Wintersportorte: Gut in Form

Dem Winter gehen Schnee, Gäste und Ideen aus, heisst es. Und nun versetzt der starke Franken viele in Panikstimmung. Doch der Vergleich der wichtigsten Alpendestinationen zeigt: Schweizer ­Wintersportorte können mit dem Ausland mithalten. Punkto Qualität ist Zermatt die unangefochtene Nummer eins.

VonClaus Schweitzer
13.11.2011

Die Buchungssituation für diesen Winter ist exzellent – alleine aus der Schweiz ­erwarten wir eine Steigerung von rund fünf Prozent», sagt Hermann Fercher, Tourismuschef der mondänen Vorarlberger Ski­destination Lech/Zürs. «Ausserdem zeichnet sich eine Zunahme von Gästen aus den Ostmärkten, Nordeuropa und Übersee ab.»

Auch den Kurdirektoren in den Tiroler Wintersportregionen steht die Vorfreude auf eine erfolg­reiche Saison ins Gesicht geschrieben. «Die Nachfrage aus der Schweiz ist derzeit so extrem wie nie zuvor», so Ischgl-Impresario Andreas Steibl. Sein Kollege Martin Ebster, touristischer Geschäftsführer von St. Anton am Arlberg, stellt schon seit einigen Jahren «einen hohen Zuwachs von Schweizer Gästen» fest und sieht «das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht». Den durch die angespannte Währungs­situation angeheizten Österreich-Hype bewertet Oliver Schwarz, Direktor von Ötztal ­Tourismus, als glänzende Gelegenheit, das Tirol für neue Gäste ­zu erschliessen: «Diese Chance müssen wir nutzen!»

Im weissen Rausch. Während in Westösterreich ­derzeit eine Goldgräberstimmung wie zur gros­sen Wellnesswelle Anfang der neunziger Jahre herrscht, ist die Gemütslage in den Schweizer ­Alpendörfern gedrückt. Nach dem Schrecken der überwiegend miserablen Sommersaison fürchten sich viele vor den weiteren Auswirkungen der Euro- und Dollarbaisse gegenüber dem Franken. «Es muss mit einem Rückgang der Gäste­zahlen im zweistelligen Prozentbereich gerechnet werden», warnt Pascal Schär, Tourismusdirektor von Saas-Fee im Wallis. Der ­einstige Winter-Selbstläufer Graubünden, der in den vergangenen neun Monaten den deutlichsten Logiernächte-Rückgang erlitt (minus 6,9 Prozent), ­reagiert mit einer Erhöhung der Werbemassnahmen von 2 auf 4,84 Millionen Franken. Hauptziel ist die Ankur­belung des wichtigsten Auslandmarkts, Deutschland. Zudem werden auf politischer Ebene Hilfspakete für die Hotellerie diskutiert, beispielsweise eine Mehrwertsteuer­senkung von derzeit 3,8 Prozent auf null.

Viele Skiorte und Leistungsträger haben ­bereits den Panik-Knopf gedrückt, verzweifelt hoffend, dass die bereits als «starke Aktion» angepriesene Discountpolitik ihre Wirkung tut. So verschenkt die Bündner Gemeinde Davos für jeden Hotelaufenthalt vor Weihnachten einen Skipass. Das Gleiche offeriert Saas-Fee im Januarloch und nach Ostern. Gäste der Schwesterhotels Belvédère, GuardaVal und Belvair in Scuol im ­Unterengadin werden gar über den ganzen Winter vom kostenlosen Skiabo pro­fitieren. Wer in einem Hotel im bündnerischen Lenzerheide weilt, erhält in den Selbstbedienungs-Bergrestaurants das Essen zum halben Preis. Der Walliser ­Familienskiort Grächen setzt kurzerhand auf einen fixen Euro-Wechselkurs von 1.35 Franken und All-inclusive-Tarife mit Skischule und Kinderhort. Das «Waldhaus Sils» in Sils Maria im Engadin, bislang jeglichen Aktionen abhold, spendiert diesen ­Winter jedem Hotelgast, der mindestens vier Nächte bleibt (auch ­Kindern ab vier Jahren), einen 200-Franken-Gutschein, den man wahlweise für Skipass, Skischule oder für Einkäufe in den beiden Sportgeschäften im Ort ein­lösen kann.

Harter Verdrängungswettbewerb. Die ­heimischen Skiorte kämpfen derzeit an drei Fronten: Erstens sind Ferien in der Schweiz für Gäste aus den Euroländern, Grossbritannien und den USA durch den starken Franken um 15 bis 25 Prozent teurer geworden. Zweitens kommen die Schweizer dank dem günstigen Euro ­vermehrt auf den Geschmack von ausländischen Winterdestinationen. Und drittens stagniert der Wintersporttourismus seit Jahren, sodass in erster Linie Markt­anteile verteidigt werden müssen und wenig Ressourcen für landesübergreifende Anstrengungen zur Revitalisierung des Schneesports insbesondere bei der Facebook-Generation übrig bleiben.

Martin Ebster aus St. Anton macht deutlich: «Wenn es uns nicht mit ver­einten Kräften gelingt, den urbanen Menschen die Faszination der Berge, die Kraft der Natur und das Erlebnis von stiebendem Schnee zu vermitteln, werden in ­unserer multioptionalen Zeit die Stranddesti­nationen, Kreuzfahrten und andere, teilweise markant preisgünstigere Reise­formen frohlocken.»

Auch Daniel Luggen, Kurdirektor von Zermatt im Wallis, muss zugeben, dass «den Alpen seit der Erfindung der Carving-Ski die grossen Innovationen fehlen», doch lässt er sich den Teufel nicht an die Wand malen. «Strukturell geht es Zermatt gut, unser Produkt stimmt, was sich in einer überdurchschnittlich treuen Stammkundschaft bemerkbar macht. Auch mit einem starken Franken wissen unsere Gäste, was sie in Zermatt dafür bekommen – weshalb wir nach wie vor mit einer guten Saison rechnen.»

Tatsächlich hat Zermatt mit 37 Viertausendern rund ums Matterhorn, der unvergleichlichen Hüttenkultur und der hohen Schneesicherheit – 70 Prozent der Pisten können künstlich beschneit werden oder liegen auf Gletschern – Schneesportlern viel zu bieten. Dass es darüber hinaus ein zeitgemässes Lebensgefühl und entsprechende visuelle Strategien braucht, hat eine junge Generation mitreissender Unternehmer erkannt, die miteinander statt gegeneinander arbeiten und alle Register ziehen, um sich nicht von der alten Garde im Ort ausbremsen zu lassen. Der bekannteste unter ihnen, Heinz Julen, hat dieser Entwicklung den Weg geebnet. Doch tragen auch visionäre Macher wie Thomas Sterchi, der das Musikfestival «Zermatt Unplugged» in nur fünf Jahren zu einer unverzichtbaren Marke entwickelt hat, und Daniel Lauber, der im «Cervo Mountain Boutique Resort» mit aufregend ­perfekter Imperfektion verblüfft, massgeblich zu einer frischen Dynamik am Matterhorn bei, ohne dabei den Charme und die Echtheit des Winterparadieses zu beeinträchtigen.

Konkurrenzloses Profil. Dass Zermatt die Zeichen der Zeit erkannt hat, spiegelt sich im qualitativen BILANZ-Vergleich der besten Wintersportdestinationen im Alpenraum (siehe Tabelle auf Seite 110): Kein Skiort schneidet besser ab, ausserdem stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis, wie die Modellrechnung zeigt, die BILANZ für die Hochsaisonperiode vom kommenden Februar erstellt hat.

Um Birnen mit Birnen und Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen, hat BILANZ die Winterdestinationen in «Weltmarken», «Allrounder» und «Familiäre» unterteilt. Überraschend: In der Kategorie der ­Weltmarken bestätigt die Schweiz ihren teuren Ruf mehrheitlich nicht. Ein ­genussfreudiges Ehepaar, das sich eine Woche Skiferien in einem Fünfsterne­hotel in Davos, Zermatt, Gstaad oder Verbier leistet, bezahlt trotz hohem Franken deutlich weniger als in Lech/Zürs oder auf dem savoyischen Jetset-Tummelplatz Courchevel – aber fast immer mehr als im italienischen Cortina.

Lediglich die Region St. Moritz/Engadin – angebotsmässig in fast jeder Hinsicht top – untermauert das Klischee der Hochpreisinsel Schweiz. Insbesondere für Familien ist das Engadin preislich kaum konkurrenzfähig. Da gut 42 Prozent der Gäste aus den Euroländern, Grossbritannien und den USA stammen, spricht die Tourismus­chefin der Region, Ariane Ehrat, von einer «grossen Herausforderung für die Wintersaison und die nächsten zwei, drei Jahre». Angesichts der verschärften Situation hat sie das aus bisher 13 Märkten bestehende Portfolio um Indien und Brasilien erweitert. Auch die derzeit 123 illustren Markenbotschafter, die in persönlichen Statements erklären, warum sie im Engadin glücklich werden, sind ein cleverer Schachzug. Vor allem aber motiviert Ariane Ehrat die Leistungs­träger vor Ort, einen klaren Mehrwert für die Gäste zu schaffen – womit sie zwar oftmals auf verlorenem Posten steht, da die St. Moritzer Luxus­hotels ­weniger durch wertschätzende ­Belohnungen als vielmehr durch ungeahnten Nebenkosten auffallen.

So wundert sich der bahnreisende Gast, dass ihm im «Suvretta House» 15 Franken für den Abholservice vom Bahnhof berechnet werden, im «Kulm Hotel» wird der Garagenplatz mit 33 ­Franken pro Tag abgebucht, im «Kempinski Grand Hotel des Bains» ist mit ­gesalzenen Weinpreisen zu rechnen, und im «Badrutt’s Palace» schlägt einem der Halbpensionszuschlag von 160 Franken pro Person und Tag auf den Magen.

Die Neuheiten im schillernden Hochtal Engadin: In Champfèr wird Anfang Dezember das «Giardino Mountain» als luxuriöses Boutiquehotel mit Alpine-Chic eröffnen. Im benachbarten Gourmettempel «Talvò» löst Spitzenkoch ­Martin Dalsass nach fast zwanzig Jahren Roland Jöhri ab. In Brail startet das «In Lain Hotel Cadonau» mit elf geräumigen Traumsuiten. Eine ungewöhnliche Übernachtungsmöglichkeit findet sich neu auf Muottas Muragl – dort können auf 2456 Metern Höhe maximal 20 Gäste im Igludorf absteigen. Derzeit läuft die Machbarkeitsstudie, um die Olympischen Winterspiele 2022 nach St. Moritz und Davos zu holen. Auch die Prestigefrage nach der Host City wird geklärt, und es bleibt zu hoffen, dass über allen Futterneid hinweg die unternehmerische ­Weitsicht obsiegt.

Echte Wertschätzung. Lech/Zürs, Österreichs beste Skidestination, verfügt über ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal: Die meisten Hotels haben direkten Pistenanschluss. Entsprechend steht hier das Skifahren noch im Mittelpunkt. Die grossen Schneemengen, die mit schöner Regelmässigkeit über der Arlbergregion fallen, sorgen für überdurchschnittliches Pulverglück. Zur Exklusivität von Lech trägt auch bei, dass an Grossandrangs-Wochenenden die Tore für Tagesgäste ­geschlossen bleiben und zwei Gipfel zum Heliskiing angeflogen werden können. Ausserdem leidet der Ort nicht unter der Parahotellerie – es gibt hier nur etwa 100 Ferien- oder Zweitwohnungen. Ebenfalls vorbildlich: 85 Prozent des Energie­bedarfs werden mit erneuerbarer Energie abgedeckt. Ziel ist gar die totale Selbstversorgung.

In der Kategorie der Allrounder liegen die Tiroler Skigebiete sowohl in qualitativer Hinsicht (Kitzbühel, Ischgl) wie auch im Preis-Leistungs-Verhältnis (Sölden, Ischgl, St. Anton, Kitzbühel) vor den Schweizer Winterregionen.

Kitzbühel schafft es wie sonst nur St. Moritz, zahllose Alternativen für Nichtskifahrer und Schlechtwettertage anzubieten – und käme auch fast ohne Skigebiet aus. Nur ein Drittel aller Wintergäste fährt Ski, alle anderen liegen auf Sonnenterrassen und in Spa-Einrichtungen, bummeln durch Flagship Stores schicker Marken, führen sich selbst ein bisschen spazieren und geben sich kulinarischen Genüssen hin, etwa im neuen Luxushotel «Grand Tirolia», das klassisch Tirolerisches mit Anleihen aus den Rocky Mountains kombiniert.

Zwar legt Sölden den Fokus etwas einseitig auf den Klamauk am Berg und den Après-Ski-Rummel im Dorf, doch fällt – wie bei allen führenden österreichischen Skiorten – das enorme Gastbewusstsein auf. Hier muss man keinem Kind, keinem Kellner und keiner Kiosk­verkäuferin ­erklären, woher das Geld kommt. Nämlich vom zufriedenen Kunden. Die überwiegend einheimischen Mitarbeiter haben ihre Rolle als herzlich-professionelle Gastgeber verinnerlicht – nicht nur im sensationellen neuen Hotel «Bergland», dessen gelebtes Motto «Yes we can, yes we care» heisst, sondern auch am Ticketschalter und in der ­Bäckerei. Sicher wirken auch im Bündnerland, im Berner Oberland und im Wallis viele gute Geister, doch einen derart konstant hohen Grad der Gast­freund­schaft und einen solchen Lokalstolz wie in Sölden sucht man in der Schweiz vergeblich. Anders als bei unseren östlichen Nachbarn fehlt es zudem manchen Schweizer Gemeinden an einem wirklichen Tourismusbewusstsein: Anstatt sich effizient auf die Bedürfnisse der Gäste zu konzentrieren, legt man sich gegenseitig lahm.

Wo Familien Könige sind. Bei den familiären Winterdestinationen punktet das ­österreichische Serfaus mit sehr viel Leistung fürs Geld. Am deutlichsten vorwärts bewegt sich allerdings die Ski­region Alta Badia inmitten des Unesco-Weltkultur­erbes der imposanten Südtiroler Dolo­miten. Immer mehr Schweizer nehmen die fünfstündige Anfahrtszeit nach Corvara oder San Cassiano im Hochabteital auf sich, um das entspannte Ambiente im führenden Ski-Dorado Ita­liens zu ent­decken.

Das Einzigartige an Alta Badia, das dem nahen Cortina den Rang ab­gelaufen hat, ist die Kombination aus Wintersport und Genuss. Kaum eine ­Abfahrt, die nicht an einer gemütlichen Hütte vorbeiführt. Ein spek­takuläres ­Naturerlebnis für Skifahrer jeder Stufe ist die Sella Ronda, ein 26 ­Pistenkilometer langer Parcours rund um das Sella-­Massiv.

Auf Schweizer Seite kann sich Arosa vor Saas-Fee, Lenzerheide und Adel­boden/Lenk positionieren. Der Bündner Skiort lockt mit alpiner Authentizität, hoher Schneesicherheit und dem kinderfreundlichsten Winterangebot im Land. Der oftmalige Kritikpunkt, die wenig ­abwechslungsreichen Skipisten, gehört ­vielleicht bald der Vergangenheit an. Am 27. November wird einmal mehr über eine – raumplanerisch optimierte und ­finanziell abgefederte – Skigebietsverbindung zwischen Arosa und Lenzerheide abgestimmt.

Ob es den Schweizer Alpendestinationen gelingt, die Krise als Chance zu ­nutzen, steht in den Sternen. «Essenziell bleibt, dass wir unsere Leistungen nicht über den Preis, sondern über ein ein­maliges Gesamtprodukt verkaufen», bringt es die in Pontresina im Engadin ansässige Tourismusberaterin Bettina Plattner-Gerber auf den Punkt. Sie ist überzeugt: «Die Renaissance der Berge wird kommen – auch im Sommer.»

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Die Buchungssituation für diesen Winter ist exzellent – alleine aus der Schweiz ­erwarten wir eine Steigerung von rund fünf Prozent», sagt Hermann Fercher, Tourismuschef der mondänen Vorarlberger Ski­destination Lech/Zürs. «Ausserdem zeichnet sich eine Zunahme von Gästen aus den Ostmärkten, Nordeuropa und Übersee ab.»

Auch den Kurdirektoren in den Tiroler Wintersportregionen steht die Vorfreude auf eine erfolg­reiche Saison ins Gesicht geschrieben. «Die Nachfrage aus der Schweiz ist derzeit so extrem wie nie zuvor», so Ischgl-Impresario Andreas Steibl. Sein Kollege Martin Ebster, touristischer Geschäftsführer von St. Anton am Arlberg, stellt schon seit einigen Jahren «einen hohen Zuwachs von Schweizer Gästen» fest und sieht «das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht». Den durch die angespannte Währungs­situation angeheizten Österreich-Hype bewertet Oliver Schwarz, Direktor von Ötztal ­Tourismus, als glänzende Gelegenheit, das Tirol für neue Gäste ­zu erschliessen: «Diese Chance müssen wir nutzen!»

Im weissen Rausch. Während in Westösterreich ­derzeit eine Goldgräberstimmung wie zur gros­sen Wellnesswelle Anfang der neunziger Jahre herrscht, ist die Gemütslage in den Schweizer ­Alpendörfern gedrückt. Nach dem Schrecken der überwiegend miserablen Sommersaison fürchten sich viele vor den weiteren Auswirkungen der Euro- und Dollarbaisse gegenüber dem Franken. «Es muss mit einem Rückgang der Gäste­zahlen im zweistelligen Prozentbereich gerechnet werden», warnt Pascal Schär, Tourismusdirektor von Saas-Fee im Wallis. Der ­einstige Winter-Selbstläufer Graubünden, der in den vergangenen neun Monaten den deutlichsten Logiernächte-Rückgang erlitt (minus 6,9 Prozent), ­reagiert mit einer Erhöhung der Werbemassnahmen von 2 auf 4,84 Millionen Franken. Hauptziel ist die Ankur­belung des wichtigsten Auslandmarkts, Deutschland. Zudem werden auf politischer Ebene Hilfspakete für die Hotellerie diskutiert, beispielsweise eine Mehrwertsteuer­senkung von derzeit 3,8 Prozent auf null.

Viele Skiorte und Leistungsträger haben ­bereits den Panik-Knopf gedrückt, verzweifelt hoffend, dass die bereits als «starke Aktion» angepriesene Discountpolitik ihre Wirkung tut. So verschenkt die Bündner Gemeinde Davos für jeden Hotelaufenthalt vor Weihnachten einen Skipass. Das Gleiche offeriert Saas-Fee im Januarloch und nach Ostern. Gäste der Schwesterhotels Belvédère, GuardaVal und Belvair in Scuol im ­Unterengadin werden gar über den ganzen Winter vom kostenlosen Skiabo pro­fitieren. Wer in einem Hotel im bündnerischen Lenzerheide weilt, erhält in den Selbstbedienungs-Bergrestaurants das Essen zum halben Preis. Der Walliser ­Familienskiort Grächen setzt kurzerhand auf einen fixen Euro-Wechselkurs von 1.35 Franken und All-inclusive-Tarife mit Skischule und Kinderhort. Das «Waldhaus Sils» in Sils Maria im Engadin, bislang jeglichen Aktionen abhold, spendiert diesen ­Winter jedem Hotelgast, der mindestens vier Nächte bleibt (auch ­Kindern ab vier Jahren), einen 200-Franken-Gutschein, den man wahlweise für Skipass, Skischule oder für Einkäufe in den beiden Sportgeschäften im Ort ein­lösen kann.

Harter Verdrängungswettbewerb. Die ­heimischen Skiorte kämpfen derzeit an drei Fronten: Erstens sind Ferien in der Schweiz für Gäste aus den Euroländern, Grossbritannien und den USA durch den starken Franken um 15 bis 25 Prozent teurer geworden. Zweitens kommen die Schweizer dank dem günstigen Euro ­vermehrt auf den Geschmack von ausländischen Winterdestinationen. Und drittens stagniert der Wintersporttourismus seit Jahren, sodass in erster Linie Markt­anteile verteidigt werden müssen und wenig Ressourcen für landesübergreifende Anstrengungen zur Revitalisierung des Schneesports insbesondere bei der Facebook-Generation übrig bleiben.

Martin Ebster aus St. Anton macht deutlich: «Wenn es uns nicht mit ver­einten Kräften gelingt, den urbanen Menschen die Faszination der Berge, die Kraft der Natur und das Erlebnis von stiebendem Schnee zu vermitteln, werden in ­unserer multioptionalen Zeit die Stranddesti­nationen, Kreuzfahrten und andere, teilweise markant preisgünstigere Reise­formen frohlocken.»

Auch Daniel Luggen, Kurdirektor von Zermatt im Wallis, muss zugeben, dass «den Alpen seit der Erfindung der Carving-Ski die grossen Innovationen fehlen», doch lässt er sich den Teufel nicht an die Wand malen. «Strukturell geht es Zermatt gut, unser Produkt stimmt, was sich in einer überdurchschnittlich treuen Stammkundschaft bemerkbar macht. Auch mit einem starken Franken wissen unsere Gäste, was sie in Zermatt dafür bekommen – weshalb wir nach wie vor mit einer guten Saison rechnen.»

Tatsächlich hat Zermatt mit 37 Viertausendern rund ums Matterhorn, der unvergleichlichen Hüttenkultur und der hohen Schneesicherheit – 70 Prozent der Pisten können künstlich beschneit werden oder liegen auf Gletschern – Schneesportlern viel zu bieten. Dass es darüber hinaus ein zeitgemässes Lebensgefühl und entsprechende visuelle Strategien braucht, hat eine junge Generation mitreissender Unternehmer erkannt, die miteinander statt gegeneinander arbeiten und alle Register ziehen, um sich nicht von der alten Garde im Ort ausbremsen zu lassen. Der bekannteste unter ihnen, Heinz Julen, hat dieser Entwicklung den Weg geebnet. Doch tragen auch visionäre Macher wie Thomas Sterchi, der das Musikfestival «Zermatt Unplugged» in nur fünf Jahren zu einer unverzichtbaren Marke entwickelt hat, und Daniel Lauber, der im «Cervo Mountain Boutique Resort» mit aufregend ­perfekter Imperfektion verblüfft, massgeblich zu einer frischen Dynamik am Matterhorn bei, ohne dabei den Charme und die Echtheit des Winterparadieses zu beeinträchtigen.

Konkurrenzloses Profil. Dass Zermatt die Zeichen der Zeit erkannt hat, spiegelt sich im qualitativen BILANZ-Vergleich der besten Wintersportdestinationen im Alpenraum (siehe Tabelle auf Seite 110): Kein Skiort schneidet besser ab, ausserdem stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis, wie die Modellrechnung zeigt, die BILANZ für die Hochsaisonperiode vom kommenden Februar erstellt hat.

Um Birnen mit Birnen und Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen, hat BILANZ die Winterdestinationen in «Weltmarken», «Allrounder» und «Familiäre» unterteilt. Überraschend: In der Kategorie der ­Weltmarken bestätigt die Schweiz ihren teuren Ruf mehrheitlich nicht. Ein ­genussfreudiges Ehepaar, das sich eine Woche Skiferien in einem Fünfsterne­hotel in Davos, Zermatt, Gstaad oder Verbier leistet, bezahlt trotz hohem Franken deutlich weniger als in Lech/Zürs oder auf dem savoyischen Jetset-Tummelplatz Courchevel – aber fast immer mehr als im italienischen Cortina.

Lediglich die Region St. Moritz/Engadin – angebotsmässig in fast jeder Hinsicht top – untermauert das Klischee der Hochpreisinsel Schweiz. Insbesondere für Familien ist das Engadin preislich kaum konkurrenzfähig. Da gut 42 Prozent der Gäste aus den Euroländern, Grossbritannien und den USA stammen, spricht die Tourismus­chefin der Region, Ariane Ehrat, von einer «grossen Herausforderung für die Wintersaison und die nächsten zwei, drei Jahre». Angesichts der verschärften Situation hat sie das aus bisher 13 Märkten bestehende Portfolio um Indien und Brasilien erweitert. Auch die derzeit 123 illustren Markenbotschafter, die in persönlichen Statements erklären, warum sie im Engadin glücklich werden, sind ein cleverer Schachzug. Vor allem aber motiviert Ariane Ehrat die Leistungs­träger vor Ort, einen klaren Mehrwert für die Gäste zu schaffen – womit sie zwar oftmals auf verlorenem Posten steht, da die St. Moritzer Luxus­hotels ­weniger durch wertschätzende ­Belohnungen als vielmehr durch ungeahnten Nebenkosten auffallen.

So wundert sich der bahnreisende Gast, dass ihm im «Suvretta House» 15 Franken für den Abholservice vom Bahnhof berechnet werden, im «Kulm Hotel» wird der Garagenplatz mit 33 ­Franken pro Tag abgebucht, im «Kempinski Grand Hotel des Bains» ist mit ­gesalzenen Weinpreisen zu rechnen, und im «Badrutt’s Palace» schlägt einem der Halbpensionszuschlag von 160 Franken pro Person und Tag auf den Magen.

Die Neuheiten im schillernden Hochtal Engadin: In Champfèr wird Anfang Dezember das «Giardino Mountain» als luxuriöses Boutiquehotel mit Alpine-Chic eröffnen. Im benachbarten Gourmettempel «Talvò» löst Spitzenkoch ­Martin Dalsass nach fast zwanzig Jahren Roland Jöhri ab. In Brail startet das «In Lain Hotel Cadonau» mit elf geräumigen Traumsuiten. Eine ungewöhnliche Übernachtungsmöglichkeit findet sich neu auf Muottas Muragl – dort können auf 2456 Metern Höhe maximal 20 Gäste im Igludorf absteigen. Derzeit läuft die Machbarkeitsstudie, um die Olympischen Winterspiele 2022 nach St. Moritz und Davos zu holen. Auch die Prestigefrage nach der Host City wird geklärt, und es bleibt zu hoffen, dass über allen Futterneid hinweg die unternehmerische ­Weitsicht obsiegt.

Echte Wertschätzung. Lech/Zürs, Österreichs beste Skidestination, verfügt über ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal: Die meisten Hotels haben direkten Pistenanschluss. Entsprechend steht hier das Skifahren noch im Mittelpunkt. Die grossen Schneemengen, die mit schöner Regelmässigkeit über der Arlbergregion fallen, sorgen für überdurchschnittliches Pulverglück. Zur Exklusivität von Lech trägt auch bei, dass an Grossandrangs-Wochenenden die Tore für Tagesgäste ­geschlossen bleiben und zwei Gipfel zum Heliskiing angeflogen werden können. Ausserdem leidet der Ort nicht unter der Parahotellerie – es gibt hier nur etwa 100 Ferien- oder Zweitwohnungen. Ebenfalls vorbildlich: 85 Prozent des Energie­bedarfs werden mit erneuerbarer Energie abgedeckt. Ziel ist gar die totale Selbstversorgung.

In der Kategorie der Allrounder liegen die Tiroler Skigebiete sowohl in qualitativer Hinsicht (Kitzbühel, Ischgl) wie auch im Preis-Leistungs-Verhältnis (Sölden, Ischgl, St. Anton, Kitzbühel) vor den Schweizer Winterregionen.

Kitzbühel schafft es wie sonst nur St. Moritz, zahllose Alternativen für Nichtskifahrer und Schlechtwettertage anzubieten – und käme auch fast ohne Skigebiet aus. Nur ein Drittel aller Wintergäste fährt Ski, alle anderen liegen auf Sonnenterrassen und in Spa-Einrichtungen, bummeln durch Flagship Stores schicker Marken, führen sich selbst ein bisschen spazieren und geben sich kulinarischen Genüssen hin, etwa im neuen Luxushotel «Grand Tirolia», das klassisch Tirolerisches mit Anleihen aus den Rocky Mountains kombiniert.

Zwar legt Sölden den Fokus etwas einseitig auf den Klamauk am Berg und den Après-Ski-Rummel im Dorf, doch fällt – wie bei allen führenden österreichischen Skiorten – das enorme Gastbewusstsein auf. Hier muss man keinem Kind, keinem Kellner und keiner Kiosk­verkäuferin ­erklären, woher das Geld kommt. Nämlich vom zufriedenen Kunden. Die überwiegend einheimischen Mitarbeiter haben ihre Rolle als herzlich-professionelle Gastgeber verinnerlicht – nicht nur im sensationellen neuen Hotel «Bergland», dessen gelebtes Motto «Yes we can, yes we care» heisst, sondern auch am Ticketschalter und in der ­Bäckerei. Sicher wirken auch im Bündnerland, im Berner Oberland und im Wallis viele gute Geister, doch einen derart konstant hohen Grad der Gast­freund­schaft und einen solchen Lokalstolz wie in Sölden sucht man in der Schweiz vergeblich. Anders als bei unseren östlichen Nachbarn fehlt es zudem manchen Schweizer Gemeinden an einem wirklichen Tourismusbewusstsein: Anstatt sich effizient auf die Bedürfnisse der Gäste zu konzentrieren, legt man sich gegenseitig lahm.

Wo Familien Könige sind. Bei den familiären Winterdestinationen punktet das ­österreichische Serfaus mit sehr viel Leistung fürs Geld. Am deutlichsten vorwärts bewegt sich allerdings die Ski­region Alta Badia inmitten des Unesco-Weltkultur­erbes der imposanten Südtiroler Dolo­miten. Immer mehr Schweizer nehmen die fünfstündige Anfahrtszeit nach Corvara oder San Cassiano im Hochabteital auf sich, um das entspannte Ambiente im führenden Ski-Dorado Ita­liens zu ent­decken.

Das Einzigartige an Alta Badia, das dem nahen Cortina den Rang ab­gelaufen hat, ist die Kombination aus Wintersport und Genuss. Kaum eine ­Abfahrt, die nicht an einer gemütlichen Hütte vorbeiführt. Ein spek­takuläres ­Naturerlebnis für Skifahrer jeder Stufe ist die Sella Ronda, ein 26 ­Pistenkilometer langer Parcours rund um das Sella-­Massiv.

Auf Schweizer Seite kann sich Arosa vor Saas-Fee, Lenzerheide und Adel­boden/Lenk positionieren. Der Bündner Skiort lockt mit alpiner Authentizität, hoher Schneesicherheit und dem kinderfreundlichsten Winterangebot im Land. Der oftmalige Kritikpunkt, die wenig ­abwechslungsreichen Skipisten, gehört ­vielleicht bald der Vergangenheit an. Am 27. November wird einmal mehr über eine – raumplanerisch optimierte und ­finanziell abgefederte – Skigebietsverbindung zwischen Arosa und Lenzerheide abgestimmt.

Ob es den Schweizer Alpendestinationen gelingt, die Krise als Chance zu ­nutzen, steht in den Sternen. «Essenziell bleibt, dass wir unsere Leistungen nicht über den Preis, sondern über ein ein­maliges Gesamtprodukt verkaufen», bringt es die in Pontresina im Engadin ansässige Tourismusberaterin Bettina Plattner-Gerber auf den Punkt. Sie ist überzeugt: «Die Renaissance der Berge wird kommen – auch im Sommer.»

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