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Zukunftsindustrien: Back to the Future

Sie machen den Werkplatz fit für die nächste Dekade: Wie Schweizer Start-ups auf die wichtigsten globalen Trends und Treiber eingehen.

Von Harry Büsser
28.06.2011

80 Millionen sind noch im Topf. Und die Zahl jener, die sich gerne alimentieren lassen würden, reisst nicht ab: «Seit der Gründung bearbeiteten wir über 500 ­Anfragen, auch heute noch treffen täglich zwei bis vier Gesuche ein», sagt Johannes Suter. Suter ist CEO der SVC AG für KMU-Risikokapital, die im Mai 2010 von der Credit Suisse in strategischer Kooperation mit dem Swiss Venture Club ge­gründet wurde. Die CS-Tochter will bis Ende 2013 100 Millionen Franken in 40 bis 50 Schweizer KMU investieren. 20 Millionen sind bereits in 13 Unternehmen geflossen.

Welche Industrien und Geschäfts­modelle werden den hiesigen Wirtschaftsmotor weiter am Brummen halten? Werden es weiterhin die Pharma-, die Maschinenbau-, die Uhren- und die Medtech-Industrie sein? Wachsen gänzlich neue Zweige heran? Oder wird es eine Mischung daraus sein? Suter glaubt an Letztgenanntes. «Oft stammen Start-ups aus klassischen Industrien wie dem Maschinenbau, greifen aber heute schon die Themen von morgen auf.»

Ein «Back to the Future» gewissermassen: Die ­Zukunftsindustrien wurzeln im Heute, Newcomer müssen aber Querschnittstechnologien wie Nanotech verstehen, Marktentwicklungen vorwegnehmen und mittels Effizienzbestrebungen an die Vorgaben ihrer Kunden denken – und an deren Währungstabellen: Lag die Exportquote am BIP 1990 noch bei 30 Prozent, so verdient die Schweiz heute jeden zweiten Franken im Ausland.

Als Export­nation ist das Land hervorragend ge­rüstet. Im zwölfteiligen Raster des «WEF Global Competitiveness Report» erhält die Schweiz – ausser bei der Marktgrösse, die sich nicht ändern lässt – überall Bestwerte. Ein Land, das in Sachen Innovation, Ausbildung, Infrastruktur und Technologie-Aufnahmefähigkeit top ist, sollte im Qualitätswettbewerb bestehen – sofern es seine Fähigkeiten in Produkte ummünzt, seine PS auf den Boden bringt. Gesucht: Champions von morgen.

Blitz im Berg

Eine solche Zukunftshoffnung ist die Selfrag im freiburgischen Kerzers. Das Spin-off der Ammann-Gruppe will im Minen- und Bergbau für mehr Effizienz und Ökologie sorgen. Wurden wertvolle Gesteinsbestandteile bisher mit starkem Chemikalieneinsatz ausgebracht, so will Selfrag dasselbe mit künstlichen Blitzen schaffen. Was in Kerzers mit Gesteinsproben aus aller Welt erprobt wird, soll es bald an die Front schaffen, sagt Selfrag-CEO Frédéric von der Weid: «Derzeit können zwei Tonnen Material pro Stunde prozessiert werden, im Minenbau vor Ort wären aber 100 Tonnen pro Stunde erforderlich.»

Sind die Laborgeräte der Selfrag heute noch in den Abmessungen einer Kaffeemaschine gehalten, so werden sie in einer typischen Industrieanwendung etwa die Fläche von einem Viertel eines Tennisplatzes einnehmen. Schweizer Cleantech, die nun vor Bewährungsproben steht: Dieses Jahr noch sollen zwei Selfrag-Pilotanlagen im Bereich Indu­s­trie­mineralien installiert werden, eine in Skandinavien, die andere in Chile.

Megatrends

«Cleantech», sagt Daniel Küng, «ist ein Bereich mit enormen Wachstumschanchen.» Mache diese Industrie heute etwas über drei Prozent am Welt-BIP aus, «so dürfte sich der Anteil in den nächsten zehn Jahren verdoppeln». Der CEO der Exportförderungsorganisation Osec sieht drei hauptsächliche globale Treiber, die für Schweizer Firmen Perspek­tiven eröffnen: die demografische Entwicklung, die Urbanisierung und das Wachstum der Mittelschichten in Schwellenländern. Wenn der Planet ergraut, kann die Export-Schweiz mit Medtech und Life-Sciences-Produkten generell punkten.

Den Treiber Urbanisierung kann sie in den Themen Energieeffizienz, Wassertechnologie und Gebäudetechnik bespielen. Neue Mittelschichten, etwa in Indien, Vietnam oder der Türkei, haben mehr Geld für Konsum zur Verfügung, was Schweizer Luxusprodukte wie Uhren, Nahrungsmittel oder Banking stimulieren wird. Vom wachsenden Mobilitätsbedürfnis dieser Aufsteiger sollten auch die Schweizer Autozulieferer profitieren können. Zu ganz ähnlichen Schlüssen kommen die Strategieberater von Roland Berger in ihrer Studie «Megatrends 2030». Sie nennen Life Sciences, erneuerbare Energien, Luxusprodukte, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Financial Services als relevante «Mega­trends in einer volatilen Welt».

Die Weichen stellen hierzulande Fachhochschulen und Universitäten mit ihren Forschungsschwerpunkten. In den Bereichen, in denen Zukunft vorweggenommen wird, entstehen auch immer wieder Spin-offs, die ihr Wissen im optimalen Fall in marktfähige Lösungen übertragen. Eine der wegweisenden Institutionen ist dabei die ETH Zürich, die seit 1998 jährlich «20 bis 24 Firmengründungen» hervorbringt, so Matthias Hölling, der Leiter des Spin-off-Programms. «Mitte Juni haben wir das zehnte Spin-off des Jahres anerkannt.»

Im Mai 2011 hat die ETH mit IBM in Rüschlikon ZH ein Nanotechnology Center eröffnet, vor wenigen Tagen lancierte man ein Risk Center mit dem Ansatz, Ingenieure, Sozial- und Naturwissenschaftler integrativ zusammenzubringen. Auf dass der wirtschaftliche Markenkern des Landes – «Switzerland works» – in einer stets unsichereren Welt mehr Strahlkraft erhält. Mit den Hochschulen und Privatfirmen, die im Bereich Risikomanagement tätig sind, verfügt die Schweiz hier über enorme Möglichkeiten. Mit innovativen Geschäftsideen können diese genutzt werden.

Mark Rüegg hat das mit seiner CelsiusPro getan und bietet heute massgeschneiderte Wetterzertifikate an, die Unternehmen vor den finanziellen Einflüssen von ungünstigem Wetter schützen. Ein einfaches Beispiel: Bei CelsiusPro kann man ein Produkt gegen übermässig viele regnerische Wochen­enden im August kaufen. Konkret: Regnet es im August an mehr als drei Wochenendtagen, dann erhalten Kunden für jeden weiteren verregneten Wochenendtag 7000 Franken – der August 2011 hat acht Wochenendtage. Maximale Auszahlung sind 35 000 Franken. Diese Absicherung kostet 2195 Franken. Vielleicht eine Geschenkidee für Menschen, deren Gemüt vom Regen stark in Mitleidenschaft gezogen wird? «Wieso nicht?», fragt Rüegg mit einem Schmunzeln zurück. «Zielkunden sind aber ganz klar Unternehmen.» Auf www.celsiuspro.com gibt es einen Preisrechner, mit dem diverse Szenarien durchgespielt werden können. «Natürlich können das auch Private zur Finanzspekulation nutzen», sagt Rüegg.

Start mit der EM 08

 2007, noch als Direktor bei der UBS Investmentbank in London, hatte Rüegg die Idee und schrieb den Businessplan. Im März 2008 gründete er bereits seine Firma. «Die ersten Kunden waren Einzelhändler und Restaurationsbetriebe während der Fussball-Europameisterschaft im Sommer 2008 in der Schweiz», sagt Rüegg. «Sie haben sich gegen schlechtes Wetter und daraus entstehende Einnahmeausfälle abgesichert.» An Regentagen gehen viel weniger Menschen zu den Public Viewings und geben auch weniger Geld aus bei den Einzelhändlern und Restaurationsbetrieben in der Nähe.

Auch Open-Air-Veranstalter versichern sich aus den gleichen Gründen bei Celsius­Pro. «Unsere wichtigsten Kunden stammen heute aber nicht mehr nur aus der Event- und Freizeitbranche, sondern vor allem auch aus der Bauwirtschaft, dem Transportwesen und der Landwirtschaft», sagt Rüegg. Sechs Millionen Franken Prämien hat CelsiusPro im letzten Jahr bereits eingenommen. Es werden dabei nicht nur Regentage versichert: «Die Baufirmen wollen sich vor allem gegen Frost und Kälte absichern», sagt Rüegg. Denn unter diesen Wetter­bedingungen können sie oft nicht arbeiten, müssen aber ihre Mit­arbeiter trotzdem bezahlen. CelsiusPro ist Partner der holländischen Bauindustrie und des englischen Bauverbandes. «Wir erwirtschaften von Zürich aus inzwischen 90 Prozent der Prämien im Ausland», sagt Rüegg stolz über die Internationalität seiner Firma, die 2009 den Swiss Insurance Industry Award for Innovation gewann.

Auch das Zürcher ETH-Spin-off Dacuda heimste Preise ein. Dieses Jahr stand man auf der Liste der 100 spannendsten europäischen Start-ups von Red Herring und erhielt am Swiss Economic Forum einen Award. Die Digitalisierungstechnologie der Firma erlaubt es, mittels Computermaus Bilder, Tabellen und Texte einzuscannen und sofort zu editieren, etwa in einem Word-Dokument. Im August lanciert der südkoreanische Elektrogigant LG Electronics die erste Scanner-Maus – mit lizenzierter Dacuda-Technik. Auch wenn bei Computern derzeit ­Tablets en vogue sind, die ohne Maus gesteuert werden, sieht Dacuda-Finanzchef Michael Born einen gewaltigen Markt: «Weltweit werden über 300 Millionen Mäuse produziert, und diese Zahl wächst weiter.» An Selbstvertrauen fehlt es nicht: «Künftig wird es noch spannender, Mäuse zu benutzen. Unsere Vision: Unsere Technologie soll in jede Maus der Welt.»

So wie Dacuda das bekannte System der Computermaus mit neuen Fähigkeiten auflädt, will auch ein Aargauer Start-up bestehende Systeme weiterdenken – und weltweit beweisen, dass der eigene Ansatz der überzeugendere ist. Waterjet Technologies operiert an der Schnittstelle von Energieerzeugung und Cleantech, die Firma hat ein Verfahren zur Reinigung technischer Bauteile mittels Hochdruck-Wasserstrahltechnik entwickelt.

Härtetest

Bisher wurden Rotoren oder Heizkessel meist per Sandstrahlung gereinigt, Waterjet Technologies glaubt, mit der eigenen Technologie bei weniger Mittel­einsatz effizientere und qualitativ bessere Reinigungen zu ermöglichen. «Dieses Jahr wird entscheidend sein für uns», sagt Geschäftsführer Phi­lipp Roth, «erste internationale Einsätze unserer Prototypen in diversen Projekten in Dampfturbinen- und Gaskombikraft­werken sollen die Vorteile unserer Hochdruck-Wasserstrahltechnik aufzeigen.»

Das Start-up orientiert sich schon zu einem frühen Zeitpunkt ausserhalb der Landesgrenzen: «Die nächsten Anwendungen finden voraussichtlich in Europa statt; mit einer zweiten Anlage im Bereich Wasserstrahlschneiden sind wir momentan in Verhandlungen über einen Einsatz in Mexiko.» Roth weiss, dass eine harte Zeit auf ihn zukommt: «Die Ar­beiten erfolgen unter hohem Zeitdruck, zusätzlich besteht die Herausforderung, sich gegen eine althergebrachte Tech­nologie durchzusetzen und zu beweisen, dass unser Verfahren besser und effi­zienter ist.»

Firmen zu finden, die dieses Potenzial haben, vielleicht sogar Perlen zu fischen, die in Zukunftsindustrien zum «Gamechanger» werden könnten, das bleibt die Herausforderung von Johannes Suter, dem CEO der SVC AG für KMU-Risiko­kapital. Er ist weiterhin auf der Suche nach Firmen, «deren Produkte und Dienstleistungen auch in 10 bis 15 Jahren noch den Bedürfnissen der Kunden entsprechen». Auf Suters Radar tut sich was. Nachdem bereits 13 Firmen erkannt worden sind, «sind die Deals Nummer 14, 15 und 16 schon in der Pipeline».

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