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Radikal

Solar Impulse: So geht Boschberg an seine Grenzen

Für die Erdumrundung in der Solar Impulse 2 muss André Boschberg im 3.8 Kubikmeter grossen Cockpit ausharren, fünf Tage lang, bei maximal 20 Minuten Schlaf am Stück. Wie er das schafft.

Karen Merkel-Gyger

Die längsten Flüge aller Zeiten: Die Air Force One ist extrem ausdauernd. Sollte die Gefahr eines Terrorangriffs am Boden bestehen, kann die Maschine des US-Präsidenten sieben Tage am Stück in der Luft bleiben. Allerdings muss sie zwischendurch in der Luft betankt werden.
Flugzeugbauer sind immer ein Stück Abenteurer. Für Milliardär Steve Fossett endete seine Experimentierlust dramatisch: Er verschwand 2007 bei einem Flug und wurde erst über ein Jahr später tot aufgefunden. 2006 war aber ein glücklicher Moment: Fossett schaffte den längsten Flug aller Zeiten. 42'469 Kilometer flog er ohne Unterbrechung.
Auch für Solar-Impulse-Erbauer Betrand Piccard ist es nicht das erste Aviatik-Abenteuer: Dem Westschweizer gelang 1999 zusammen mit seinem Copiloten Brian Jones die erste Weltumrundung in einem Ballon ohne Zwischenhalt. Hier sieht man Piccards Ballon Breitling Orbiter 3 kurz vor dem Flug um die Welt.
Die erste Non-Stop-Erdumrundung gelang schon im Jahr 1949. Viermal musste die Maschine, der «Lucky Lady II» dafür in der Luft betankt werden. Sie war knapp vier Tage in der Luft und legte eine Strecke von 37'000 Kilometern zurück. flickr/CC/Public.Resource/Org
Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Rekorde noch etwas bescheidener. Louis Blériot überquerte als erster den Ärmelkanal, das war im Jahr 1909...
...das Modell seines Fliegers, Blériot XI, wurde auch an der Luftfahrtschau in Payerne 2014 nochmal in Aktion gezeigt. 800 Stück gab es in dieser Ausführung.
Der erste Solo-Nonstop-Flug über den Atlantik gelang Charles Lindbergh im Jahr 1927. Er steuerte sein Flugzeug "Spirit of St. Louis" von New York nach Paris. Die Atlantiküberquerung verschaffte dem US-Piloten weltweiten Ruhm.
Die schnellste Überquerung schaffte die Concorde: Das Überschallflugzeug hat nicht nur wegen der eleganten Form einen speziellen Platz in der Luftfahrtgeschichte. 1996 gelang einem Piloten darin die schnellste Atlantik-Überquerung in einem kommerziellen Linienflugzeug: Die Concorde benötigte von New York nach London lediglich 2 Stunden, 52 Minuten und 59 Sekunden.
Der längste Linienflug der Welt ist heute ist heute die Strecke von Sydney, Australien, nach Dallas, USA. Die A380 der Qantas Airline braucht für die Distanz von 13'808 Kilometern fast 15,5 Stunden.
Bis 2013 gab es noch einen Flug mit einer grösseren Distanz: In rund 18 Stunden flog Singapore Airlines von Singapur nach New York. Um die Strecke von 16'600 Kilometern zu bewältigen, musste die Maschine den starken Wind des Jetstreams ausnutzen. 
Keystone/Bloomberg
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RMS

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Pilot André Borschberg hat sich gedulden müssen. Fast einen Monat hat es gedauert, bis er die längste Etappe der Erdumrundung in der Solar Impulse 2 angehen konnte. Jetzt hat er bereits drei Viertel der Strecke geschafft – 80 Stunden Dauerflug.
Es gibt kein Zurück mehr: Eine Landung vor dem Ziel in Hawaii ist unmöglich. Borschberg muss die gesamte Distanz von 7900 Kilometer in einem Rutsch schaffen. Sollte es Probleme geben, bleibt Borschberg nur der Absprung mit dem Fallschirm. Noch knapp zwei Tage muss der Pilot durchhalten.
Der siebte der zwölf Streckenabschnitte ist die Stunde der Wahrheit, die härteste Etappe. Sie zeigt, dass in der Idee, ohne einen Tropfen Benzin einmal rund um den Globus zu fliegen, wohl auch eine Portion Wahnsinn steckt. Wie in jedem wahren Abenteuer.
Ein Flug über fünf Tage, das ist länger als die gesamte erste Nonstop-Weltumrundung per Flieger brauchte. Die Piloten der «Lucky Lady II» im Jahr 1949 konnten nach 94 Stunden auf den Boden zurückkehren.

3.8 Kubikmeter grosses Cockpit

Mindestens 120 Stunden lang muss Borschberg aussharren im gerade mal 3.8 Kubikmeter grossen Cockpit. In dieser Zeit muss Borschberg fit und konzentriert bleiben, ohne aufstehen zu können. Und dabei kann er am Stück maximal 20 Minuten schlafen.

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Normalerweise hat ein Mensch, der nicht schläft, die geistige Leistungsfähigkeit eines Betrunkenen. «Die Konzentrationsfähigkeit und die anhaltende Aufmerksamkeit eines Menschen ist durch Schlafentzug empfindlich eingeschränkt», sagt Schlafforscher Hanspeter Landolf von der Universität Zürich. «Eine einzige Nacht ohne Schlaf hat ähnliche Auswirkungen auf die kognitiven Leistungen wie eine Alkoholkonzentration von 0.8 bis ein Promille im Blut.»

Training für den Schlafmangel

Das heisst zum Beispiel: Menschen nicken bei Schlafmangel unkontrolliert weg und gehen mehr Risiken ein. Keine gute Idee, wenn man in einem Ein-Mann-Flieger mit knappen Stromreserven über dem Pazifik segelt.
André Borschberg allerdings hat den Schlafmangel trainiert. In einem Training in Dübendorf haben er und Piccard einen Simultanflug für 72 Stunden absolviert. Sie schliefen dabei im Rhythmus wie Borschberg jetzt während des Fluges, kurz, dafür zehn bis zwölf Mal am Tag. «Wir haben ihre Reflexe und ihre Gehirnaktivitäten während der gesamten Zeit alle zwei Stunden kontrolliert», sagt Raphael Heinzer vom Schlafforschungszentrum Lausanne, der den Test betreut hat. «Ihre Werte waren am dritten Tag nicht schlechter als am ersten.»

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Die Flugsimulation in Dübendorf im Video:
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Meditation und Selbsthypnose

Borschberg setzt der Extrembelastung während des Fluges spezielle Übungen entgegen. In den Kurzschlaf versetzt sich der studierte Psychiater per Meditation und Selbsthypnose. Seinen Kreislauf hält er mit Yoga fit, sein Yoga-Lehrer kann ins Cockpit zugeschaltet werden.
Weitere Herausforderungen: Eine Klimaanlage im Flugzeug hätte zu viel Energie gefressen, darum schwanken die Temperaturen im Cockpit zwischen minus 20 und Plus 30 Grad Celsius. Einziger Ausgleich, der für den Piloten möglich ist: über seine Kleidung.

Atemluft wie auf dem Mount Everest

Neben den Temperaturen muss André Borschberg auch seine Atemluft regulieren. In einer Höhe von 8000 Metern atmet der Pilot eine ähnliche Luft wie auf dem Gipfel des Mount Everest – darum muss er ab einer Höhe von 3600 Metern Sauerstoff per Maske zuführen.
Die Sauerstoffvorräte muss der Pilot dabei ebenso klug einteilen wie den Strom für den Motor. Die Nacht muss der Flieger mit der am Tag gespeicherten Energie schaffen. Die 630 Kilogramm schweren Akkus machen ein Viertel seines Gesamtgewichtes aus. Bis zu fünf Stunden verbringt die Solar Impulse 2 nachts im Gleitflug, um Energie zu sparen.

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Der Flug der Solar Impuls 2 ist ein Wagnis. Wenn sie hoffentlich glücklich in Hawaii auf der Landebahn aufsetzen wird, kann das Team der Weltenflieger gleich zwei grandiose Leistungen feiern: den Triumph der Technik des Solarfliegers. Und den Sieg des Piloten über sich selbst.

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