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Blancpain, Breguet, Panerai: klangvolle Uhrenmarken. Dabei waren sie jahrelang tot. Bis die Industrie sie wieder hat auferstehen lassen β mit riesigem Erfolg. Nun wollen andere historische Marken das KunststΓΌck nachahmen.
Ignaz Miller
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Ausgerechnet Jean-Claude Biver, der Mann mit dem Riecher fΓΌr kommende Entwicklungen, witterte das grosse GlΓΌck in tiefer Vergangenheit. Der heutige Hublot-Chef war der Erste, der den Wert der Geschichte in der Uhrmacherei bewusst erkannte und systematisch ausnutzte. Er lebt das Wort, das der ΒMediΓ€vist Hermann Heimpel 1941 im deutsch besetzten Strassburg geprΓ€gt hat: Β«Die vornehmste Aufgabe der Geschichte ist die Gegenwart.Β»
Mit der gelungenen Reanimation der verblassten Traditionsmarke Blancpain gelang dem Marketingmeister Biver ein KunststΓΌck, das seither einige Nachahmer fand. Es bestΓ€tigte sich aber auch einmal mehr der Satz Β«Man weiss nie, was die Vergangenheit in der Zukunft bringtΒ». Zehn Jahre lang hatte die Uhrenindustrie verzweifelt versucht, sich zu retten, indem sie alle Traditionen ΓΌber Bord warf und grΓΌndlich bestrebt war, Βihre Vergangenheit zu vergessen β um am Ende zu erleben, dass gerade ihre Geschichte ihr wertvollstes Gut war.
Als der geniale VerkΓ€ufer Biver 1982 seine Blancpain lancierte, verblΓΌffte er die quarzmΓΌde Welt durch die Wiedererfindung der echten Uhr, wie sie vor dem Batteriezeitalter gewesen war. Es wurde ein immenser Erfolg. Biver spΓΌrte ein stilles gesellschaftliches Verlangen: Β«Die Zeit war reif fΓΌr einen Paradigmenwechsel.Β» Seine Erkenntnis: Keine Branche brachte bessere Voraussetzungen mit, die nostalgischen Erwartungen der achtziger Jahre zu befriedigen, als die Uhrenindustrie. Der vor- und nachmalige Omega-Direktor βBiver verkaufte Blancpain 2002 an Nicolas Hayeks Swatch Group und brachte anschliessend Omega wieder in Schwung β hatte beobachtet, welchen umsatztreibenden Hefeboden eine gut prΓ€parierte Geschichte bietet. Und wie zugkrΓ€ftig das Argument individueller Handarbeit wirkt.
Β«Seit 1735 gibt es bei Blancpain keine Quarzuhren. Es wird auch nie eine geben.Β» Dies war sein Statement. Es wirkte auf eine ganze Generation wie eine Offenbarung, denn es spiegelte die seelische Befindlichkeit der achtziger Jahre. Ihren Γberdruss gegenΓΌber der Ramschkultur mit ihren Kunststoffen, den billigen Quarzwerken und der seelenlosen Massenproduktion.
Ein essenzieller Teil der VerkΓΌndigung steckte in dem Bekenntnis zur Manufaktur im abgelegenen Jura. Dazu kamen die schlichte Form nach den Designorgien des Pop-Jahrzehnts sowie ein unbΓ€ndiger Wille zur UnabhΓ€ngigkeit der Marke von den Grosskonzernen. Wenn Jean-Claude Biver β zu allem Γberfluss auch noch ein begnadeter Redner β sein Credo verkΓΌndete, hingen die HΓ€ndler mit verklΓ€rten Augen an seinen Lippen.
Als Biver Blancpain einigermassen ΓΌberraschend an die Swatch Group verΒkaufte, rangen einige um Fassung. Erst an den Nachahmern sieht man so richtig, wie gut eine Idee ist. Blancpains erfolgreiches Vorbild fΓΆrderte den Entschluss, in den achtziger Jahren Breguet wieder aus dem Nichts auferstehen zu lassen. Breguet war damals nur noch ein Name. Eine Trouvaille in der konkursiten Chaumet-Masse, die Nemir Kirdars Investcorp erworben hatte. Aber es gab noch die StammbΓΌcher mit den Namen der alten Kunden. Dieser einmalige historische Wert war zunΓ€chst niemandem bewusst.
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GELUNGENER RELAUNCH. Kirdar, gebΓΌrtiger Iraker und gelernter Investment Banker, hatte die Investcorp 1982 als Private-Equity-Vehikel gegrΓΌndet. Mit seinen Investitionen in Gucci und Tiffany bewies er ein exzellentes GespΓΌr. Chaumet, der prestigiΓΆse Pariser Juwelier, brachte ihm kein GlΓΌck: Er reichte die Marke spΓ€ter zusammen mit Ebel an Bernard Arnaults Luxuskonzern LVMH weiter. Mit Breguet gelang ihm dagegen ein Volltreffer. Was 1988 mit einem bescheidenen Umsatz von 2 Millionen Franken anfing, steigerte sich bis 1992 auf 25 Millionen. Hier kamen fast alle Voraussetzungen fΓΌr einen gelungenen Relaunch zusammen: ein grosser Name, eine gute Geschichte, StammbΓΌcher, ein lebendiger SekundΓ€rmarkt, also Auktionen mit alten Uhren, ein eigenes Museum, lebende Nachfahren der GrΓΌndergeneration und gute Produktideen, die den Esprit der Marke widerspiegeln.
Ins Bewusstsein des Publikums rΓΌckte Breguet dank einer aussergewΓΆhnlichen Versteigerung. Um die Stimmung anzuheizen, ging das Material vorgΓ€ngig auf grosse Tournee. New York, Los Angeles, Hongkong, Singapur, Paris, Genf und die Villa Stuck in MΓΌnchen waren die Stationen. Mitten im Anlauf zum ersten Irak-Krieg, als die BΓΆrse schwach und die Kauflaune denkbar lustlos war, versteigerte das junge Auktionshaus Habsburg-Feldmann die Sammlung von 150 alten Breguet-Uhren zum unerhΓΆrten Preis von 21,5 Millionen Franken. Der sensationelle ΒErfolg veranlasste die Londoner Werbegurus Ogilvy & Mather dazu, Habsburg-Feldmann den Β«Gold Award of ExcellenceΒ» zuzusprechen.
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Osvaldo Patrizzi, der heute das Auktionshaus Patrizzi & Co. leitet, bereitete die Auktion vor. Er erinnert sich mit Behagen an die grosse Versteigerung. Patrizzi hatte Zugang zum Breguet-Archiv in Paris. So konnte er die Ersterwerber ermitteln, darunter Napoleon, den aus Saarlouis gebΓΌrtigen Marschall Ney, Caroline Murat, die KΓΆnigin von Neapel, die Herzogin der Toskana (eine Schwester Napoleons) und eine Reihe anderer grosser Namen aus der Zeit des Empire. Breguet selber unterstΓΌtzte die Ausstellungstournee einzig logistisch, etwa in Singapur mit ihren geschΓ€ftlichen Verbindungen zu Hour Glass, dem grΓΆssten UhrenhΓ€ndler des Stadtstaates.
Die Uhrenbranche war hingerissen. Nemir Kirdar machte nie ein Geheimnis daraus, dass Breguet zu haben war. Β«Das Gebot lag bei 21 MillionenΒ», so Kirdar spΓ€ter zu Patrizzi. Aber der Private-ΒEquity-Investor wollte 26. Das war allerdings vor der Tournee. Sie verΓ€nderte die Dimensionen. Β«Danach bot die VendΓ΄me Group, heute Richemont, 180 Millionen. Aber jetzt wollte Kirdar 240 MillionenΒ», erinnert sich Patrizzi. Zu viel. Also gab sich Breguet eine uhrmacherische Struktur β aber nicht an historischer StΓ€tte. Abraham Louis Breguet hatte in Paris gelebt und gearbeitet. Das Haus auf der Seine-Insel am Quai dβHorloge steht noch, auch die Nachfahren leben in Paris.
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LOHN DER ARBEIT. Uhrmacherisch war fΓΌr die Breguet-Manager jedoch das Β«Swiss madeΒ» unabdingbar. Nach BlancΒpain-Vorbild installierten sie den Stammsitz in lΓ€ndlicher Abgeschiedenheit in einer alten Feilenfabrik in LβAbbaye am Lac de Joux und erwarben 1992 als industrielle Basis die Nouvelle Lemania in LβOrient, ebenfalls am Lac de Joux. Die 15 Millionen Franken waren rΓΌckblickend mehr als gut investiert. Operativ hatte Breguet dagegen weniger GlΓΌck. Die Manager wechselten, die Presse schrieb nicht nur aufbauend. Das Γ€nderte sich schlagartig, nachdem Nicolas Hayeks Swatch Group im September 1999 Breguet ΓΌbernommen hatte. Motiviert zum Erwerb hatte den Γbervater der Schweizer Uhrenindustrie eher Lemania als Breguet.
Lemania war als Hersteller fΓΌr Chronographenwerke ein wichtiger Pfeiler der alten Omega-Gruppe, der SociΓ©tΓ© Suisse de lβIndustrie HorlogΓ¨re, gewesen, aber in der Krise abgestossen worden. Hayek nutzte jetzt die Chance, setzte sich gegen Richemont durch, was nicht ganz billig gewesen sein dΓΌrfte, schaute sich Breguet genauer an und verordnete der Marke eine professionelle Aufstellung auf allen Ebenen.
Das Ergebnis: neue Modelle mit spannenden Komplikationen, ein Ausbau der Produktion in LβOrient sowie eine straffe Distribution. Gleichzeitig wurde die Geschichte niedergeschrieben, ein Museum in Paris an der Place VendΓ΄me eingerichtet und der SekundΓ€rmarkt gepflegt. Rund 20 Millionen Franken investierte Nicolas Hayek bisher in die eigene Sammlung: Β«Wir kaufen alles, was wir finden kΓΆnnen. Es macht mir Spass, am Telefon zu sitzen und gegen einen arabischen Scheich, Βeinen MultimilliardΓ€r aus Texas sowie Βeinen japanischen MilliardΓ€r zu bieten und zu sagen: βΉ100ββ000, 150ββ000, 200ββ000, 300ββ000.βΊΒ» Der Lohn der Arbeit: ΒHeute macht Breguet ΓΌber eine halbe Milliarde Franken Umsatz.
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Umfassende Systematik sicherte auch den Grosserfolg von Panerai. Γhnlich wie zuvor bei Lange & SΓΆhne keimte die Idee fΓΌr einen Relaunch auf dem fruchtbaren Boden eines florierenden SekundΓ€rmarkts. Die grossen Taucheruhren mit dem markanten KronenbΓΌgel waren ein begehrtes Sammlerobjekt und die Geschichte dahinter β Spezialuhren fΓΌr die Kampftaucher der italienischen Marine β unschlagbar gut. Dass die Officine Panerai wirklich nur eine Werkstatt in Florenz waren, schadete nicht weiter. Franco Cologni, damals in der Richemont-GeschΓ€ftsleitung, Angelo Bonati, heute Panerai-Chef, und Sergio De Bon, der heutige COO von Girard-Perregaux, erwarben 1997 den Namen angeblich fΓΌr weniger als eine Million Franken, beauftragten einen begabten Autor damit, eine Geschichte zu konstruieren, richteten in Neuenburg ein Werk ein und organisierten den Verkauf. Panerai ist bis heute ein Riesenerfolg. Der Jahresausstoss erreicht knapp 60ββ000 Uhren. Β«Es war die richtige Uhr in der richtigen GrΓΆsse mit der richtigen Geschichte zur richtigen ZeitΒ», kommentiert ein Mitbewerber anerkennend die Leistung.
EINE GUTE GESCHICHTE. Nun wollen andere Unternehmer das gleiche KunststΓΌck wiederholen β etwa mit Perrelet und JeanRichard, zwei grossen Namen in der Schweizer Uhrmacherei. Abraham-Louis Perrelet (1729β1826) erfand den automatischen Aufzug mit dem Rotor, sein Enkel konstruierte eine astronomische Uhr, erfand den Schleppzeiger-Chronographen und wurde Hofuhrmacher des KΓΆnigs von Frankreich. Jean Perrelet, ein direkter Nachkomme, verband sich 1992 mit dem Tessiner Investor Flavio Audemars, um die Marke wiederzubeleben.
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Die beiden hatten auch eine Idee: den Doppelrotor. Einer kreist klassisch ΓΌber dem Werk und der andere auf dem Zifferblatt. Bewegung in die Marke kam aber erst, nachdem Festina-Patron Miguel Rodriguez sie ΓΌbernommen hatte. Der holte Marc Bernhardt. Der vormalige Verkaufschef von IWC wusste, wie wichtig eine gute Geschichte ist, dokumentierte sie akkurat und setzte Virginie Perrelet, eine Nachfahrin, in den USA gezielt als Markenbotschafterin ein: Β«Das kommt besonders bei den Amerikanern gut an.Β» Dass die Γkonomin jung, blond und gut aussehend ist, schadet dem historischen Wert der Marke nicht im Geringsten: Immerhin ΓΌber 5000 Uhren verkauft Perrelet inzwischen wieder pro Jahr.
Der Γ€lteste historisch ΓΌberlieferte Uhrmacher im Kanton Neuenburg und damit der GrΓΌnder der Schweizer Uhrenindustrie ist Daniel JeanRichard (1665β1741). In Le Locle erinnert ein grosses Denkmal an ihn, in La Chaux-de-Fonds ist eine Strasse nach ihm benannt. Deponiert wurde JeanRichard als Marke freilich erst 1950. Dass sie in der Krise der siebziger Jahre wieder unterging, fiel niemandem auf. Luigi Macaluso erwarb sie 1988 von Nouvelle Lemania. Die Γbernahme von Girard-Perregaux 1992 zwang ihn jedoch dazu, alle KrΓ€fte darauf zu konzentrieren. JeanRichard lief einfach mit, bis Macaluso vor fΓΌnf Jahren seinem Γ€ltesten Sohn Massimo die Marke anvertraute. Der Γkonom verordnete JeanRichard ein Upgrading: mit Manufakturwerken aus der gemeinsamen Produktion mit Girard-Perregaux, mit kreativen Zifferblattideen wie dezentraler Stunde und separater Minutenanzeige und mit nΓΌtzlichen Komplikationen. Der Auftritt ist sehr jung, besonders fΓΌr den Γ€ltesten Namen der Branche.
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Gleichzeitig kΓΌmmerte sich der gewaltige Schaffer um die Distribution. Von den 6000 StΓΌck, die JeanRichard inzwischen wieder produziert, geht der Grossteil nach Asien und in die Turkstaaten.
In die Geschichte vertieft sich Massimo Macaluso erst seit kurzem: Β«Derzeit lerne ich jede Woche dazu. Sehr spannend, was wir alles aus der Vergangenheit ausgraben.Β» Es leben noch Nachkommen, es gibt ein Familienarchiv, und es tauchte auch schon eine Uhr von Daniel JeanRichard auf. Massimo Macaluso bedauert beinahe, den Wert der Geschichte erst so spΓ€t entdeckt zu haben.
Der Bieler Uhrmacher Eric Loth dagegen sah sich im Ausland um. Unter dem Label British Masters setze er den zwei grossen englischen Uhrmachern George Graham und John Arnold ein Denkmal. Zweifellos ein mutiger Akt. Selbst ΓΌberdurchschnittlich gebildete EuropΓ€er assoziieren die uhrmacherischen Leistungen des Inselvolkes mit seiner KΓΌche: stark zurΓΌckgeblieben.
VERBORGENE SCHΓTZE. Bis auf ein paar Spezialisten hat kaum jemand eine Vorstellung von der Bedeutung der englischen Uhrmacherei des 18.ββJahrhunderts. Dabei erfand Graham den Chronographen und Arnold die Repetition, die einzige MΓΆglichkeit der nachtsicheren Zeitansage.
Moser-Chef JΓΌrgen Lange schliesslich bekennt freimΓΌtig, sich erst im Welschland umgeschaut zu haben, bevor er den Schatz vor der eigenen HaustΓΌr entdeckte. Der Ingenieur fΓΌr Feinwerktechnik und vormalige technische Direktor von IWC Schaffhausen war auf der Suche nach einer alten Marke, die er wiederbeleben wollte.
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Auf die Idee mit Heinrich Moser kam er erst zuletzt. Dabei war Moser (1805β1874) weit mehr als ein bedeutender Uhrmacher mit einer Fabrik in Le Locle und einem florierenden RusslandgeschΓ€ft. Er war ein grosser Industrieller (SIG Neuhausen) und mit seinem Moser-Damm in Schaffhausen ein echter Industriepionier β ohne Moser und seinen Energiedamm keine IWC Schaffhausen.
Und die Zukunft? Wenn alles gut geht, wird man dieses Jahr den Relaunch von Leroy erleben. Die Namensrechte am grossen franzΓΆsischen Marineuhrmacher hat jener Miguel Rodriguez erworben, der bereits Perrelet wieder beatmete. Sein CEO Marc Bernhardt arbeitet ernsthaft am Aufbau einer Produktion in BesanΓ§on. Dann wΓ€re die Uhrmacherei wieder auf beiden Seiten des Jura beheimatet.
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