BILANZ: Wie oft haben Sie dieses Jahr an Sonntagen gearbeitet?

Paul Rechsteiner: Gar nicht, wenn man darunter Erwerbsarbeit versteht. Der Sonntag dient meiner Erholung oder auch der politischen Tätigkeit in der Partei und den Gewerkschaften. Der arbeitsfreie Sonntag ist wohl die älteste Institution des Arbeitnehmerschutzes überhaupt. Diese Freiheit soll für alle bleiben.

Das sehen selbst viele Ihrer Parteigenossen anders. Die Gewerkschaften schlügen Schlachten von gestern nach ewig gleichem Muster, kritisiert etwa Gewerkschafter und Ex-SP-Präsident Helmut Hubacher. Trifft Sie das?

Der liebe Helmut hat schon gescheitere Sachen gesagt. Wenn die Sonntagsarbeit ausgeweitet wird, nimmt der Druck auf alle Arbeitnehmer zu. Unsere Position ist keineswegs von gestern! Wir kämpfen für einen elementaren Bereich. Und das ist fortschrittlich. Auch wer heute zwingend am Sonntag arbeiten muss, hat ein grosses Interesse am grundsätzlich arbeitsfreien Sonntag. Wird der Sonntag zum Werktag, dürften bald auch die Lohnzulagen gestrichen werden.

Das ist doch Klassenkampf-Rhetorik und in der gleichen Tonalität wie Ihre Warnung vor der «neoliberalen Offensive für schlechtere Arbeitsbedingungen».

Nein, das sind Tatsachen. Es kommt sicher nicht von ungefähr, dass etwa die SBB gerade jetzt die Sonntagszulagen ihrer Beschäftigten zur Disposition stellen. Andere Unternehmen werden folgen und beispielsweise dem Verkaufspersonal vermehrt Sonntagsarbeit zumuten. Letztlich sind dann alle Lohnabhängigen die Geprellten, ob sie heute am Sonntag arbeiten müssen oder nicht.

Viele Leute sind dankbar, wenn sie am Wochenende dazuverdienen können oder die Chance auf einen Berufseinstieg erhalten. Wird der freie Sonntagsverkauf an Bahnhöfen und Flughäfen gestoppt, sind 600 Arbeitsplätze gefährdet. Politisieren Sie da nicht an der eigenen Basis vorbei?

Sicher nicht. Die Initiative gegen die Ausweitung der Sonntagsarbeit kommt von der Basis – von den Detailhandelsangestellten. Sie zahlen vor allem die Zeche, wenn der arbeitsfreie Sonntag fällt. Schon bei der Kinderarbeit im letzten Jahrhundert hiess es bekanntlich, diese sei im Interesse der Beschäftigten. Und ich erinnere an die Referendumsabstimmung zur Revision des Arbeitsgesetzes vor neun Jahren. Die Revision ist vor allem gescheitert, weil sechs Verkaufssonntage im Jahr geplant waren. Zwei Drittel stimmten damals mit Nein. Auch die Rechnung mit den Arbeitsplätzen geht nicht auf: Diese werden hin zu den Zentren verschoben. Dort expandieren die grossen Geschäfte auf Kosten der kleinen Fachgeschäfte – ein Nullsummenspiel.

Am 27. November geht es doch nicht um die generelle Sonntagsarbeit, sondern um den freien Sonntagsverkauf an ein paar Bahnhöfen und Flughäfen.

Das sagen Sie. Die Ausweitung der Sonntagsarbeit in den Einkaufszentren an den Bahnhöfen ist nur ein erster Schritt zur Einführung der generellen Sonntagsarbeit für alle Verkaufs- und Dienstleistungsbetriebe. Das haben sowohl der Ständerat wie auch die Wirtschaftskommission des Nationalrates so entschieden.

Dazu braucht es das Ja der Stimmbürger. Auch die Gewerkschaften wollen ja mehr Konsum, und das Einkaufsverhalten hat sich geändert. Warum blenden Sie das aus?

Längere Ladenöffnungszeiten bringen keine Wachstumsimpulse. Entscheidend ist nicht ein Einkaufstag mehr, sondern die Kaufkraft. Der Einkaufsfranken wird nicht mehr, wenn ich ihn am Sonntag ausgebe. Es fehlt in der Schweiz für untere und mittlere Schichten nicht an Möglichkeiten zu konsumieren, sondern an der nötigen Kaufkraft.

Die Gewerkschaften sind für flexiblere Arbeitszeiten und Frühpensionierungsmodelle, aber gegen Arbeit am Sonntag. Wie verträgt sich das?

Das eine hat mit dem andern nichts zu tun. Viele soziale Ereignisse werden erst möglich, weil die Menschen am gleichen Tag frei haben. Der arbeitsfreie Sonntag ist im Interesse der arbeitenden Menschen und ihrer Angehörigen.

Was kaufen Sie sonntags ein?

Es geht doch nicht um meine Einkäufe im Bahnhofsladen. Was wir verhindern wollen, ist ein generelle Ausweitung der Sonntagsarbeit.

Paul Rechsteiner (53) ist SGB-Präsident, Rechtsanwalt und SP-Nationalrat seit 1986. Er lebt in St. Gallen, wo er auch aufgewachsen ist. Sein Vater war Hilfsarbeiter, die Mutter Putzfrau. Rechsteiner studierte Recht in Freiburg und politische Ökonomie in Berlin. Er gehört u.a. der Wirtschaftskommission des Nationalrats (WAK) an.

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