Abo
Strategie

EFG Financial Products: Der richtige Riecher

Jan Schoch und seine Partner haben aus EFG Financial Products einen der erfolgreichsten Anbieter von strukturierten Produkten der Schweiz geformt. Ihr neuster Coup: Notenstein hat sich mit 20 Prozent

Peter Manhart

bil_06_058_schoch.jpg
Jan Schoch hat beizeiten vorausgesehen, wie wichtig die IT im DerivategeschΓ€ft wird. RMS

Werbung

Das ist ein Hirngespinst, rief Michael Hartweg aus. Der heutige Stellvertreter von Jan Schoch, dem CEO von EFG Financial Products (EFG FP), hatte soeben das erste Mal den Gedanken einer vollautomatisierten Fabrik fΓΌr strukturierte Produkte durchgespielt. Das war Mitte der nuller Jahre, damals arbeiteten Jan Schoch und Michael Hartweg fΓΌr Goldman Sachs. Schoch als Vertriebschef Schweiz und Hartweg als Handelschef Europa.
Am Morgen dieses folgenreichen Tags deutete noch nichts auf den Geistesblitz hin, der zur GrΓΌndung von EFG FP fΓΌhren wΓΌrde. Im Gegenteil: Hartweg rief Schoch in ZΓΌrich an und bat ihn, den Vertrieb temporΓ€r einzustellen. Der Grund: London kam mit der Verarbeitung der vielen AuftrΓ€ge aus der Schweiz nicht nach. Die Infrastruktur von Goldman Sachs – der Investmentbank schlechthin – war veraltet und nicht auf das TagesgeschΓ€ft des aufblΓΌhenden Markts fΓΌr strukturierte Produkte ausgerichtet. Er brauche ein paar Tage Zeit fΓΌr die Erfassung der AuftrΓ€ge, wimmelte Hartweg Schoch ab.
Der ehrgeizige Investment Banker Schoch, nicht einmal dreissig Jahre alt, liess nicht locker und nahm den nΓ€chsten Flieger nach London, um das Abtragen des Auftragsbergs mit Hartweg anzugehen. Nach Mitternacht und getaner Arbeit fantasierten die beiden, dass sie gemeinsam in der Lage wΓ€ren, eine Derivatplattform zu entwickeln und zu unterhalten, die mΓΌhselige, hΓ€ndische Prozesse automatisiert – das GeschΓ€ftsmodell von EFG FP war damit in groben Strichen gezeichnet.

Partner-Inhalte

Aus dem Hirngespinst ist in wenigen Jahren ein Unternehmen mit einer BΓΆrsenkapitalisierung von rund 350 Millionen Franken gewachsen. Jan Schoch persΓΆnlich ist an EFG FP mit Aktien im Wert von 25 Millionen beteiligt. Der jΓΌngste Coup der Derivatschmiede: Die Raiffeisen-Privatbanktochter Notenstein hat den 20,25-Prozent-Anteil von GrΓΌndungsaktionΓ€r EFG International an EFG FP fΓΌr rund 70 Millionen Franken ΓΌbernommen. Den RΓΌckzug begrΓΌndet die Privatbank EFG International, an der die griechische MilliardΓ€rsfamilie Latsis indirekt beteiligt ist, mit der Konzentration auf das KerngeschΓ€ft Private Banking.
Damit werden die VertriebskanΓ€le von Raiffeisen und Notenstein kΓΌnftig wohl vor allem mit Anlageprodukten von EFG FP gespeist, sehr zum Γ„rger des Raiffeisen-Kooperationspartners Vontobel. Hinter vorgehaltener Hand sagen Branchenkenner, dass das ohnehin schlecht laufende RetailgeschΓ€ft von Vontobel mit strukturierten Produkten nun eigentlich tot sei.
BelΓ€cheltes Start-up. Doch zurΓΌck zum Hirngespinst respektive zu den AnfΓ€ngen von EFG FP: Schochs Karriere fΓΌhrte nach Goldman Sachs zu Lehman Brothers. Nach kurzer Zeit war er jedoch ernΓΌchtert. Die Infrastruktur war noch antiquierter als die seines ehemaligen Arbeitgebers, und das Management foutierte sich darum. Der Wechsel zu Lehman lohnte sich fΓΌr ihn vor allem wegen der Zusammenarbeit mit Sandro Dorigo. Dorigo arbeitete zuvor fΓΌr Julius BΓ€r, wo er bereits eine Derivatplattform aufgebaut hatte. Nun leistete er Pionierarbeit bei Lehman. Zum Erstaunen aller gelang es ihm nach nur sechs Monaten Entwicklungszeit, ein strukturiertes Produkt ΓΌber das Lehman-System an der Schweizer BΓΆrse zu kotieren. Auf diesen Erfolg hΓ€tte niemand gewettet und auch nicht auf das, was gleich geschehen sollte.

Werbung

Jan Schoch ass mit Lukas Ruflin, der damals stellvertretender Finanzchef von EFG International war, zu Mittag. Ruflin wollte Schoch an Bord holen, doch Schoch hatte andere, grΓΆssere PlΓ€ne: Er schlug Ruflin vor, ein Unternehmen mit ihm als Partner und EFG International als wichtigem AktionΓ€r zu grΓΌnden. Die Absicht wurde durch Handschlag besiegelt.
Schoch ging zurΓΌck ins BΓΌro, wo ihn Sandro Dorigo ungeduldig erwartete und ihm Β«seinΒ» soeben emittiertes Zertifikat auf dem Bloomberg-Bildschirm zeigen wollte. Schoch meinte nur: Β«Komm in die KΓΌche.Β» Dort angekommen: Β«Wir beide kΓΌndigen.Β» Sandro Dorigo – ein spontaner Typ – zΓΆgerte nicht und sagte Ja.
Anschliessend rief Schoch seinen ehemaligen Goldman-Sachs-Kollegen Hartweg an und erinnerte ihn an das Hirngespinst. Β«Bist du dabei?Β», fragte er. Ohne zu wissen, wer der kΓΌnftige HauptaktionΓ€r EFG International ΓΌberhaupt war, sagte auch Hartweg Ja. Dabei hatte er mit seiner Familie in London in zwei Monaten ein neues Haus beziehen wollen. Mit Jan Schoch, Michael Hartweg, Sandro Dorigo und Lukas Ruflin hatten sich vier Freunde und GeschΓ€ftspartner gefunden.
EFG FP ist mittlerweile im schmucken HΓΌrlimann-Areal in ZΓΌrich domiziliert. Die Anzahl Mitarbeiter ist von vier auf 300 gewachsen. Schaut man sich auf dem fabrikartigen GelΓ€nde um, ist kaum mehr vorstellbar, wie chaotisch der Aufbruch von EFG FP im FrΓΌhling 2007 war.

Werbung

Die GrΓΌnder und ersten Mitarbeiter sassen in einem BΓΌro – treffender: in einer Besenkammer – auf vierzig Quadratmetern zusammengepfercht – RΓΌcken an RΓΌcken. Das Start-up wurde in der Derivatbranche belΓ€chelt, die Mitarbeiter bemitleidet. 2007 war das beste Jahr, um mit strukturierten Produkten richtig Geld abzusahnen. Wer verzichtete da schon freiwillig auf einen exorbitanten Bonus und setzte sich fΓΌr ein Unterfangen mit ungewissem Ausgang ein?
Unter ihnen befanden sich viele der klΓΌgsten KΓΆpfe des jungen Marktes, die frΓΌher als andere voraussahen, dass sich das GeschΓ€ft von einem VerkΓ€ufer- zu einem KΓ€ufermarkt entwickeln und deshalb die IT-Infrastruktur fΓΌr den GeschΓ€ftserfolg entscheidend sein wΓΌrde.
Neuer Name. Jan Schoch und seine Partner hatten mit dem GeschΓ€ftsmodell von EFG FP den richtigen Riecher – der Finanzkrise zum Trotz. Die Nase im Wind haben sie auch mit der geplanten Umbenennung. Nach dem RΓΌckzug von EFG International aus dem Aktionariat soll das Bekenntnis zum Standort Schweiz im Firmennamen ausgedrΓΌckt werden. Einen Hinweis darauf, wie Β«Jans Struki CornerΒ» neu heissen wird, liefert das BΓΆrsenkΓΌrzel FPHN. Das H steht eher fΓΌr Helvetia als fΓΌr Holding.

Werbung