Nana Mouskouri: «Ich habe Hoffnung für Griechenland»

Nana Mouskouri wohnt seit langem in der Schweiz. Im Herzen aber ist die Sängerin Griechin geblieben. Die Situation in ihrem Heimatland stimmt sie traurig.

VonStefan Lüscher und Christian Wapp
01.04.2012

Bilanz: Frau Mouskouri, vor vier Jahren haben Sie verkündet, Sie wollten sich zur Ruhe setzen. Nun sind Sie aktiver denn je. Ist Ihnen das Rentnerdasein zu langweilig?

Nana Mouskouri: Ich habe mich nie völlig zur Ruhe gesetzt. Doch nach 50 Jahren des Herumreisens wollte ich keine Welttournee mehr machen. Dafür habe ich meinen Fokus auf andere Aktivitäten gelegt, beispielsweise auf meine Stiftung «Focus on Hope». So versuchte ich, in Griechenland, Frankreich und Deutschland jeweils ein kleines Kulturzentrum aufzubauen mit Meisterklassen für Gesang, Musik oder Poesie. ­­Ich wollte jungen Menschen weitergeben, was ich gelernt habe. Als sich unerwartete Schwierigkeiten einstellten, habe ich das Projekt zurückgestellt.

Dafür gehen Sie im April wieder auf Konzerttournee durch 16 deutschsprachige Städte und gastieren am 22. April in Zürich.

Die Tour erfolgt aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums meines ersten Millionensellers «Weisse Rosen aus Athen». In Berlin, wo ich den Schlager 1961 aufgenommen hatte, gab ich Ende November 2011 in der Philharmonie ein Konzert, alleine zu meinem Vergnügen. Mein Promoter war jedoch nur bereit, diese Veranstaltung zu organisieren, wenn ich weitere Konzerte anhängen würde. Das nahm ich als willkommene Ausrede, um nochmals eine kleine Tournee zu unternehmen. Ich freue mich darauf, denn ich werde auch meine Tochter Lenou, die Sängerin ist, und ein paar griechische Musiker mitnehmen.

Trotz Ihrem Erfolg in Deutschland blieben Sie nicht dort. Warum zogen Sie weiter?

Meine Basis waren die Lieder des genialen Komponisten Manos Hadjidakis. Dann hörten Michel Legrand und Quincy Jones die «Weissen Rosen»; sie waren begeistert und wollten mit mir arbeiten. So machte ich meine ersten Aufnahmen in Frankreich und in den USA. 1963 hörte mich Harry Belafonte am Eurovision Song Contest und lud mich ein, mit ihm auf Tournee zu gehen. Ich fühle mich höchst privilegiert, was mein Leben betrifft. Ich wollte nur singen und erhielt so viel mehr. Gegenüber meinen Förderern und meinem Publikum empfinde ich grossen Respekt und Dankbarkeit. Ich habe in meinem Leben viel mehr erhalten, als ich je zu träumen gewagt hätte.

«Weisse Rosen» war eigentlich ein Zufallserfolg. Ursprünglich ein griechisches Chanson, haben es dann deutsche Arrangeure in einen Schlager umgebaut.

Und sie erfanden gleich noch einen neuen Musikstil, den Griechen-Schlager. Deshalb bezeichnet man mich bis heute als Schlagersängerin. Doch das macht mir nichts aus. Denn ich singe ja in mehreren Sprachen, ganz verschiedene Stile. Ich habe erst im Ausland realisiert, dass Sängerin ein ernsthafter Beruf ist. Und ich habe es in all den Jahren geschafft, meine Seele nicht zu verlieren, ich selbst zu bleiben.

Wie haben Sie das geschafft?

Das Musikbusiness ist hart, und man muss sehr vorsichtig sein und lernen, mit Erfolg und Misserfolg umzugehen. Viele konnten das nicht. Ich hatte immer Glück, dass ich gut umsorgt wurde – von meinem Mann, meinen Kindern und meinen Freunden.

Sie machten Weltkarriere, haben Sie eine solche je angestrebt?

Wo denken Sie hin. Ich zweifelte stets an mir selbst, tue das eigentlich bis heute. Solche Selbstzweifel sind übrigens recht typisch für den griechischen Charakter. In meinen Anfängen in Griechenland erfuhr ich viel Ablehnung. Aber dadurch realisierte ich gleichzeitig, dass ich nichts zu verlieren habe, wenn ich meinen einmal eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen würde. Dennoch frage ich mich oft, ob das, was ich tue, richtig oder falsch sei. Es ist für mich gar nicht so einfach, mit mir selbst leben zu müssen.

Seit Mitte der sechziger Jahre leben Sie in Genf. Fühlen Sie sich mehr als Schweizerin oder als Griechin?

Die Schweiz ist ein wunderbares Land. Dies ist mein Hafen, der Ort, wo ich meine Kinder geboren und grossgezogen habe. Zuerst wohnten wir in Genf, dann sind wir in dieses Haus in Cologny umgezogen. In einigen Wochen werden wir wieder in die Stadt Genf ziehen, das ist für uns bequemer. Ich habe in Paris und Athen noch je eine Wohnung, doch mein Lebensmittelpunkt ist Genf. Ich liebe Griechenland und bin stolz darauf, Griechin zu sein. Heute bin ich in Europa und der Schweiz integriert und respektiere die verschiedenen Kulturen, ohne meine Identität zu verlieren.

Sie zählen zu den reichen Exil-Griechen. Werden Sie deshalb in Ihrer Heimat angefeindet?

Ich bin gar nicht so reich, wie BILANZ behauptet. Doch lassen wir das. In Griechenland wird mir vorgeworfen, ich würde wegen der tiefen Steuern in der Schweiz leben. Das ist Unsinn. Als ich in die Schweiz gezogen bin, stand ich am Anfang meiner Karriere, mein Einkommen war gering. Zudem habe ich kein Geld aus Griechenland abgezogen, weil ich dort nie viel verdiente. Ich liebe mein Land und gehe oft nach Athen. Doch seit Griechenland in Finanznöten steckt, wird heftige Kritik laut an jenen Griechen, die im Ausland leben, so auch an mir.

Was denken die Griechen über die Schuldenkrise?

Zu lange hat sich vieles im Dunkeln abgespielt. In Griechenland gibt es in der Politik kaum Transparenz.

Aufklärung tut not …

… und wie. Doch niemand, am wenigsten die Politiker, hat ein Interesse daran. Die Parteien sind vollauf damit beschäftigt, sich zu bekämpfen. Sowieso hüten sie sich, über die Schuldenkrise zu reden. Sonst würde dem griechischen Volk klar ­werden, dass die grossen Parteien abwechselnd während 30 Jahren Staatsgelder verschwendet haben. Sie haben auf der ganzen Linie versagt.

Was müssen, was können die Griechen tun?

Vor allem die Armen leiden. Sie sind die grossen Verlierer der Schuldenkrise. Die Griechen müssen wieder lernen, einander zu helfen und Rücksicht auf die Schwachen zu nehmen. Es ist viel Menschlichkeit verloren gegangen.

Und die Regierung? Was muss sie nach dem historischen Schuldenschnitt als Nächstes unternehmen?

Jetzt sind starke Politiker gefragt. Loukas Papademos, der neue Premierminister und Chef der griechischen Übergangsregierung, macht mir einen guten Eindruck. Er denkt zuerst an Griechenland und nicht an seine eigenen Vorteile. Nun müssen dem Land frische ökonomische Impulse verliehen werden. Griechenlands Wirtschaft befindet sich im Schockzustand, es tut sich fast nichts mehr. Die Leute möchten arbeiten, doch zu viele finden keine Beschäftigung. Es ist verrückt; Zehntausende junger Leute beenden ihre Ausbildung, und dann finden sie keine Arbeit. Die Regierung muss unbedingt neue Arbeitsplätze schaffen.

Zumal es auch im Tourismus harzt.

Griechenland ist zwar ein klassisches Ferienland, doch der Tourismus bietet nur eine beschränkte Anzahl an Arbeitsplätzen. Die Regierung muss unbedingt andere Wirtschaftszweige fördern und versuchen, ausländische Industrieunternehmen anzusiedeln. Griechenland importiert alle möglichen Güter, exportiert aber kaum eigene Produkte. Ich staune immer wieder, wie wenig griechische Artikel ich in den Regalen ausländischer Geschäfte sehe. Dabei haben wir weitaus mehr zu bieten als Ouzo, Olivenöl oder Metaxa.

Was können die superreichen Exil-Griechen für ihr Land tun?

Sie sollten mit Kapital und neuen Ideen nach Griechenland kommen, Unternehmen gründen oder beim Aufbau von ­Firmen helfen. Auch müssen sie die Menschen aus- und weiterbilden, sie mit neuen Produktionsverfahren und Arbeitsmethoden vertraut machen. Talent alleine genügt nicht, man muss es auch fördern.

Ist Griechenlands Jugend eine verlorene Generation?

Die Gefahr ist tatsächlich gross, dass diese Generation in ihrem Land keine Zukunft hat. Früher gab es eine enorme Landflucht, die Jungen fanden in den Städten Arbeit, nicht zuletzt bei der Regierung. Diese schuf unzählige Jobs, nur um Stimmen zu gewinnen. Mit der Schuldenkrise wurde alles anders. Doch nun finden auch Schul- und Uniabgänger bei der öffentlichen Hand keine Arbeit mehr, manche sind dazu gezwungen, Griechenland zu verlassen. Für viele von ihnen ist das vielleicht gar nicht so schlecht, aber sie sollten mit dem Know-how zurückkommen und es in Griechenland einsetzen.

Wie ist das zu verstehen?

Es ist zwar traurig, aber wahr: Die meisten jungen Griechen, die auswandern, machen im Ausland Karriere. Und weshalb? Vor allem Junge mit grossen Fähigkeiten kehren ihrem Heimatland den Rücken. Im Ausland gehen ihnen dann die Augen auf, wenn sie sehen, welche Möglichkeiten ihnen offenstehen. Und so packen sie ihre Chancen.

Fühlen sich die Griechen von den Europäern im Stich gelassen?

Bei einem Teil der Bevölkerung ist dieser Eindruck tatsächlich verbreitet. Die Politiker versuchen den Eindruck zu vermitteln, Europa strafe Griechenland mit überharten Auflagen. Griechenland braucht Europa.

Weshalb ist vor allem das Verhältnis der Griechen zu den Deutschen gestört?

Da haben sich die Journalisten beider Länder gegenseitig hochgeschaukelt. Die Griechen registrieren genau, was in Europa geschrieben wird. In Deutschland ist dem Schuldenabkommen viel Kritik erwachsen. Weil die Griechen bis heute nicht genau verstanden haben, was mit ihnen geschehen ist, wird jeder attackiert, der das Land tadelt. Als ich im letzten Jahr die Politiker kritisierte, reagierte die Presse mit einem Aufschrei.

Wann wird sich das Verhältnis zu Europa verbessern?

Die Griechen müssen verstehen, dass Europa nicht ihr Feind ist. Gerade der Schuldenschnitt ist der Beweis dafür, dass sich Europa, ja die Welt um Griechenland kümmert. Und Europa kümmert sich auch um andere Länder. Nicht nur Griechenland hat grosse Probleme.

Was braucht es, damit die Griechen umdenken?

Die verfahrene Situation hat viel zu tun mit der neuen Armut. Ich kann es jeweils kaum fassen, wie viele Bettler auf den ­Strassen Athens leben. Sicher, das ist auch eine Folge der Flüchtlingsströme, die über Griechenland nach Europa drängen. Doch nicht nur. Ich weiss, was Armut heisst. Ich bin im Krieg aufgewachsen. Deshalb bin ich auch seit 1993 Unicef-Botschafterin des United Nation Children Fund. Zuerst muss die ­finanzielle Situation des Volkes verbessert werden, bevor man erwarten kann, dass es umdenkt. Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Und ich habe Hoffnung, dass die Griechen eines Tages wieder zu ihren alten Werten zurückfinden werden.

Sie lassen sich Ihren Optimismus nicht nehmen.

Ich bin eine unverbesserliche Optimistin. Heute leiden die Menschen in Griechenland, sie wurden moralisch gedemütigt, müssen die Verantwortung für ihre Irrtümer übernehmen und harte Strafen bezahlen. Aber die Griechen sind nicht die Einzigen, die falsch gehandelt haben. In unserer Welt gibt es nun mal keine Perfektion. Auch die EU hat Fehler gemacht. Ich hoffe, dass wir daraus für die Zukunft lernen. Es ist immer noch Zeit, künftige Katastrophen zu vermeiden – den jungen Menschen in Europa und auf der ganzen Welt zuliebe.

Ihre Abneigung gegenüber Politikern ist unverkennbar. Weshalb haben Sie von 1994 bis 1999 die Christdemokraten im Europaparlament vertreten?

Meine politische Karriere war eigentlich ein Unding. Beim ­Singen fand ich meinen Frieden. Doch dann wurde ich mehr oder weniger in die Politik gezwungen … (Nana Mouskouri gerät ins Grübeln).

Wir warten gespannt auf die Fortsetzung.

Miltos Evert, der damalige Präsident der Christdemokraten, bot mir an, mich auf die Wahlliste für das Europaparlament zu setzen. Ich lehnte ab. Er aber führte meinen Namen dennoch auf, prompt wurde ich gewählt. Es blieb mir fast nichts anderes übrig, als die Wahl anzunehmen. Ich nahm mein Amt ernst und blieb fünf Jahre. Ich war die einzige Frau unter neun griechischen Abgeordneten, und wenn die Journalisten hinter mir her waren und ich fotografiert wurde, drängten sich die anderen mit aufs Bild.

Weshalb sind Sie nach fünf Jahren zurückgetreten?

In der Politik sind Kompromisse an der Tagesordnung, das hat mir nicht behagt. Wenn eine Partei eine sinnvolle Lösung vorschlägt, wird diese trotzdem oft abgelehnt, nur weil die Idee von der falschen Partei stammt. Dabei sollte doch die beste ­Lösung und nicht das Parteiprogramm oder die Wiederwahl im Vordergrund stehen. Dieses Verhalten hat mich zunehmend aggressiver gegenüber Politikern gemacht.

Mehr Freude bereitet Ihnen Ihre neue CD. Sie haben im vergangenen Jahr zahlreiche Ihrer französischen Erfolge neu aufgenommen. Wie kam es dazu?

Es war ein Vorschlag meiner Schallplattenfirma. Auf der CD «Rendez-vous» singe ich Duette mit meiner Tochter Lenou und mit Freunden wie Joan Baez, Alain Delon oder Julio Iglesias. Und nun kommt die CD am 23. März auch auf dem deutschen Markt heraus, ergänzt mit zwei deutschsprachigen Liedern – etwa den «Weissen Rosen» zusammen mit der Paul Kuhn Big Band. In Griechenland habe ich letztes Jahr auch eine neue CD mit Liedern der griechischen Inseln veröffentlicht.

Es scheint, als blieben Sie uns als Sängerin noch eine Weile erhalten.

Ja, solange mir das Singen Freude macht. Die Musik ist mein Leben.

Stimme Griechenlands: Nana Mouskouri (77) ist mit über 250 Millionen ­verkauften Tonträgern nach Madonna die erfolgreichste Sängerin aller Zeiten. Als Unicef-Botschafterin setzt sie sich seit 1993 für Kinder ein; von 1994 bis 1999 vertrat sie Griechenland im Europaparlament. Nana Mouskouri wohnt seit 1964 in Genf, heute mit ihrem zweiten Mann, dem Franzosen André Chapelle, der sie seit Jahrzehnten als Produzent betreut. Ihre Tochter Lenou (41) ist ebenfalls Sängerin, ihr Sohn Nicolas Petsilas (44) Filmschaffender.

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Bilanz: Frau Mouskouri, vor vier Jahren haben Sie verkündet, Sie wollten sich zur Ruhe setzen. Nun sind Sie aktiver denn je. Ist Ihnen das Rentnerdasein zu langweilig?

Nana Mouskouri: Ich habe mich nie völlig zur Ruhe gesetzt. Doch nach 50 Jahren des Herumreisens wollte ich keine Welttournee mehr machen. Dafür habe ich meinen Fokus auf andere Aktivitäten gelegt, beispielsweise auf meine Stiftung «Focus on Hope». So versuchte ich, in Griechenland, Frankreich und Deutschland jeweils ein kleines Kulturzentrum aufzubauen mit Meisterklassen für Gesang, Musik oder Poesie. ­­Ich wollte jungen Menschen weitergeben, was ich gelernt habe. Als sich unerwartete Schwierigkeiten einstellten, habe ich das Projekt zurückgestellt.

Dafür gehen Sie im April wieder auf Konzerttournee durch 16 deutschsprachige Städte und gastieren am 22. April in Zürich.

Die Tour erfolgt aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums meines ersten Millionensellers «Weisse Rosen aus Athen». In Berlin, wo ich den Schlager 1961 aufgenommen hatte, gab ich Ende November 2011 in der Philharmonie ein Konzert, alleine zu meinem Vergnügen. Mein Promoter war jedoch nur bereit, diese Veranstaltung zu organisieren, wenn ich weitere Konzerte anhängen würde. Das nahm ich als willkommene Ausrede, um nochmals eine kleine Tournee zu unternehmen. Ich freue mich darauf, denn ich werde auch meine Tochter Lenou, die Sängerin ist, und ein paar griechische Musiker mitnehmen.

Trotz Ihrem Erfolg in Deutschland blieben Sie nicht dort. Warum zogen Sie weiter?

Meine Basis waren die Lieder des genialen Komponisten Manos Hadjidakis. Dann hörten Michel Legrand und Quincy Jones die «Weissen Rosen»; sie waren begeistert und wollten mit mir arbeiten. So machte ich meine ersten Aufnahmen in Frankreich und in den USA. 1963 hörte mich Harry Belafonte am Eurovision Song Contest und lud mich ein, mit ihm auf Tournee zu gehen. Ich fühle mich höchst privilegiert, was mein Leben betrifft. Ich wollte nur singen und erhielt so viel mehr. Gegenüber meinen Förderern und meinem Publikum empfinde ich grossen Respekt und Dankbarkeit. Ich habe in meinem Leben viel mehr erhalten, als ich je zu träumen gewagt hätte.

«Weisse Rosen» war eigentlich ein Zufallserfolg. Ursprünglich ein griechisches Chanson, haben es dann deutsche Arrangeure in einen Schlager umgebaut.

Und sie erfanden gleich noch einen neuen Musikstil, den Griechen-Schlager. Deshalb bezeichnet man mich bis heute als Schlagersängerin. Doch das macht mir nichts aus. Denn ich singe ja in mehreren Sprachen, ganz verschiedene Stile. Ich habe erst im Ausland realisiert, dass Sängerin ein ernsthafter Beruf ist. Und ich habe es in all den Jahren geschafft, meine Seele nicht zu verlieren, ich selbst zu bleiben.

Wie haben Sie das geschafft?

Das Musikbusiness ist hart, und man muss sehr vorsichtig sein und lernen, mit Erfolg und Misserfolg umzugehen. Viele konnten das nicht. Ich hatte immer Glück, dass ich gut umsorgt wurde – von meinem Mann, meinen Kindern und meinen Freunden.

Sie machten Weltkarriere, haben Sie eine solche je angestrebt?

Wo denken Sie hin. Ich zweifelte stets an mir selbst, tue das eigentlich bis heute. Solche Selbstzweifel sind übrigens recht typisch für den griechischen Charakter. In meinen Anfängen in Griechenland erfuhr ich viel Ablehnung. Aber dadurch realisierte ich gleichzeitig, dass ich nichts zu verlieren habe, wenn ich meinen einmal eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen würde. Dennoch frage ich mich oft, ob das, was ich tue, richtig oder falsch sei. Es ist für mich gar nicht so einfach, mit mir selbst leben zu müssen.

Seit Mitte der sechziger Jahre leben Sie in Genf. Fühlen Sie sich mehr als Schweizerin oder als Griechin?

Die Schweiz ist ein wunderbares Land. Dies ist mein Hafen, der Ort, wo ich meine Kinder geboren und grossgezogen habe. Zuerst wohnten wir in Genf, dann sind wir in dieses Haus in Cologny umgezogen. In einigen Wochen werden wir wieder in die Stadt Genf ziehen, das ist für uns bequemer. Ich habe in Paris und Athen noch je eine Wohnung, doch mein Lebensmittelpunkt ist Genf. Ich liebe Griechenland und bin stolz darauf, Griechin zu sein. Heute bin ich in Europa und der Schweiz integriert und respektiere die verschiedenen Kulturen, ohne meine Identität zu verlieren.

Sie zählen zu den reichen Exil-Griechen. Werden Sie deshalb in Ihrer Heimat angefeindet?

Ich bin gar nicht so reich, wie BILANZ behauptet. Doch lassen wir das. In Griechenland wird mir vorgeworfen, ich würde wegen der tiefen Steuern in der Schweiz leben. Das ist Unsinn. Als ich in die Schweiz gezogen bin, stand ich am Anfang meiner Karriere, mein Einkommen war gering. Zudem habe ich kein Geld aus Griechenland abgezogen, weil ich dort nie viel verdiente. Ich liebe mein Land und gehe oft nach Athen. Doch seit Griechenland in Finanznöten steckt, wird heftige Kritik laut an jenen Griechen, die im Ausland leben, so auch an mir.

Was denken die Griechen über die Schuldenkrise?

Zu lange hat sich vieles im Dunkeln abgespielt. In Griechenland gibt es in der Politik kaum Transparenz.

Aufklärung tut not …

… und wie. Doch niemand, am wenigsten die Politiker, hat ein Interesse daran. Die Parteien sind vollauf damit beschäftigt, sich zu bekämpfen. Sowieso hüten sie sich, über die Schuldenkrise zu reden. Sonst würde dem griechischen Volk klar ­werden, dass die grossen Parteien abwechselnd während 30 Jahren Staatsgelder verschwendet haben. Sie haben auf der ganzen Linie versagt.

Was müssen, was können die Griechen tun?

Vor allem die Armen leiden. Sie sind die grossen Verlierer der Schuldenkrise. Die Griechen müssen wieder lernen, einander zu helfen und Rücksicht auf die Schwachen zu nehmen. Es ist viel Menschlichkeit verloren gegangen.

Und die Regierung? Was muss sie nach dem historischen Schuldenschnitt als Nächstes unternehmen?

Jetzt sind starke Politiker gefragt. Loukas Papademos, der neue Premierminister und Chef der griechischen Übergangsregierung, macht mir einen guten Eindruck. Er denkt zuerst an Griechenland und nicht an seine eigenen Vorteile. Nun müssen dem Land frische ökonomische Impulse verliehen werden. Griechenlands Wirtschaft befindet sich im Schockzustand, es tut sich fast nichts mehr. Die Leute möchten arbeiten, doch zu viele finden keine Beschäftigung. Es ist verrückt; Zehntausende junger Leute beenden ihre Ausbildung, und dann finden sie keine Arbeit. Die Regierung muss unbedingt neue Arbeitsplätze schaffen.

Zumal es auch im Tourismus harzt.

Griechenland ist zwar ein klassisches Ferienland, doch der Tourismus bietet nur eine beschränkte Anzahl an Arbeitsplätzen. Die Regierung muss unbedingt andere Wirtschaftszweige fördern und versuchen, ausländische Industrieunternehmen anzusiedeln. Griechenland importiert alle möglichen Güter, exportiert aber kaum eigene Produkte. Ich staune immer wieder, wie wenig griechische Artikel ich in den Regalen ausländischer Geschäfte sehe. Dabei haben wir weitaus mehr zu bieten als Ouzo, Olivenöl oder Metaxa.

Was können die superreichen Exil-Griechen für ihr Land tun?

Sie sollten mit Kapital und neuen Ideen nach Griechenland kommen, Unternehmen gründen oder beim Aufbau von ­Firmen helfen. Auch müssen sie die Menschen aus- und weiterbilden, sie mit neuen Produktionsverfahren und Arbeitsmethoden vertraut machen. Talent alleine genügt nicht, man muss es auch fördern.

Ist Griechenlands Jugend eine verlorene Generation?

Die Gefahr ist tatsächlich gross, dass diese Generation in ihrem Land keine Zukunft hat. Früher gab es eine enorme Landflucht, die Jungen fanden in den Städten Arbeit, nicht zuletzt bei der Regierung. Diese schuf unzählige Jobs, nur um Stimmen zu gewinnen. Mit der Schuldenkrise wurde alles anders. Doch nun finden auch Schul- und Uniabgänger bei der öffentlichen Hand keine Arbeit mehr, manche sind dazu gezwungen, Griechenland zu verlassen. Für viele von ihnen ist das vielleicht gar nicht so schlecht, aber sie sollten mit dem Know-how zurückkommen und es in Griechenland einsetzen.

Wie ist das zu verstehen?

Es ist zwar traurig, aber wahr: Die meisten jungen Griechen, die auswandern, machen im Ausland Karriere. Und weshalb? Vor allem Junge mit grossen Fähigkeiten kehren ihrem Heimatland den Rücken. Im Ausland gehen ihnen dann die Augen auf, wenn sie sehen, welche Möglichkeiten ihnen offenstehen. Und so packen sie ihre Chancen.

Fühlen sich die Griechen von den Europäern im Stich gelassen?

Bei einem Teil der Bevölkerung ist dieser Eindruck tatsächlich verbreitet. Die Politiker versuchen den Eindruck zu vermitteln, Europa strafe Griechenland mit überharten Auflagen. Griechenland braucht Europa.

Weshalb ist vor allem das Verhältnis der Griechen zu den Deutschen gestört?

Da haben sich die Journalisten beider Länder gegenseitig hochgeschaukelt. Die Griechen registrieren genau, was in Europa geschrieben wird. In Deutschland ist dem Schuldenabkommen viel Kritik erwachsen. Weil die Griechen bis heute nicht genau verstanden haben, was mit ihnen geschehen ist, wird jeder attackiert, der das Land tadelt. Als ich im letzten Jahr die Politiker kritisierte, reagierte die Presse mit einem Aufschrei.

Wann wird sich das Verhältnis zu Europa verbessern?

Die Griechen müssen verstehen, dass Europa nicht ihr Feind ist. Gerade der Schuldenschnitt ist der Beweis dafür, dass sich Europa, ja die Welt um Griechenland kümmert. Und Europa kümmert sich auch um andere Länder. Nicht nur Griechenland hat grosse Probleme.

Was braucht es, damit die Griechen umdenken?

Die verfahrene Situation hat viel zu tun mit der neuen Armut. Ich kann es jeweils kaum fassen, wie viele Bettler auf den ­Strassen Athens leben. Sicher, das ist auch eine Folge der Flüchtlingsströme, die über Griechenland nach Europa drängen. Doch nicht nur. Ich weiss, was Armut heisst. Ich bin im Krieg aufgewachsen. Deshalb bin ich auch seit 1993 Unicef-Botschafterin des United Nation Children Fund. Zuerst muss die ­finanzielle Situation des Volkes verbessert werden, bevor man erwarten kann, dass es umdenkt. Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Und ich habe Hoffnung, dass die Griechen eines Tages wieder zu ihren alten Werten zurückfinden werden.

Sie lassen sich Ihren Optimismus nicht nehmen.

Ich bin eine unverbesserliche Optimistin. Heute leiden die Menschen in Griechenland, sie wurden moralisch gedemütigt, müssen die Verantwortung für ihre Irrtümer übernehmen und harte Strafen bezahlen. Aber die Griechen sind nicht die Einzigen, die falsch gehandelt haben. In unserer Welt gibt es nun mal keine Perfektion. Auch die EU hat Fehler gemacht. Ich hoffe, dass wir daraus für die Zukunft lernen. Es ist immer noch Zeit, künftige Katastrophen zu vermeiden – den jungen Menschen in Europa und auf der ganzen Welt zuliebe.

Ihre Abneigung gegenüber Politikern ist unverkennbar. Weshalb haben Sie von 1994 bis 1999 die Christdemokraten im Europaparlament vertreten?

Meine politische Karriere war eigentlich ein Unding. Beim ­Singen fand ich meinen Frieden. Doch dann wurde ich mehr oder weniger in die Politik gezwungen … (Nana Mouskouri gerät ins Grübeln).

Wir warten gespannt auf die Fortsetzung.

Miltos Evert, der damalige Präsident der Christdemokraten, bot mir an, mich auf die Wahlliste für das Europaparlament zu setzen. Ich lehnte ab. Er aber führte meinen Namen dennoch auf, prompt wurde ich gewählt. Es blieb mir fast nichts anderes übrig, als die Wahl anzunehmen. Ich nahm mein Amt ernst und blieb fünf Jahre. Ich war die einzige Frau unter neun griechischen Abgeordneten, und wenn die Journalisten hinter mir her waren und ich fotografiert wurde, drängten sich die anderen mit aufs Bild.

Weshalb sind Sie nach fünf Jahren zurückgetreten?

In der Politik sind Kompromisse an der Tagesordnung, das hat mir nicht behagt. Wenn eine Partei eine sinnvolle Lösung vorschlägt, wird diese trotzdem oft abgelehnt, nur weil die Idee von der falschen Partei stammt. Dabei sollte doch die beste ­Lösung und nicht das Parteiprogramm oder die Wiederwahl im Vordergrund stehen. Dieses Verhalten hat mich zunehmend aggressiver gegenüber Politikern gemacht.

Mehr Freude bereitet Ihnen Ihre neue CD. Sie haben im vergangenen Jahr zahlreiche Ihrer französischen Erfolge neu aufgenommen. Wie kam es dazu?

Es war ein Vorschlag meiner Schallplattenfirma. Auf der CD «Rendez-vous» singe ich Duette mit meiner Tochter Lenou und mit Freunden wie Joan Baez, Alain Delon oder Julio Iglesias. Und nun kommt die CD am 23. März auch auf dem deutschen Markt heraus, ergänzt mit zwei deutschsprachigen Liedern – etwa den «Weissen Rosen» zusammen mit der Paul Kuhn Big Band. In Griechenland habe ich letztes Jahr auch eine neue CD mit Liedern der griechischen Inseln veröffentlicht.

Es scheint, als blieben Sie uns als Sängerin noch eine Weile erhalten.

Ja, solange mir das Singen Freude macht. Die Musik ist mein Leben.

Stimme Griechenlands: Nana Mouskouri (77) ist mit über 250 Millionen ­verkauften Tonträgern nach Madonna die erfolgreichste Sängerin aller Zeiten. Als Unicef-Botschafterin setzt sie sich seit 1993 für Kinder ein; von 1994 bis 1999 vertrat sie Griechenland im Europaparlament. Nana Mouskouri wohnt seit 1964 in Genf, heute mit ihrem zweiten Mann, dem Franzosen André Chapelle, der sie seit Jahrzehnten als Produzent betreut. Ihre Tochter Lenou (41) ist ebenfalls Sängerin, ihr Sohn Nicolas Petsilas (44) Filmschaffender.

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