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Konjunktur 
Was hinter dem Schweizer Wirtschaftswunder steckt

Was hinter dem Schweizer Wirtschaftswunder steckt
Baustelle: Die Schweizer Wirtschaft brummt derzeit wie selten.Keystone

Die Schweizer Wirtschaft hat tüchtig aufgedreht: Eine derartige Häufung von positiven Signalen hat es schon seit vielen Jahren nicht mehr gegeben. Warum es weiter nach oben geht.

Von Erik Nolmans
2017-07-25

Das Geschäft läuft prächtig. Die Schweizer Autobranche hat mit über 28'000 verkauften Neuwagen - ein Plus von neun Prozent - den stärksten Mai seit fünf Jahren erlebt. Marcel Guerry, Chef von Mercedes-Benz in der Schweiz, freut sich doppelt, denn Mercedes konnte diese guten Branchenzahlen sogar deutlich übertreffen: «Im Moment gibt es wahrlich keinen Grund zum Klagen - es passt alles sehr gut zusammen.»

Guter Dinge ist auch Josef Maushart, Industrieller aus dem solothurnischen Bellach. Vor zwei Jahren litt seine Fraisa, wie viele andere Schweizer Industriebetriebe, stark unter dem Frankenschock. Nun darf er verkünden: «Das Geschäftsjahr 2016/17 war das beste in der Geschichte.» Krisen seien eben auch «Rationalisierungschancen», sagt der CVP-Kantonsrat und bringt damit die grosse Anpassungsfähigkeit des Schweizer Werkplatzes auf den Punkt.

Krise - das war gestern: Die Schweizer Wirtschaft hat tüchtig aufgedreht und brummt derzeit wie selten. Seit Jahren gab es nicht mehr eine derartige Häufung von positiven Konjunkturnachrichten, sowohl in der Schweiz wie auch weltweit.

Konzerne und KMU im Plus

Fast täglich gibt es Good News. Die globale Wirtschaft? Der Internationale Währungsfonds (IWF) hob jüngst die weltweite Wachstumsprognose für 2017 auf 3,5 Prozent an. Europa, unser wichtigster Handelspartner? Der Geschäftslageindex in Deutschland kletterte auf den höchsten Stand seit 25 Jahren. Im ersten Quartal konnte zudem das Bruttoinlandprodukt in sämtlichen Eurostaaten zulegen (ja, sogar in Griechenland). Die USA? Die Arbeitslosigkeit ist auf dem 16-Jahre-Tief. Japan? Auch im sklerotischen Inselstaat gibt es Wachstum, schon seit fünf Quartalen.

Und unsere kleine Schweiz, die so unter ihrer starken Währung leidet? 2017 soll das Bruttoinlandprodukt um 1,4 Prozent steigen, 2018 gar um 1,9 Prozent. Der Geschäftslageindikator für die Schweizer Privatwirtschaft legte im Mai 2017 zu - zum fünften Mal in Folge. Sogar die lange gebeutelte Uhrenindustrie überraschte in den jüngst veröffentlichten Mai-Zahlen mit einem Exportplus von neun Prozent.


Nicht nur die grossen Konzerne drehen auf, auch die Kleinen: Das von den Analysten der Grossbank UBS berechnete KMU-Barometer schoss kräftig nach oben, auf den höchsten Wert seit 2011. Auch die Experten der Credit Suisse zeichnen ein positives Bild: «Ich erlebe den derzeitigen Konjunkturzyklus als einen der stärksten, weil synchronsten, seit ich im Bankengeschäft bin, also seit über 20 Jahren», so Burkhard Varnholt, Chief Investment Officer Schweiz.

Auch am Arbeitsmarkt machen sich positive Tendenzen bemerkbar, allerdings erst langsam. Die Arbeitslosenquote soll laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) von 3,2 auf 3,1 Prozent im Jahr 2018 sinken. Stark abgenommen hat die Kurzarbeit, die noch ab Mitte 2016 bis Jahresende auf hohem Niveau stagnierte, nun aber in «einem sich rasch verstärkenden Ausmass» gesunken ist, wie das Seco schreibt.

Fachkräfte werden rar

Traditionell ein Frühindikator für eine wieder anziehende Wirtschaft ist die Temporärbranche. Bei einem beginnenden Aufschwung decken sich die Firmen bei zusätzlichem Arbeitskräftebedarf gerne auf dem Zeitarbeitsmarkt ein, weil sie zunächst schauen wollen, ob die Verbesserung von Dauer ist.

«Die temporäre Personalvermittlung ist auch eine Brücke, die dabei hilft, Auftragsspitzen mitzutragen», sagt Esther Vogel, Verwaltungsratspräsidentin des Personalberaters Das Team mit Sitz in Basel. Dass die Konjunktur anzieht, habe sich schon im letzten Jahr abgezeichnet: «Seit Mitte 2016 stehen die Zeichen wieder auf Wachstum.»

In den letzten drei Quartalen durfte die Branche ein Wachstum von zwei Prozent verzeichnen, im ersten Quartal 2017 schoss die Zahl der vermittelten Stellen gar um 3,3 Prozent nach oben. «In gewissen Bereichen herrscht bereits ein empfindlicher Fachkräftemangel, etwa im Bauhandwerk», sagt Vogel weiter.

Auch die stark auf Basel konzentrierte Pharmaindustrie, der die Frankenkrise generell wenig anhaben konnte, laufe auf Hochtouren: «In der Pharmaindustrie ist die Nachfrage stark angestiegen, und dies auf breiter Ebene, vom Produktionsmitarbeiter bis hin zum Chemiker.» Auch das eigene Geschäft läuft ausgezeichnet: Das Team, der grösste rein schweizerische Anbieter für temporäre Personalvermittlung hierzulande, weist ein Wachstum aus, das weit über dem Durchschnitt des Marktes liegt, und hat inzwischen mit insgesamt 19 Filialen in alle Regionen expandiert.

Auch ausländische Firmen profitieren

Von der starken Marktlage profitieren auch ausländische Firmen in der Schweiz, etwa die deutsche Bayer, die ihren Standort in Basel weiter stärkt. So hat Bayer in Basel das globale Hauptquartier ihrer Consumer Health Division angesiedelt und hier auch ihren Onkologie-Hub platziert.

Beschäftigte das Unternehmen 2005 erst 115 Mitarbeiter in Basel, so sind es heute 750 - und der Aufbau soll laut Felix Reiff, CEO Bayer Basel, weitergehen. «Ich bin überzeugt, dass wir in der Schweiz eine vielversprechende Zukunft vor uns haben», so Reiff. Entscheidend sei, dass die Schweiz ein wirtschaftsfreundliches Klima beibehalte und gegenüber Innovationen offenbleibe: «Der Fortschritt lässt sich nämlich nicht aufhalten. Er findet ansonsten einfach woanders statt.»

So stark sich der Aufschwung insgesamt manifestiert: Er ist nicht überall gleichermassen spürbar. Rund die Hälfte der Güterexporte geht auf chemisch-pharmazeutische Produkte zurück, auch wenn andere Bereiche am Aufholen sind. Ausserdem gibt es statistische Verzerrungen: So ist die hohe Zahl bei den Textilausfuhren unter anderem auf die vielen Retouren des Kleiderversands Zalando zurückzuführen, dessen Logistikzentrum im Schwarzwald liegt.

Innovation sei Dank

Klar ist auch, dass es immer noch viele Einzelfälle von Firmen gibt, die in der Ertragskrise stecken. So werden weiterhin Stellenabbauprogramme oder Auslagerungen verkündet, wie in den letzten Wochen von Landis + Gyr in Zug oder dem Traditionsunternehmen Ammann in Langenthal.

Laut Maushart, nebst seiner Funktion als Chef von Fraisa auch Präsident des Industrieverbands Solothurn und Umgebung, haben sich vor allem Firmen mit eigenständigen Produkten und starker Marke inzwischen wieder gut positionieren können: «Solche Firmen können Produktinnovationen einsetzen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern», so Maushart.

Schwieriger sei es etwa für Zulieferer, deren Leistungen eher substituierbar und die daher dem Preisdruck aus dem Ausland ungeschützt ausgesetzt seien. «Viele Firmen leben immer noch mit arg gedrückten Margen», weiss Maushart.

Grösste Crowdfunding-Aktion Europas

Innovation und gute Ideen - das ist generell ein Erfolgsrezept. Wie man auch in einer vom starken Franken besonders stark betroffenen Branche wie der Tourismusindustrie mit frischen Ideen für Aufwind sorgen kann, zeigen die Saastal Bergbahnen.

Letztes Jahr machte das Unternehmen mit einer aufsehenerregenden Lancierung Schlagzeilen. Mit dem Produkt Winter-Card (Saisonkarte für 222 Franken, ein Schnäppchenpreis) startete die Bergbahn die grösste Crowdfunding-Aktion Europas. Die angepeilte Zahl von 75'000 Käufern kam zustande, die Aktion konnte durchgeführt werden und die Bergbahn ihre Skier-Days um 50 Prozent steigern.

«Es braucht Mut zum Refreshment», sagt der Verwaltungsratsdelegierte Rainer Flaig. Man habe dem starken Franken etwas entgegensetzen wollen: «Die Österreicher haben den Euro, wir die Winter-Card», sagt er schmunzelnd.

Die Aktion sorgte aber auch für Kritik, vor allem in der Schweiz selber. Die Repräsentanten einzelner Konkurrenzgebiete warfen Saas-Fee eine «Dumpingstrategie» vor. Flaig widerspricht: «Wir haben nicht den anderen die Kunden weggenommen, sondern die Kunden dazu gebracht, mehr Ski zu fahren.» Rabattaktionen gebe es doch überall, mit der Aktion habe man aber erreicht, dass nicht noch mehr Umsatz nach Österreich abwandere: «So bleibt die Wertschöpfung hier im Lande.» Die Restaurants, Hotels und Geschäfte im Saastal hätten ein Umsatzplus zwischen 25 und 30 Millionen Franken erzielt.

Mit Produkten gegen die Krise

Auch Mercedes-Schweiz-Leiter Guerry hat die Erfahrung gemacht, dass man der Krise die Stirn bieten kann. Mercedes habe in den letzten Jahren reagiert, etwa mit der Weitergabe von Währungsvorteilen, aber auch mit einem Feuerwerk an Produkten - wie der neuen A-Klasse.

«Hat man die richtigen Produkte und das richtige Team, dann brummt der Laden.» Generell seien Autos in den letzten sieben Jahren so günstig geworden wie noch nie. «Es zeigt, dass man der Konjunktur manchmal etwas nachhelfen muss.»

Glänzende Aktienmärkte

Der Konjunkturaufschwung manifestiert sich aber auch stark in einer anderen Schlüsselbranche der Schweiz, der Finanzindustrie. Die Broker und Trader dürfen sich über glänzende Aktienmärkte freuen, zeigen doch alle wichtigen Aktienindizes wie der Dow Jones in den USA, der DAX in Deutschland oder der SMI in der Schweiz seit Anfang Jahr steil nach oben. Mit rund 9100 Punkten ist der SMI gar nur noch wenige Prozent vom Allzeithöchst von 2007 entfernt. Damals, vor dem Ausbruch der Finanzkrise, notierte der SMI bei 9548 Punkten.

Bei Vontobel sprudeln die Gewinne

Es sieht danach aus, als ob die Scharte der Krise allmählich ausgewetzt sei. Auch hier zeigen sich allerdings Unterschiede: Während einzelne Banken wie die Credit Suisse bis Ende 2016 noch mit Milliardenabschreibern zu kämpfen hatten, haben sich andere längst freigekämpft - und zeigen, dass auch Banken mit Mut zum Konjunkturaufschwung beitragen.

Etwa der kleine, aber feine Vermögensverwalter Vontobel. Die Gewinne sprudeln: Für 2016 waren es auf bereinigter Basis 200 Millionen Franken, was einem Plus von zwölf Prozent entspricht - wenngleich auch Vontobel für 2017 unterstrich, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Durch die Wachstumsstrategie und gezielte Zukäufe, etwa die Akquisition der Asset-Management-Firma Vescore von Raiffeisen, ist auch die Mitarbeiterzahl stark angestiegen. Von der Tristesse in der Branche hat sich die Bank nicht anstecken lassen: "«Jammern und Kosten sparen ist einfach keine Vorwärtsstrategie», sagt CEO Zeno Staub.

Die längste Hausse

Er sieht die boomenden Aktienmärkte auch als Frühindikator: Zeitlich verschoben nehme der Aktienmarkt häufig die konjunkturelle Entwicklung voraus. Selbst wenn die Aktienmärkte nun schon seit mehreren Jahren nach oben tendierten - mit Schwankungen allerdings - , sei die Stimmung nicht überschwänglich. «Das ist die längste Hausse, die wir erleben, mit der am wenigsten positiven Anlegerstimmung», so Staub.

Das kann aber auch ein gutes Zeichen sein: Die Erfahrung aus der Vergangenheit zeigt, dass es meist zu einer Art exaltierten Euphorie kommt - in der Branche redet man von Hausfrauen-Hausse - , bevor die Märkte drehen. Dies ist zwar noch nicht zu erkennen, doch es besteht die begründete Hoffnung, dass die Börsen weiter Potenzial nach oben haben.

Auch viele Inlandbanken brummen, zahlreiche von ihnen nicht zuletzt wegen des Booms auf den Immobilienmärkten, der das Hypothekargeschäft befeuert. Allerdings warnt die Nationalbank, hier tue sich möglicherweise eine Blase auf, und rät zu Vorsicht bei der Kreditvergabe.

Gute Aussichten

Vieles deutet darauf hin, das sich die derzeit gute Konjunkturlage in nächster Zukunft noch weiter verbessern wird. Die Aussichten für die Schweiz - für das kommende Jahr und darüber hinaus - wurden von den Konjunkturauguren nach oben korrigiert.

Im Einklang mit der ebenfalls weiter zunehmenden Dynamik der Weltwirtschaft ist damit die Basis für einen nachhaltigen Aufschwung gegeben. Zwar gibt es erhebliche Unsicherheitsfaktoren wie etwa die derzeit in Grossbritannien hochkochende Diskussion um den Brexit oder die stete Krise um die wankenden italienischen Banken, doch die Märkte zeigen sich insgesamt erstaunlich unbeeindruckt.

Wohlstandsblock als Schutzkissen

Die ansonsten stabilen Rahmenbedingungen des weltweiten Aufschwungs wirken wie ein Puffer: Die Anlegerzeitung «Finanz und Wirtschaft» zitierte jüngst einen Anlagestrategen der französischen Bank Société Générale, der sich zur eindrücklichen Aussage hatte hinreissen lassen, dass sogar Ausserirdische eine Invasion der Erde starten könnten, und die Börsen würden wohl weiter steigen.

In der Schweiz kommt noch ein Stabilitätsfaktor hinzu, auf den nicht alle Volkswirtschaften zählen können: Der überdurchschnittlich hohe Wohlstandsblock, den sich die Schweiz in den letzten Jahrzehnten erwirtschaftet hat, wirkt wie ein Schutzkissen und sorgt dafür, dass es enorm viel braucht, bis es der Schweiz richtig schlecht gehen würde.

Da ist einerseits der seit dem Zweiten Weltkrieg aufgebaute Sockel an Vermögen der Bevölkerung von mehreren tausend Milliarden Franken, der es in Krisenzeiten erlauben würde, die Sparquote zu senken.

Im Weiteren bestehen gut ausgebaute Sozialwerke wie AHV, IV und ALV, die für einen breit abgestützten Konsum sorgen. Man bedenke, dass die Rentner heute rund ein Sechstel der Bevölkerung stellen. Auch wenn viele Pensionskassen die Umwandlungssätze gesenkt haben, ist doch ein Grossteil des Rentnereinkommens garantiert und weniger vom Auf und Ab der Konjunktur betroffen.

Glättende Prozesse

Grosse Ausschläge der Konjunktur, wie sie noch unsere Grosseltern kannten - im Boomjahr 1946 schoss das BIP um 14 Prozent nach oben, im Krisenjahr 1975 um 7,7 Prozent nach unten - , gehören laut Experten ohnehin der Vergangenheit an, weil die Notenbanken mit ihren geldpolitischen Eingriffen weltweit für eine Glättung sorgen.

Auch die Wirtschaft selber hat glättende Prozesse eingeführt, etwa die Industrie mit der Just-in-Time-Produktion. Früher sass man bei Konjunkturabschwächungen noch viele Jahre auf schwer abbaubaren Lagern, und beim Aufschwung konnte man nicht schnell genug reagieren. Legt die Wirtschaft heute einen Zacken zu, wie das jetzt der Fall ist, kann sofort aus allen Rohren geschossen werden.

Der Konsument zieht mit

Der Optimismus ist denn auch weit herum spürbar. Der Schrecken aus der Finanzkrise wie auch der Schock aus der Frankenabwertung scheinen endgültig verdaut: «Es gibt den Schweizer Bankenplatz immer noch, und er ist in einem besseren und stabileren Zustand als zuvor», sagt Vontobel-Chef Staub.

Auch die Industrie blickt wieder hoffnungsvoller nach vorn: «Jene Firmen, welche die Chance zur Modernisierung genutzt haben, stehen heute im grossen Ganzen oft stärker da als vor der Frankenkrise», so Fraisa-Chef Maushart.

Mercedes-Schweiz-Chef Guerry glaubt, dass die anziehende Konjunktur sich zudem selber beflügelt: «Der Kunde spürt: Die Wirtschaft ist stabil. Und er ist daher auch zu grösseren Investitionen bereit.» Eine sich verbessernde Arbeitsmarktsituation dürfte dieses Gefühl sicherlich noch verstärken.

Und so stimmen auch in diesem Bereich die Prognosen des Seco zuversichtlich: «Im Zuge der konjunkturellen Aufhellung dürfte sich die Erholung am Arbeitsmarkt fortsetzen.»

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