Abo

New Generation: Es stinkt von Bern her

Der „Bomben-Oberst“ oder „Rekrut unter Feuer“ – das Sommerloch fördert sie wieder zutage, die Schlagzeilen aus dem VBS. Muss Helvetia an ihrem Geburtstag um den Wert ihrer Armee fürchten?

Werbung

Noch in den 90er Jahren sah sich Helvetia von einem Heer einsatzbereiter Soldaten beschützt. Doch von Armeereform zu Armeereform nahm die personelle und materielle Schlagkraft ab, und eine verminderte gesellschaftliche Wertschätzung sowie stetige öffentliche Schelte trugen das Ihre zum heutigen morbiden Bild der Schweizer Armee bei.

Die Rekrutenschulen widerspiegeln es. Unter den Wehrpflichtigen befindet sich nur noch ein kleiner Anteil von Studenten, dafür umso mehr Personen mit umfangreichem Vorstrafenregister sowie Sozial- und Versicherungsfälle. Es scheint, wer immer intelligent genug sei, der drücke sich. In der Ausbildung untersagt das neue Risikomanagement unnötigen militärischen Drill und fördert die Suche nach Dispensen jeglicher Art. So ist Physiotherapie für Rekruten zur Überraschung der älteren Generation keine Ausnahme mehr.

Aber – auch wenn sich der militärische Alltag in seinem Bild gewandelt haben mag, verfügt die Armee erstaunlicherweise nach wie vor über eine Miliz, die den Willen nicht verloren hat. Denn Kader und Soldaten wollen Führung, sie wollen Härte, und sie wollen eine fordernde Ausbildung. Die Verweichlichung findet vorerst nur auf dem Papier statt.

Wer die Ursache nun beim Berufsmilitär erwartet, wird in ähnlicher Weise überrascht. Denn wer um Mitternacht draussen bei der Truppe zur Überprüfung schreitet, sieht junge Berufsmilitärs - Hauptmänner und Adjutanten –, die auch dann noch bei der Arbeit sind, wenn selbst arbeitswütige Privatwirtschaftler die Lichter löschen. Diese jungen Berufskader beweisen in ihrer Ausbildungstätigkeit Einsatz und Arbeitsstruktur, mit welchen sie einer Vielzahl von Privaten den Rang ablaufen.

Partner-Inhalte

Die beste Armee der Welt – der Mythos lebt? Ein Rückblick auf die praktische Erfahrung zeigt: Die beste Armee haben wir nicht (mehr). Denn auch wenn die Neuausrichtung auf die veränderten Sicherheitsbedürfnisse stimmt, bewähren sich die Armee XXI und ihre Entwicklungsschritte aufgrund von Budgetbeschränkungen, gelockerter Wehrpflicht und verkürzten Führungsausbildungen nicht. Schlagkräftiger Nachwuchs bleibt meist aus, und der Fisch beginnt vom Kopf respektive von Bern her zu stinken. Nebst dem militärischen Verwaltungsapparat aus ausmusterungsbedürftigen Obersten und Generälen sei damit insbesondere die politische Führung gemeint, welche im Wohlstandswahn mit Desinteresse und sicherheitspolitischer Unwissenheit glänzt.

Also ist die Armee doch wertlos? Falsch. Aber wer in Friedenszeiten die Daseinsberechtigung einer Armee sucht, muss den Wert der Option auf Unabhängigkeit um einige Kriterien fernab der militärischen Schlagkraft erweitern. Soziale Integration, Kameradschaft, Persönlichkeitsentwicklung und Durchhaltevermögen sind jene Werte, welche die Schweizer Armee nebst einer ungebrochen starken Führungsausbildung jedem Wehrpflichtigen bietet. Werte, aus welchen nicht nur jeder Einzelne, sondern nach wie vor auch die Schweizer Wirtschaft Kapital schlagen kann.

Werbung

Werbung