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«Wir bilden eine kriminelle Verschwörung»

AgustaWestland-Helikopter gingen nach Indien - nun ermitteln die Italiener. (Bild: Wikipedia)

Inmitten der Millionen-Schmiergeldaffäre der italienischen Waffenschmiede AgustaWestfield sitzen Kaufleute aus Lugano. Sie wurden über Monate von den Ermittlern abgehört - die Mitschnitte sind entlarvend.

Von Christian Bütikofer
13.02.2013

Nach monatelangen Ermittlungen ist der Chef des italienischen Rüstungskonzerns Finmeccanica, Giuseppe Orsi, in Haft genommen worden. Er wird der Bestechung und Unterschlagung verdächtigt. Der zuständige Richter von Busto Arsizio nahe Mailand hatte auch einen Haftbefehl gegen den Chef der Finmeccanica-Tochter AgustaWestland, Bruno Spagnolini, gestellt.

Im Zentrum der Ermittlungen steht auch Guido Ralph Haschke, ein amerikanisch-italienischer Doppelbürger mit Sitz in Lugano. Er steht schon lange im Visier der italienischen Fahnder: Im April 2012 durchsuchten italienische und Schweizer Beamte seine Büroräumlichkeiten und nahmen ihn für 24 Stunden fest - er kam gegen Kaution frei.

Haschke wurde verdächtigt, Millionen Euro von Orsi für seine Zwischenhändler-Dienste erhalten zu haben, um in Indien 12 Helikopter des Typs AW 101 an den Mann zu bringen. Die Staatsanwälte gehen insgesamt von Schmiergeldzahlungen in der Höhe von 51 Millionen Euro aus, davon sollen allein rund 15 Millionen an indische Funktionäre geflossen sein.

Gestern wurden Guido Ralph Haschke wie auch sein Geschäftspartner Carlo Valentino Gerosa in der Schweiz verhaftet, berichtete «Il Sole 24 Ore». Gegen diese Wirtschaftszeitung versuchte Haschkes Geschäftspartner, Finmeccanica-Chef Giuseppe Orsi, während Monaten auf diverse Arten zu erreichen, dass sie ihre Recherchen zum Fall einstellt.

«Anweisung zur Geldwäsche»

Im Oktober 2012 zitierte die indische Zeitung «The Indian Express» aus einem 568 Seiten umfassenden Bericht der italienischen Fahnder. Die Italiener hörten über längere Zeit Telefongespräche zwischen Haschke und seinem Partner Gerosa ab - auch Haschkes Auto mit Tessiner Kennzeichen TI 304420 war verwanzt. Die Dialoge sind äusserst brisant.

Gerosa: «(...) Die Anweisung zur Geldwäsche kam von uns, aber er machte die Arbeit vor Ort (der indische Rechtsanwalt Gautam Khaitan, Anmerkung HZ). Wir bilden eine kriminelle Verschwörung.»

Haschke: «Falls Gautam fürchtet, dass Aeromatrix (Haschkes indische Firma für den Helikopter-Deal, HZ) in die Sache involviert wird, hätte er es mir längst gesagt. Praveen (Praveen Bakshi - der CEO von Aeromatrix, HZ) ist bereits sehr nervös.»

Gerosa: «Praveen ist der einzige, der nichts zu befürchten hat.»

Firmen in Tunesien und Indien

Die abgehörten Gespräche zeigen auch, dass für den Indien-Deal Zahlungen nach Tunesien geleistet wurden. Danach gingen die Gelder via Mauritius nach Indien, zur Firma Aeromatrix. Dokumente zeigen, dass Haschke unter anderem in der Firma «Gordian Services Sarl» mit Sitz Tunis Platz nimmt - zusammen mit Adly Ben Rhouma (siehe Downloads). Ebenso sitzt Haschke in der Aeromatrix Info Solutions Private Limited in Indien.

In den Ermittlungsakten ist auch die Rede davon, dass der grösste Teil der Schmiergeld-Millionen - deren 30 - ihren Weg zum englischen Consultant Christian Michel fanden. In einer Konversation vom 5. März zwischen Haschke und dem AgustaWestland-CEO Bruno Spagnolini wurde über den Briten gesprochen. So sagte Haschke: «Es ist eine lange Zeit her, dass ich mit Chris redete. Ich frage mich, ob ich ihn zu dieser Sache anrufen soll.»

«Es ist die Summe, die mich beunruhigt»

Guido Haschke war über den Wissensstand der Ermittler äusserst erstaunt - vor allem über ihre genaue Kenntnis der Bestechungssumme. Am 5. März sprach Haschke nicht nur mit AgustaWestland-CEO Spagnolini sondern auch mit Manager Di Gennaro:

Di Gennaro: «Was für eine Überraschung.»

Haschke: «Es ist die Summe.»

Di Gennaro: «Es ist die Genauigkeit der Summe.»

Haschke: «Das ist es, was mich beunruhigt.»

Spagnolini: «Also den Betrag, ehrlich gesagt, den kannte ich nicht. Weil ich später dazustiess. Das ist etwas, das vorher geschah, als dieser andere im Spiel war. Ich wusste über die Summen nie Bescheid. Bis wir uns zu jenem Geschäftsessen trafen, erinnert ihr euch?»

Haschke: «Ja und da wurde über den Betrag geredet. Das ist es, was mich beunruhigt.»

Spagnolini: «Das war der Betrag.»

Haschke: «Das war der Betrag.»

Die «Times of India» zitiert aus einem weiteren abgehörten Gespräch zwischen Haschke und seinem Partner Gerosa - dabei ist die Rede davon, man gebe das Geld für «Tänzerinnen und Champagner» aus.

Seltsamer Kurzeinsatz in VAE-Immobilien

Guido Haschke war auch als unabhängiger «Business Consultant» in der Immobilien-Firma Emaar MGF tätig, ein Joint-Venture zwischen der indischen MGF und der in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) ansässigen «Emaar Properties». Allerdings währte sein Engagement nur wenige Monate: vom 25. September zum 7. Dezember 2009 - eine Sitzung bei Emaar MGF hatte er nie besucht, berichtet der «Business Standard».  Die Firma versuchte mehrfach einen Börsengang hinzulegen, der bisher jedoch immer scheiterte.

Neben seinen internationalen Engagements ist Guido Ralph Haschke auch Kassier in der «Tibet House Switzerland Foundation» - einer Stiftung, die beabsichtigt, ein international «bedeutendes Zentrum» für die tibetische Exilgemeinde zu werden. 

Laut Bloomberg war Haschke auch bei der Weltbank registriert, führte in Luxemburg die Jorissa SA und war in einer britischen Firma anzutreffen.

Links zur Lega Nord

Grösster Aktionär von Finmeccanica (zu der auch AgustaWestland gehört) mit 30,2 Prozent ist der italienische Staat. Italiens Ministerpräsident Mario Monti kündigte an, seine Regierung werde sich sofort mit den Führungsproblemen auseinandersetzen.

Die Festnahme Orsis bergt - weniger als zwei Wochen vor der Parlamentswahl in Italien - politischen Sprengstoff: Die Ernennung Orsis zum Konzernchef im Mai 2011 wurde von der Lega Nord, dem damaligen Verbündeten des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, unterstützt.

Indischer Ex-Luftwaffen-General im Visier

Der 64-seitige Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Busto Arsizio nennt den ehemaligen indischen Luftwaffen-Chef Shashindra Pal Tyagi als Empfänger eines Teils des Schmiergeldes. Es ist das erste Mal in der Geschichte Indiens, dass ein derart hoher Armee-Funktionär in offiziellen Dokumenten mit solchen Kickbacks genannt wird.

Der «The Indian Express» schreibt auch, dass nicht nur Millionen an Schwarzgeld zu indischen Armeeleuten floss sondern dass auch die Ausschreibung bereits 2006 extra fürs Modell von AgustaWestland frisiert wurde.

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