Konjunktur: Schweiz im Hoch

Trotz Eurokrise und neuen Rezessionsängsten wächst die Schweizer Wirtschaft nachhaltig.

VonHarald Fritschi
04.06.2010

Selten noch ist Papier so schnell zu Makulatur geworden wie in diesen Tagen und Wochen. Im März war die Welt noch in Ordnung, die tiefe Krise der letzten zwei Jahre schien überwunden. Forsch betitelte die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH ihre Frühlingsprognose: «Zügige Konjunkturerholung – Wende am Arbeitsmarkt.» Nun ist der Optimismus unter den Wirtschaftsauguren weitgehend verflogen. Neue Rezessionsängste gehen um. «Die Verunsicherung über die künftige Entwicklung ist derzeit gross», sagt ZKB-Ökonom David Marmet. Der neuste Marktkommentar der Genfer Bank Pictet lautet gar: «Tanz auf dem Vulkan.»

Noch ist der Vulkan nicht ausgebrochen. Doch die Eurokrise hat viele Hoffnungen zunichtegemacht. Stimmen werden laut, dass die Wirtschaft in eine Double-Dip-Rezession laufen könnte. Man redet von einem sogenannten W-Verlauf, bei dem nach einer kurzen Erholung eine weitere Rezession folgt. «An den Märkten», sagt Jan A. Poser, Chef­ökonom der Bank Sarasin, «gehen tatsächlich Double-Dip-Ängste um.» Diesem Befund stimmt auch Daniel Kalt zu, ­Leiter volkswirtschaftliche Analyse UBS Wealth Management Research: «Das Risiko eines Double Dip ist klar gestiegen.» Kehre die Stimmung erst in der Realwirtschaft, dann werde es gefährlich. In der Folge würden die Unternehmen keine neuen Jobs schaffen und ihre Investitionen zurückstellen – das Szenario für einen Abschwung mit schwindendem Konsum und steigender Sparquote.

Einen Vorgeschmack auf mögliche Abgründe haben die Börsen Anfang Mai gegeben. Die jüngsten Turbulenzen rund um den Euro haben indes nicht nur die Kurse tanzen lassen. Weltweit stieg auch die Risikoaversion, Prämien und Spreads gingen in die Höhe, die Investoren flüchteten in Sachwerte wie Gold und sichere Häfen wie den Schweizer Franken.

Die Gründe liegen auf der Hand. Die Finanzbranche leidet noch immer unter den Altlasten der US-Immobilienkrise, die sich 2007 zur globalen Finanzkrise und 2008 zur Weltwirtschaftskrise ausgeweitet hat. Nach neusten Angaben des IWF haben die Banken ihre Verlustpositionen erst um 500 Milliarden Dollar auf 2,3 Billionen abgebaut. Noch immer geben sich die Banken zurückhaltend, wenn es um Firmenkredite geht. Die weitere Normalisierung der Kreditmärkte in Europa und Übersee ist eine der Voraussetzungen für einen nachhaltigen Aufschwung.

Gift für die konjunkturelle Wende ist auch die Schuldenkrise. Die Überschuldung der OECD-Mitglieder hat gigantische Ausmasse angenommen. In der Eurozone hält sich praktisch kein Land mehr an die Maastricht-Kriterien, die einen Schuldenstand von maximal 60 Prozent des BIP erlauben. Selbst Deutschland, einst Zuchtmeister der Maastricht-Sünder, ist in die Schuldenspirale geraten. Die 60-Prozent-Marke ist überschritten, ebenso wie die Drei-Prozent-Hürde beim Haushaltsdefizit. 2011 wird es schätzungsweise fünf Prozent des BIP betragen. Jetzt heisst es sparen. Der Abbau der Staats­defizite wird in den betroffenen Wirtschaften tiefe Spuren hinterlassen. Gemäss ­Berechnungen der Credit Suisse gar enorm tiefe Spuren. «Würde die Eurozone von heute auf morgen ein Nulldefizit beschliessen, um die Schulden zurückzufahren», sagt CS-Chefökonom Martin Neff, «würde im Folgejahr das Wachstum um mindestens drei Prozent schwächer ausfallen.» Wachsen und gleichzeitig sparen gehe schlichtweg nicht auf, so Neff. Das würden auch die angelsächsischen Länder früher oder später einsehen müssen, doch gegenwärtig dominiere in Eu­ropa das ­Tagesgeschäft. Von den USA und Gross­britannien spreche derzeit niemand, doch die Finanzmärkte könnten durchaus auch sie ins Visier nehmen und Massnahmen zum Schuldenabbau fordern. Das seien dann ganz andere Kaliber, da könnte noch Happiges auf die globale Wirtschaft zukommen. Unter diesen Auspizien ist ein schnelles Ende der Schuldenkrise kaum zu erwarten.

So ist denn der 750-Milliarden-Rettungsschirm, den die EU für drei Jahre aufgespannt hat, nur ein Aufschub. Niemand glaubt im Ernst, dass Griechenland, Spanien, Portugal oder Italien ihre Staatsfinanzen nachhaltig sanieren werden oder überhaupt sanieren können. Zu gravierend wären die wirtschaftlichen Folgen. Südeuropa wird um eine Umschuldung nicht herumkommen – mit gewaltigen Abschreibern auf den not­leidenden Staatspapieren. Folge: Auf die Banken kommen weitere Abschreiber in Milliardenhöhe zu. Nach Angaben der OECD halten die französischen Banken 335 Milliarden Euro an griechischen, spanischen und portugiesischen Staatspapieren. Die Deutschen kommen auf 330 Milliarden und die US-Banken auf rund 80 Milliarden. Angesichts dieser Datenlage ist die Nervosität der Märkte verständlich.

Handelsboom. Freilich, so düster wie die Akteure auf dem Börsenparkett die Zukunft malen, sieht es nicht aus. Im Gegenteil. Die Weltwirtschaft und besonders der Welthandel haben in den letzten Quartalen ein fulminantes Tempo vorgelegt. «Das weltweite Produktionswachstum wird in diesem Jahr sowie 2011 voraussichtlich bei 4,75 Prozent und damit über der Wachstumsrate liegen, die in den zehn Jahren vor der Krise erreicht wurde», schreibt die OECD in ihrem Konjunkturbericht vom 26.  Mai. Einer der Wachstumstreiber sind die USA, deren Wirtschaft in diesem und im kommenden Jahr um drei Prozent expandieren dürfte. Aber auch die OECD-Länder legen im Durchschnitt um 2,75 bis 3 Prozent zu.

Die Konjunktur-Turbos aber finden sich im Fernen Osten und in Lateinamerika, zum Teil gar in Afrika (siehe Tabelle «Exportverschiebung in die Wachstumsmärkte» im Anhang). So expandiert beispielsweise Chinas Output um rund zehn Prozent, Indien legt gegen neun und Brasilien um acht Prozent zu. Das Wachstum verschiebt sich von den Industrie- zu den Schwellenländern, weil die Staatsschulden in den jungen Volkswirtschaften moderat und die Bankbilanzen im Gleichgewicht sind. Eine steigende Nachfrage nach moderner Infrastruktur und Konsumgütern sowie flexible Arbeitsmärkte kurbeln die Wirtschaft zusätzlich an. Überdies profitieren Länder wie Russland und Brasilien von der wieder erstarkten Nachfrage nach Rohstoffen.

Der Schub für die Konjunktur kommt nicht nur aus den Schwellenmärkten. Alle Indikatoren zeigen nach oben. Der OECD-Frühindikator stieg im März weiter an, wenn auch in einem langsameren Tempo als in den Vormonaten. Wachstum signalisiert auch das Ifo-Weltwirtschaftsklima. «Die Ergebnisse», so heisst es in der Mitteilung vom 19.  Mai, «deuten darauf hin, dass die Weltkonjunktur Tritt gefasst hat.» Der Indikator hat sich vorab für Asien und die USA merklich verbessert, während er für Westeuropa praktisch unverändert blieb.

Der Konjunkturhimmel über der Schweiz hat sich ebenfalls markant aufgehellt. Die Prognosen für die Jahre 2010/11 mussten permanent nach oben revidiert werden; nun gehen die Auguren von einem Aufschwung aus, der schon wieder in den Bereich des Potenzialwachstums von rund zwei Prozent vorstossen dürfte. Lediglich die Credit-Suisse-Volkswirte haben sich von den jüngsten Revisionsrunden nicht übermannen lassen. «Wir haben als Einzige unser Bild nicht schon wieder auf den Kopf gestellt», sagt CS-Chefökonom Martin Neff. Lieber liege er einmal daneben, als jedes Quartal mit neuen Prognosen aufzuwarten. Für dieses Jahr sagt er nach wie vor ein Wachstum von 0,9 Prozent voraus. «Mein vermeintlicher Pessimismus», sagt Neff, «könnte sich am Ende noch als Realismus herausstellen.» Und wenn nicht, sei die Überraschung umso erfreulicher. Eines stehe hingegen mit Sicherheit fest: Die Schweiz ist ein ­relativer Gewinner der Krise und kann sich auf die Innovationskraft der ­Exportwirtschaft verlassen.

Tiefpunkt überwunden. Für Pessimismus gibt es hierzulande in der Tat wenig Grund. Der Konjunkturindikator der KOF nähert sich früheren Höchstständen an (siehe Grafik «Mit Schwung obenaus» im Anhang). Er bildet die Wirtschafts­entwicklung mit einem Vorlauf von sechs Monaten ab. Aktuelle Umfragen bestätigen diesen Trend. Die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM), wie ­keine andere Branche von der vergangenen Krise gebeutelt, hat «den Tiefpunkt des letzten Jahres überwunden». «Die MEM-Industrie», schrieb der Branchenverband in der jüngsten Pressemitteilung, «erholt sich von der härtesten Krise der letzten 50 Jahre.» Sehr schnell hat sich auch die Uhrenbranche wieder erholt. Im 1. Quartal haben sich die Exporte, vorab in die USA und den Fernen Osten, wieder dem vormaligen Boom­niveau angenähert.

Erstaunt waren die Prognostiker insbesondere von der Entwicklung der Arbeitslosigkeit. «Für 2010 sehen wir eine fünf vor dem Komma», hiess es noch vor kurzem unisono. Eine Entspannung sei erst 2011 zu erwarten. Die Wirklichkeit hat einmal mehr alle Voraussagen überholt. Zum einen stieg die Arbeitslosigkeit auch auf dem Höhepunkt der Krise nicht steil an. Zum anderen war der Höhepunkt im Januar mit einer Rate von 4,5 Prozent erreicht, der Wert liegt jetzt schon wieder bei 4 Prozent (siehe Grafik «Arbeitslosigkeit nimmt ab» im Anhang).

Tiefe Arbeitslosenzahlen, ein solider Immobilien- und Kreditmarkt, eine stabile Binnenwirtschaft und innovative Unternehmen waren die Ingredienzien, dank denen die Schweiz die Krise mit Bravour gemeistert hat. Mit einem Minus von 1,5 Prozent ist die Schweiz im vergangenen Jahr glimpflich davongekommen.

Nun geht es definitiv aufwärts. Für die Schweiz ist ein erneuter Abschwung kein Thema. Angetrieben wird die Erholung von den Exporten, die sich in diesem Jahr um fast fünf Prozent und 2011 gegen vier Prozent ausweiten dürften.

Die Gründe für den Wachstumsschub: «Die Schweizer Exportwirtschaft ist regional wie auch nach Branchen viel besser diversifiziert als früher», sagt Neff. Die Abhängigkeit von der Eurozone sei nicht mehr so gravierend. So gingen 1990 23,3 Prozent der Exporte nach Deutschland. Im letzten Jahr waren es noch 19,5 Prozent. Nach China dagegen gingen früher 3 Prozent der Ausfuhren, derzeit sind es schon 5,1 Prozent. Schon über 40 Prozent der Schweizer Ausfuhren gehen in Märkte, die nicht in Euros abrechnen. Und dieser Trend geht weiter. Neue ­Zahlen untermauern den Befund. 2008 stiegen die Ausfuhren nach Deutschland lediglich um 1,5 Prozent, nach China um 12,8 Prozent und nach Brasilien um 29 Prozent.

Bilaterale als Turbo. Eine bedeutende Wachstumsstütze wird auch künftig die Einwanderung sein. Die Freizügigkeitsregelung der Bilateralen Verträge hat sich als eigentlicher Turbolader für die helvetische Wirtschaft entpuppt. Dank der Zuwanderung ist die Schweizer Bevölkerung vorab in der Boomphase bis 2008 zügig gewachsen. Aber selbst im Krisenjahr 2009 betrug der Wanderungssaldo 68  000 Personen – eine Wohltat für die Binnenwirtschaft. In diesem Jahr dürfte der Saldo auf mindestens 80  000 steigen.

Zuwanderer kurbeln den Konsum von Gütern und Dienstleistungen an. Nicht zuletzt weil die Binnenkonjunktur schöne Zuwächse vorlegte, ist die Schweiz glatt durch die schwere Krise gekommen. «Auch der robuste Konsum spricht für ­einen nachhaltigen Aufschwung», sagt ZKB-Ökonom Marmet. Der private Konsum dürfte gemäss KOF-Prognosen heuer, aber auch 2011, um rund zwei Prozent zulegen. Weniger rosig sieht es beim Staatskonsum aus. Der Bundesrat hat neue Sparprogramme in Aussicht gestellt, die das Parlament wohl durchwinken wird.

Dabei steht in Bund und Kantonen vergleichsweise geringer Sparzwang an. Die Schweiz ist eines der wenigen Länder in Europa, die einen soliden Staatshaushalt vorweisen können. Die Schuldenquote gemäss Maastricht-Kriterien lag 2009 bei 39 Prozent, sie wird in diesem Jahr auf maximal 40 Prozent steigen und später wieder auf 37,5 Prozent zurückgehen. Das Haushaltsdefizit – im letzten Jahr war es noch ein Überschuss – ist heuer auf 1,2 Prozent des BIP budgetiert, schon 2012 wird das Defizit wieder verschwinden. Zum Vergleich: Frankreichs Defizitquote beträgt 8,5 Prozent des BIP, die USA kommen auf 10,7 Prozent. Mit der tiefen Schulden- und Defizitquote hat sich die Schweiz ihre volle Handlungsfähigkeit erhalten – auch für allfällige weitere Krisen.

Trotz solidem Wachstum bleiben jedoch die Risiken. Der schwache Euro droht die Exporte abzuwürgen, die riesigen Schuldenberge in Europa bergen die Gefahr einer neuen Bankenkrise und beeinträchtigen das Wachstum. Die zunehmende Verunsicherung der Märkte zwingt die Zentralbanken, an der Politik des billigen Geldes festzuhalten. Damit baut sich ein gefährliches Inflationspotenzial auf. In der Schweiz ist gemäss Nationalbank die Schmerzgrenze von zwei Prozent in knapp zwei Jahren erreicht. «Eigentlich müsste die Nationalbank jetzt Gegensteuer geben», sagt ZKB-Ökonom Marmet. Doch wegen der aus der Eurokrise lauernden Deflationsgefahren seien ihr die Hände gebunden. So gesehen ist auch die Schweiz in der Geiselhaft der Eurokrise.

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Selten noch ist Papier so schnell zu Makulatur geworden wie in diesen Tagen und Wochen. Im März war die Welt noch in Ordnung, die tiefe Krise der letzten zwei Jahre schien überwunden. Forsch betitelte die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH ihre Frühlingsprognose: «Zügige Konjunkturerholung – Wende am Arbeitsmarkt.» Nun ist der Optimismus unter den Wirtschaftsauguren weitgehend verflogen. Neue Rezessionsängste gehen um. «Die Verunsicherung über die künftige Entwicklung ist derzeit gross», sagt ZKB-Ökonom David Marmet. Der neuste Marktkommentar der Genfer Bank Pictet lautet gar: «Tanz auf dem Vulkan.»

Noch ist der Vulkan nicht ausgebrochen. Doch die Eurokrise hat viele Hoffnungen zunichtegemacht. Stimmen werden laut, dass die Wirtschaft in eine Double-Dip-Rezession laufen könnte. Man redet von einem sogenannten W-Verlauf, bei dem nach einer kurzen Erholung eine weitere Rezession folgt. «An den Märkten», sagt Jan A. Poser, Chef­ökonom der Bank Sarasin, «gehen tatsächlich Double-Dip-Ängste um.» Diesem Befund stimmt auch Daniel Kalt zu, ­Leiter volkswirtschaftliche Analyse UBS Wealth Management Research: «Das Risiko eines Double Dip ist klar gestiegen.» Kehre die Stimmung erst in der Realwirtschaft, dann werde es gefährlich. In der Folge würden die Unternehmen keine neuen Jobs schaffen und ihre Investitionen zurückstellen – das Szenario für einen Abschwung mit schwindendem Konsum und steigender Sparquote.

Einen Vorgeschmack auf mögliche Abgründe haben die Börsen Anfang Mai gegeben. Die jüngsten Turbulenzen rund um den Euro haben indes nicht nur die Kurse tanzen lassen. Weltweit stieg auch die Risikoaversion, Prämien und Spreads gingen in die Höhe, die Investoren flüchteten in Sachwerte wie Gold und sichere Häfen wie den Schweizer Franken.

Die Gründe liegen auf der Hand. Die Finanzbranche leidet noch immer unter den Altlasten der US-Immobilienkrise, die sich 2007 zur globalen Finanzkrise und 2008 zur Weltwirtschaftskrise ausgeweitet hat. Nach neusten Angaben des IWF haben die Banken ihre Verlustpositionen erst um 500 Milliarden Dollar auf 2,3 Billionen abgebaut. Noch immer geben sich die Banken zurückhaltend, wenn es um Firmenkredite geht. Die weitere Normalisierung der Kreditmärkte in Europa und Übersee ist eine der Voraussetzungen für einen nachhaltigen Aufschwung.

Gift für die konjunkturelle Wende ist auch die Schuldenkrise. Die Überschuldung der OECD-Mitglieder hat gigantische Ausmasse angenommen. In der Eurozone hält sich praktisch kein Land mehr an die Maastricht-Kriterien, die einen Schuldenstand von maximal 60 Prozent des BIP erlauben. Selbst Deutschland, einst Zuchtmeister der Maastricht-Sünder, ist in die Schuldenspirale geraten. Die 60-Prozent-Marke ist überschritten, ebenso wie die Drei-Prozent-Hürde beim Haushaltsdefizit. 2011 wird es schätzungsweise fünf Prozent des BIP betragen. Jetzt heisst es sparen. Der Abbau der Staats­defizite wird in den betroffenen Wirtschaften tiefe Spuren hinterlassen. Gemäss ­Berechnungen der Credit Suisse gar enorm tiefe Spuren. «Würde die Eurozone von heute auf morgen ein Nulldefizit beschliessen, um die Schulden zurückzufahren», sagt CS-Chefökonom Martin Neff, «würde im Folgejahr das Wachstum um mindestens drei Prozent schwächer ausfallen.» Wachsen und gleichzeitig sparen gehe schlichtweg nicht auf, so Neff. Das würden auch die angelsächsischen Länder früher oder später einsehen müssen, doch gegenwärtig dominiere in Eu­ropa das ­Tagesgeschäft. Von den USA und Gross­britannien spreche derzeit niemand, doch die Finanzmärkte könnten durchaus auch sie ins Visier nehmen und Massnahmen zum Schuldenabbau fordern. Das seien dann ganz andere Kaliber, da könnte noch Happiges auf die globale Wirtschaft zukommen. Unter diesen Auspizien ist ein schnelles Ende der Schuldenkrise kaum zu erwarten.

So ist denn der 750-Milliarden-Rettungsschirm, den die EU für drei Jahre aufgespannt hat, nur ein Aufschub. Niemand glaubt im Ernst, dass Griechenland, Spanien, Portugal oder Italien ihre Staatsfinanzen nachhaltig sanieren werden oder überhaupt sanieren können. Zu gravierend wären die wirtschaftlichen Folgen. Südeuropa wird um eine Umschuldung nicht herumkommen – mit gewaltigen Abschreibern auf den not­leidenden Staatspapieren. Folge: Auf die Banken kommen weitere Abschreiber in Milliardenhöhe zu. Nach Angaben der OECD halten die französischen Banken 335 Milliarden Euro an griechischen, spanischen und portugiesischen Staatspapieren. Die Deutschen kommen auf 330 Milliarden und die US-Banken auf rund 80 Milliarden. Angesichts dieser Datenlage ist die Nervosität der Märkte verständlich.

Handelsboom. Freilich, so düster wie die Akteure auf dem Börsenparkett die Zukunft malen, sieht es nicht aus. Im Gegenteil. Die Weltwirtschaft und besonders der Welthandel haben in den letzten Quartalen ein fulminantes Tempo vorgelegt. «Das weltweite Produktionswachstum wird in diesem Jahr sowie 2011 voraussichtlich bei 4,75 Prozent und damit über der Wachstumsrate liegen, die in den zehn Jahren vor der Krise erreicht wurde», schreibt die OECD in ihrem Konjunkturbericht vom 26.  Mai. Einer der Wachstumstreiber sind die USA, deren Wirtschaft in diesem und im kommenden Jahr um drei Prozent expandieren dürfte. Aber auch die OECD-Länder legen im Durchschnitt um 2,75 bis 3 Prozent zu.

Die Konjunktur-Turbos aber finden sich im Fernen Osten und in Lateinamerika, zum Teil gar in Afrika (siehe Tabelle «Exportverschiebung in die Wachstumsmärkte» im Anhang). So expandiert beispielsweise Chinas Output um rund zehn Prozent, Indien legt gegen neun und Brasilien um acht Prozent zu. Das Wachstum verschiebt sich von den Industrie- zu den Schwellenländern, weil die Staatsschulden in den jungen Volkswirtschaften moderat und die Bankbilanzen im Gleichgewicht sind. Eine steigende Nachfrage nach moderner Infrastruktur und Konsumgütern sowie flexible Arbeitsmärkte kurbeln die Wirtschaft zusätzlich an. Überdies profitieren Länder wie Russland und Brasilien von der wieder erstarkten Nachfrage nach Rohstoffen.

Der Schub für die Konjunktur kommt nicht nur aus den Schwellenmärkten. Alle Indikatoren zeigen nach oben. Der OECD-Frühindikator stieg im März weiter an, wenn auch in einem langsameren Tempo als in den Vormonaten. Wachstum signalisiert auch das Ifo-Weltwirtschaftsklima. «Die Ergebnisse», so heisst es in der Mitteilung vom 19.  Mai, «deuten darauf hin, dass die Weltkonjunktur Tritt gefasst hat.» Der Indikator hat sich vorab für Asien und die USA merklich verbessert, während er für Westeuropa praktisch unverändert blieb.

Der Konjunkturhimmel über der Schweiz hat sich ebenfalls markant aufgehellt. Die Prognosen für die Jahre 2010/11 mussten permanent nach oben revidiert werden; nun gehen die Auguren von einem Aufschwung aus, der schon wieder in den Bereich des Potenzialwachstums von rund zwei Prozent vorstossen dürfte. Lediglich die Credit-Suisse-Volkswirte haben sich von den jüngsten Revisionsrunden nicht übermannen lassen. «Wir haben als Einzige unser Bild nicht schon wieder auf den Kopf gestellt», sagt CS-Chefökonom Martin Neff. Lieber liege er einmal daneben, als jedes Quartal mit neuen Prognosen aufzuwarten. Für dieses Jahr sagt er nach wie vor ein Wachstum von 0,9 Prozent voraus. «Mein vermeintlicher Pessimismus», sagt Neff, «könnte sich am Ende noch als Realismus herausstellen.» Und wenn nicht, sei die Überraschung umso erfreulicher. Eines stehe hingegen mit Sicherheit fest: Die Schweiz ist ein ­relativer Gewinner der Krise und kann sich auf die Innovationskraft der ­Exportwirtschaft verlassen.

Tiefpunkt überwunden. Für Pessimismus gibt es hierzulande in der Tat wenig Grund. Der Konjunkturindikator der KOF nähert sich früheren Höchstständen an (siehe Grafik «Mit Schwung obenaus» im Anhang). Er bildet die Wirtschafts­entwicklung mit einem Vorlauf von sechs Monaten ab. Aktuelle Umfragen bestätigen diesen Trend. Die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM), wie ­keine andere Branche von der vergangenen Krise gebeutelt, hat «den Tiefpunkt des letzten Jahres überwunden». «Die MEM-Industrie», schrieb der Branchenverband in der jüngsten Pressemitteilung, «erholt sich von der härtesten Krise der letzten 50 Jahre.» Sehr schnell hat sich auch die Uhrenbranche wieder erholt. Im 1. Quartal haben sich die Exporte, vorab in die USA und den Fernen Osten, wieder dem vormaligen Boom­niveau angenähert.

Erstaunt waren die Prognostiker insbesondere von der Entwicklung der Arbeitslosigkeit. «Für 2010 sehen wir eine fünf vor dem Komma», hiess es noch vor kurzem unisono. Eine Entspannung sei erst 2011 zu erwarten. Die Wirklichkeit hat einmal mehr alle Voraussagen überholt. Zum einen stieg die Arbeitslosigkeit auch auf dem Höhepunkt der Krise nicht steil an. Zum anderen war der Höhepunkt im Januar mit einer Rate von 4,5 Prozent erreicht, der Wert liegt jetzt schon wieder bei 4 Prozent (siehe Grafik «Arbeitslosigkeit nimmt ab» im Anhang).

Tiefe Arbeitslosenzahlen, ein solider Immobilien- und Kreditmarkt, eine stabile Binnenwirtschaft und innovative Unternehmen waren die Ingredienzien, dank denen die Schweiz die Krise mit Bravour gemeistert hat. Mit einem Minus von 1,5 Prozent ist die Schweiz im vergangenen Jahr glimpflich davongekommen.

Nun geht es definitiv aufwärts. Für die Schweiz ist ein erneuter Abschwung kein Thema. Angetrieben wird die Erholung von den Exporten, die sich in diesem Jahr um fast fünf Prozent und 2011 gegen vier Prozent ausweiten dürften.

Die Gründe für den Wachstumsschub: «Die Schweizer Exportwirtschaft ist regional wie auch nach Branchen viel besser diversifiziert als früher», sagt Neff. Die Abhängigkeit von der Eurozone sei nicht mehr so gravierend. So gingen 1990 23,3 Prozent der Exporte nach Deutschland. Im letzten Jahr waren es noch 19,5 Prozent. Nach China dagegen gingen früher 3 Prozent der Ausfuhren, derzeit sind es schon 5,1 Prozent. Schon über 40 Prozent der Schweizer Ausfuhren gehen in Märkte, die nicht in Euros abrechnen. Und dieser Trend geht weiter. Neue ­Zahlen untermauern den Befund. 2008 stiegen die Ausfuhren nach Deutschland lediglich um 1,5 Prozent, nach China um 12,8 Prozent und nach Brasilien um 29 Prozent.

Bilaterale als Turbo. Eine bedeutende Wachstumsstütze wird auch künftig die Einwanderung sein. Die Freizügigkeitsregelung der Bilateralen Verträge hat sich als eigentlicher Turbolader für die helvetische Wirtschaft entpuppt. Dank der Zuwanderung ist die Schweizer Bevölkerung vorab in der Boomphase bis 2008 zügig gewachsen. Aber selbst im Krisenjahr 2009 betrug der Wanderungssaldo 68  000 Personen – eine Wohltat für die Binnenwirtschaft. In diesem Jahr dürfte der Saldo auf mindestens 80  000 steigen.

Zuwanderer kurbeln den Konsum von Gütern und Dienstleistungen an. Nicht zuletzt weil die Binnenkonjunktur schöne Zuwächse vorlegte, ist die Schweiz glatt durch die schwere Krise gekommen. «Auch der robuste Konsum spricht für ­einen nachhaltigen Aufschwung», sagt ZKB-Ökonom Marmet. Der private Konsum dürfte gemäss KOF-Prognosen heuer, aber auch 2011, um rund zwei Prozent zulegen. Weniger rosig sieht es beim Staatskonsum aus. Der Bundesrat hat neue Sparprogramme in Aussicht gestellt, die das Parlament wohl durchwinken wird.

Dabei steht in Bund und Kantonen vergleichsweise geringer Sparzwang an. Die Schweiz ist eines der wenigen Länder in Europa, die einen soliden Staatshaushalt vorweisen können. Die Schuldenquote gemäss Maastricht-Kriterien lag 2009 bei 39 Prozent, sie wird in diesem Jahr auf maximal 40 Prozent steigen und später wieder auf 37,5 Prozent zurückgehen. Das Haushaltsdefizit – im letzten Jahr war es noch ein Überschuss – ist heuer auf 1,2 Prozent des BIP budgetiert, schon 2012 wird das Defizit wieder verschwinden. Zum Vergleich: Frankreichs Defizitquote beträgt 8,5 Prozent des BIP, die USA kommen auf 10,7 Prozent. Mit der tiefen Schulden- und Defizitquote hat sich die Schweiz ihre volle Handlungsfähigkeit erhalten – auch für allfällige weitere Krisen.

Trotz solidem Wachstum bleiben jedoch die Risiken. Der schwache Euro droht die Exporte abzuwürgen, die riesigen Schuldenberge in Europa bergen die Gefahr einer neuen Bankenkrise und beeinträchtigen das Wachstum. Die zunehmende Verunsicherung der Märkte zwingt die Zentralbanken, an der Politik des billigen Geldes festzuhalten. Damit baut sich ein gefährliches Inflationspotenzial auf. In der Schweiz ist gemäss Nationalbank die Schmerzgrenze von zwei Prozent in knapp zwei Jahren erreicht. «Eigentlich müsste die Nationalbank jetzt Gegensteuer geben», sagt ZKB-Ökonom Marmet. Doch wegen der aus der Eurokrise lauernden Deflationsgefahren seien ihr die Hände gebunden. So gesehen ist auch die Schweiz in der Geiselhaft der Eurokrise.

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