Auf dem Papier ist die amerikanische Notenbank völlig unabhängig. Doch wer im Federal Reserve Board Einsitz nehmen darf, bestimmt allein der US-Präsident. In der Praxis führt das zu massiven Druckversuchen von der Politik auf die Zentralbank. Eine Reihe von eindrücklichen Beispielen listet der Autor Bob Woodward in seiner Greenspan-Biografie «Maestro» auf.

Bereits Paul Volcker, der Vorgänger von Alan Greenspan, wurde von der Regierung Reagan mehrfach dazu gedrängt, die Zinsen zu senken. Doch Volcker liess sich nicht erweichen. Stattdessen drohte er 1986 dem Finanzminister James Baker mit Rücktritt. Eine solche Demission hätte für die amerikanische Geldpolitik einen massiven Imageschaden bedeutet. Erst vor diese Alternative gestellt, liess die Regierung von ihren Druckversuchen ab.

Als Volckers Amtszeit im August 1987 ohnehin auslief, konnte Baker seinen langjährigen Weggefährten Alan Greenspan ins Amt hieven. Auch nach seiner Wahl zum Fed-Chairman hielt Greenspan engen Kontakt mit Baker. Kam eine Zinserhöhung der Regierung ungelegen, besuchte er den Minister vorgängig in dessen Büro, um ihn zu informieren. Trotzdem habe dieser mit richtigen Wutanfällen reagiert, schreibt Woodward.

Der auf Reagan folgende George Bush und seine Minister setzten Greenspan ebenfalls massiv unter Druck, indem sie ihn mit Faxschreiben eindeckten oder öffentlich tiefere Zinsen reklamierten. Im März 1992 schritt der neue Finanzminister Nicolas Brady zu einer noch perfideren Methode, nachdem er gehört hatte, Greenspan leide unter der Furcht, seinen gesellschaftlichen Status zu verlieren. Brady versuchte, ihn mit Ausgrenzung zu züchtigen, indem er unvermittelt jeden Kontakt abbrach. Der Terror dauerte indes nicht lange, bald wurde die Regierung Bush abgewählt.

Bill Clinton dagegen versuchte es mit Charme. Besonders zwischen seinem Finanzminister Robert Rubin und dem Fed-Chef entwickelte sich eine enge Freundschaft. Die Pressionen der Regierung hörten auf, im Gegenzug begann Greenspan, Clinton bei zentralen Fragen Schützenhilfe zu leisten. Zum Beispiel im Januar 1995: Der Präsident wollte dem südlichen Nachbarland Mexiko, das in einer schweren Krise steckte, mit einem Kredit von 40 Milliarden Dollar unter die Arme greifen. Der einflussreiche konservative Radio-Talkmaster Rush Limbaugh machte jedoch Stimmung dagegen, worauf der Währungshüter versuchte, diesen mit einem Telefonanruf zu bekehren.

Als überzeugter Republikaner hat der Fed-Chef auch zu George W. Bush einen exzellenten Draht gefunden. Mit dem Vizepräsidenten Dick Cheney verbindet ihn gar eine langjährige Freundschaft. In den frühen achtziger Jahren gehörte Alan Greenspan zu Cheneys Wahlkampfspendern. Der Start der Regierung Bush verlief allerdings harzig, auch ihr Steuersenkungsplan stiess auf Kritik.

Entgegen der bisherigen Tradition, dass sich ein Notenbanker nicht in die Politik einmischt, erklärte der oberste Währungshüter am 25. Januar 2001 vor dem Kongress, dass er den Plan unterstütze. «Bushs Macht massiv gestärkt», titelte die «Washington Post» am Tag danach. Die beiden entwickelten einen engen Kontakt: Laut einer Untersuchung des Ökonomieprofessors Kenneth Thomas traf sich der Fed-Chairman mit George W. Bush im Schnitt einmal pro Woche – die Treffen mit Clinton hatten einmal monatlich stattgefunden, und Greenspans Vorgänger Paul Volcker hatte Ronald Reagan sogar nur einmal alle sechs Monate besucht.

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