Von:
Frank Goldfinger
 

Frank Goldfinger: HP drückt Delete

Hewlett-Packard ist auf dem besten Weg, sich selbst zu zerstören; die Fusion von Newron mit Biotie schafft kein stärkeres Unternehmen; Vorsicht vor Aktien mit – vermeintlich – hohen Dividendenrenditen.

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Der heisseste Schleudersitz für Top-manager steht an der 3000 Hanover Street, Palo Alto, Kalifornien. Dort residiert Hewlett-Packard (HP), der Welt grösster Hersteller von Personal Computern. Nur gehören die gloriosen Zeiten der Vergangenheit an, die Chefs geben sich die Klinke in die Hand. 2005 wurde die einst umjubelte Carly Fiorina in die Wüste ­geschickt. Ihr Nachfolger Mark Hurd blieb knapp fünf Jahre, bis er nach einer amourösen Affäre sowie sonder­baren Spesenrechnungen hinaus­geschmissen wurde. Im vergangenen Herbst übernahm der Deutsche Léo Apotheker. Unter seiner Regentschaft schmierte der Aktienkurs um 50 Prozent ab, 50 Milliarden Dollar an Marktwert verpufften.

Vor kurzem hat auch Apotheker die Stunde geschlagen. An seine Stelle tritt Meg Whitman, die einstige Chefin von eBay. Sie bringt einen makellosen Erfolgsausweis mit: Innert einer ­Dekade schaufelte sie das Internet-Auktionshaus vom 30-Mann-Start-up zu einem Konzern mit 15 000 Mitarbeitern hoch. Sie verliess die Firma als Milliardärin. Ihr Makel: Whitman sass zwar seit Anfang dieses Jahres im HP-Verwaltungsrat, versteht aber nur wenig vom Computergeschäft. Deshalb wird HP-Präsident Ray Lane ihr als Executive Chairman zur Seite stehen, eine ungewöhnliche Lösung. Erste Interviews lassen vermuten, dass die 55-Jährige an der Strategie ihres Vorgängers festhalten will. Weshalb also musste Apotheker den Hut nehmen?

Der Deutsche kündigte im August eine revolutionäre Neupositionierung von HP an. So wird geprüft, das 40 ­Umsatzmilliarden schwere PC-Geschäft abzuspalten und den Konzern nach dem Vorbild von IBM zu einem Beratungs­unternehmen auszurichten. Doch was Big Blue erfolgreich durchgezogen hat, muss HP noch lange nicht gelingen. Geht die neue Strategie in die Binsen, fallen weitere Kursverluste an. Glückt der Turn­around, bieten die Aktien innert zwei bis drei Jahren saftige Kursgewinne. Damit ist klar: Diese Valoren sind risikofreudigen Anlegern vorbehalten.

Vorsicht Spekulanten. Seit Mitte September werden die im Verhältnis von 1:10 ­gesplitteten Aktien von MondoBiotech zu ihrem neuen Wert gehandelt. Erst erwartungsgemäss im Bereich von zwei Franken. Doch dann explodierte der Kurs ­innerhalb von wenigen Sitzungen um hundert Prozent, um dann sogleich wieder abzusacken. Das Handelsvolumen war jeweils höchst bescheiden.

Sinn ­machen diese Bocksprünge nicht; weder aktuelle Meldungen noch eine verheis­sungsvolle Zukunft sorgen für dieses Feuerwerk. Vielmehr ziehen beim Biotech-Unternehmen ein oder zwei Spekulanten ihre Spielchen durch. Und dazu eignen sich diese Valoren bestens. Auch nach dem Split ist der Markt relativ eng. Werden Aktien für wenige zehntausend Franken aufs Mal nach­gefragt, treibt das den Kurs subito in die Höhe. Danach lassen sich die besseren Preise für Verkäufe nutzen, die Kurse fallen, die Show geht von vorne los. Vorsicht bei MondoBiotech; wer als Privatanleger von den Spekulationen profitieren will, fällt ziemlich sicher auf die Nase.

Fusion der Lahmen. Nicht nur MondoBiotech, sondern die meisten Biotech-Aktien sind heftig unter die Räder gekommen. Beispielsweise Newron Pharmaceuticals: Das italienische Biotechnunternehmen nutzte Ende 2006 die damals gute Börsenstimmung und liess seine Aktien an der Schweizer Börse kotieren.

Finanzchef Stefan Weber erklärte ­gegenüber der «Handelszeitung», dass die Firma wahrscheinlich «schon in zwei Jahren schwarze Zahlen» schreiben werde. Kein Wunder, schossen die Valoren rasch auf 80 Franken hoch. Seither ist die Luft draussen; die Erfolge blieben aus, es wurde kräftig Geld verbrannt, die Verluste häuften sich, der Aktienkurs stürzte um 95 Prozent in die Tiefe. Die Firmengründer haben ihre Aktien grösstenteils längst abgestossen.

Die Aussichten sind anscheinend ­derart verhangen, dass die Italiener nun die Reissleine gezogen haben: Newron wird der finnischen Biopharmagesellschaft Biotie Therapies angedient, die Titel werden in Valoren der übernehmenden Firma eingetauscht. «Wir kreieren ein europaweit führendes Biopharma-Unternehmen», schreibt dazu Newron. Nur sieht es auch bei den Finnen düster aus; Biotie hat noch nie Gewinn geschrieben, im ersten Semester fiel ein Umsatz von magersten 0,9 Millionen Euro an. Das fusionierte Unternehmen verfügt ­gerade mal über zwei Medikamente, die sich in der klinischen Phase drei befinden. Die Chance, dass da eine neue ­Erfolgsgeschichte am Köcheln ist, beurteile ich mit gegen null. Merke: Aus dem Zusammenführen zweier Lahmer entsteht kein Schnellläufer.

Renditenträume. «Seit einiger Zeit verfolge ich die Aktien der Bellevue Group und überlege mir, ob ich diese kaufen soll. Mir ist bewusst, dass Finanztitel ein hohes Risiko bergen ... Dennoch interessiert mich diese Aktie, da ja vielerorts ­darauf hingewiesen wird, man solle Titel mit hoher Dividende kaufen.» In einem stimme ich mit dem Leser A.A. überein: In der aktuell labilen Börsenverfassung lohnt sich die Strategie, auf Valoren mit hoher Dividendenrendite zu setzen. Bei der Selektion jedoch machen viele Privatanleger denselben Fehler: Sie suchen die Kurslisten ab, beispielsweise in der ­«Finanz und Wirtschaft», und ihr Finger bleibt dann an Superrenditen hängen. Beispielsweise an grandiosen 38 Prozent der Bellevue-Aktie.

Dabei wird die Fussnote «L» über-sehen, die für «letztmals bezahlte Dividende» steht. Ein wichtiger Hinweis, denn gerade Firmen mit Höchstrenditen sind oft gar nicht in der Lage, ihre Ausschüttung aufrechtzuerhalten. So auch Bellevue. Das im Investment Banking und Asset Management tätige Institut fischt seit Jahren in ertragsarmen Gewässern. Für das erste Halbjahr 2011 musste CEO Martin Bisang einen Verlust von 53 Millionen Franken melden. Der Aktienkurs ist denn auch seit März um über 70 Prozent abgestürzt. Das Management ­jedenfalls kann die letztjährige Dividende von vier Franken pro Titel nie halten.

Sowieso gibt es unter Renditeaspekten weitaus attraktivere Schweizer Aktien. Ich denke da an Swiss Re (Dividendenrendite: 6,5 Prozent), Bâloise (6,7), Helvetia (5,8), Valora (5,8), Swisscom (5,7) oder Roche-Genussscheine (4,5).

Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ.
Schreiben Sie ihm an: 
bahnhofstrasse@bilanz.ch

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