Gstaad: Gold am Berg

Im Berner Oberland werden die Weihnachtsbäume geschmückt. Über die Festtage entspannen sich im Saanenland mehr Milliardäre als an ­jedem anderen Ort der Schweiz. Und sie bleiben fast ganz unter sich.

VonWalter Pellinghausen
03.12.2010

Die Internetbörse LinkedIn lockt mit dem Versprechen: «Über 80 Millionen Fach- und Führungskräfte nutzen LinkedIn, um Informationen, Ideen, Karriere- und Geschäftschancen auszutauschen.»

Eine dieser Fachkräfte ist Philipp Tresch. Via LinkedIn preist der Koch seine Talente an und nennt beeindruckende Referenzen. Knapp neun Jahre seines bisherigen Arbeitslebens hat der heutige Head Chef an Herden in Gstaad gestanden – allerdings unsichtbar für Gastronomiekritiker, weil er nur für private Herrschaften kocht. Mehr als vier Jahre tischte er auf im Milliardärshaushalt des Zuckerzaren Jean-Claude Mimran in dessen Gstaader Residenz. Er gehörte zum Tross, wenn Mimran auf seiner Luxusyacht ­«Toauey» durch die Meere kreuzte oder in seiner Zweitvilla in Senegals Hauptstadt Dakar dinierte. Da, wo für Mimran eben der Zucker wächst.

Beinahe ebenso lange diente Tresch dem deutschen Erben Friedrich-Christian (Mick) Flick (66). Für den Kunstsammler und Vater von drei Kindern betreute Tresch Küche und Keller in dessen zwei unterirdisch miteinander verbundenen Chalets am Gstaader Millionärshügel Oberbort. Hier verwöhnte er Familie und Gäste mit deren Leibspeisen.

Kulinarisches Paradies. Der Koch im Haus erspart die Reservation im Restaurant. An solchen mangelt es in den elf «Bäuerten» (Gemeindefraktionen) der Einwohnergemeinde Saanen mit dem mondänen Mittelpunkt Gstaad allerdings nicht. «Die Ferienregion Gstaad ist in ­kulinarischer Sicht einzigartig», schreibt das Fremdenverkehrsamt und bejubelt e­inen einsamen «alpinen Rekord»: ­«Allein 14 Küchenchefs wurden für 2011 mit ­zusammen 207 der begehrten ‹Gault Millau›-Punkte ausgezeichnet.» Neben der Haute ­Cuisine wird für weniger Betuchte auch Hausmannskost aufgetischt. Für die rund 7600 Einwohner und in der Hochsaison gegen 30 000 Gäste gibt es gemäss Tourismusbüro «mehr als 100 Restaurants vom urchigen Beizli bis zum Gourmettempel». Wie viele weitere Kochkünstler unsichtbar im Gstaader Untergrund tätig sind, unterliegt, wie so ziemlich alles im ­Saanenland, strikter ­Geheimhaltung – selbst die ­Gastrokritiker von «Michelin» und «Gault Millau» ­erhalten da keinen Einblick.

«Keine Presse, keine öffentlichen Auftritte» – so beschreibt der bekannte Baumeister Bruno Marazzi aus Bern die erste und wichtigste Bürgerpflicht in Gstaad. Als Bauunternehmer hat der Vater von zwei Söhnen selbst ein dreistelliges Millionenvermögen angesammelt und besitzt in Gstaad «seit 25 Jahren eine komfortable Zweizimmerwohnung. Aber kein Chalet!» Als Segler der Weltklasse gehören sowohl der Senior als auch Junior Flavio Marazzi dem elitären Gstaad Yacht Club an, den der aus der Heimat vertriebene griechische Ex-König Konstantin präsidiert. Aber selbst Majestäten verlieren kein Wort über das schöne Leben im Berner Oberland. Marazzi meint gar, es sei «ver­pönt, wenn sich Journalisten überhaupt in Gstaad befinden».

Private Millionenküche. Seit neun Jahrhunderten wohnt die Familie von Gottfried von Siebenthal (64) in Gstaad. Er selbst ist ausgewiesener Fachmann «für Tisch und Küche», betreibt ein Ladenlokal an der prestigeträchtigen Promenade und kennt als Lieferant von Töpfen und Pfannen etliche private Küchen in der Region. «Unser Geschäft besteht seit 138 Jahren am Ort», meint er stolz. Bei aller Diskretion, die natürlich auch von Siebenthal pflegt, räumt der Ur-Gstaader hinter vorgehaltener Hand ein, bisweilen riesige Kochzeilen mit hypermodernen Herden, Gefrier- und Kühlkombinationen zu sehen, «von denen Kochprofis träumen». Eine solche Küche kann eine halbe Million Franken und mehr kosten.

Die Mauer des Schweigens ist so massiv wie die unzähligen unterirdischen Betonkonstruktionen an den bebauten Berghängen. Die Chalets der Gemeinde Saanen wirken allesamt wie nach Vorlagen aus dem Märchenbuch geschnitzt, aus heimischen Hölzern natürlich. «Maximal zwölf Meter hoch» dürfen sie sein, beziffert der frühere FDP-Gemeinderat von Siebenthal die amtlich festgelegte Höhe. Was sich aber unter den Chalets befindet und durch Beton gestützt wird, lässt sich allenfalls erahnen. Da bildet das Grundwasser die natürliche Grenze. In Tiefgaragen parken Oldtimer und Neuwagen im Dutzend. Darüber, immer noch deutlich unter der Grasnarbe, befinden sich Schwimmbäder, Wellnesstempel und Fitnessstudios.

Einblick in die sonst hermetisch abgeschirmte Unterwelt von Gstaad erlangt man allenfalls dank der Eitelkeit von Architekten, Raumplanern oder Handwerkern. Das typische Luxus-Chalet in Gstaad ist ein Holzhaus wie aus einem Heimatfilm. Man wäre keineswegs überrascht, wenn Alpöhi mit Heidi aus der Tür träte. Doch unter der Erde ist das Chalet fünfmal so gross und besteht aus atombombensicherem Beton. Eine solche Hightech-Festung in Stahlbeton und Holz verschlingt schnell einmal ein paar Dutzend Millionen Franken.

Auf einen ähnlichen Betrag taxiert die Fachwelt das Chalet des griechischen Reeders Peter Livanos (51). Dieser, seit Jahrzehnten mit der Schweiz verbunden, huldigt bei aller Protzerei dem grossfamiliären Denken genauso wie die andern Bewohner mit Dauerdomizil. Die Masse der Wahlgstaader kommt schon lange, oft seit Jahrzehnten ins Berner Oberland. Livanos etwa besuchte das renommierte Institut Le Rosey mit Hauptsitz in Rolle VD, weilte aber in den Wintermonaten daheim in der schneesicheren Gemeinde Saanen. Wie Dutzende seiner früheren Mitschüler und inzwischen deren Kinder fühlen sie sich zu Hause im Saanenland.

Der deutsche Ex-Playboy Gunter Sachs (78) ist Eigentümer des uralten ­Vieux Chalet (Bild) aus dem 17.  Jahrhundert am Oberbort und fühlt sich nach mehr als sechs Jahrzehnten in der Schweiz hier «emotional am stärksten zu Hause». Er beschrieb einmal die eigentümliche Erbfolge in Gstaad: «Wenn die Eltern vom Barhocker fallen, stehen die Kinder bereit, aufzusitzen.» Gottfried von Siebenthal, dessen Stammbaum im Berner Oberland noch tiefer wurzelt, kennt etliche der Superreichen aus seiner Schulzeit. Er sieht in der Gemeinde «keine Nationalität dominierend», sicher aber haben zuletzt auch Araber, Russen und Südamerikaner mit Säcken voller Geld die Reize der Region entdeckt. Die amtliche Bevölkerungsstatistik summiert nüchtern «2106 ausländische Mitbewohner», rund 28 Prozent aller Einwohner der Gemeinde Saanen.

Konzentrierter Reichtum. Die Arbeitslosenzahl im Verwaltungskreis Obersimmental-Saanen schwankte in diesem Jahr laut Statistik zwischen 84 im ­Juli und 139 im Oktober. Davon dürfte auf Saanen maximal die Hälfte entfallen. ­Somit liegt die Arbeitslosenzahl deutlich unter der Zahl der Einwohner mit dreistelligem Millionenvermögen. Von Letzteren gebe es mindestens 150, sagt ein Ortskundiger: «Garantiert.»

Die spektakulärsten Ansiedler der vergangenen Jahre besitzen Schweizer Pässe. Vom Genfersee machte sich der Alinghi-Segler (und ehemalige Biopharmazeut) Ernesto Bertarelli (45) auf nach Gstaad. In seinem Schlepptau kamen Mutter Maria Iris und Schwester Donatella Bertarelli Späth. Ernesto liess sein Chalet für 100 Millionen Franken Baukosten ausserhalb der Kernzone anlegen, mit eigenem Seelein. Schwester Donatella erwarb das Grand Hotel Park und liess es aufwendig renovieren; dazu investierte sie für den ­Eigenbedarf gleich in drei Chalets.

Wo jetzt Ernesto Bertarelli mit Ehefrau Kirsty und drei gemeinsamen Kindern residert, hätte eigentlich eine königliche Hoheit Hof halten sollen. Gemäss glaubhaften Gerüchten hatte der hier ansässige Ägypter Mohamed Al-Fayed (81) für seinen Sohn Dodi und dessen Geliebte, Prinzessin Diana, ein Vorkaufsrecht für das heutige Bertarelli-Areal. Nach dem tödlichen Autounfall der beiden 1997 verzichtete Al-Fayed auf das Grundstück aus britischem Vorbesitz.

In Meilen an Zürichs Goldküste sorgte Roche-Erbin Maja Hoffmann vor gut einem Jahr für Trübsal bei den Steuerbehörden. Auch sie zügelte ins Berner Oberland – ins Chalet Ariel am Ober­bort. Die Anlage ist weltberühmt: Sie diente viele Jahre der Hollywood-Schauspielerin Liz Taylor und sporadisch auch ihrem Hausmusiker Michael Jackson als private Drehscheibe. Erworben hatte die Diva das ­Domizil zu Zeiten, als es für einen Dollar noch mehr als vier Franken gab. Auch der US-Ökonom John Kenneth Galbraith (1908–2006) verfügte über einen Wohnsitz in Gstaad. Er verfasste dort 30 Buchmanuskripte und bekannte, dass der ­Erwerb des Gstaader Besitzes dank der Wertsteigerung «das einzige Geschäft war, das mir gelang».

Mit Vollgas tritt der 80-jährige frühere Autoverkäufer Bernie Ecclestone auf seinen Runden zwischen dem eigenen Hotel Olden in Gstaad und seinem Chalet auf. Der Imperator der Formel-1-Rennserie lästert über die verschwiegenen Mitarbeitenden des Tourismusbüros, ­diese Öffentlichkeitsarbeiter erinnerten ihn an Geheimdienstagenten.

Die Masse der Multimillionäre dürfte es als GAU empfunden haben, als amerikanische Strafverfolger die Festnahme des Regisseurs Roman Polanski durch die Schweizer Justiz erzwangen und ihn in Gstaad unter Hausarrest stellen liessen. Plötzlich leuchteten alle Medienscheinwerfer hierhin. Als einer unter Tausenden Multimillionären hatte der Oscar-­Preisträger mit französischem Pass mehrmals im Jahr unbeachtet Abstecher ins Berner Oberland unternommen. Plötzlich stand er unter Hausarrest in seinem unscheinbaren Chalet Milky Way. Die ­öffentlichkeitsscheuen Bewohner am spöttisch Beverly Hill genannten Ober­bort waren zehn lange Monate unter Dauerbeobachtung.

Schliesslich erbarmte sich das Justiz­departement und lehnte den amerikanischen Auslieferungsantrag ab. Seit dem 12.  Juli ist der Spuk vorbei, und es herrscht wieder diskrete Normalität.

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Die Internetbörse LinkedIn lockt mit dem Versprechen: «Über 80 Millionen Fach- und Führungskräfte nutzen LinkedIn, um Informationen, Ideen, Karriere- und Geschäftschancen auszutauschen.»

Eine dieser Fachkräfte ist Philipp Tresch. Via LinkedIn preist der Koch seine Talente an und nennt beeindruckende Referenzen. Knapp neun Jahre seines bisherigen Arbeitslebens hat der heutige Head Chef an Herden in Gstaad gestanden – allerdings unsichtbar für Gastronomiekritiker, weil er nur für private Herrschaften kocht. Mehr als vier Jahre tischte er auf im Milliardärshaushalt des Zuckerzaren Jean-Claude Mimran in dessen Gstaader Residenz. Er gehörte zum Tross, wenn Mimran auf seiner Luxusyacht ­«Toauey» durch die Meere kreuzte oder in seiner Zweitvilla in Senegals Hauptstadt Dakar dinierte. Da, wo für Mimran eben der Zucker wächst.

Beinahe ebenso lange diente Tresch dem deutschen Erben Friedrich-Christian (Mick) Flick (66). Für den Kunstsammler und Vater von drei Kindern betreute Tresch Küche und Keller in dessen zwei unterirdisch miteinander verbundenen Chalets am Gstaader Millionärshügel Oberbort. Hier verwöhnte er Familie und Gäste mit deren Leibspeisen.

Kulinarisches Paradies. Der Koch im Haus erspart die Reservation im Restaurant. An solchen mangelt es in den elf «Bäuerten» (Gemeindefraktionen) der Einwohnergemeinde Saanen mit dem mondänen Mittelpunkt Gstaad allerdings nicht. «Die Ferienregion Gstaad ist in ­kulinarischer Sicht einzigartig», schreibt das Fremdenverkehrsamt und bejubelt e­inen einsamen «alpinen Rekord»: ­«Allein 14 Küchenchefs wurden für 2011 mit ­zusammen 207 der begehrten ‹Gault Millau›-Punkte ausgezeichnet.» Neben der Haute ­Cuisine wird für weniger Betuchte auch Hausmannskost aufgetischt. Für die rund 7600 Einwohner und in der Hochsaison gegen 30 000 Gäste gibt es gemäss Tourismusbüro «mehr als 100 Restaurants vom urchigen Beizli bis zum Gourmettempel». Wie viele weitere Kochkünstler unsichtbar im Gstaader Untergrund tätig sind, unterliegt, wie so ziemlich alles im ­Saanenland, strikter ­Geheimhaltung – selbst die ­Gastrokritiker von «Michelin» und «Gault Millau» ­erhalten da keinen Einblick.

«Keine Presse, keine öffentlichen Auftritte» – so beschreibt der bekannte Baumeister Bruno Marazzi aus Bern die erste und wichtigste Bürgerpflicht in Gstaad. Als Bauunternehmer hat der Vater von zwei Söhnen selbst ein dreistelliges Millionenvermögen angesammelt und besitzt in Gstaad «seit 25 Jahren eine komfortable Zweizimmerwohnung. Aber kein Chalet!» Als Segler der Weltklasse gehören sowohl der Senior als auch Junior Flavio Marazzi dem elitären Gstaad Yacht Club an, den der aus der Heimat vertriebene griechische Ex-König Konstantin präsidiert. Aber selbst Majestäten verlieren kein Wort über das schöne Leben im Berner Oberland. Marazzi meint gar, es sei «ver­pönt, wenn sich Journalisten überhaupt in Gstaad befinden».

Private Millionenküche. Seit neun Jahrhunderten wohnt die Familie von Gottfried von Siebenthal (64) in Gstaad. Er selbst ist ausgewiesener Fachmann «für Tisch und Küche», betreibt ein Ladenlokal an der prestigeträchtigen Promenade und kennt als Lieferant von Töpfen und Pfannen etliche private Küchen in der Region. «Unser Geschäft besteht seit 138 Jahren am Ort», meint er stolz. Bei aller Diskretion, die natürlich auch von Siebenthal pflegt, räumt der Ur-Gstaader hinter vorgehaltener Hand ein, bisweilen riesige Kochzeilen mit hypermodernen Herden, Gefrier- und Kühlkombinationen zu sehen, «von denen Kochprofis träumen». Eine solche Küche kann eine halbe Million Franken und mehr kosten.

Die Mauer des Schweigens ist so massiv wie die unzähligen unterirdischen Betonkonstruktionen an den bebauten Berghängen. Die Chalets der Gemeinde Saanen wirken allesamt wie nach Vorlagen aus dem Märchenbuch geschnitzt, aus heimischen Hölzern natürlich. «Maximal zwölf Meter hoch» dürfen sie sein, beziffert der frühere FDP-Gemeinderat von Siebenthal die amtlich festgelegte Höhe. Was sich aber unter den Chalets befindet und durch Beton gestützt wird, lässt sich allenfalls erahnen. Da bildet das Grundwasser die natürliche Grenze. In Tiefgaragen parken Oldtimer und Neuwagen im Dutzend. Darüber, immer noch deutlich unter der Grasnarbe, befinden sich Schwimmbäder, Wellnesstempel und Fitnessstudios.

Einblick in die sonst hermetisch abgeschirmte Unterwelt von Gstaad erlangt man allenfalls dank der Eitelkeit von Architekten, Raumplanern oder Handwerkern. Das typische Luxus-Chalet in Gstaad ist ein Holzhaus wie aus einem Heimatfilm. Man wäre keineswegs überrascht, wenn Alpöhi mit Heidi aus der Tür träte. Doch unter der Erde ist das Chalet fünfmal so gross und besteht aus atombombensicherem Beton. Eine solche Hightech-Festung in Stahlbeton und Holz verschlingt schnell einmal ein paar Dutzend Millionen Franken.

Auf einen ähnlichen Betrag taxiert die Fachwelt das Chalet des griechischen Reeders Peter Livanos (51). Dieser, seit Jahrzehnten mit der Schweiz verbunden, huldigt bei aller Protzerei dem grossfamiliären Denken genauso wie die andern Bewohner mit Dauerdomizil. Die Masse der Wahlgstaader kommt schon lange, oft seit Jahrzehnten ins Berner Oberland. Livanos etwa besuchte das renommierte Institut Le Rosey mit Hauptsitz in Rolle VD, weilte aber in den Wintermonaten daheim in der schneesicheren Gemeinde Saanen. Wie Dutzende seiner früheren Mitschüler und inzwischen deren Kinder fühlen sie sich zu Hause im Saanenland.

Der deutsche Ex-Playboy Gunter Sachs (78) ist Eigentümer des uralten ­Vieux Chalet (Bild) aus dem 17.  Jahrhundert am Oberbort und fühlt sich nach mehr als sechs Jahrzehnten in der Schweiz hier «emotional am stärksten zu Hause». Er beschrieb einmal die eigentümliche Erbfolge in Gstaad: «Wenn die Eltern vom Barhocker fallen, stehen die Kinder bereit, aufzusitzen.» Gottfried von Siebenthal, dessen Stammbaum im Berner Oberland noch tiefer wurzelt, kennt etliche der Superreichen aus seiner Schulzeit. Er sieht in der Gemeinde «keine Nationalität dominierend», sicher aber haben zuletzt auch Araber, Russen und Südamerikaner mit Säcken voller Geld die Reize der Region entdeckt. Die amtliche Bevölkerungsstatistik summiert nüchtern «2106 ausländische Mitbewohner», rund 28 Prozent aller Einwohner der Gemeinde Saanen.

Konzentrierter Reichtum. Die Arbeitslosenzahl im Verwaltungskreis Obersimmental-Saanen schwankte in diesem Jahr laut Statistik zwischen 84 im ­Juli und 139 im Oktober. Davon dürfte auf Saanen maximal die Hälfte entfallen. ­Somit liegt die Arbeitslosenzahl deutlich unter der Zahl der Einwohner mit dreistelligem Millionenvermögen. Von Letzteren gebe es mindestens 150, sagt ein Ortskundiger: «Garantiert.»

Die spektakulärsten Ansiedler der vergangenen Jahre besitzen Schweizer Pässe. Vom Genfersee machte sich der Alinghi-Segler (und ehemalige Biopharmazeut) Ernesto Bertarelli (45) auf nach Gstaad. In seinem Schlepptau kamen Mutter Maria Iris und Schwester Donatella Bertarelli Späth. Ernesto liess sein Chalet für 100 Millionen Franken Baukosten ausserhalb der Kernzone anlegen, mit eigenem Seelein. Schwester Donatella erwarb das Grand Hotel Park und liess es aufwendig renovieren; dazu investierte sie für den ­Eigenbedarf gleich in drei Chalets.

Wo jetzt Ernesto Bertarelli mit Ehefrau Kirsty und drei gemeinsamen Kindern residert, hätte eigentlich eine königliche Hoheit Hof halten sollen. Gemäss glaubhaften Gerüchten hatte der hier ansässige Ägypter Mohamed Al-Fayed (81) für seinen Sohn Dodi und dessen Geliebte, Prinzessin Diana, ein Vorkaufsrecht für das heutige Bertarelli-Areal. Nach dem tödlichen Autounfall der beiden 1997 verzichtete Al-Fayed auf das Grundstück aus britischem Vorbesitz.

In Meilen an Zürichs Goldküste sorgte Roche-Erbin Maja Hoffmann vor gut einem Jahr für Trübsal bei den Steuerbehörden. Auch sie zügelte ins Berner Oberland – ins Chalet Ariel am Ober­bort. Die Anlage ist weltberühmt: Sie diente viele Jahre der Hollywood-Schauspielerin Liz Taylor und sporadisch auch ihrem Hausmusiker Michael Jackson als private Drehscheibe. Erworben hatte die Diva das ­Domizil zu Zeiten, als es für einen Dollar noch mehr als vier Franken gab. Auch der US-Ökonom John Kenneth Galbraith (1908–2006) verfügte über einen Wohnsitz in Gstaad. Er verfasste dort 30 Buchmanuskripte und bekannte, dass der ­Erwerb des Gstaader Besitzes dank der Wertsteigerung «das einzige Geschäft war, das mir gelang».

Mit Vollgas tritt der 80-jährige frühere Autoverkäufer Bernie Ecclestone auf seinen Runden zwischen dem eigenen Hotel Olden in Gstaad und seinem Chalet auf. Der Imperator der Formel-1-Rennserie lästert über die verschwiegenen Mitarbeitenden des Tourismusbüros, ­diese Öffentlichkeitsarbeiter erinnerten ihn an Geheimdienstagenten.

Die Masse der Multimillionäre dürfte es als GAU empfunden haben, als amerikanische Strafverfolger die Festnahme des Regisseurs Roman Polanski durch die Schweizer Justiz erzwangen und ihn in Gstaad unter Hausarrest stellen liessen. Plötzlich leuchteten alle Medienscheinwerfer hierhin. Als einer unter Tausenden Multimillionären hatte der Oscar-­Preisträger mit französischem Pass mehrmals im Jahr unbeachtet Abstecher ins Berner Oberland unternommen. Plötzlich stand er unter Hausarrest in seinem unscheinbaren Chalet Milky Way. Die ­öffentlichkeitsscheuen Bewohner am spöttisch Beverly Hill genannten Ober­bort waren zehn lange Monate unter Dauerbeobachtung.

Schliesslich erbarmte sich das Justiz­departement und lehnte den amerikanischen Auslieferungsantrag ab. Seit dem 12.  Juli ist der Spuk vorbei, und es herrscht wieder diskrete Normalität.

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