaten und erschaffen sich auf diese Weise einen besonderen Vorsprung. Hier in San Francisco gibt es zum Beispiel das ebenfalls 2009 gegründete Datenportal der Stadt, welches mehr als 700 Datenbestände aus fast 30 Kategorien zählt. Nutzer haben Zugriff auf Datensätze, Diagramme oder Karten.

Das Schlagwort ist Civic Engagement: bürgerschaftliches Engagement. Dafür wurde auch InnovateSF, eine Onlineinitiative zur Bürgerbeteiligung dank Offener Daten, gegründet. Mittlerweile hat San Francisco einen Chief Innovation Officer und einen Chief Data Officer. In Städten wie Chicago, New York oder Berlin entwickelt sich eine Infrastruktur, die Demokratie fördert, indem Bürger am Denkprozess der öffentlichen Verwaltung teilnehmen und Lösungen vorschlagen können. Swissnex San Francisco hat mit dem Urban Data Challenge zu diesem Trend beigetragen. Die erste Durchführung des Challenge mit San Francisco, Zürich und Genf als Teilnehmer was so erfolgreich, dass das Projekt 2014 in einem erweiterten Rahmen wiederholt wird.

Es ist klar, dass Offene Daten durch bürgerschaftliches Engagement Verwaltungen ergänzen oder gar verbessern können. Demokratie und Engagement sind aber nur ein Teil der Geschichte. Seit diesem Jahr kann man sich in San Francisco auch für das Entrepreneurship in Residence Programm bewerben. Entrepreneur in Residence - also ein eingebetteter Unternehmer - ist in vielen Venture Capital Firmen und Privatunternehmen heutzutage eine gängige Methode zur Innovationsförderung. In städtischen Verwaltungen ist dies neu, macht aber viel Sinn.

Denn der Vorteil von Open Data und der daraus entstehenden Transparenz sind sowohl ein politisches als auch ein wirtschaftliches Argument, und somit sehr attraktiv. Transparenz und freies Nutzen von Information führt zu mehr Engagement, Innovation und Effizienz. Dies ist auch das Anliegen von Opendata.ch, der Schweizer Sektion der Open Knowledge Foundation. Open Data Initiativen städtischer Verwaltungen bilden somit eine gute Grundlage zu Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft, oder PPPs (Public Private Partnerships). Und
Privatunternehmen können in Open Data Projekten wertvolle Partner sein. Yelp, die Social-Networking-Plattform zur Onlinebewertung lokaler Geschäfte, integriert in diesem Sinn seit Januar die offiziellen Inspektionsergebnisse von Restaurants in San Francisco, New York und Philadelphia, dies in Zusammenarbeit mit den Städten.

Laut des Marktforschungsunternehmens Gartner schaffen Offene Daten im öffentlichen und im privatwirtschaftlichen Bereich Wert: eine EU-Pressemitteilung sprach bereits 2011 von der «40 Milliarden Goldmine» durch die Nutzung öffentlicher Daten.  Rufus Pollock, Gründer der Open Knowledge Foundation, behauptet, wir stünden heute erst am Anfang einer Informations- und Innovationsrevolution. Durch Interoperabilität und mehr Transparenz erlangen Bürger und Verwaltung mehr Effizienz und Innovation im Alltag. Zürich hat als erste Schweizer Stadt im Juni 2012 ihre Daten geöffnet. Seither ist viel passiert: die Plattform bietet bereits einige interessante Visualisierungen und Anwendungen an. Besonders spannend werden die kommenden sechs Monate sein, wenn der Bund das im September eröffnete Open Government Data Pilotportal testet. Die Möglichkeiten scheinen endlos zu sein.

Christian Simm ist Executive Director der swissnex San Francisco. Für BILANZ Online berichtet er regelmässig über die neuesten Trends aus dem Silicon Valley. Mitarbeit: Emina Reissinger.

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