Das Fieber steigt: In den ­Stadien, beim Public ­Viewing oder vor dem heimischen TV-Gerät bangen Millionen Fussballfans mit ihrer Mannschaft um den Einzug in die nächste Runde bei der Fussball-Europameisterschaft in Frankreich.

Aufmerksam verfolgen auch die Scouts der Schweizer Sportradar jedes EM-Spiel auf ihren TV-Monitoren. Mit einer speziellen App erfassen sie jeden Corner, jeden Freistoss und natürlich jedes Tor.

Die Datenströme laufen bei Carsten Koerl (51) zusammen. Sein Büro liegt in einem schlichten Eckhaus in St. Gallen. Das Gebäude in der Nähe der Innenstadt wirkt so unscheinbar wie die Mit­mieter: eine Zahnarztpraxis und ein Immobilienmakler. Glamour geht anders.

Teil des internationalen Sportzirkus

Und doch sind auch Koerl und sein Unternehmen Sportradar Teil des internationalen Sportzirkus. Ob Xherdan Shaqiri trifft oder nicht, wie viele Zweikämpfe er gewinnt oder verliert: All das zeichnen Koerl und sein Team minutiös auf.

Und das nicht nur bei der Fussball-EM. Die Experten von Sportradar erfassen, analysieren und bearbeiten Daten von jährlich 120'000 Matches aus 35 Sportarten auf dem ganzen Planeten. Ballzauberer Shaqiri kennt in der Schweiz jedes Kind. Der deutsche Dateningenieur Koerl ist dagegen so gut wie unbekannt.

Eine Legende als Co-Aktionär

Zu Unrecht. Denn seine Sportradar AG mausert sich zu einem Schlüsselspieler im Geschäft mit der globalen Vermarktung von Sportdaten. Der Umsatz wächst seit fünf Jahren mit Raten von 30 bis 40 Prozent und hat zuletzt umgerechnet 160 Millionen Franken erreicht. Die Gewinnmarge gibt Koerl selbstbewusst mit «stabil bei 30 Prozent» an.

Kein Wunder, dass bekannte Investoren auf das Unternehmen aus St. Gallen bereits aufmerksam geworden sind. Basketballlegende Michael Jordan hat in Sportradar investiert, ebenso AOL-Gründer Steve Case und Ex-AOL-CEO Ted ­Leonsis. EQT, der Private-Equity-Arm der Industriellendynastie Wallenberg, ist mit 39 Prozent gleich richtig gross ­ein­gestiegen. «Unser Ziel ist, den ­Zuschauern interessante Zusatzinfor­mationen in Echtzeit zu bieten, um das TV-Erlebnis zu bereichern», so Sport­radar-Gründer Koerl.

Er ist gewissermassen der Kartograf des Spitzensports. 1200 Mitarbeiter beschäftigt er. Hinzu kommen 6000 freiberufliche Datenscouts, die in Stadien oder vor dem TV per Smartphones alles erfassen, was messbar ist. Darüber hinaus schliesst Sportradar ­Verträge mit Sportverbänden wie der ­National Football League (NFL) in den USA oder der International Tennis Federation ab, um die offiziell erfassten Daten zu bekommen.

Neue Entertainment-Formate möglich machen

Bei der Datenerfassung sind die Vereinigten Staaten vorn: «An den NFL-Spielern sind Sensoren angebracht, die 25 Mal pro Sekunde die genaue Position melden», erklärt Koerl. Macht der zentrale Spielmacher – der Quarterback – einen Schritt zurück, um einen Pass zu werfen, kann die Software von Sport­radar anhand der Fussstellung berechnen, welche Spieler auf dem Feld den Pass bekommen könnten.

Aus so aufbereiteten Daten will Koerl neue Entertainment-Formate möglich machen. In den USA zählt Facebook zu den wichtigsten Kunden. Der Internetriese bettet die Daten in sein neues ­Angebot «Sports Stadium» ein, ein ­sogenanntes Second-Screen-Angebot. Während im Fernsehen das Spiel läuft, können Nutzer via App über das Spiel ­diskutieren, Sport­radar ­liefert die Spielstatistiken in Echtzeit. «Wir wollen so viel Mehrwert bieten, dass wir am Ende einen kleinen Teil der Werbeerlöse bekommen», beschreibt Koerl seine Vision.

Daten sind das neue Gold – auch im Sportbusiness

Daten sind das neue Gold – auch im Sportbusiness. Mit Statistiken für Medien­unternehmen wie Google oder ­Facebook bestreitet Sportradar ein Viertel des Umsatzes. 70 Prozent der Einnahmen stammen von Wettanbietern. Unternehmen wie Bet365, Oddset oder Bwin brauchen verlässliche Daten, um ihre Wettquoten zu berechnen. Den kleinsten Teil des Umsatzes macht der Schweizer Sportdatenspezialist mit jener Tätigkeit, die bisher das meiste Medienecho auslöste: das Monitoring von Sport- und Wettdaten, um Spielmanipulationen ­aufzudecken.

Koerl hat schon den nächsten Megamarkt im Visier: China. Bei der Konferenz «Camp ­Beckenbauer» geben sich die Grossen der Branche ein Stelldichein. Im Herbst tagt das «Davos des Spitzensports» in Shanghai. «Hier hoffe ich, einen ersten Kontakt mit dem CEO der Suchmaschine Baidu knüpfen zu können», sagt Koerl.

Sportradar hat so viele Daten in ihrem Bestand, dass das Unternehmen ­komplett virtuelle Mannschaften gegen­einander antreten lässt. Ein Zufallsgenerator entscheidet, wer gewinnt. Auch auf solche Spiele können Wetten abgeschlossen werden.

SAP steigt ins Geschäft ein

Neu ist das Geschäft mit Sport­statistiken nicht, es hat aber durch die Digitalisierung einen Schub ­bekommen. In Europa vermarktet seit 30 Jahren die italienische Deltatre Sportdaten. Sie bereitet zum Beispiel für das ZDF Statistiken für dessen ­Second-Screen-Angebote auf und betreibt nach eigenen Angaben die grösste Datenbank zur Bundesliga. «Bisher war Sport­radar kein di­rekter Wettbewerber», sagt Deltatre-Deutschland-Chef Christian Holzer, «nun wendet sich das ­Unternehmen verstärkt dem Digitalmedienbereich zu, daher gibt es vermehrt Überlappungen. Das schreckt uns nicht, Konkurrenz belebt das Geschäft.»

Dass mit Sportdaten Geld zu verdienen ist, haben auch die ganz Grossen gemerkt. Der deutsche Software-Riese SAP gründete vor zwei Jahren den Bereich Sports und Entertainment, in dem 30 Menschen arbeiten. Die deutsche Nationalmannschaft, Bayern München und die TSG Hoffenheim ­nutzen Apps von SAP, die Spiel­statistiken, Fitnessdaten, Angaben zum Heilungsverlauf von Spielern und Daten zu Spielern der gegnerischen Mannschaften aufbereiten. Christofer Clemens, Scout des deutschen Nationalteams, kann so zum Beispiel bei der Europameisterschaft Torhüter Manuel Neuer schnell informieren, in welche Ecke ein gegnerischer Elfmeterschütze normalerweise schiesst.

Im Kampf gegen Wettbetrug

Fussballverbände wie die Uefa oder der Schweizerische Fussballverband sind ebenfalls Kunden der Schweizer Sportradar. Allerdings helfen Carsten Koerl und sein Team nicht bei der Mannschaftsaufstellung, sondern im Kampf gegen Wettbetrug. Sportradar überwacht den globalen Wettmarkt, für den das Unternehmen mit seinen Sport­daten ein wichtiger Zulieferer ist. «Wir sind die Einzigen, die umfassende Sportdaten mit den Wett­daten abgleichen und auf diese Weise auffällige Verhaltensmuster erkennen können», erklärt CEO Koerl.

Längst hat das organisierte Verbrechen das boomende Geschäft mit Sportwetten als Betätigungsfeld entdeckt: Laut dem Beratungsunternehmen GBGC erzielten die registrierten Wettanbieter weltweit einen Umsatz von 9,5 Milliarden Dollar. In diesem Jahr rechnen die Experten mit 24 Milliarden Dollar – das wäre mehr als im WM-Jahr 2014. Rund 85 Prozent der Wetten laufen auf Fussballspiele.

Mit Daten gegen die Mafia

Doch das viel grössere Wettvolumen wird über illegale Wettbörsen abgewickelt – vor allem in Asien. Eine Studie der Pariser Universität Sorbonne und des International Centre for Sport Security (ICSS) schätzt, dass weltweit rund 500 Milliarden Euro in Sportwetten fliessen – 80 Prozent davon seien illegal.

Bei solchen Summen liegt es auf der Hand, dass Spiele manipuliert werden, um mit Wetten abzukassieren. Laut Ermittlungen von Europol hat die Wettmafia ­allein zwischen 2008 und 2011 rund 380 Spiele manipuliert, teilweise gar in der Champions League und in der WM-Qualifikation.

Sportradar will den Betrügern mit Datenanalysen das Handwerk legen. Die Analysesysteme kennen alle Spielverläufe en détail und können so hochrechnen, wo die Wettquoten normalerweise stehen müssten. Diese passen sich während eines Spieles permanent an. Zum Beispiel wenn ein Schlüsselspieler einer Mannschaft sich verletzt und so die Gewinnchancen des Gegners steigen. «Gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, warum die Wettdaten einen komplett anderen Spielverlauf prognostizieren als unsere Prognose aufgrund der Leistungsdaten, ist dies ein Hinweis, dass manipuliert wurde», so Koerl.

Seit 2008 hat sein System in 2532 Fällen Alarm ­geschlagen. Erst im Mai sperrte der Fussballverband Rumäniens 14 Spieler und drei Trainer des FC Gloria Buzau teilweise für zwei Jahre und verhängte Geldstrafen. Am Anfang stand eine Verdachtsmeldung von Sportradar.

Manipulation von Wettkämpfen in der Schweiz nicht strafbar

«In der Schweiz haben wir im April 2012 den letzten Verdachtsbericht ­bekommen», sagt Robert Breiter, Leiter des Rechtsdienstes des Schweizerischen Fussballverbandes. Betroffen sei ein Spiel der Challenge League, der Verband ­erstatte Anzeige bei der Bundesanwaltschaft. «Diese Berichte sind indes kein Beweis, sondern nur ein Indiz auf ­mö­gliche Spielmanipulationen», betont ­Breiter. «Es bedarf weiterer Abklärungen.»

Das Problem: Derzeit ist in der Schweiz die Manipulation von Wettkämpfen nicht strafbar. Trotz erdrückender Beweislast sprach das Bundesgericht 2012 vier Handlanger der Wettmafia um den in Deutschland verurteilten Drahtzieher Ante Sapina frei. In Bern sollen daher nun die Gesetze geändert werden.

Persönliche Erfahrungen

Mit Wettbetrug hat Sportradar-Gründer Koerl seine persönlichen Erfahrungen gemacht. 1995 gründete er die Online-Wettbörse Bet-and-win, die heutige Bwin. Nach dem Studium der Elektro- und Prozessortechnik in Konstanz programmierte er die Wettplattform – weil sie niemand kaufen wollte, gründete er kurzerhand sein eigenes Unternehmen, um damit Geld zu verdienen.

In den Anfängen fiel ihm auf, dass seine Firma mit Wetten auf Tennisspiele in den USA immer Geld verlor. «Eines Nachts blieb ich im Büro, um zu sehen, was vor sich ging», erzählt er. «Da sah ich um zwei Uhr morgens unseren Buch­macher, wie er in den Serverraum ging und die Serveruhr zurückstellte.» So konnten der Buchmacher und seine Freunde auf die US-Spiele in Europa wetten und kannten bereits das Ergebnis.

Nach dem erfolgreichen Börsengang von Bwin stieg Koerl 2002 aus dem Wettbusiness aus. Aus dieser Zeit weiss er, dass die Branche verlässliche Sportdaten für ihre Wettquoten braucht. Die Idee für Sportradar war geboren.

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