Consulting-Branche: Schwarzkittel drehen Däumchen

Imageprobleme, Angst vor Rezession, Überkapazitäten: Jetzt schlittert auch die Gilde der Berater in die Krise. Arbeit fehlt.

31.12.2001
Was Fluggepäck auf dem Zürcher Airport widerfahre, schrieb ein Helmut Neumann der NZZ in einem Leserbrief, sei Schweizern selbst aus Südamerika nicht geläufig. Den Verursacher des «unsäglichen Durcheinanders» identifiziert der Swissair-Passagier schonungslos: Die McKinsey- Berater seien es, weil diese der eidgenössischen Airline eingeredet hätten, das Gepäckhandling zwecks Kostenersparnis auszugliedern.

Solche Nadelstiche gegen das Unfehlbarkeitsimage kann die Consulting-Branche nicht brauchen. Die Beratergilde kämpft derzeit mit all jenen Problemen, derentwegen sie von Kunden zu Hilfe gerufen wird: starker Abhängigkeit von der Wirtschaftsentwicklung, dem Auslaufen von Sonderkonjunkturen, Positionierungsproblemen durch neue Herausforderer und Überkapazitäten. Wo bisher mit stressigen 16-Stunden-Tagen geprahlt wurde, werden immer öfter Däumchen gedreht.

«Die Nachfrage nach Beratungsleistungen ist oft ein Indikator dafür, was in der Wirtschaft vorgeht», stellt PricewaterhouseCoopers-Chef Jim Schiro ungeschminkt fest. Die Konjunkturperspektiven sind zumal in den USA zu düster, um Unternehmen zu grossen strategischen Würfen zu verleiten wie dem Einstieg in neue Geschäftsfelder, Mergers oder grundlegenden Reorganisationen. Genau dazu wird die Unterstützung durch externe Berater gebraucht. Andererseits sind die Unternehmensaussichten nicht so schlecht, um Consultants als Notärzte zu ordern. Die Reaktion des Branchenprimus auf diese Situation ist nicht originell: Schiro kündigte einen drastischen Personalabbau an. Überall in den USA und Europa spürt man den Preiskampf der Consultants. Man drückt sich gegenseitig nach unten.

Denn auch Sonderkonjunkturen für Consultants sind nicht in Sicht: Das Jahr-2000-Problem ist abgehakt, die Euro-Einführung steht unmittelbar vor ihrer Vollendung, und die E-Commerce-Euphorie landete ziemlich hart auf dem globalen Börsenparkett. Für IT- und EDV-Berater, noch vor kurzem für Überlebensaussichten von Unternehmen in einer gottgleichen Position und mit einem geschätzten Marktanteil von 46 Prozent Hauptumsatzträger der Branche, sah die Welt schon rosiger aus.

An Mitbewerber wie Computerhersteller oder Wirtschaftsprüfer haben sich McKinsey & Co. längst gewöhnt. Auf eine veränderte Konkurrenzsituation lässt jedoch schliessen, dass ein Rückversicherer wie Swiss Re ein Instrument der strategischen Unternehmensführung auch Dritten offeriert: die von Peter Sohre und Markus Stricker entwickelte «dynamische Finanzanalyse» als Grundlage für ein ganzheitliches Risikomanagement. Früher beschränkten sich Versicherer als Berater auf die Optimierung von Brandschutzmassnahmen und Ratschläge für das Verzurren von Ladungen auf Transportmitteln.

Daraus wächst Hoffnung auf ein kaum beackertes Betätigungsfeld: Die Schweiz kenne – im Gegensatz zu Deutschland beispielsweise – kein explizites Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich, konstatiert Oscar Schönbächler, Corporate Risk Manager der Unique Zurich Airport Flughafen Zürich AG. Neue Corporate-Governance-Anforderungen seitens der Aktionäre und staatlicher Aufsichtsbehörden verunsichern weltweit die Manager.

Viele der Unternehmensberater, die ihre Zukunft noch vor kurzem in hochfliegenden Projekten des Customer-Relationship-Managements sahen, werden sich wohl umschulen: zu Rating-Advisors, damit ihre Klienten weiterhin Kredit erhalten. Dabei werden sie auf Kollegen stossen, die sich als «Inkubatoren» selbstständig auf die Entdeckungsreise nach künftigen Bill Gates gemacht hatten. Auch sie, beobachtet Roman Zeller, Vice President und Partner bei Bain & Company, dränge es zu Bodenständigem zurück – «zu ihren alten Arbeitgebern».
Diskussion
- Kommentare

Was Fluggepäck auf dem Zürcher Airport widerfahre, schrieb ein Helmut Neumann der NZZ in einem Leserbrief, sei Schweizern selbst aus Südamerika nicht geläufig. Den Verursacher des «unsäglichen Durcheinanders» identifiziert der Swissair-Passagier schonungslos: Die McKinsey- Berater seien es, weil diese der eidgenössischen Airline eingeredet hätten, das Gepäckhandling zwecks Kostenersparnis auszugliedern.

Solche Nadelstiche gegen das Unfehlbarkeitsimage kann die Consulting-Branche nicht brauchen. Die Beratergilde kämpft derzeit mit all jenen Problemen, derentwegen sie von Kunden zu Hilfe gerufen wird: starker Abhängigkeit von der Wirtschaftsentwicklung, dem Auslaufen von Sonderkonjunkturen, Positionierungsproblemen durch neue Herausforderer und Überkapazitäten. Wo bisher mit stressigen 16-Stunden-Tagen geprahlt wurde, werden immer öfter Däumchen gedreht.

«Die Nachfrage nach Beratungsleistungen ist oft ein Indikator dafür, was in der Wirtschaft vorgeht», stellt PricewaterhouseCoopers-Chef Jim Schiro ungeschminkt fest. Die Konjunkturperspektiven sind zumal in den USA zu düster, um Unternehmen zu grossen strategischen Würfen zu verleiten wie dem Einstieg in neue Geschäftsfelder, Mergers oder grundlegenden Reorganisationen. Genau dazu wird die Unterstützung durch externe Berater gebraucht. Andererseits sind die Unternehmensaussichten nicht so schlecht, um Consultants als Notärzte zu ordern. Die Reaktion des Branchenprimus auf diese Situation ist nicht originell: Schiro kündigte einen drastischen Personalabbau an. Überall in den USA und Europa spürt man den Preiskampf der Consultants. Man drückt sich gegenseitig nach unten.

Denn auch Sonderkonjunkturen für Consultants sind nicht in Sicht: Das Jahr-2000-Problem ist abgehakt, die Euro-Einführung steht unmittelbar vor ihrer Vollendung, und die E-Commerce-Euphorie landete ziemlich hart auf dem globalen Börsenparkett. Für IT- und EDV-Berater, noch vor kurzem für Überlebensaussichten von Unternehmen in einer gottgleichen Position und mit einem geschätzten Marktanteil von 46 Prozent Hauptumsatzträger der Branche, sah die Welt schon rosiger aus.

An Mitbewerber wie Computerhersteller oder Wirtschaftsprüfer haben sich McKinsey & Co. längst gewöhnt. Auf eine veränderte Konkurrenzsituation lässt jedoch schliessen, dass ein Rückversicherer wie Swiss Re ein Instrument der strategischen Unternehmensführung auch Dritten offeriert: die von Peter Sohre und Markus Stricker entwickelte «dynamische Finanzanalyse» als Grundlage für ein ganzheitliches Risikomanagement. Früher beschränkten sich Versicherer als Berater auf die Optimierung von Brandschutzmassnahmen und Ratschläge für das Verzurren von Ladungen auf Transportmitteln.

Daraus wächst Hoffnung auf ein kaum beackertes Betätigungsfeld: Die Schweiz kenne – im Gegensatz zu Deutschland beispielsweise – kein explizites Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich, konstatiert Oscar Schönbächler, Corporate Risk Manager der Unique Zurich Airport Flughafen Zürich AG. Neue Corporate-Governance-Anforderungen seitens der Aktionäre und staatlicher Aufsichtsbehörden verunsichern weltweit die Manager.

Viele der Unternehmensberater, die ihre Zukunft noch vor kurzem in hochfliegenden Projekten des Customer-Relationship-Managements sahen, werden sich wohl umschulen: zu Rating-Advisors, damit ihre Klienten weiterhin Kredit erhalten. Dabei werden sie auf Kollegen stossen, die sich als «Inkubatoren» selbstständig auf die Entdeckungsreise nach künftigen Bill Gates gemacht hatten. Auch sie, beobachtet Roman Zeller, Vice President und Partner bei Bain & Company, dränge es zu Bodenständigem zurück – «zu ihren alten Arbeitgebern».

Meistgelesen

Ronner: «Ein Geschenk über 1,4 Milliarden Franken»
Wie bitte?

Für Oskar Ronner, grössten Privataktionär von Nobel Biocare, ist Danahers Angebot für den Zahnimplantate-Hersteller viel zu tief und ein Geschenk des Verwaltungsrates. Mehr...

Interview vonHarry Büsser
Trudie Götz: Ciao, Prada
Abgabe

Trudie Götz verliert das Kernstück ihres Modeimperiums Trois Pommes: Die italienische Edelmarke Prada führt in Zukunft alle Schweizer Boutiquen selbst. Mehr...

Ranking

BILANZ Deutschland präsentiert erstmals eine Rangliste der reichsten Deutschen. Ganz vorn liegt der Autozulieferer Schaeffler. Der reichste Deutsche in der Schweiz ist Milliardär Klaus-Michael Kühne. Mehr...

VonWalter Pellinghausen
Traktoren gegen Luxusautos: Reich dank Alibaba
Handel

Chinesische Bauern machen über die Handelsplattform Alibaba ein Vermögen. Vor allem die Plattform Taobao ist für sie zu einer Schatztruhe geworden. Ganze Dörfer sind bereits von ihr abhängig. Mehr...

Die sechs rollenden Legenden von Bugatti
Präsentation

Sie sind streng limitiert und hören auf die Namen der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Markengeschichte: Die Bugatti-Legendenreihe «Les Legendes de Bugatti». Jedes für sich ein Prachtexemplar Mehr...

VonRalf Bernert («World's Luxury Guide»)
Mark Branson: Bald Tellensohn
Einbürgerung

Der Finma-Chef will Schweizer werden und punktet mit Deutschkenntnissen. Mehr...

VonEric Nolmans
Chef-Wechsel auf dem Wolfsberg
Sesselwechsel

Seit 1994 leitet er das Ausbildungszentrum Wolfsberg der UBS. Jetzt kehrt Toni Schönenberger dem Bodenseedörfchen Ermatingen TG den Rücken zu. Für die Nachfolge ist bereits gesorgt. Mehr...


Die aktuelle BILANZ

Telekom: Das sind die besten Anbieter für Firmenkunden. Lesen

Joe Jimenez: In der Schweiz keine Stellenreduktion. Lesen

Trudie Götz: Ciao, Prada. Lesen

UBS: Chef-Wechsel auf dem Wolfsberg. Lesen

Das und vieles mehr finden Sie in der aktuellen BILANZ.

Zum Inhaltsverzeichnis

Abonnieren

Die BILANZ alle zwei Woche in Ihrem Briefkasten zum günstigen Abopreis:

Studenten-Abo

Dienste für Abonnenten:

Mobile lesen