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Basel: Nicht teuer – kostbar

Von Kantonalbank über Hello und Sarasin bis Blocher-«BaZ» – Basel tickt seltsam. Trotz aller Basler Skandale kann von Niedergang nicht die Rede sein; zu stark bleiben die Pharmaindustrie und der Bürgersinn des «Daigs».

VonLeo Müller
14.11.2012

Minu hat es als Erster ­bemerkt. «Basel ist non-existent. Luft. Auseconogemistet», schrieb der legendäre Kolumnist. Und natürlich wollte sich «-minu», bürgerlich Hans-Peter Hammel, dabei über die Zürcher lustig machen, die es nun geschafft ­haben, vom britischen «Economist» als teuerste Stadt der Welt klassifiziert zu ­werden. «Basel ist billig», hielt Minu ­dagegen, «Basel ist gar nicht.»

So etwas darf nur ein Basler aussprechen – und natürlich nur ironisch. Aber ist es nicht so, dass Basel, Minus «Regio-Städtchen», abgerutscht ist? Ausgelistet aus den nennenswerten Rankings? Jenseits aller Aufmerksamkeitsschwellen ökonomisch abgetaucht? Nur noch mit Meldungen über Pleiten und Pannen in den News?

Jedenfalls werden gehäuft sonderbare Nachrichten über das Basler Wirtschafts­leben publiziert. Moritz Suter, der Fliegereipionier, ein Basler Urgestein: gescheitert. Die Herren an der Spitze der Basler Kantonalbank: auf einen mutmasslichen Betrüger hereingefallen und im Visier der US-Staatsanwälte. Die Bankiers von Sarasin: erst an die Holländer ausgeliefert, dann an einen Brasilianer. Die «Basler ­Zeitung»: an den Zürcher SVP-Strategen Christoph Blocher verscherbelt, heimlich und würdelos.

«Ich muss mich schon fragen, ob Basel der richtige Ort ist, um meine Einkommenssteuer abzuliefern», schimpft And­reas Burckhardt, genannt «Abu». Basler könne er ja auch sein, wenn er in Binningen oder im Elsass leben würde, erklärte er der «TagesWoche». 30 Jahre lang war er an massgeblichen Positionen in der Basler ­Politik aktiv, war Grossrats­präsident und Handelskammerdirektor. Heute ist der 61-­Jährige VR-Präsident der Baloise-Versicherung. Er hadert mit seinen Mitbürgern, die kürzlich einen Vorschlag zur Senkung der ­Unternehmensgewinnsteuer bachab geschickt haben, warnt vor einer düsteren Zukunft: «Dann müssen wir feststellen, dass wir hinterherhinken, keine Firmen mehr nach Basel ziehen und dem Kanton das Geld für Bildung, Infrastruktur und ­Sozialleistungen fehlt.»

Der von ihm präsidierte Versicherungskonzern Baloise mit 8900 Mitarbeitern macht die Basler Steuerbürger aber auch nicht glücklich. «Unser Gewinn brach letztes Jahr um 86 Prozent ein», gab er ­zerknirscht zu. Baloise lieferte nur noch 27 Millionen an Steuern ab – vor fünf Jahren waren es noch über 200. ­Bittere Zeiten für Finanzdirektorin Eva ­Herzog, die gerade mit grosser Mehrheit wiedergewählt wurde. «Unsere Zentrumslasten werden nur ungenügend abgegolten, und wir finanzieren erst noch die ­Tiefsteuerpolitik kleiner Kantone», klagt die SP-Politikerin. Sie will den interkantonalen ­Finanzausgleich neu diskutieren. Basel, pro Kopf immer noch drittgrösster Geberkanton, muss rechnen.

Burckhardt zählt zum alten Establishment, zum «Daig», der diskreten, manchmal verschrobenen, aber stets generösen Elite der Stadt, die vieles möglich macht, was der Säckelmeister aus seiner Kasse nicht finanzieren kann. So bekommen die Basler Musikfreunde für zig Millionen ein flüsterleises Schienenbett für ihre Tramwagen, damit es im Musiksaal des Stadtcasinos nicht mehr scheppert, wenn gerade das Tram vorbeirollt. Und die Freunde der einst linksliberalen «Basler Zeitung», die ihnen Christoph Blocher weggenommen hat, werden von Beatrice Oeri, einer Bildungsbürgerin, mit einem neuen Blatt unterstützt – der «Tages­Woche». Der FCB bekam ein paar Milliönchen von der schrulligen Gigi Oeri (56), Gattin des Roche-Grossaktionärs Andreas Oeri (63).

Dabei pflegt der «Daig» eigentlich eher das anonyme Mäzenatentum. Im Stillen verteilen mehr als 900 Basler ­Stiftungen mit einem Vermögen von 15 ­Milliarden Franken Jahr für Jahr ihre Spenden. Die Burckhardts, Merians, Sarasins, Hoffmanns, ­Vischers, Stähelins, La Roches und Ehingers wären am liebsten unsichtbar. Und zuweilen treiben sie die ­Diskretion bis zur Selbstverleugnung. Wie Andreas Burckhardt, der einfach sagt: «Den ‹Daig› gibt es nicht.»

Fliegerträume. Peter Merian, ein Ex-Bankier aus dem «Daig», muss der Skandal um den mehrfachen Airline-Gründer Moritz Suter besonders schmerzen. Der lud ihn zum Einstieg in seine Hello-Airline ein. Klar, Merian sollte etwas Geld beisteuern, und alles würde gut werden. Dabei hatte die Fluggesellschaft mit vier Airbus-Maschinen im Geschäftsjahr 2010 bereits mehr als zehn Millionen Franken Jahresverlust angehäuft. Nun musste Suter die Bilanz ­deponieren.

Der Fall macht auch deutlich, dass Basel ein ungünstiger Platz für Fliegerträume ist. Der EuroAirport könnte zwar Zürich Flugbewegungen wegnehmen, ist dazu aber spätestens seit dem Swissair-Grounding nicht mehr in der Lage. Seither legte ­Zürich zu, Basel ohne seine Heim-Airline Crossair verlor. Zudem fehlt beim EuroAirport noch immer der direkte Bahnanschluss, der Bus Nummer 50 der Basler Verkehrs­betriebe muss genügen. Und für Lang­streckendestinationen ist der Airport bedeutungslos. Auch für das Basler Luftfrachtunternehmen Panalpina läuft es nicht gut. Im Oktober publizierte es eine Gewinnwarnung. «Wir hängen davon ab, dass Fracht-Fluggesellschaften am Flughafen vorhanden sind, denen wir ­Geschäft geben können», erklärt Pan­alpina-Manager Karl Weyeneth, «aber ­diese Firmen gibt es in Basel einfach nicht.»

Es gibt auch die bewundernswerte Seite dieser von Grenzen umzingelten kleinen Stadt mit ihren 170 000 Einwohnern, die als Zentrum für eine Agglomeration von rund 800 000 Menschen dient. Von der Pfalz am Rhein aus hat man die Symbole der globalen öko­nomischen Kraft im Blick. Im Osten Roche, rheinabwärts in Basel St. Johann Novartis mit ­ihrem «BioValley». Auf der anderen Rheinseite, Kleinbasel über­ragend, der Messeturm, Wahrzeichen für weltberühmte Ausstellungen wie die Art Basel und die Uhren- und Schmuckmesse Baselworld. In den Nach­barländern Frankreich oder Deutschland hat keine Stadt dieser Grösse eine solche ökonomische Kraft.

Die Pharma- und Chemieproduktion ist für die ganze Schweiz ein Glücksfall. Ohne den Exporterfolg dieser Industrie hätte die Schweiz keine positive Handelsbilanz. Der Pharmasektor sorgt für rund ein Viertel der regionalen Wertschöpfung (siehe «Hoffnung Pharma»). So schlecht kann der Standort gar nicht sein. «In Basel bewegt sich so viel wie seit den sechziger Jahren nicht mehr», erzählt Jaques Herzog, der weltberühmte Architekt von Herzog & de Meuron. Geradezu euphorisch blickt er auf ermutigende Bauprojekte der Pharmakonzerne. Mit den Tagesmeldungen einer Hello-Pleite mag er sich gar nicht länger aufhalten: «Für Basel bedeutungslos.»

Wenn man aber von der Pfalz wenige hundert Meter den Rheinsprung hinuntergeht und an der Schifflände vorbeispaziert, steht man vor dem nächsten Problemfall, dem Grand Hotel Les Trois Rois. Seit zwölf Jahren gehört es dem Pharmatechnik-Industriellen Thomas Straumann. Er hat es renoviert und gepflegt, doch nun will er es verkaufen. Für ihn ein kostspieliger Spass.

Wenige Schritte weiter der nächste Bau, in dem sich derzeit ein Drama abspielt: der Hauptsitz der ­Basler Kantonalbank an der Spiegelgasse. Hans Rudolf Matter, der Bankchef, hat seinen Rücktritt erklärt. Er war persönlich verantwortlich für das Geschäft seiner Leute in der Zürcher Niederlassung, die mehrfach im Visier von Straf­untersuchungen ist. Ihre Geschäfte werden von US-Staatsanwälten wegen Verdachts auf Steuerbetrug untersucht. Und Matter trägt die Verantwortung dafür, dass seine Leute mit der externen Vermögensverwalterin ASE Investment zusammenarbeiteten, gegen die wegen Anlagebetruges ermittelt wird. Ein herber Imageschaden für die BKB.

Brasilianisch. An der Elisabethenstrasse wird derzeit der Hauptsitz der Bank Sarasin ins Finanzimperium des brasilianischen Safra-Clans einsortiert. Die Entscheide fallen nun in São Paulo und in New York. CEO Joachim Strähle, der nach der angekündigten Übernahme den Chef markierte – «Bei Safra wird sich nichts ändern» –, ist auf Tauchstation. Intern wird mittelfristig mit seinem Abgang gerechnet. Die Sarasin-Chefs, allen voran Strähle, sind auf der Watchlist der Safras. Unlängst wurde der VR umgekrempelt und mit Safra-Vertrauten bestückt. Klar ist, dass die neuen Mehrheitsaktionäre die Basler Bank enger führen werden als der vormalige Besitzer, die holländische Rabobank. Die Safras wollen das Kosten-Ertrags-Verhältnis fast um die Hälfte senken. Auch die Kommunikation gegen innen und aussen wird bis ins Detail mit der ­Safra-Zentrale abgestimmt. Ohne Plazet der Brasilianer geht nichts. Sarasin wird an Basler Geruch einbüssen.

Der «Daig», einst sichere Klientel der Bank Sarasin, hat sich abgesetzt. Die Elite-Kunden findet man nun zum Beispiel bei einem kleinen Geldhaus, das kaum jemand kennt: der Scobag Privatbank. Sie gehört den Roche-Erben-Familien Oeri und Hoffmann, beschäftigt rund 30 Mitarbeitende und braucht kein Marketing. Man kennt sich. Laufkunden werden dankend abgelehnt. Sie würden den Scobag-Hauptsitz an der Gartenstrasse ohnehin nicht erkennen.

Die Skandale werden die Basler überleben. Sie wissen: Es gibt Schlimmeres als ­Basel. Zürich zum Beispiel, das für Minu, den Kolumnisten, ­die Kapitale der koksenden «Finanzbrüder» ist, die mit ihrem Geld protzen. «Aber wir», sagt Minu über seine Basler, «versuchen seit Jahrhunderten, nicht die Teuersten zu sein. Sondern die Kostbarsten.» Demnach ist also in Basel ­alles in bester Ordnung. Immer noch.

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02.11.2012
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Basel

Minu hat es als Erster ­bemerkt. «Basel ist non-existent. Luft. Auseconogemistet», schrieb der legendäre Kolumnist. Und natürlich wollte sich «-minu», bürgerlich Hans-Peter Hammel, dabei über die Zürcher lustig machen, die es nun geschafft ­haben, vom britischen «Economist» als teuerste Stadt der Welt klassifiziert zu ­werden. «Basel ist billig», hielt Minu ­dagegen, «Basel ist gar nicht.»

So etwas darf nur ein Basler aussprechen – und natürlich nur ironisch. Aber ist es nicht so, dass Basel, Minus «Regio-Städtchen», abgerutscht ist? Ausgelistet aus den nennenswerten Rankings? Jenseits aller Aufmerksamkeitsschwellen ökonomisch abgetaucht? Nur noch mit Meldungen über Pleiten und Pannen in den News?

Jedenfalls werden gehäuft sonderbare Nachrichten über das Basler Wirtschafts­leben publiziert. Moritz Suter, der Fliegereipionier, ein Basler Urgestein: gescheitert. Die Herren an der Spitze der Basler Kantonalbank: auf einen mutmasslichen Betrüger hereingefallen und im Visier der US-Staatsanwälte. Die Bankiers von Sarasin: erst an die Holländer ausgeliefert, dann an einen Brasilianer. Die «Basler ­Zeitung»: an den Zürcher SVP-Strategen Christoph Blocher verscherbelt, heimlich und würdelos.

«Ich muss mich schon fragen, ob Basel der richtige Ort ist, um meine Einkommenssteuer abzuliefern», schimpft And­reas Burckhardt, genannt «Abu». Basler könne er ja auch sein, wenn er in Binningen oder im Elsass leben würde, erklärte er der «TagesWoche». 30 Jahre lang war er an massgeblichen Positionen in der Basler ­Politik aktiv, war Grossrats­präsident und Handelskammerdirektor. Heute ist der 61-­Jährige VR-Präsident der Baloise-Versicherung. Er hadert mit seinen Mitbürgern, die kürzlich einen Vorschlag zur Senkung der ­Unternehmensgewinnsteuer bachab geschickt haben, warnt vor einer düsteren Zukunft: «Dann müssen wir feststellen, dass wir hinterherhinken, keine Firmen mehr nach Basel ziehen und dem Kanton das Geld für Bildung, Infrastruktur und ­Sozialleistungen fehlt.»

Der von ihm präsidierte Versicherungskonzern Baloise mit 8900 Mitarbeitern macht die Basler Steuerbürger aber auch nicht glücklich. «Unser Gewinn brach letztes Jahr um 86 Prozent ein», gab er ­zerknirscht zu. Baloise lieferte nur noch 27 Millionen an Steuern ab – vor fünf Jahren waren es noch über 200. ­Bittere Zeiten für Finanzdirektorin Eva ­Herzog, die gerade mit grosser Mehrheit wiedergewählt wurde. «Unsere Zentrumslasten werden nur ungenügend abgegolten, und wir finanzieren erst noch die ­Tiefsteuerpolitik kleiner Kantone», klagt die SP-Politikerin. Sie will den interkantonalen ­Finanzausgleich neu diskutieren. Basel, pro Kopf immer noch drittgrösster Geberkanton, muss rechnen.

Burckhardt zählt zum alten Establishment, zum «Daig», der diskreten, manchmal verschrobenen, aber stets generösen Elite der Stadt, die vieles möglich macht, was der Säckelmeister aus seiner Kasse nicht finanzieren kann. So bekommen die Basler Musikfreunde für zig Millionen ein flüsterleises Schienenbett für ihre Tramwagen, damit es im Musiksaal des Stadtcasinos nicht mehr scheppert, wenn gerade das Tram vorbeirollt. Und die Freunde der einst linksliberalen «Basler Zeitung», die ihnen Christoph Blocher weggenommen hat, werden von Beatrice Oeri, einer Bildungsbürgerin, mit einem neuen Blatt unterstützt – der «Tages­Woche». Der FCB bekam ein paar Milliönchen von der schrulligen Gigi Oeri (56), Gattin des Roche-Grossaktionärs Andreas Oeri (63).

Dabei pflegt der «Daig» eigentlich eher das anonyme Mäzenatentum. Im Stillen verteilen mehr als 900 Basler ­Stiftungen mit einem Vermögen von 15 ­Milliarden Franken Jahr für Jahr ihre Spenden. Die Burckhardts, Merians, Sarasins, Hoffmanns, ­Vischers, Stähelins, La Roches und Ehingers wären am liebsten unsichtbar. Und zuweilen treiben sie die ­Diskretion bis zur Selbstverleugnung. Wie Andreas Burckhardt, der einfach sagt: «Den ‹Daig› gibt es nicht.»

Fliegerträume. Peter Merian, ein Ex-Bankier aus dem «Daig», muss der Skandal um den mehrfachen Airline-Gründer Moritz Suter besonders schmerzen. Der lud ihn zum Einstieg in seine Hello-Airline ein. Klar, Merian sollte etwas Geld beisteuern, und alles würde gut werden. Dabei hatte die Fluggesellschaft mit vier Airbus-Maschinen im Geschäftsjahr 2010 bereits mehr als zehn Millionen Franken Jahresverlust angehäuft. Nun musste Suter die Bilanz ­deponieren.

Der Fall macht auch deutlich, dass Basel ein ungünstiger Platz für Fliegerträume ist. Der EuroAirport könnte zwar Zürich Flugbewegungen wegnehmen, ist dazu aber spätestens seit dem Swissair-Grounding nicht mehr in der Lage. Seither legte ­Zürich zu, Basel ohne seine Heim-Airline Crossair verlor. Zudem fehlt beim EuroAirport noch immer der direkte Bahnanschluss, der Bus Nummer 50 der Basler Verkehrs­betriebe muss genügen. Und für Lang­streckendestinationen ist der Airport bedeutungslos. Auch für das Basler Luftfrachtunternehmen Panalpina läuft es nicht gut. Im Oktober publizierte es eine Gewinnwarnung. «Wir hängen davon ab, dass Fracht-Fluggesellschaften am Flughafen vorhanden sind, denen wir ­Geschäft geben können», erklärt Pan­alpina-Manager Karl Weyeneth, «aber ­diese Firmen gibt es in Basel einfach nicht.»

Es gibt auch die bewundernswerte Seite dieser von Grenzen umzingelten kleinen Stadt mit ihren 170 000 Einwohnern, die als Zentrum für eine Agglomeration von rund 800 000 Menschen dient. Von der Pfalz am Rhein aus hat man die Symbole der globalen öko­nomischen Kraft im Blick. Im Osten Roche, rheinabwärts in Basel St. Johann Novartis mit ­ihrem «BioValley». Auf der anderen Rheinseite, Kleinbasel über­ragend, der Messeturm, Wahrzeichen für weltberühmte Ausstellungen wie die Art Basel und die Uhren- und Schmuckmesse Baselworld. In den Nach­barländern Frankreich oder Deutschland hat keine Stadt dieser Grösse eine solche ökonomische Kraft.

Die Pharma- und Chemieproduktion ist für die ganze Schweiz ein Glücksfall. Ohne den Exporterfolg dieser Industrie hätte die Schweiz keine positive Handelsbilanz. Der Pharmasektor sorgt für rund ein Viertel der regionalen Wertschöpfung (siehe «Hoffnung Pharma»). So schlecht kann der Standort gar nicht sein. «In Basel bewegt sich so viel wie seit den sechziger Jahren nicht mehr», erzählt Jaques Herzog, der weltberühmte Architekt von Herzog & de Meuron. Geradezu euphorisch blickt er auf ermutigende Bauprojekte der Pharmakonzerne. Mit den Tagesmeldungen einer Hello-Pleite mag er sich gar nicht länger aufhalten: «Für Basel bedeutungslos.»

Wenn man aber von der Pfalz wenige hundert Meter den Rheinsprung hinuntergeht und an der Schifflände vorbeispaziert, steht man vor dem nächsten Problemfall, dem Grand Hotel Les Trois Rois. Seit zwölf Jahren gehört es dem Pharmatechnik-Industriellen Thomas Straumann. Er hat es renoviert und gepflegt, doch nun will er es verkaufen. Für ihn ein kostspieliger Spass.

Wenige Schritte weiter der nächste Bau, in dem sich derzeit ein Drama abspielt: der Hauptsitz der ­Basler Kantonalbank an der Spiegelgasse. Hans Rudolf Matter, der Bankchef, hat seinen Rücktritt erklärt. Er war persönlich verantwortlich für das Geschäft seiner Leute in der Zürcher Niederlassung, die mehrfach im Visier von Straf­untersuchungen ist. Ihre Geschäfte werden von US-Staatsanwälten wegen Verdachts auf Steuerbetrug untersucht. Und Matter trägt die Verantwortung dafür, dass seine Leute mit der externen Vermögensverwalterin ASE Investment zusammenarbeiteten, gegen die wegen Anlagebetruges ermittelt wird. Ein herber Imageschaden für die BKB.

Brasilianisch. An der Elisabethenstrasse wird derzeit der Hauptsitz der Bank Sarasin ins Finanzimperium des brasilianischen Safra-Clans einsortiert. Die Entscheide fallen nun in São Paulo und in New York. CEO Joachim Strähle, der nach der angekündigten Übernahme den Chef markierte – «Bei Safra wird sich nichts ändern» –, ist auf Tauchstation. Intern wird mittelfristig mit seinem Abgang gerechnet. Die Sarasin-Chefs, allen voran Strähle, sind auf der Watchlist der Safras. Unlängst wurde der VR umgekrempelt und mit Safra-Vertrauten bestückt. Klar ist, dass die neuen Mehrheitsaktionäre die Basler Bank enger führen werden als der vormalige Besitzer, die holländische Rabobank. Die Safras wollen das Kosten-Ertrags-Verhältnis fast um die Hälfte senken. Auch die Kommunikation gegen innen und aussen wird bis ins Detail mit der ­Safra-Zentrale abgestimmt. Ohne Plazet der Brasilianer geht nichts. Sarasin wird an Basler Geruch einbüssen.

Der «Daig», einst sichere Klientel der Bank Sarasin, hat sich abgesetzt. Die Elite-Kunden findet man nun zum Beispiel bei einem kleinen Geldhaus, das kaum jemand kennt: der Scobag Privatbank. Sie gehört den Roche-Erben-Familien Oeri und Hoffmann, beschäftigt rund 30 Mitarbeitende und braucht kein Marketing. Man kennt sich. Laufkunden werden dankend abgelehnt. Sie würden den Scobag-Hauptsitz an der Gartenstrasse ohnehin nicht erkennen.

Die Skandale werden die Basler überleben. Sie wissen: Es gibt Schlimmeres als ­Basel. Zürich zum Beispiel, das für Minu, den Kolumnisten, ­die Kapitale der koksenden «Finanzbrüder» ist, die mit ihrem Geld protzen. «Aber wir», sagt Minu über seine Basler, «versuchen seit Jahrhunderten, nicht die Teuersten zu sein. Sondern die Kostbarsten.» Demnach ist also in Basel ­alles in bester Ordnung. Immer noch.


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