BILANZ: Der Film über das Swissair-Grounding dürfte bei den Verwaltungsräten zu einiger Erleichterung führen, zeigt er doch auf, dass die Probleme komplexer waren, als sie bisweilen dargestellt wurden.

Peter Nobel: Das würde ich insofern bestätigen, als sich der Film auf die Schlussphase konzentriert. Allerdings ist das, was juristisch umstritten sein wird, in einer früheren Phase anzusetzen. Sachwalter Karl Wüthrich hat ja auch betont, dass er niemanden wegen der Schlussphase auf seiner Liste habe.

Immerhin hat Wüthrich Mario Corti wiederholt angeschossen.

Dies aber nicht aus rechtlichen Gründen. Wüthrich wirft Corti gewisse Fehler vor, etwa dass er den Kontostand vor dem Grounding nicht richtig eingeschätzt hat. Das ist juristisch gesehen aber nicht von Bedeutung. Als man sich auf das Projekt Phoenix einliess, war das Grounding nicht mehr aufzuhalten.

Wäre denn zu einem früheren Zeitpunkt eine Sanierung überhaupt möglich gewesen?

Vor dem 11. September wäre dies schon möglich gewesen, danach war das Grounding nur noch eine Frage der Zeit. Der Anschlag auf das World Trade Center war das ausschlaggebende Moment für den Niedergang der Swissair, das wird man auch juristisch entsprechend würdigen müssen. Vor diesem Ereignis besass die Swissair wertvolle Tochtergesellschaften, auch bestand immer wieder die Möglichkeit des Verkaufs der Swissair. Schon damals hatte die Lufthansa Interesse an der Schweizer Fluggesellschaft. Der 11. September hat viel von den Werten vernichtet, danach reichten die Mittel für eine Sanierung aus eigener Kraft nicht mehr aus.

Wird der Film über das Grounding die öffentliche Wahrnehmung beeinflussen?

In erster Linie dient der Film der Trauerarbeit, war doch der Untergang der Swissair das grösste Debakel, das die Schweiz je gesehen hat.

Erwarten Sie, dass sich der Film und die Volksmeinung auf die Verfahren auswirken werden?

Nein, denn die Schlussphase wird juristisch nur marginal eine Rolle spielen. Auch wenn die Emotionen wieder etwas hochgehen, erwarte ich nicht, dass sich professionelle Richter davon beeinflussen lassen.

Der Film schürt allerdings die Erwartung, dass die Verantwortlichen zur Kasse gebeten werden.

Ach, wissen Sie, über die damalige Strategie kann man sich streiten, doch zeigen die Protokolle, dass sich die Swissair-Verantwortlichen etwas überlegt haben. Sie waren von der Fortführung der Gesellschaft überzeugt. Sachwalter Karl Wüthrich hat drei Gründe für eine mögliche Verurteilung der Verantwortlichen im «Cash-Talk» aufgezeigt: den Übergang zur Holdingstruktur, eine ungebremste Expansion mit Fremdkapital und das Fehlen jeglicher Kontrollinstrumente. Allerdings sind alle drei Thesen schlicht unzutreffend. Die Verantwortlichen wussten, dass sie in einer schwierigen Situation waren, und sie versuchten alles, um die Gesellschaft noch zu retten.

Karl Wüthrich hat sich vom Sachwalter zum Hauptkläger aufgeschwungen, seine unzähligen Ankündigungen haben in breiten Teilen der Bevölkerung die Hoffnung geweckt, dass die Verantwortlichen verurteilt werden.

Das liegt in seiner Funktion und ist seine Pflicht. Allerdings lässt er sich reichlich Zeit, die Katze aus dem Sack zu lassen. Nach drei eingeleiteten Klagen warten wir immer noch auf drei weitere Klagen, die er angekündigt hat. Diese scheint er auf die lange Bank geschoben zu haben.

Ist es möglich, dass es zu Verjährungen kommt?

Nein, diese kann man jederzeit unterbrechen. Allerdings wird es zu sehr schwierigen Prozessen kommen, deren Ausgang bei weitem nicht so sicher ist, wie dies die breite Empörung über den Untergang der Swissair vermuten lässt. Ein wirtschaftliches Debakel heisst nicht automatisch, dass jemand auch finanziell dafür verantwortlich gemacht werden kann. Die biblische Sündenbocktheorie kann nicht auf das Verantwortlichkeitsrecht übertragen werden; das wird in der Diskussion oft vergessen.

Die UBS wird im Film heftig angeschossen, dennoch hat die Bank bisher nicht interveniert.

Ein Teil dieser Zurückhaltung liegt logischerweise in der eingeschlagenen Strategie, die ja im Film zu Recht angedeutet wird. Die UBS hat die Phoenix-Strategie unterstützt mit dem Ziel, die Crossair herauszulösen, die Swissair eingehen zu lassen und dann die überlebensfähigen Teile der Swissair zu übernehmen.

Peter Nobel (60) ist einer der führenden Wirtschaftsjuristen der Schweiz. Er vertritt als Anwalt verschiedene Exponenten des Swissair-Debakels.

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