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Wie bitte?: «Die ganzen Lügen»

Der US-Multimilliardär George Soros über das Leben in den USA nach George Bushs Wiederwahl, die Fortsetzung seines Kampfs gegen Bush und seine Hoffnung, dass sich die US-Mentalität dereinst ändern wird.

Von Irene Hell
22.02.2005

BILANZ: Herr Soros, Sie sind der einzige international renommierte Financier, der den Mut hatte, offen gegen eine Wiederwahl von US-Präsident George W. Bush zu kämpfen. Wie geht es Ihnen nach Bushs Sieg?
George Soros: Der Wahlsieg von Bush war eine grosse Enttäuschung für mich. Wenn Bush sagt, dass die Freiheit siegen werde, meint er in Wirklichkeit, dass Amerika siegen werde. Dies gefährdet den Kampf um Freiheit, der glücklicherweise immer noch am Leben ist. Das haben wir eben in der Ukraine gesehen. Und auch in den USA tobt der Kampf.

Inwiefern?
Ich bin von den Bush-Anhängern selber ja heftig attackiert worden. Es gab Rufmordkampagnen und Attentate, die darauf abzielten, mein Ansehen in der Öffentlichkeit zu ruinieren. Es gab Leute, die versucht haben, mich als Verräter, Linksextremisten oder Drogendealer zu verunglimpfen. All diese Dinge eben. Das war Teil des Spiels.

Hatten Sie zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühl, dass Ihr Leben in Gefahr war?
Nein, überhaupt nicht. Ich hatte nie wirklich das Gefühl, dass mein Leben bedroht war. Es gab nur jede Menge böser Lügen und Anfeindungen. Das war nicht besonders angenehm, aber die Beschimpfungen haben mir nicht allzu sehr geschadet.

Wie sieht nun Ihre Zukunft aus?
In den letzten fünfzehn Jahren habe ich den Aufbau von offenen Gesellschaften gefördert. Damit mache ich weiter. Ich bin glücklich darüber, dass ich im US-Wahlkampf aktiv die Demokraten unterstützt habe. Ich denke nicht, dass es eine Geldverschwendung war. Ganz im Gegenteil, es war eine sehr gute Geldanlage. Nun fällt es mir schwerer, Prioritäten zu setzen, denn die Regierung Bush ist nur die Spitze des Eisbergs.

Inwiefern?
Nach den amerikanischen Wahlen müsste ich mich fragen: Was geht schief mit uns als Nation? Die Politik der Bush-Regierung ist sehr falsch, und meiner Meinung nach läuft etwas völlig schief in der amerikanischen Gesellschaft. Wir Amerikaner sind eine offene Gesellschaft, die das oberste Prinzip der offenen Gesellschaft nicht versteht und auch nicht achtet.

Klären Sie uns auf: Was ist für Sie das oberste, unantastbare Prinzip einer offenen Gesellschaft?
Dass wir uns irren können.

Wie bitte?
US-Präsident Bush gibt keine Fehler zu. Natürlich mögen viele Amerikaner, vor allem diejenigen, die ihn gewählt haben, diese Haltung. Aber zu glauben, man sei unfehlbar, beschwört Unheil herauf. Denn unsere Politik ist in Wahrheit falsch. Wenn wir zugäben, dass wir Fehler machten, würden wir uns nicht das Recht anmassen, zu beurteilen, was richtig und was falsch ist, welche Regime wir tolerieren und welche nicht.

An welche Regime denken Sie da in erster Linie?
Der ganze Betrug um den Irak-Krieg. Die ganzen Lügen. Das sollte einmal von den Moralaposteln debattiert werden – und nicht immer homosexuelle Ehen. Die amerikanische Mentalität muss sich ändern.

Nun, Bush ist gewählt für eine weitere Amtsperiode als Präsident der Vereinigten Staaten. Eine demokratische Entscheidung. Oder sehen Sie etwa einen Weg, wie Bush doch noch besiegt werden kann?
Ja, den sehe ich. Mit echten Werten. Die Republikaner haben «die Moral» für sich gepachtet. Ich denke, man sollte stattdessen Ehrlichkeit als einen echten Wert schätzen. Und wenn dies passiert, dann wird Bush scheitern.

Sie denken an die sprichwörtliche amerikanische Doppelmoral, die gerade in Europa vielen Bush-Kritikern aufstösst?
Genau!

Wie wollen Sie denn gegen dieses Phänomen ankämpfen?
Ich spreche und schreibe darüber. Ich tue, was immer ich kann und was immer in meiner Macht steht. Der Versuch, Bush zu besiegen, war ein klares, kurzfristiges Ziel. Aber jetzt müssen wir in Amerika eine neue, positivere Einstellung gewinnen. Das wird leider möglicherweise sehr lange dauern. Darauf müssen wir uns wohl einstellen.

George Soros (74), gebürtiger Ungar und US-Bürger, ist Gründer des Quantum Fund und mit einem Vermögen von geschätzten 7,2 Milliarden Dollar laut dem US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» einer der reichsten Männer der Welt. Mit seinen Stiftungen profiliert sich Soros heute vor allem als Menschenfreund und Philosoph. Das Interview wurde während des WEF in Davos geführt.

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