Wenn zwei sich ergänzen, dann Klaus Schwab und André Schneider. Hier der Professor, der einen pastoralen Gestus pflegt, schreitet statt geht und einmal im Jahr im Luftkurort Davos mit bedeutungsschwerer Miene Hof hält. Auf den 23. Januar hat er zum 37. Mal die erste Garde aus Politik, Wirtschaft und Showbusiness zum World Economic Forum (WEF) geladen, der grössten Kontaktbörse der Welt. Während sich der Grandseigneur der Weltöffentlichkeit mit Freunden wie Josef Ackermann oder Tony Blair präsentiert, sorgt seine rechte Hand, André Schneider, im Hintergrund für den reibungslosen Ablauf eines Monsterprogramms von 235 Veranstaltungen in vier Tagen, das unter dem Motto «The power of collaborative innovation» steht und mit dem Seminar «Are we afraid of the future?» endet.

André Schneider ist ein Hüne mit leicht hängenden Schultern, von einer ansteckenden Fröhlichkeit und einem unprätentiösen Lachen. Im Reden und im Gehen ist er mindestens doppelt so schnell wie Schwab. Bewehrt mit drei Handys und einem Blackberry, übernimmt der Chief Operating Officer des WEF in Davos den weniger glamourösen Part und löst Probleme. Denn, so Schneider unverzagt: «Probleme sind zum Lösen da.» Ist ein Staatsmann kurzfristig verhindert, lässt Schneider eine Videoverbindung aufbauen. Benötigt ein WEF-Gegner einen Zutrittsbadge fürs Kongresszentrum, überreicht Schneider den Pass persönlich. Werden Gäste grantig, weil die Schlange vor der Sicherheitsschleuse stockt, verhandelt Schneider mit der Polizei. «Ich lebe in der Bewegung», sagt der 48-Jährige.

Wie hingebeamt steht er plötzlich am Empfang des WEF-Hauptsitzes in Cologny, eines Prachtsbaus aus Glas am Ufer des Genfersees, und schon eilt er mit langen Schritten voraus in den Sitzungssaal. Das 1971 gegründete World Economic Forum hat sich zu einem Grossunternehmen mit 240 Mitarbeitern und einem Jahresbudget von mehr als 100 Millionen Franken entwickelt, aber die Strukturen sind so unkonventionell geblieben wie der operative Leiter. Die Organisation basiert auf Teams, die Abläufe sind informell, Druck und Tempo sind konstant hoch und damit ganz nach dem Geschmack von André Schneider. Für das Verhältnis zwischen ihm und WEF-Gründer Klaus Schwab, der noch immer die Marschrichtung vorgibt, kursieren verschiedene Bezeichnungen: Die einen reden von «Tandem», andere von «Januskopf».

Schneider sei ein Glücksfall für das WEF, sagen viele, die mit ihm zu tun haben – sogar ausgebuffte Kritiker des Forums. «Dass das WEF in der Schweiz an Reputation zurückgewonnen hat, hängt stark mit der Person von André Schneider zusammen», sagt Oliver Classen, Sprecher der Erklärung von Bern (EvB) und Koordinator von Public Eye, der Gegenplattform zum WEF. «Ungeachtet aller inhaltlichen Differenzen schätze ich ihn menschlich und fachlich sehr.»

Noch nach der Jahrtausendwende tobte ums Weltwirtschaftsforum eine mit Molotowcocktails gespickte Debatte, in der dem jährlichen Alpengipfel die selbst auferlegte Legitimation und Fähigkeit zur Weltverbesserung abgesprochen wurde. Die grösste Kontaktbörse des Planeten galt als geheime Weltregierung, die ungeachtet von sozialen und ökologischen Anliegen ausschliesslich neoliberale wirtschaftliche Interessen verfolge. Inhaltlich hat sich an der Auseinandersetzung seitdem praktisch nichts geändert, der Stil hingegen hat diametral gekehrt. Schneiders konzilianter Art ist es zu verdanken, dass die Fundamentalkritik von Globalisierungsgegnern und Journalisten am WEF in Wohlwollen umgeschlagen hat.

Schneider trinkt ein Bier mit WEF-Gegnern, erklärt sich den Behörden, gibt bereitwillig Interviews, hält Vorträge an Universitäten, zeigt Studenten den WEF-Hauptsitz. «Wir haben viel Aufwand betrieben, um uns zu erklären», sagt er und bekommt dafür Respekt von unerwarteter Seite: «André Schneider ist das gute Gewissen des WEF», sagt EvB-Sprecher Oliver Classen.

Die sinkende Reputation des Forums hatte handfeste wirtschaftliche Folgen: Zur Jahrtausendwende schlitterte die gebührenfinanzierte Organisation in die Krise. Die Einnahmen gingen zurück. Zahlreiche Unternehmen kündigten die Mitgliedschaft auf, weil sie einen Imageverlust befürchteten, wenn sie in einem Umfeld mit brennenden Autos und vermummten Gestalten erschienen. Heute sind viele wieder zurückgekehrt, die Einnahmen aus den lukrativen strategischen Partnerschaften sind nachgerade explodiert. Vor fünf Jahren gehörten noch 36 Unternehmen zum Club der strategischen Partner, heute sind es 91, darunter Weltfirmen wie ABB, Nestlé und UBS. Sie zahlen jährlich eine halbe Million Franken ans WEF und dürfen im Gegenzug an Programmen und Projekten mitarbeiten, innerhalb von Industriegruppen Themen erörtern oder vom internationalen Netzwerk mit Zugang zur höchsten Führungsebene profitieren. Mit rund tausend Mitgliedsfirmen ist das WEF die bedeutendste Plattform von Ideen und Themen für die Entscheidungsträger der Welt.

Der Posten an der Spitze des Forums ist bereits Schneiders dritte Karrierestation. Sich auf ausgetretenen Pfaden zu bewegen, ist nicht sein Ding. Auch Bekannte staunen über «das hohe Mass an Neugierde», das ihn antreibe, und «eine gewisse Restnaivität», die er sich mit seinen 48 Jahren bewahrt habe.

Ursprünglich war Schneider Tubist. Das schwere Blasinstrument habe ihm schon als Teenager gefallen, weil es seinem Charakter entspreche: «Tuba ist nicht Mainstream», sagt er. Er spielte im Jugendblasorchester seines Wohnorts Münchenbuchsee, dann in der nationalen Jugendbrassband und stiess ins Finale von Wettbewerben vor. Das Richard-Strauss-Konservatorium in München schloss er mit dem Konzertdiplom ab, blies anschliessend bei den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan und erhielt eine feste Anstellung am Staatstheater Kassel. Aber da der forsche Youngster gegenüber seinen eingesessenen Kollegen eine zu grosse Klappe führte, sorgten diese dafür, dass er gefeuert wurde. Er fand ohnehin, nun habe er Beethovens Fünfte genug gespielt, die Zeit sei reif für etwas Neues.

Er wollte Französisch lernen, auch Computer begannen ihn zu interessieren. So zog er als 25-Jähriger nach Genf, studierte Informatik und schloss mit dem Doktortitel ab. Bei IBM, wo er als Student eingestiegen war, kamen seine Chefs kaum nach, für den vifen Praktikanten neue Aufgaben zu finden. Sie gaben ihm eine feste Anstellung und mehr und mehr Verantwortung, dann flog er für den Informatikmulti um die Welt. 1998 hatte Schneider elf Jahre bei IBM gearbeitet und wurde auf ein Inserat des Weltwirtschaftsforums aufmerksam, das einen Chief Technology Officer suchte. Durch seinen Tatendrang und seine loyale Art empfahl er sich rasch beim WEF-Patron Klaus Schwab, der ihn praktisch im Monatsrhythmus mit neuen Kompetenzen betraute. Auf die Informatik folgten Administration, Personal, Medien, Finanzen, Sicherheit und Eventmanagement. In der Geschäftsleitung hat Schneider gegenüber seinen Kollegen keine Weisungsbefugnis, er ist aber der Mann, bei dem alle Fäden zusammenlaufen.

Während andere das stete Einprasseln von E-Mails und Anrufen als Plage empfinden, preist er, ein bekennender Technikfreak, die Möglichkeiten, welche die modernen Kommunikationsgeräte zur Effizienzsteigerung bieten. So entwickelt er im Internet mit Gleichgesinnten in aller Welt Technologieprojekte. Auf das Weltwirtschaftsforum 2008 hin lanciert Schneiders Team etwa auf der Zeitgeistplattform YouTube die erste globale Konversation. Oder er hat dafür gesorgt, dass ihm auf Flugreisen laufend die Anschlussflüge auf seinen Blackberry gesendet werden. Die mehreren hundert Mails, die er wöchentlich erhält, bearbeitet er umgehend, denn alles, was liegen bleibt, wird irgendwann zum Problem, und davon hat der Troubleshooter schon genug. Sein ständiger Drang zur Erhöhung der Effizienz hat ein Ziel: mehr Zeit zu haben für seine Familie, die Ehefrau sowie die zwei Mädchen und zwei Jungen im Alter zwischen drei und elf Jahren. Dass auch zu Hause vieles ruck, zuck geht, zeigt ein Pflaster an Schneiders Zeigefinger. Es verdeckt eine Wunde, die er sich beim Karottenschälen geholt hat.

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