China ist das Reich der Raucher: Mehr als ein Drittel aller Zigaretten weltweit werden hier verkauft, zwei Drittel der jungen Männer ziehen regelmässig am Glimmstängel, die Anti-Raucher-Gesetze sind so lasch, dass in Bars und an anderen öffentlichen Orten immer noch freudig gequalmt wird.

Dass in der Lobby von Pekinger Hotels nun Rauchschwaden in der Luft lagen, dafür können die Rauchern wenig. Schuld ist viel eher der Smog, wie Frank Hammes berichtet. Der gebürtige Ulmer ist CEO und Verwaltungsratspräsident von IQAir, einem Schweizer KMU aus Goldach bei Rorschach am Bodensee. Es ist hierzulande wenig bekannt, wuchs, in den letzten Jahren aber zu einer internationalen Grösse heran. Die Firma ist führender Hersteller von Luftreinigungsanlagen.

Peking unter der Smog-Glocke

Dreckige Luft sauber machen – damit verdient Hammes sein Geld. Und derzeit verdient er ganz gut, dank China. Die Hauptstadt Peking versinkt im Smog, die Luftverschmutzung hat in den vergangenen Tagen Spitzenwerte erreicht. In der Hauptstadt kletterten die Werte für den besonders gesundheitsgefährdenden PM2,5-Feinstaub auf fast 600 Mikrogramm pro Kubikmeter – die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass ein Grenzwert von durchschnittlich 25 Mikrogramm über den Tag verteilt nicht überschritten werden soll.

Es ist der bisher höchste Wert in diesem Jahr und hat die Behörden dazu veranlasst, über 2000 Fabriken zu schliessen, die Bewohner sind dazu aufgerufen, nicht vor die Türe zu gehen. Die Lage ist so schlimm wie seit zwei Jahren nicht mehr. Damals wurden in Peking 800-1000 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen.

Blühende Geschäfte

Die dreckige Luft lässt das Geschäft der Schweizer Firma IQAir florieren. «Perioden von mehreren Tagen mit extremer Luftverschmutzung können recht schnell zu einer Verzehnfachung der Nachfrage führen», sagt Hammes, der seit Montag in Peking weilt. Zu genauen Gewinn- und Umsatzzahlen schweigt sich der Familienbetrieb aus.

China ist mittlerweile zum wichtigsten Markt geworden – zusammen mit den USA. Die Firma rüstet fast alle Botschaften in Peking mit Luftreinigern aus, hunderte von IQAir-Anlagen sind in der China-Hauptzentrale von Mercedes-Benz installiert, ebenso sind die Privatheime zahlreiche ausländischer Fachkräfte mit Ostschweizer Luftreinigern ausgestattet, selbst der Korrespondent des «Tages-Anzeigers» hat mehrere IQAir-Filter in seinem Haus, wie er in einem Interview kürzlich verriet.

Grosse Nachfrage bei Chinesen

Aber nicht nur unter den vielen Expats grassiert das Luftreiniger-Fieber. «Heute sind bereits über 95 Prozent unserer Kunden Chinesen, die einfach nur die beste Luft für sich, ihre Familien und oft auch ihre Mitarbeiter wollen», sagt Hammes. Das geht ins Portemonnaie: Die Luftfilter von IQAir kosten mindestens 1500 Franken.

Für den stolzen Preis bekommt der IQAir-Kunde aber ein hochwertiges Produkt, verspricht Hammes – ein in der Schweiz gefertigtes Reinigungssystem, das auch mit dem Label «Swiss Made» und dem Schweizerkreuz beworben wird. Das Label ist ein Versprechen, sagt der CEO. «‹Swiss Made› gibt unserer Firma einen Vertrauensvorschuss bei Kunden, die uns noch nicht kennen.»

Fertigung in der Schweiz

Die Konkurrenz ist teilweise massiv günstiger, Reiniger von Panasonic und anderen Rivalen kosten nur einen Bruchteil. Der chinesische Self-Made-Mann Gus Tate bietet beispielsweise seine «Smart Air»-Filter für 30 Franken an. Er lässt die Billigfilter in Südchina produzieren und verkauft in Peking, vornehmlich an ein einkommensschwaches Klientel, das nicht bereit ist, einen halben oder ganzen Monatslohn in einen Luftreiniger zu stecken.

Der 49-jährige Hammes hingegen produziert in der Ostschweiz. Insgesamt macht der Schweizer Teil am ganzen Kostenblock 60 bis 70 Prozent aus. Die Fertigungstiefe ist relativ hoch – besonders die Filter gelten als zentrale Produkte, deren Entwicklung und Produktion man unter voller Kontrolle haben will. Ein Verlagern der Produktion ist nicht angedacht, obschon der Franken massiv aufgewertet hat und die Kunden in anderen Märkten zu finden sind – zum Beispiel in Indien, wo die Luftverschmutzung teilweise noch schlimmer ist als in China. «In Indien fehlt aber leider oft noch das Bewusstsein, wie wichtig saubere Luft für die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Produktivität ist.»
 

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