18.11.2012 | 13:00
Von:
Mathias Binswanger
 

Mathias Binswanger: Im Dienste der Sinnlosigkeit

Zur Entwicklung des Landes eignen sich Olympische Spiele nicht – als Beschäftigungsprogramm mit fraglichem Nutzen hingegen schon.

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Alle paar Jahre wird die Schweiz von einer künstlich inszenierten Olympiaeuphorie erfasst. Denn kein anderes Grossprojekt bietet eine vergleichbare Chance, in so kurzer Zeit ganze Gegenden zu überbauen, ohne sich um so ­lästige Dinge wie langfristigen Nutzen oder Landschaftsverträglichkeit kümmern zu müssen. Im ­neuesten Fall betrifft es das Bündnerland und seine Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2022. Zwar sagten die Bündner Stimmbürger bereits im Jahr 1988 Nein zu einer weiteren Winterolympiade in ihren Bergen, doch nach 25 Jahren kann man es ja nochmals versuchen. Spätestens im November 2013 muss die Bündner Kandidatur beim Internationalen Olympischen Komitee angemeldet werden, und entsprechend wird jetzt die Werbetrommel gerührt. Ganz vorne dabei ist auch Bundesrat Ueli Maurer, der bereits jetzt im Eilverfahren unter Umgehung der normalen Vernehmlassungsfrist eine Defizitgarantie des Bundes von einer Milliarde Schweizer Franken abgeben möchte.

Grosse Projekte rechtfertigen eben auch einen grosszügigen Umgang mit der Demokratie. Das Geld wird nämlich gemäss Maurer nicht nur für die Olympischen Spiele ausgegeben, sondern dient der Finanzierung eines Entwicklungsprogrammes für die Schweiz. Die lange Erfahrung mit Olympiaden lehrt uns allerdings etwas ganz anderes. Olympiaden sind nicht langfristige Entwicklungsprogramme, sondern oft kurzfristige Beschäftigungsprogramme, wie sie von John Maynard Keynes in den dreis­siger Jahren zur Zeit der Grossen Depression vorgeschlagen wurden. Er ­argumentierte damals, dass sich auch eine staatliche Finanzierung vollkommen sinnloser Aktivitäten positiv auf die Wirtschaft auswirken könne, da sich auf diese Weise die Einkommen erhöhen würden und damit die ­gesamtwirtschaftliche Nachfrage wieder ansteige. Keynes erwähnte dabei das Beispiel von Arbeitern, die einen Graben ausheben und ihn nachher wieder zuschütten.

Wer noch an der Sinnlosigkeit und damit am keynesianischen Charakter Olympischer Winterspiele zweifelt, soll sich doch einmal in Calgary, ­Albertville, Lillehammer oder Nagano umschauen, wo monumentale Bauruinen davon zeugen, dass Olympiaden keine Entwicklungsprojekte sind. Der einzige nachhaltige Effekt besteht in der Zerstörung von traditionellen Ortsbildern und Landschaften, was dem Tourismus nicht nützt, sondern schadet. Zwar wird beim jetzt vorliegenden Bündner Projekt versprochen, dass dieses Mal alles ganz anders sein werde. Es ist von einem «bescheidenen Projekt» die Rede, bei dem Nachhaltigkeit sowie die Rücksicht auf Natur und örtliche Gegebenheiten absolut zentral seien. Doch solche Töne waren auch schon vor anderen Olympischen Spielen zu hören.

Letztlich gibt es nur eine Massnahme, welche die «echte Nachhaltigkeit» Olympischer Spiele garantieren kann und gleichzeitig auch noch deren keynesianischen Charakter vervollständigt. Man müsste von Anfang an verpflichtend festlegen, dass olympische Dörfer, Sprungschanzen oder Eiskanäle nach den Spielen wieder abgerissen werden und der Originalzustand von Ort und Landschaft hergestellt wird. Auf diese Weise würden die Spiele eine noch stärkere Wirkung in der lokalen Wirtschaft entfalten. Noch besser und viel billiger wäre allerdings eine andere Variante: der Verzicht auf die Durchführung Olympischer Winterspiele. Die Bündner Stimmbürger können diese Option nächstes Jahr noch wahrnehmen.

 

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

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