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Wie bitte?: «Die Aufregung ist völlig unnötig»

Die deutschen Discounter Aldi und Lidl drängen in die Schweiz. Gotthard F. Wangler erklärt, weshalb das Duo erfolgreich, aber für Migros und Coop kaum mehr als ein Störfaktor sein wird.

Von Harald Fritschi
26.01.2005

BILANZ: Herr Wangler, Coop kommt mit der Billiglinie Prix Garantie, Migros und Denner dehnen ihre Billigangebote aus, Aldi und Lidl sind auf dem Sprung in die Schweiz. Geht 2005 im Schweizer Detailhandel die Post ab?

Gotthard F. Wangler: Das kann man sicher so sagen. In den letzten Jahren hat sich im Schweizer Einzelhandel dramatisch viel verändert: Zum einen gab es eine Konzentration, wie wir sie in den Jahren zuvor nie erlebt hatten. Migros etwa kaufte die Warenhauskette Globus, Coop die Epa und Waro, Rewe die Bon appétit Group. Und alle Mitbewerber sind auf einen sich massiv verschärfenden Wettbewerb vorbereitet.

Kaum hatte Coop ihre Billiglinie lanciert, kündigten Migros und Denner weitere Tiefpreisangebote an. Wohin wird dies führen?

Es würde in letzter Konsequenz zu einem ruinösen Wettbewerb führen. Ich bin aber überzeugt, dass die grossen Schweizer Detailhändler sich darauf nicht einlassen werden.

Wieso nicht?

Während Jahrzehnten gab es in diesem Land zwischen Migros und Coop «informelle Preisabsprachen» auf hohem Niveau. Auch bei den Zulieferbetrieben gab und gibt es auch heute noch viel Luft. Einziger Störfaktor war damals Karl Schweri mit seinem Discounter Denner. Erst durch die Ankündigung von Aldi und Lidl mussten die zwei Grossen ihr Preiskonzept überdenken: Migros mit der Budget-Linie und Coop mit Prix Garantie. Aber Coop und Migros sind etablierte Detailhändler, an denen niemand vorbeikommt. In gewissen Warengruppen haben sie einen Marktanteil von 70 Prozent. Die Migros erreicht pro Woche 72 Prozent der Haushalte und Coop 54 Prozent. Das sind traumhafte Zahlen!

Kein Grund zur Sorge also in den Chefetagen der beiden Grossen?

Nein, die Aufregung ist völlig unnötig. Ein Supermarkt darf nicht mit einem Discounter verwechselt werden – das sind zwei ganz unterschiedliche Geschäfte, die nach je eigenen Gesetzmässigkeiten funktionieren.

Wie schätzen Sie die Chancen der Ausländer ein?

Ich denke, dass sie in ihrem Bereich eine recht gute Chance haben. Damit sie hierzulande erfolgreich sein können, müssen sie meiner Meinung nach 10 bis 15 Prozent tiefere Preise bieten, als vergleichbare Produkte in den Supermärkten kosten. Ich glaube, die Situation in der Schweiz ist mit derjenigen in England vergleichbar, wo Aldi und Lidl sich zwar positionieren konnten, ihr Marktanteil aber dennoch bescheiden blieb.

Preissenkungen sind jetzt an der Tagesordnung. Kommt die deutsche «Geiz ist geil»-Welle auch in die Schweiz?

Nein, diese Welle kommt so nicht in die Schweiz. Der Schweizer ist ein so genannter Smart Shopper, er achtet peinlich genau aufs Preis-Leistungs-Verhältnis und entscheidet dann, welches Produkt er kauft. Das kann durchaus das teurere sein.

Waro wurde von Coop übernommen, viele Primo- und Vis-à-vis-Läden sind mit der Übernahme der Belieferungsverträge durch Volg hochgefährdet. Bricht die Mitte im Lebensmitteldetailhandel weg?

Zweifellos wird es weitere Flurbereinigungen im mittleren Segment geben. Aber dies ist nicht dramatisch. Die Schweiz hat im europäischen Vergleich die grösste Dichte an Verkaufsstellen, sie ist total overshopped. Und dies, obwohl die Zahl der Verkaufsstellen seit 1980 um ungefähr 40 Prozent von 9300 auf 5900 Verkaufsstellen gesunken ist.

Wenn die ausländische Konkurrenz in die Schweiz kommt: Müssen die Schweizer Detaillisten ins Ausland?

Coop hat neu mit der deutschen Rewe einen engeren Kontakt geknüpft, und Migros arbeitet schon seit längerer Zeit mit Tengelmann via Obi-Fachmärkte zusammen. Die Giganten sind bereits auf dem Sprung zur Internationalisierung.

Wie bitte? International gesehen sind Migros und Coop doch keine Giganten, sondern vielmehr Leichtgewichte mit einem sehr kleinen Heimmarkt im Rücken.

Migros und Coop sind auch im internationalen Vergleich keine Leichtgewichte! Mit dem Schweizer Heimmarkt lässt sich nach wie vor gut leben. Die Margen sind nicht übel, die Flächenproduktivität kann sich international sehen lassen, und die Konsumenten sind kaufkräftig.

Gotthard F. Wangler (57) ist Inhaber der Beratungsfirma Wangler Consult in Luzern. Er arbeitet seit 1998 als unabhängiger Wirtschaftsberater und Detailhandelsexperte. Der
diplomierte Betriebsökonom FH war zuvor Mitglied der Geschäftsleitung beim Konsumverein, der von Coop übernommen wurde. Beim Zürcher Detaillisten war er verantwortlich für den Aufbau der Billi-Topdiscount-Kette.

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