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Künstler-Rating 2011: Kunst-Karrieren

Rückkehr der Kaufstimmung, Revival der inhaltlichen Substanz, Triumph der jungen Aufsteiger: das BILANZ-Künstler-Rating 2011.

VonBrigitte Ulmer
12.06.2011

Im Kunstmarkt herrscht wieder Aufbruchstimmung. Wie weggefegt scheint der Kater, der die Finanzkrise und die dümpelnden Kunstverkäufe im Jahr 2007/08 begleitete. An den blühenden Mai-Tagen in New York war die bleierne Atmosphäre jedenfalls vergessen. Ein junger Schweizer Künstler, Urs Fischer, heimste sogar einen Überraschungserfolg ein: Seine sieben Meter hohe bemalte Bronzeskulptur in Form eines überdimensionalen Lampenschirms mit Teddybär war einem Bieter die Summe von 6,8 Millionen Franken wert.

Der Markterfolg bestätigt seinen Rang im BILANZ-Künstler-Rating 2011: Der 39-jährige, in New York lebende Schweizer ist vom letztjährigen Platz 14 auf Platz 7 vorgerückt. Seine Galeristin Eva Presenhuber – sie hat sechs der gelisteten Künstler im Programm – ist mit der Entwicklung denn auch zufrieden. «Die Mai-Auktionen in New York haben die erfolgreichen Karrieren von Ugo Rondinone und Urs Fischer untermauert. Der Sekundärmarkt hat den Primärmarkt ­bestätigt.» Die Marktleaderin im Bereich der zeitgenössischen Kunst, die kürzlich im Zürcher Maag-Areal neue Galerienräumlichkeiten bezogen hat, scheint auch sonst von der Entwicklung ihres Geschäfts erfreut zu sein. «Uns geht es sehr gut», sagt sie. «Die Entwicklung auf dem Markt für zeitgenössische Kunst ist sehr zufriedenstellend.»

Retro-Trend. Auktionen sind nicht die ganze Wahrheit. Aber sie sind ein guter Gradmesser für das von Stürmen und Flauten heimgesuchte Kunstmarktklima. Die Erfolgsnachrichten beziehen sich aber meist auf etablierte Kunst, auf gros­se Namen, hinter denen bereits wichtige Sammler und Museen stehen. In Krisenjahren ist gewöhnlich die Rückkehr zu traditionellen Techniken in Malerei und Zeichnung zu beobachten. Susanna Kulli, die mit Thomas Hirschhorn, John Arm­leder und Olivier Mosset gleich drei Künstler unter den ersten zehn ausweist, beobachtet einen Retro-Trend: «Der Rückgriff auf die achtziger Jahre und die Rückkehr zur totgesagten Malerei gehören zu den stärksten Tendenzen.»

Doch die Liste des BILANZ-Künstler-Ratings ist auch ein Beleg dafür, dass ­gerade experimentellere Positionen einen nachhaltigen Wert haben. Mit Fischli/Weiss (1, unverändert), Thomas Hirschhorn (2, Vorjahr: 7) und Roman Signer (3, unverändert) wird ein Schaffen von Künstlern honoriert, die unabhängig von Marktströmungen – Konservativismus, leicht konsumierbarem Glamour – konsequent ihren Weg beschritten haben, und zwar mit hintergründigen Skulpturen, Installationen und Fotografien, mit politisch aufgeladenen Material-Assemblagen und Collagen sowie mit Videos und Fotodokumenten von humorvollen situationistischen Happenings und experimentellen Aktionen.

Im Gegensatz zum internationalen Künstler-Rating des deutschen «Manager Magazins», wo die Malerei von Gerhard Richter und Georg Baselitz die obersten Ränge besetzt, scheint hierzulande ein besonders avanciertes Kunstverständnis vorzuherrschen. Eingefahrene Pfade verlassen Christoph Büchel (5, Vorjahr: 2) und Gianni Motti (13, Vorjahr: 16) mit installations- und aktionsbetonten Œuvres, die nicht leicht konsumierbar sind, sondern mit ihrer gesellschafts­kritischen Grundtönung selbst mit allen Wassern gewaschene Kunstkonsumenten herausfordern.

Vor allem die Kunst der jüngeren Garde, die sich im BILANZ-Künstler-­Rating den Weg nach vorne bahnt, bietet dem Sammler die Chance, nicht nur der Entwicklung vielversprechender Talente beizuwohnen, sondern dereinst wichtige Werke zu besitzen. «Wer jüngere Künstler sammelt, hat den Vorteil, dass er den Zugang zu späteren Hauptwerken hat», sagt Eva Presenhuber.

Zu den spannenden Positionen gehören neben Fabian Marti auch Yves Netzhammer (Platz 22, Vorjahr: 34), Kilian Rüthemann (Platz 14, Vorjahr: 26), Stefan Burger (Platz 18, Vorjahr: 32), Latifa Echakhch (Platz 26, Vorjahr 54), Gregory und Cyril Chapuisat (Platz 48, Vorjahr 79), Alain Huck (46, Vorjahr 60) und Loredana Sperini (43, Vorjahr: 161). Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich nicht auf ein Medium festlegen, sondern multimedial und oft raumgreifend arbeiten, mit zum Teil aufwendigen, komplexen Techniken.

Parallelwelten. Fabian Marti, ein 32-jähriger Freiburger, wurde in den letzten Jahren mit Preisen und Stipendien geehrt – aktuell mit dem Manor-Preis 2011 – und hat mit der Galerie Peter Kilchmann eine namhafte, international vernetzte Galerie im Rücken. Er setzt sich in Installationen, Fotogrammen und Skulpturen mit Parallelwelten und übernatürlichen Phänomenen auseinander. Wer ihn im Frühjahr in seiner «Dream Machine», einer sargähnlichen Kapsel aus furnierter Spanplatte, in der man durch Stroboskopeffekte in Trance gelangte, im Kunstmuseum Winterthur «performen» sah, fühlte sich in die Beat-Jahre mit ihren halluzinogenen Erfahrungen zurückversetzt. Mitten in den ehrwürdigen Hallen des klassizistischen Baus lässt Brion Gysin, der Dichter und Künstler der Beat Generation, grüs­sen.

In Fotogrammen schliesst Marti eine alte Bildgewinnungstechnik mit neusten digitalen Methoden kurz: Am Computer generiert er Zeichnungen, die er als Ink­jet-Print-Folien auf dem lichtempfindlichen Barytpapier anordnet und danach direkt belichtet. Die Alchemie alter fotografischer Labortechnik, mit der Künstler wie Man Ray experimentierten, verbindet der junge Schweizer mit der digitalen Technologie des 21. Jahrhunderts.

Marti, der bereits mit 28 Jahren das ­Istituto Svizzero in Rom bespielte – ein Ritterschlag in einer Szene, in der Aufmerksamkeit die stärkste Währung ist –, trägt einen Anzug, und seine Zapfen­locken reichen ihm bis über die Schultern. Er spielt die Rolle des Künstlers, die er in seinem Werk auch immer wieder hinterfragt, ausgezeichnet. «Ein Künstler kann sich die Freiheit nehmen, sich immer wieder neu zu erfinden», sinniert Marti. Mit einem inhaltlich stringenten Werk bahnt sich der Freiburger seinen Weg in die internationale Kunstarena.

Kunst ist so gesehen Marketing in seiner ausgereiftesten Form: Die Schöpfer bringen Dinge auf den Markt, die sich niemand explizit wünscht, die niemand für den täglichen Gebrauch benötigt und die doch Begehrlichkeiten wecken, die potenzielle Käufer an Auktionen zu Bietgefechten hinreissen.

Das Verdikt der BILANZ-Jury zeigt klar: Die Jahre der grellen Töne und der Leichtigkeit sind definitiv vorbei. Inhaltliche Substanz, eine nicht zuletzt politische Ernsthaftigkeit und raffinierte Techniken sind gefragt. «Es scheint, dass wieder mehr Tiefe, komplexe Inhalte und politische Meinungen Platz finden», ­bestätigt der Galerist Jean-Claude Freymond. Der Galerist hat mit Loredana Sperini, Stefan Burger und Elodie Pong (34, Vorjahr: 38) gleich drei der jüngeren erfolgreichen Künstler im Programm, die sich alle gegenüber dem Vorjahr substanziell verbessert haben. Sie konnten in Ausstellungen in hiesigen Kunsthallen und Museen auf sich aufmerksam machen und arbeiten an ihrem internationalen Durchbruch.

Emotionale Brüchigkeit. Loredana Sperini, eine 41-jährige Toggenburgerin, widmet sich einem vielgestaltigen Werk, das formal bestechend und von inhaltlichem Tiefgang ist. Mit Fragmenten von Porzellanfigürchen, die aus Berliner Häuser­ruinen stammen, schafft sie beunruhigende Skulpturen; mit faszinierenden Wachszeichnungen, Spiegelcollagen und Stickereibildern bringt sie die emotionale Brüchigkeit hinter den glatten Oberflächen zum Ausdruck. Ohne nach dem schnellen Erfolg zu schielen, entwickelt sie stetig ihr Werk und häutet sich ­beständig neu. Preise und Stipendien – etwas jenes von Landis & Gyr – geben ihr nicht nur inhaltlich Bestätigung und ­Renommée. «Geldpreise geben einem die Zeit, im Atelier weiterzuarbeiten, anstatt Geldjobs annehmen zu müssen», sagt sie.

Die Kunstwelt ist gemäss dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu ein Platz des Kampfs um die Vorherrschaft von Vorstellungen und Wertungen. Im Kunstmonopoly sind Kuratoren, Sammler, Museen und Kritiker für die Bewertung von Kunst ausschlaggebend. Doch institutionelle Ehren sind nicht gleichzusetzen mit Markterfolg. «Qualität ist nicht allein von der Resonanz im Kunstmarkt abhängig», sagt der Zürcher Galerist Jean-Claude Freymond.

Die Kunstwelt mit dem Kunstmarkt gleichzusetzen, ist eines der grossen Missverständnisse, die noch immer in den Köpfen herumgeistern. Nicht jeder Künstler produziert handelbare «Ware». Dennoch schaffen es einige, ihren Namen ins Kunst-Pantheon einzugravieren – möglicherweise wirkt ihr Erfolg gar nachhaltiger als der eines «Galerien-Künstlers».

Yves Netzhammer gehört zu ihnen. Der 40-jährige kahlgeschorene Schaffhauser gilt als Pionier der digitalen Kunst. Durch Einladungen zur Biennale Venedig und zur Documenta 2007 wurden ihm bereits höchste Weihen zuteil, von denen Kollegen nur träumen können. Vergangenes Jahr war er überdies an der Liverpool Biennial mit einer beeindruckenden Rauminstallation präsent, und das Kunstmuseum Bern richtete ihm vergangenes Jahr eine viel beachtete Einzelausstellung aus. Netzhammer schafft irritierende Parallelwelten in berückenden Animationsfilmen und raffinierten Rauminstallationen. Mit computergenerierten Zeichnungen, Animationsfilmen und imaginären, zwischen Konkretem und Abstraktem oszillierenden Räumen bildet Netzhammer Metaphern für emotionale Zustände.

Vernetzt und eigenständig. «Der imaginäre Raum ist für mich ein Experimentierfeld, um Gefühle und Gedanken auszuloten», sagt der Künstler, der soeben aus Shanghai zurückgekehrt ist, wo er im Minsheng Art Museum ausstellt. Ausstellungsbeteiligungen an renommierten Biennalen hätten zwar eine «unheimliche Rezeptionsmaschinerie in Gang gesetzt»; auf die Biennale Venedig folgte etwa die Einladung ans San Francisco Museum of ­Modern Art. Aber weil Netzhammer mit seiner Kunst nicht die kleinräumigen kommerziellen Galerien bedient, schlägt sich sein Erfolg nicht im gleichen Masse ökonomisch nieder. Gerade ein Künstler wie Netzhammer bietet für Sammler deshalb grosses Potenzial.

Was macht denn den Markterfolg aus? «Es ist immer noch die traditionelle Konstellation, dass ein Künstler an seinem Wohnort von einer guten Galerie vertreten ist, die ihm im Ausland wichtige ­Galerienkontakte vermittelt», sagt Eva Presenhuber. «Damit ist die Voraussetzung gegeben, dass seine Arbeit sowohl im institutionellen wie im privaten ­Bereich gezeigt und diskutiert wird.» Peter Kilchmann meint: «Erfolg hat, wer eine eigenständige, starke Position vertritt und die richtige Vernetzung hat.»

Loredana Sperini hat es geschafft, den institutionellen durch den Markterfolg zu erreichen. Die Sammlung Hauser & Wirth, das Migros Museum und das Kunsthaus Zürich haben Werke von ihr angekauft. Sperini kann von ihrer Kunst leben. Ihr Erfolgsrezept: «Wenn man bei sich ist und versucht, seinen eigenen Weg zu machen, seinen eigenen Ausdruck zu finden, dann geht vieles von selber.»

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Im Kunstmarkt herrscht wieder Aufbruchstimmung. Wie weggefegt scheint der Kater, der die Finanzkrise und die dümpelnden Kunstverkäufe im Jahr 2007/08 begleitete. An den blühenden Mai-Tagen in New York war die bleierne Atmosphäre jedenfalls vergessen. Ein junger Schweizer Künstler, Urs Fischer, heimste sogar einen Überraschungserfolg ein: Seine sieben Meter hohe bemalte Bronzeskulptur in Form eines überdimensionalen Lampenschirms mit Teddybär war einem Bieter die Summe von 6,8 Millionen Franken wert.

Der Markterfolg bestätigt seinen Rang im BILANZ-Künstler-Rating 2011: Der 39-jährige, in New York lebende Schweizer ist vom letztjährigen Platz 14 auf Platz 7 vorgerückt. Seine Galeristin Eva Presenhuber – sie hat sechs der gelisteten Künstler im Programm – ist mit der Entwicklung denn auch zufrieden. «Die Mai-Auktionen in New York haben die erfolgreichen Karrieren von Ugo Rondinone und Urs Fischer untermauert. Der Sekundärmarkt hat den Primärmarkt ­bestätigt.» Die Marktleaderin im Bereich der zeitgenössischen Kunst, die kürzlich im Zürcher Maag-Areal neue Galerienräumlichkeiten bezogen hat, scheint auch sonst von der Entwicklung ihres Geschäfts erfreut zu sein. «Uns geht es sehr gut», sagt sie. «Die Entwicklung auf dem Markt für zeitgenössische Kunst ist sehr zufriedenstellend.»

Retro-Trend. Auktionen sind nicht die ganze Wahrheit. Aber sie sind ein guter Gradmesser für das von Stürmen und Flauten heimgesuchte Kunstmarktklima. Die Erfolgsnachrichten beziehen sich aber meist auf etablierte Kunst, auf gros­se Namen, hinter denen bereits wichtige Sammler und Museen stehen. In Krisenjahren ist gewöhnlich die Rückkehr zu traditionellen Techniken in Malerei und Zeichnung zu beobachten. Susanna Kulli, die mit Thomas Hirschhorn, John Arm­leder und Olivier Mosset gleich drei Künstler unter den ersten zehn ausweist, beobachtet einen Retro-Trend: «Der Rückgriff auf die achtziger Jahre und die Rückkehr zur totgesagten Malerei gehören zu den stärksten Tendenzen.»

Doch die Liste des BILANZ-Künstler-Ratings ist auch ein Beleg dafür, dass ­gerade experimentellere Positionen einen nachhaltigen Wert haben. Mit Fischli/Weiss (1, unverändert), Thomas Hirschhorn (2, Vorjahr: 7) und Roman Signer (3, unverändert) wird ein Schaffen von Künstlern honoriert, die unabhängig von Marktströmungen – Konservativismus, leicht konsumierbarem Glamour – konsequent ihren Weg beschritten haben, und zwar mit hintergründigen Skulpturen, Installationen und Fotografien, mit politisch aufgeladenen Material-Assemblagen und Collagen sowie mit Videos und Fotodokumenten von humorvollen situationistischen Happenings und experimentellen Aktionen.

Im Gegensatz zum internationalen Künstler-Rating des deutschen «Manager Magazins», wo die Malerei von Gerhard Richter und Georg Baselitz die obersten Ränge besetzt, scheint hierzulande ein besonders avanciertes Kunstverständnis vorzuherrschen. Eingefahrene Pfade verlassen Christoph Büchel (5, Vorjahr: 2) und Gianni Motti (13, Vorjahr: 16) mit installations- und aktionsbetonten Œuvres, die nicht leicht konsumierbar sind, sondern mit ihrer gesellschafts­kritischen Grundtönung selbst mit allen Wassern gewaschene Kunstkonsumenten herausfordern.

Vor allem die Kunst der jüngeren Garde, die sich im BILANZ-Künstler-­Rating den Weg nach vorne bahnt, bietet dem Sammler die Chance, nicht nur der Entwicklung vielversprechender Talente beizuwohnen, sondern dereinst wichtige Werke zu besitzen. «Wer jüngere Künstler sammelt, hat den Vorteil, dass er den Zugang zu späteren Hauptwerken hat», sagt Eva Presenhuber.

Zu den spannenden Positionen gehören neben Fabian Marti auch Yves Netzhammer (Platz 22, Vorjahr: 34), Kilian Rüthemann (Platz 14, Vorjahr: 26), Stefan Burger (Platz 18, Vorjahr: 32), Latifa Echakhch (Platz 26, Vorjahr 54), Gregory und Cyril Chapuisat (Platz 48, Vorjahr 79), Alain Huck (46, Vorjahr 60) und Loredana Sperini (43, Vorjahr: 161). Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich nicht auf ein Medium festlegen, sondern multimedial und oft raumgreifend arbeiten, mit zum Teil aufwendigen, komplexen Techniken.

Parallelwelten. Fabian Marti, ein 32-jähriger Freiburger, wurde in den letzten Jahren mit Preisen und Stipendien geehrt – aktuell mit dem Manor-Preis 2011 – und hat mit der Galerie Peter Kilchmann eine namhafte, international vernetzte Galerie im Rücken. Er setzt sich in Installationen, Fotogrammen und Skulpturen mit Parallelwelten und übernatürlichen Phänomenen auseinander. Wer ihn im Frühjahr in seiner «Dream Machine», einer sargähnlichen Kapsel aus furnierter Spanplatte, in der man durch Stroboskopeffekte in Trance gelangte, im Kunstmuseum Winterthur «performen» sah, fühlte sich in die Beat-Jahre mit ihren halluzinogenen Erfahrungen zurückversetzt. Mitten in den ehrwürdigen Hallen des klassizistischen Baus lässt Brion Gysin, der Dichter und Künstler der Beat Generation, grüs­sen.

In Fotogrammen schliesst Marti eine alte Bildgewinnungstechnik mit neusten digitalen Methoden kurz: Am Computer generiert er Zeichnungen, die er als Ink­jet-Print-Folien auf dem lichtempfindlichen Barytpapier anordnet und danach direkt belichtet. Die Alchemie alter fotografischer Labortechnik, mit der Künstler wie Man Ray experimentierten, verbindet der junge Schweizer mit der digitalen Technologie des 21. Jahrhunderts.

Marti, der bereits mit 28 Jahren das ­Istituto Svizzero in Rom bespielte – ein Ritterschlag in einer Szene, in der Aufmerksamkeit die stärkste Währung ist –, trägt einen Anzug, und seine Zapfen­locken reichen ihm bis über die Schultern. Er spielt die Rolle des Künstlers, die er in seinem Werk auch immer wieder hinterfragt, ausgezeichnet. «Ein Künstler kann sich die Freiheit nehmen, sich immer wieder neu zu erfinden», sinniert Marti. Mit einem inhaltlich stringenten Werk bahnt sich der Freiburger seinen Weg in die internationale Kunstarena.

Kunst ist so gesehen Marketing in seiner ausgereiftesten Form: Die Schöpfer bringen Dinge auf den Markt, die sich niemand explizit wünscht, die niemand für den täglichen Gebrauch benötigt und die doch Begehrlichkeiten wecken, die potenzielle Käufer an Auktionen zu Bietgefechten hinreissen.

Das Verdikt der BILANZ-Jury zeigt klar: Die Jahre der grellen Töne und der Leichtigkeit sind definitiv vorbei. Inhaltliche Substanz, eine nicht zuletzt politische Ernsthaftigkeit und raffinierte Techniken sind gefragt. «Es scheint, dass wieder mehr Tiefe, komplexe Inhalte und politische Meinungen Platz finden», ­bestätigt der Galerist Jean-Claude Freymond. Der Galerist hat mit Loredana Sperini, Stefan Burger und Elodie Pong (34, Vorjahr: 38) gleich drei der jüngeren erfolgreichen Künstler im Programm, die sich alle gegenüber dem Vorjahr substanziell verbessert haben. Sie konnten in Ausstellungen in hiesigen Kunsthallen und Museen auf sich aufmerksam machen und arbeiten an ihrem internationalen Durchbruch.

Emotionale Brüchigkeit. Loredana Sperini, eine 41-jährige Toggenburgerin, widmet sich einem vielgestaltigen Werk, das formal bestechend und von inhaltlichem Tiefgang ist. Mit Fragmenten von Porzellanfigürchen, die aus Berliner Häuser­ruinen stammen, schafft sie beunruhigende Skulpturen; mit faszinierenden Wachszeichnungen, Spiegelcollagen und Stickereibildern bringt sie die emotionale Brüchigkeit hinter den glatten Oberflächen zum Ausdruck. Ohne nach dem schnellen Erfolg zu schielen, entwickelt sie stetig ihr Werk und häutet sich ­beständig neu. Preise und Stipendien – etwas jenes von Landis & Gyr – geben ihr nicht nur inhaltlich Bestätigung und ­Renommée. «Geldpreise geben einem die Zeit, im Atelier weiterzuarbeiten, anstatt Geldjobs annehmen zu müssen», sagt sie.

Die Kunstwelt ist gemäss dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu ein Platz des Kampfs um die Vorherrschaft von Vorstellungen und Wertungen. Im Kunstmonopoly sind Kuratoren, Sammler, Museen und Kritiker für die Bewertung von Kunst ausschlaggebend. Doch institutionelle Ehren sind nicht gleichzusetzen mit Markterfolg. «Qualität ist nicht allein von der Resonanz im Kunstmarkt abhängig», sagt der Zürcher Galerist Jean-Claude Freymond.

Die Kunstwelt mit dem Kunstmarkt gleichzusetzen, ist eines der grossen Missverständnisse, die noch immer in den Köpfen herumgeistern. Nicht jeder Künstler produziert handelbare «Ware». Dennoch schaffen es einige, ihren Namen ins Kunst-Pantheon einzugravieren – möglicherweise wirkt ihr Erfolg gar nachhaltiger als der eines «Galerien-Künstlers».

Yves Netzhammer gehört zu ihnen. Der 40-jährige kahlgeschorene Schaffhauser gilt als Pionier der digitalen Kunst. Durch Einladungen zur Biennale Venedig und zur Documenta 2007 wurden ihm bereits höchste Weihen zuteil, von denen Kollegen nur träumen können. Vergangenes Jahr war er überdies an der Liverpool Biennial mit einer beeindruckenden Rauminstallation präsent, und das Kunstmuseum Bern richtete ihm vergangenes Jahr eine viel beachtete Einzelausstellung aus. Netzhammer schafft irritierende Parallelwelten in berückenden Animationsfilmen und raffinierten Rauminstallationen. Mit computergenerierten Zeichnungen, Animationsfilmen und imaginären, zwischen Konkretem und Abstraktem oszillierenden Räumen bildet Netzhammer Metaphern für emotionale Zustände.

Vernetzt und eigenständig. «Der imaginäre Raum ist für mich ein Experimentierfeld, um Gefühle und Gedanken auszuloten», sagt der Künstler, der soeben aus Shanghai zurückgekehrt ist, wo er im Minsheng Art Museum ausstellt. Ausstellungsbeteiligungen an renommierten Biennalen hätten zwar eine «unheimliche Rezeptionsmaschinerie in Gang gesetzt»; auf die Biennale Venedig folgte etwa die Einladung ans San Francisco Museum of ­Modern Art. Aber weil Netzhammer mit seiner Kunst nicht die kleinräumigen kommerziellen Galerien bedient, schlägt sich sein Erfolg nicht im gleichen Masse ökonomisch nieder. Gerade ein Künstler wie Netzhammer bietet für Sammler deshalb grosses Potenzial.

Was macht denn den Markterfolg aus? «Es ist immer noch die traditionelle Konstellation, dass ein Künstler an seinem Wohnort von einer guten Galerie vertreten ist, die ihm im Ausland wichtige ­Galerienkontakte vermittelt», sagt Eva Presenhuber. «Damit ist die Voraussetzung gegeben, dass seine Arbeit sowohl im institutionellen wie im privaten ­Bereich gezeigt und diskutiert wird.» Peter Kilchmann meint: «Erfolg hat, wer eine eigenständige, starke Position vertritt und die richtige Vernetzung hat.»

Loredana Sperini hat es geschafft, den institutionellen durch den Markterfolg zu erreichen. Die Sammlung Hauser & Wirth, das Migros Museum und das Kunsthaus Zürich haben Werke von ihr angekauft. Sperini kann von ihrer Kunst leben. Ihr Erfolgsrezept: «Wenn man bei sich ist und versucht, seinen eigenen Weg zu machen, seinen eigenen Ausdruck zu finden, dann geht vieles von selber.»

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