London im Brexit-Katzenjammer? Von wegen. Drei Monate nach dem Referendum lรคuft die Maschine รถkonomisch und kulturell so geรถlt wie nie. Die Juwelen- und Uhrengeschรคfte an der edlen Bond Street erfreuen sich seit der Abstimmung an bis zu 20 Prozent mehr Umsatz, genauso wie das Traditionsgeschรคft Fortnum & Mason bei Piccadilly. Dazu gibt es viel mehr Touristen als im Vorjahr, der Anstieg ist vor allem bei den Chinesen rasant. Das ยซClaridge'sยป und das ยซDorchesterยป verzeichnen die besten Sommer- und Frรผhherbstmonate ihrer Geschichte.
Nach dem Referendum ist die Apokalypse also noch nicht eingetreten. Im Gegenteil: Die Stadt ist von einem ยซbemerkenswerten Post-Brexit-Boomยป (ยซEvening Standardยป) erfasst. Zum einen liegt er an der Pfund-Abwertung um 15 Prozent. Doch auch das Lebensgefรผhl scheint anders: Es ist, als hรคtte der Stromstoss vom 23. Juni noch mehr Energie freigesetzt in der laut Bรผrgermeister Sadiq Khan ยซbesten Stadt der Weltยป.
Erfindet sich als Designstadt neu
Neue Initiativen und Projekte jagen einander, als gรคlte es, der Welt zu zeigen, dass Londons Dynamik von keiner anderen Stadt zu รผberbieten ist. Gerade erfindet sich die Trendmetropole als Designstadt neu: mit einem Festival und der ersten Design-Biennale, die in den eleganten Rรคumen des Somerset House รผber die Bรผhne geht.
Im Stadtteil Kensington, wo sich die Dukes und Counts von den russischen und ukrainischen Millionรคren sowie den saudi-arabischen Scheichs immer mehr an den Rand gedrรคngt fรผhlen, รถffnet im November das neue Design Museum. Und wo gรคbe es dazu imponierendere Gebรคude als in der Hauptstadt eines ehemaligen Kolonialreichs? Das Museum findet im alten Glaspalast des Commonwealth Institute am Rande des lauschigen Holland Park Unterschlupf. Tom Dixon, der Star von Englands Designszene, betreibt seinen riesigen Shop mit Restaurant in den Portobello Docks.
Die Stadt wird zum Bienenhaus
Schon im Oktober wird London aber wegen der ยซFrieze-Wocheยป zum Bienenhaus. Die potentesten Sammler aus Shanghai, Miami und Abu Dhabi pilgern dann in die Zeltstรคdte der beiden Kunstmessen ยซFriezeยป und ยซFrieze Mastersยป im Regent's Park. In der Freiluft-Skulpturenausstellung werden die Eichhรถrnchen wieder zwischen den sรผndhaft teuren Kunstobjekten von Blue-Chip-Kรผnstlern aus aller Welt herumhรผpfen. Die verschwiegene Zunft der Kunsthรคndler vertraut ohnehin auf die globale Vernetzung der Metropole.
Galerien wie Hauser & Wirth oder Gagosian und mit ihnen die wichtigsten internationalen Kunsthรคndler erรถffneten in den letzten Jahren Filialen in London, und soeben hat sich auch Thaddaeus Ropac aus Salzburg einen imposanten Stadtpalast in Mayfair gesichert.
Ungezรผgelter Immobilien- und Finanzboom
Drรผben am Sรผdufer der Themse hat man den besten Blick auf das, was mit dieser Stadt in der letzten Dekade passiert ist, vor allem mit dieser Skyline, die von ihren Kritikern als ยซmessyยป bezeichnet wird. Wenn man auf der Aussichtsterrasse der neuen Tate Modern, des spektakulรคren, in Form einer Pyramide erbauten Annexes von Herzog & de Meuron steht, spricht der ungezรผgelte Immobilien- und Finanzboom der letzten Dekade tatsรคchlich unverblรผmt zu einem. Immerhin, die dekonstruierte Pyramide, die seit ihrer Erรถffnung im Juni tรคglich Zehntausende von kulturbeflissenen Menschen aufsaugt, hebt sich selbstbewusst von der architektonischen Unordnung ab.
Hier oben scheint das Brexit-Schreckensszenario - eine Stadtwรผste, in der Londons ikonische Wolkenkratzer, Norman Fosters ยซGherkinยป, Richard Rogers' ยซCheesegraterยป und Renzo Pianos ยซThe Shardยป, dereinst nur noch Symbole einer versunkenen Welt sind - jedenfalls um Lichtjahre weg. Nein, denkt man, diese Stadt, die in den siebziger Jahren noch die dรผster-graue Kapitale des ยซarmen Mannes Europasยป war, ist nicht so schnell kleinzukriegen. In der Pipeline stecken zudem eine ยซGarden Bridgeยป, eine Seilbahn รผber der Themse und ein Velo-Superhighway.
Jedes der Projekte soll die Acht-Millionen-Metropole menschenfreundlicher machen. Das grรถsste Projekt, die Crossrail, die den Grossraum London mit dem West End, der City und der Canary Wharf verbinden wird, soll als Konjunkturspritze wirken. Es ist das aufwendigste Eisenbahnprojekt Europas.
Der neue Hotspot und die coolste Strasse
Das Selbstbewusstsein der Londoner ist jedenfalls nicht kleiner geworden. ยซSie werden weiterhin unsere Rolls-Royces kaufen, und wir werden nicht damit aufhรถren, ihre Mercedes zu kaufenยป, sagt ein Antiquitรคtenhรคndler, der in seinem Geschรคft an der Chiltern Street im Marylebone-Quartier seit รผber 30 Jahren viktorianische Mahagoni-Mรถbel und vergoldete Spiegel verkauft. Sein Ladengeschรคft liegt im Epizentrum der Trendstadt, seit der ยซCondรฉ Nast Travellerยป seinen Strassenzug zur ยซcoolsten Strasse Londonsยป geadelt hat.
Grund dafรผr sind Dutzende von Independent Shops und Boutiquen, aber auch der neue Hotspot, das ยซChiltern Fire Houseยป schrรคg gegenรผber. Die ehemalige Feuerwehrstation aus dem Jahr 1889, die vom Hotel- und Restaurant-Tycoon Andrรฉ Balazs zum chicsten Hotel der Stadt umgebaut wurde, wird von Leuten wie Kate Moss und David Cameron frequentiert. Der Mann der Traditionen wundert sich รผber die getunten Ferraris, die hier seit kurzem aufkreuzen, und den Bikini-Laden, der ein paar Schritte weiter wenige Zentimeter grosse Stoffteile fรผr 200 Pfund verkauft.
Coffeeshops mit Dutzenden von Kaffeesorten und eine nordische Bรคckerei haben geรถffnet, und schrรคg gegenรผber hรคlt Kate Moss' Lieblingsdesignerin, Bella Freud - die Urenkelin des Psychoanalytikers Sigmund und Tochter des Malers Lucian - , mit ihrer ersten Boutique Hof. Eine litauische Schรถnheit amtet dort als Verkรคuferin, daneben hat eine Griechin ihren Concept Store angesiedelt. Unterhalb des Piccadilly Circus, am Haymarket, hat der Dover Street Market einen neuen Flagship Store erรถffnet, in Ausmass wie Prรคsentation museal.
Lange vorher reservieren
Kein Trend, der nicht in London seine grosse Bรผhne bekรคme. Im neuesten In-Restaurant in Notting Hill, der ยซFarmaciaยป von Camilla Fayed, der Tochter des frรผheren Harrods-Besitzers, wird vegane Kรผche zelebriert. Man muss mehrere Wochen im Voraus reservieren, um Schulter an Schulter mit Stella McCartney oder Eugenie Niarchos in den Genuss obskurer Superfood-Salate zu kommen. Im Daylesford Organic Food Store, der Kรคse und Fleisch von der eigenen Farm verkauft, stehen sich die ยซYummie Mummiesยป von Notting Hill die Sneakers platt. Allabendlich bildet sich eine Schlange vor den Hotspots der internationalen Kรผchen, etwa dem ยซBaoยป (taiwanesisch) in Soho und dem ยซPalomarยป (israelisch) im Theatre District.
Die Stadt fรผhlt sich noch immer als der dynamischste Bauchnabel der Welt und gibt sich als Schnittpunkt der Kulturen. Und: Wie immer erfindet sie sich gerade wieder neu. Daran ist, nebst den Kreativunternehmern der Stadt, auch der neue Labour-Bรผrgermeister Sadiq Khan beteiligt. Der Sohn eines pakistanischen Buschauffeurs hat die Kommunikationskam pagne ยซLondon Is Openยป lanciert, mit der Absicht, allfรคlligen isolationistischen Gefรผhlen entgegenzuwirken.
Mit der Aktion, die auf Postern jedermann in der Stadt willkommen heisst, geniesst er von links bis rechts, bei Kreativen wie bei Bankern, viel Sympathie: ยซZu den Good News aus London gehรถrt der neue Bรผrgermeisterยป, findet etwa Hans Ulrich Obrist, der einflussreiche Schweizer Direktor der Serpentine Galleries. ยซEr ist ein brillanter Mann und setzt jetzt auch noch einen Nacht-Bรผrgermeister ein, der London zur 24-Stunden-Stadt machen soll.ยป Kรผrzlich wurde tatsรคchlich die Night Tube, die Nacht-U-Bahn, inauguriert. Davon verspricht man sich noch mehr Schub.
Der Optimismus รผberwiegt
Natรผrlich ist es noch zu frรผh, um zu sagen, was mit London nach dem Brexit geschieht, ob die Banker und Start-up-Grรผnder wirklich scharenweise nach Frankfurt und Berlin abziehen. Aber die Englรคnder sind bekanntlich Pragmatiker, und es herrscht ein gesunder Zweckoptimismus. ยซLondon wird nicht fallen. Sein Fundament ist zu starkยป, sagt Richard Brooks, Wirtschaftsjournalist bei ยซPrivate Eyeยป, einer britischen Institution fรผr Satire und investigativen Enthรผllungsjournalismus.
Er sitzt รผber Mittag in einem italienischen Cafรฉ am Soho Square, unweit der Redaktionsbรผros, und nippt an einem Latte macchiato, auf den wohl kein Londoner mehr verzichten wollte. ยซDie aktuelle Regierung wird alles daransetzen, dass London als fรผhrendes Finanzzentrum Europas bestehen bleibt.ยป
Londons Vorteile - die englische Sprache, die Infrastruktur, die Attraktivitรคt - verschwinden nicht รผber Nacht. Der CEO der Canary Wharf Group, George Iacobescu, sieht jedenfalls der Zukunft gelassen entgegen, wie er kรผrzlich erklรคrte: ยซLondon erlebt immer wieder von neuem eine Renaissance.ยป Es ist die Stimme des Mannes, der nach der Deregulierung der englischen Finanzmรคrkte 1986 die Glaspalรคste fรผr HSBC, Citigroup, Credit Suisse und Barclay's in den Docklands hochgezogen hat. Die Mรถglichkeiten der Neuerfindung waren schon immer endlos.