Die Übung wirkt fast ulkig, hat aber einen ernsten Hintergrund. Immer wieder streckt die junge Frau abwechselnd einen Arm aus, um dann den Zeigefinger an die 
Nasenspitze zu führen. Die Übung ist ein Test, um bei Patienten mit der Nervenkrankheit multiple Sklerose (MS) zu 
prüfen, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist und den Bewegungsapparat einschränkt.

Normalerweise bewertet ein Arzt die Übungen. Im Foyer des Gebäudes Fabrikstrasse 16 auf dem Novartis Campus steht die Testperson aber nicht vor einem Weisskittel, sondern vor einem grauen Bildschirm. Darauf thront eine kleine, schwarze Box, gespickt mit Kameras.

Algorithmus untersucht auf Abweichungen

Norman Putzki beobachtet die Szene: «Die Maschine misst nicht nur die Bewegung, sondern bewertet sie auch», erklärt der Arzt, der als Programmchef bei Novartis in der Neurologieabteilung arbeitet. Sprich, der Computer analysiert, wie stark die Bewegung von der Norm abweicht.

«Assess MS», heisst das Projekt, das Novartis seit drei Jahren gemeinsam mit Microsoft entwickelt. Die Technik 
basiert auf der Spielkonsole-Kamera 
«Kinect» von Microsoft. Nun wird ein Medizingerät daraus. Dafür habe der 
US-Riese eigens einen Algorithmus programmiert, der erlaube, die gefilmten Be­wegungen präzise auf Abweichungen 
zu untersuchen, erklärt Putzki. Je mehr Patienten das System nutzen, desto besser wird es. Novartis will das System in der Ent­wicklung neuer Medikamente gegen MS einsetzen und verspricht sich schnellere Ergebnisse dank verlässlicherer Bewegungstests.

Pharmabranche unter Druck

Willkommen in der Welt der Pharma 4.0. So wie in der fertigenden Industrie oder im Finanzwesen Digitaltechnologien Geschäftsmodelle durcheinanderwirbeln, so wird die digitale Revolution auch die Pharmabranche umpflügen. Die Chancen scheinen dabei grösser als Risiken und Nebenwirkungen. So setzt Novartis-Chef Joe Jimenez darauf, dass die Möglichkeiten der modernen Datenanalyse der Branche dabei helfen, eine Antwort auf das Problem der steigenden Kosten im Gesundheitswesen zu finden.

Die Idee: Die Ersparnisse durch neue Digitallösungen «schaffen finanzielle Freiräume für neue Medikamente und Medizintechnik», argumentiert Jimenez. Denn der politische Druck auf die Pharmakonzerne wächst: In den USA, dem wichtigsten Pharmamarkt der Welt, hat Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton das Thema der Medikamentenpreise als Wahlkampfschlager entdeckt.

«Real World Data»

Daher forscht die Pharmabranche nicht nur länger nach neuen Wirkstoffen, sondern auch an Digitaltechnologien für das Gesundheitswesen. Ein wichtiger Schlüsselbegriff heisst hier «Real World Data» – also der Rückgriff auf reale Gesundheitsdaten aus dem Alltag. Wird der Zustand von Patienten nicht nur beim Arzt, sondern auch im Alltag über Apps oder Wearables überwacht, kann die Pharmabranche beweisen, dass ein neues Medikament besser wirkt.

Als Fernziel schwebt Jimenez daher vor, dass die Branche nicht mehr pro Pillenpackung, sondern nach Wirksamkeit bezahlt wird. In den USA hat Novartis schon für das neue Herzmittel Entresto mit zwei Ver­sicherern Verträge abgeschlossen, bei denen die Höhe der Erstattung an einen Rückgang der Krankenhauseinweisungen und damit an die Wirksamkeit des Medikaments gekoppelt ist.

Kostentreibende Einweisungen vermeiden

Die Erfassung realer Gesundheits­daten aus dem Alltag über Apps oder Wearables soll darüber hinaus Patienten helfen, besser versorgt zu werden. Das Ziel: «Wir müssen die Wirksamkeit unserer Produkte mit Hilfe neuer Techniken steigern», so Jimenez.

«Beyond the pill», heisst das Schlagwort. So können kostentreibende Einweisungen ins Krankenhaus vermieden werden, etwa bei Pa­tientengruppen wie Diabetikern oder Menschen mit Herzschwäche. Laut einer Studie des New Health Institutes könnten allein in den USA Kosten von fast 300 Milliarden Dollar eingespart werden, würden sich Patienten strikt an die verordnete Medikamenteneinnahme halten.

Ein wahrer Gründerboom

Daher entwickeln Pharmakonzerne meist mit Partnern neue Apps oder gar Medizintechnik wie die «MS Assess». Mit Blick auf Kooperationen zwischen der Pharmabranche und den Grössen aus dem Silicon Valley herrscht ein wahrer Gründerboom. Neun der zwanzig grössten Pharmafirmen haben hierzu in den vergangenen zwei Jahren ein Projekt angeschoben. 
Zuletzt verbündete sich Sanofi mit der Google-Tochter Verily, um vernetzte Geräte für Diabetespatienten zu entwickeln.

Es muss etwas geschehen: Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellt der Gesundheitssektor mit einem Volumen von sechs Billionen Franken bereits den grössten Wirtschaftssektor der Welt dar. Dank moderner Medizin leben die Menschen immer länger, verursachen aber immer höhere Kosten. Setzt sich die derzeitige Entwicklung fort, so könnten sich die Gesundheitsausgaben bis zum Jahr 2025 verdoppeln.

Parallelen zur Auto­industrie

«Im Gesundheitssystem wird das Geld knapp, und die Pharmabranche kommt dadurch auch unter Druck», sagt Alessandro Buccella, Life-Science-Partner der Unternehmensberatung EY. Durch Partnerschaften wie zum Beispiel mit Tech-Unternehmen müsse die Branche ein Ökosystem schaffen, sodass «Therapien auf Basis ihres tatsächlichen Wertes vergütet werden».

Jimenez spricht dem Thema Analytik von Patientendaten aus dem Alltag strategische Bedeutung zu und hat dafür eine eigene Abteilung mit rund 20 Mitarbeitern ins Leben gerufen, die konzernweit alle Aktivitäten koordiniert. «Langfristig sehen wir Parallelen zur Auto­industrie», sagt Michael Seewald, der die Abteilung leitet, «denn die versteht sich auch zunehmend als Mobilitätsanbieter. Auch wir wollen den Kunden mehr anbieten als nur Tabletten», führt er aus. «Langfristig könnten auch Apps als Teil einer Therapie zugelassen werden.»

Erste Programme in der Schweiz

Erste Ansätze dazu gibt es bereits: Vor wenigen Tagen startete Novartis mit dem Versicherer Sanitas in der Schweiz ein neues Gesundheitsprogramm für Patienten mit chronischer Herzschwäche. Dabei überwachen Patienten täglich ihr Gewicht mit einer elektronischen Waage, um Wasserablagerungen früh zu erkennen. Die Daten werden in einer Cloud 
gespeichert. Zudem beantworten die 
Patienten täglich einfache Fragen zum persönlichen Wohlbefinden, etwa ob sie mehr husten müssen als sonst. Bei Auffälligkeiten schlägt der Gesundheitscoach Alarm.

Derzeit rekrutiert Sanitas 50 bis 70 Teilnehmer für das Programm, das in Deutschland bereits mit Erfolg eingeführt wurde. «Sowohl die Mortalität als auch die Rehospitalisierungsraten können laut Studien gesenkt werden», teilt Sanitas mit.

Blutzucker-Messsystem überträgt Werte drahtlos an eine App

Gerade bei chronischen Leiden wie zum Beispiel Diabetes versprechen vernetzte Lösungen grosse Einsparungen für das Gesundheitssystem. Roche hat jüngst ein neues Blutzucker-Messsystem entwickelt, das die Werte drahtlos an eine App überträgt.

«Wir haben einen Algorithmus entwickelt, der auf Basis von Parametern wie dem aktuellen Blutzuckerspiegel, dem Kohlenhydratgehalt der Mahlzeit sowie dem Stress- und Aktivitäts-Level die optimale Menge an Insulin errechnet, die sich ein Patient zum Ausgleich des Blutzuckeranstiegs nach einer Mahlzeit spritzen muss», erklärt Marcel Gmünder, Leiter der Business Unit Diabetes Care von Roche.

Da die Anwendung dem Patienten medizinische Handlungsanweisung gibt, wurde sie wie ein Medikament von den Behörden wie zum Beispiel der FDA in den USA zugelassen. Die Daten in der App kann der Patient mit seinem Arzt teilen.

Kostensenkung um durchschnittlich zwölf Prozent

«Das Ziel ist, dass der Patient möglichst geringe Ausschläge in seinem 
Blutzuckerspiegel hat, um langfristig das Risiko von Folgeerkrankungen zu reduzieren», erklärt er.

In Spanien, wo der Kostendruck im Gesundheitswesen besonders gross ist, hat Roche über eine Tochter solche vernetzten Patientenprogramme schon länger im Einsatz. «Bei Teilnehmern des Programms sinken 
die Kosten durchschnittlich um zwölf Prozent», berichtet der Roche-Manager. Auch die Basler sehen den Trend, dass die Krankenversicherer dazu übergehen, 
solche integrierten Versorgungsmodelle einzukaufen, statt wie bisher üblich Teststreifen für Blutzuckertests und Messgeräte einzeln zu vergüten.

Der Markt ist gewaltig: Laut einer Studie der WHO zusammen mit dem Imperial College London und der Harvard School of Public Health kostet die Behandlung der weltweit rund 422 Millionen erwachsenen Diabetiker 825 Milliarden Dollar im Jahr – Tendenz steigend.

Google-Mutter Alphabet ist sehr aktiv

Kein Wunder, dass angesichts solcher Zahlen die grossen Adressen im Silicon Valley den Gesundheitsmarkt für sich entdeckt haben. Vor allem Alphabet, wie sich die Google-Mutter heute nennt, ist sehr aktiv: Im Diabetesmarkt will Google gemeinsam mit der Novartis-Tochter Alcon Kontaktlinsen entwickeln, die den Blutzuckerspiegel in der Tränenflüssigkeit messen. Allerdings gibt es in der Fachwelt einige Zweifel, ob das je funktionieren kann, da es extrem schwer sei, einen verlässlichen Zusammenhang zwischen der Tränenflüssigkeit und dem 
Zuckerspiegel im Blut zu ermitteln.

Ferner arbeitet Google mit Dexcom an der Miniaturisierung von Messsonden, die den Blutzuckerspiegel direkt im Körper permanent überwachen. Und erst im September kündigte Googles Gesundheitstochter Verily an, zusammen mit Sanofi das Gemeinschaftsunternehmen Onduo zu gründen. Beide Partner investieren je 250 Millionen Dollar. Ziel ist unter anderem, vernetzte Geräte wie Insulinpumpen zu entwickeln, die automatisch die richtige Menge Insulin injizieren.

Das iPhone als mobile Sammelstelle für Daten

Apple versucht, das iPhone als mobile Sammelstelle für medizinische Daten zu vermarkten, welche Pharmakonzerne für klinische Studien verwenden können sollen. Research-Kit heisst das Angebot. 
Der Pharmakonzern GSK will es für eine Studie über Arthritispatienten einsetzen.

«Anders als bei Labortests könnten so noch mehr Daten im realen Lebens­umfeld der Patienten gesammelt werden», erklärt EY-Experte Buccella. «Wenn solche Real-World-Daten für Studien in der Medikamentenentwicklung eingesetzt werden, könnte dies ein Game-Changer sein.» Allerdings muss die 
Erhebung so valide sein, dass die Zulassungsbehörden die Ergebnisse auch akzeptieren. «Es ist nicht einfach damit getan, jemandem einen Fitnesstracker umzuschnallen», meint daher Novartis-Datenexperte Seewald. «Vielmehr müssen auch für diese Apps der medizinische Nutzen und die Risiken erforscht und belegt werden.»

Daten müssen ausgewertet werden

Daten sammeln ist nur ein Teil der Übung. Ihre Auswertung ein anderer. IBM hat daher vor einem Jahr den Bereich «Watson Health» gestartet. Vereinfacht gesagt bietet der US-Riese seinen Kunden an, die Analysefähigkeiten des Supercomputers Watson im Gesundheitsbereich einzusetzen. Weltweit bekannt wurde der Rechner, als er 2011 in den USA in einer Quizshow mündliche Fragen 
beantworten musste und gegen zwei menschliche Kandidaten gewann.

Das System kann mittlerweile auf einen riesigen Datenpool zurückgreifen: Die Watson Health Cloud hat Wissen aus über 300 Millionen Patientenakten und über einer Million wissenschaftlicher 
Abhandlungen gespeichert. Das System analysiert alle vorliegenden Daten und schlägt eine Therapie vor.

Ein Arzt müsste wöchentlich 160 Stunden lesen

Das letzte Wort hat natürlich der Arzt. «Um auf einem aktuellen Wissensstand zu bleiben, müsste ein Arzt wöchentlich allein 160 Stunden lesen», erklärt Montassar BenMrad, Life Sciences Leader für Deutschland, Österreich und die Schweiz. «Wir verzeichnen ein wachsendes Interesse der Pharma­industrie an Watson», sagt der IBM-­Manager. Namen nennt er keine.

Zuletzt hat Teva eine Kooperation bekannt gegeben. Der Generikahersteller will Watson nutzen, um durch die Analyse von Patientendaten neue Anwendungsgebiete für bestehende Wirkstoffe zu finden. Laut Branchenkreisen interessiert sich auch Roche für das Watson-System. Es gebe Gespräche über eine mögliche Zusammenarbeit, heisst es. Weder Roche noch IBM wollten dies kommentieren.

Fakt ist, dass Roche bereits mit den Partnern Foundation Medicine (FMI) und Flat­iron Health die Analyse realer Patientendaten in der Krebsmittelforschung einsetzt. «Durch die Kollaboration mit FMI und Flatiron Health können wir auf anonymisierte Daten zurückgreifen, um Patientengruppen zu identifi­zieren, denen neue Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen helfen können», er­klärt Alexander Mülhaupt, Leiter Strategie der Onkologie von Roche Pharma. «Dadurch können wir zielgerichteter bei der Entwicklung neuer Therapien vor­gehen und Zeit sparen.»

Nur vier Prozent der Daten erfasst

Bei klinischen Tests erfasste die Bran­che bisher nur rund vier Prozent aller Krebs­patienten. «Dank der Daten wie jener von Flatiron Health können wir zukünftig auch die übrigen 96 Prozent erfassen», 
erklärt der Experte, der in Kalifornien arbeitet. «Dadurch verstehen wir viel besser, wie und warum sich Kreb­s­arten entwickeln und wie sie zielgerichtet eingeschränkt werden können.»

So gross die Möglichkeiten der Vernetzung von Gesundheitsdaten scheinen, so hoch sind noch die Hürden, um das Potenzial zu heben. Das fängt bei nationalen Datenschutzbestimmungen an und hört bei der Frage auf, wem am Ende die Daten eigentlich gehören.

Die Schweiz hat die Frage beantwortet: Die Daten 
gehören dem Patienten. Doch auch hierzulande dauerte es Jahre, um ein Gesetz zur Einführung einer elektronischen Gesundheitsakte zu erlassen. In Dänemark ist sie seit Jahren schon Realität. Die Hoffnung ist, teure Doppelbehandlungen zu vermeiden. Denn auch in der Schweiz steigen die Gesundheitsausgaben munter weiter. Doktor Digital könnte helfen, diesen Trend zumindest zu bremsen.

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