1. Home
  2. Unternehmen
  3. Was die Roboterrevolution für unsere Jobs bedeutet

Unaufhaltsam 
Was die Roboterrevolution für unsere Jobs bedeutet

Was die Roboterrevolution für unsere Jobs bedeutet
Roboter Pepper: Beim japanischen Unternehmen Softbank werden Roboter Kunden bedienen.  Keystone

Die Invasion der Roboter ist unaufhaltsam. Nach den Fabriken werden sie nun die Büros erobern. Experten sehen viele Jobs bedroht. Arbeiter müssen sich unersetzbar machen, das beginnt bei der Bildung.

Geht der Mensch den Weg der Pferde? Vom untrennbaren Bestandteil der Arbeitswelt in die Verzichtbarkeit und Welt der Freizeit? Fakt ist: Roboter, Computerprogramme und Maschinen dringen in fast jeden Bereich unserer Arbeit vor. Sie lernen zu sehen und zu sprechen. Sie werden schlau und ersetzen längst nicht mehr nur schlichte Routine-Jobs und Fabrikarbeit.

Sie übernehmen die Tätigkeiten ganzer Branchen. Je stärker der Einfluss von Daten und Automatisierung voranschreitet, umso spannender wird die Frage, welche Rolle der Mensch im Arbeitsleben noch spielt.

Vom ersten zum zweiten Machinenzeitalter

Um die digitale Revolution heute zu begreifen, lohnt sich ein Blick zurück: In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnt das erste Maschinenzeitalter. Ganz zentral dabei: die Dampfmaschine. Mit der industriellen Revolution ist nicht nur der allmähliche Rückzug des Pferdes aus Verkehr, Landwirtschaft und Militär eingeläutet. Neben die Elektrifizierung und Motorisierung tritt die Mechanisierung – Muskelkraft wird auf breiter Front ersetzt. Der Mensch bleibt Kontrolleur und Steuermann.

Nun ist eine neue Ära angebrochen, die manche Forscher das zweite Maschinenzeitalter nennen. Maschinen und Programme werden vor kaum etwas Halt machen. Auch nicht vor der Geisteskraft. Bei der Erfindung des Computers hiess es noch, etwa vom Hersteller IBM, die Geräte würden nur das machen können, wozu sie programmiert seien. Das gilt nicht mehr, wenn Maschinen lernen.

Roboter übernehmen praktisch jede Arbeit

In Gestalt selbstfahrender Fahrzeuge werden sie Taxi- und Busfahrer ersetzen, Chauffeure, Baggerführer und Lastwagenfahrer. Über Autobahnen dürften künftig lange Kolonnen führerloser Gefährte rollen.

Maschinen werden an Stelle von Architekten Häuser entwerfen. Sie übernehmen Schwertransporte und Controlling, Übersetzungen und medizinische Diagnosen. Manche mixen Drinks, andere reparieren Uhren, sortieren Bibliotheken, regeln den Verkehr, nehmen an Kriegen teil, kochen in Restaurants, ernten Felder ab und makeln Häuser.

Schon jetzt schreiben Programme auch Nachrichten, liefern für den Sportteil Spielberichte und schreiben für die Wirtschaft über Bewegungen an den Börsen. Dabei wird es kaum bleiben. Pflege, Kliniken, Kraftwerke, Labors, Kanzleien, Sekretariate und Call-Center: Es werden nicht nur Werkbänke leer geräumt, sondern auch Schreibtische und Bildschirmarbeitsplätze.

Vom Fliessband hinter den Schreibtisch

Eine in Washington vorgelegte Umfrage des Pew-Instituts unter fast 1900 Wissenschaftlern belegt: An Fliessbändern und in Fabrikhallen sind Roboter lange Alltag. Jetzt, sagt die Hälfte der befragten Forscher, geht es in die Büros. Wo zum Beispiel Aufträge disponiert oder Konstruktionen entworfen werden.

Martin Ford, US-Autor, Technikexperte und erfahrener Silicon-Valley-Hase stellt fest: «Fast jeder Job, an dem jemand vor einem Bildschirm sitzt und Informationen verarbeitet, ist bedroht.» Auf dem jüngsten Weltwirtschaftsforum in Davos wurde eine Studie vorgestellt, die in den nächsten fünf Jahren den Wegfall von fünf Millionen Arbeitsplätzen in den Industrieländern voraussagt.

Szenarien für Arbeitende

Eine aufsehenerregende, allerdings auch umstrittene Prognose der britischen Universität Oxford sah schon 2013 im Lauf der nächsten 20 Jahre jeden zweiten Job in den USA von Automatisierung, Mechanisierung oder Digitalisierung bedroht. Je komplexer der Beruf, umso sicherer sei er.

Die Kritik an dieser Studie blieb nicht aus: Selbst wenn 47 Prozent aller Jobs wegfielen, hiesse das ja nicht, dass auch 47 Prozent aller Betroffenen keine Arbeit mehr hätten. Es werde neue Berufe geben, neue Möglichkeiten. Denn: 65 Prozent der Jobs in den USA seien Tätigkeiten, die es vor einem Vierteljahrhundert noch gar nicht gab.

Träume könnten Realität werden

Die US-Unternehmensberatung Boston Consulting ist denn auch etwas vorsichtiger. Sie erwartet, dass bis 2025 ein Viertel aller Jobs von Software oder Robotern erledigt wird. Die Berater haben 21 Industrien der 25 grössten Exportnationen untersucht, die für etwa 90 Prozent des globalen Handels stehen. Je nach Land würden die Arbeitskosten zwischen 18 und 33 Prozent sinken.

Wenn in luftiger Höhe Maschinen Windräder von Kraftwerken reparieren, ist das eben für die Betreiber günstiger und sicherer, als wenn ein teurer Mechaniker sich in diese Gefahr begibt.

Daniela Rus arbeitet am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und ist eine der führenden Robotikexpertinnen der Welt. In der Politikzeitschrift «Foreign Affairs» sagt sie: Die Situation heute sei mit der vor 30 Jahren vergleichbar. Damals hätten Computerexperten davon geträumt, dass Computer echter Bestandteil menschlicher Gesellschaften würden. Dass ihre Integration so vollständig sei, dass sie gar nicht mehr auffielen. Rus: «Der Sprung vom Personal Computer zum Personal Roboter – warum nicht?»

Die Hälfte aller Jobs im Finanzsektor bedroht

Die Folgen gehen weit darüber hinaus, was gerade als «Industrie 4.0» – also Fabrik der Zukunft, digital vernetzte Produktion und kommunizierende Maschinen – diskutiert wird. Wer dachte, die neue Automatisierung schreite nur in Zweigen voran, deren Tätigkeit überwiegend aus Wiederholungen besteht, irrt. Es geht auch um viele anspruchsvolle Jobs. Dazu gehören zum Beispiel Aufgaben in Kanzleien. Dort kann Software zehntausende Dokumente in einer Zeit durchsuchen, für die der Mensch ein Vielfaches braucht.

Und es geht um die Finanzwirtschaft. Geldautomaten und Self-Service-Center haben schon längst reihenweise Bankangestellte ersetzt. Dann drang die Automatisierung in die höheren Stockwerke vor. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Finanzangestellten an der Wall Street um etwa 50'000 gefallen. Das ist rund ein Drittel. Hochfrequenzprogramme wickeln Hunderttausende Transaktionen ab, entscheiden binnen Sekundenbruchteilen über Kaufen und Verkaufen, ohne dass ein einziger Mensch damit zu tun hätte.

Daniel Nadler hat ein Programm mit dem Namen Kensho erfunden, ein Analyseprogramm für den Finanzhandel. Im Magazin der «New York Times» sagt er: Binnen der nächsten zehn Jahre werde seine und andere Software bis zur Hälfte aller Angestellten im Finanzsektor ersetzen. Angesichts des rasenden Erfolgs der Software nicht unrealistisch.

Der Stellenwert der Menschen

Wird man die vielen abgeschafften Jobs durch neue ersetzen können? Unklar ist auch, wie sich sozialer Zusammenhalt und Demokratie entwickeln, wenn es zu einer digitalen Zweiteilung kommen sollte: in diejenigen mit wichtigen, steuernden, kreativen Jobs. Und die anderen. Die ohne Arbeit oder diejenigen, die vom Computer kommandiert werden.

Für eine solche Nach-Arbeitsgesellschaft hat auch Stowe Boyd, führender Forscher des Technologieanalyse-Unternehmens GigaOM, eher Fragen als Antworten: «Wozu sind Menschen nutze in einer Welt, die ihre Arbeit nicht braucht, und wo nur noch eine Minderheit dazu da sein wird, eine digitalisierte Wirtschaft zu begleiten?»

Versprechen versus Gefahren

In vielen Aufsätzen und Studien wird die Zukunft recht schwarz gemalt: Der Mensch unter einer Art Knechtschaft der Roboter. Verwiesen wird zudem auf juristische Lücken. Ein Programm oder Roboter könne ja kaum für «Taten» verantwortlich sein, wenn etwas schiefgehe. Wer dann? Der Programmierer? Der Käufer? Der Nutzer?

Das Atlantic Council, eine der Washingtoner Denkfabriken, beschäftigt sich sonst eher mit Aussen- und Sicherheitspolitik. Gefragt, was man für die grösste Herausforderung der nahen Zukunft halte, schreibt das Council der dpa: «Die technologische Revolution hinter dem Horizont birgt so viel Versprechen im Kampf gegen Seuchen, Klimawandel etcetera. Und hat so viel Potenzial, Jobs auszuradieren, die Aussichten der Mittelklasse zu verschlechtern, Ungleichheit zu verschlimmern.»

Nächster Schritt: künstliche Intelligenz

Nach der Automatisierung ist der nächste Schritt dann die künstliche Intelligenz, an der nicht nur in Kalifornien intensiv geforscht wird. Zu den grössten Mahnern gehört der britische Physiker Stephen Hawking. Er empfindet künstliche Intelligenz als zutiefst bedrohlich für den Menschen. Ray Kurzweil vom US-Internetkonzern Google schätzt, dass 2029 Maschinen schlauer sein werden als Menschen.

Dabei gilt: Alles, was eine Maschine besser kann als ein Mensch, dürfte die Maschine künftig erledigen. Schneller, verlässlicher, billiger – ermüdungsfrei. Körperliche Fähigkeiten werden dann weniger gefragt sein. Ein australischer Bauroboter mauert bereits ein ganzes Haus in nur zwei Tagen. Reines Technikwissen hilft aber vermutlich ebenso wenig im Wettlauf mit den Maschinen. Komplexes Problemlösen dagegen umso mehr.

Gefragt ist die Aussergewöhnlichkeit

Also müsste sich manches in Bildung und Ausbildung ändern, fordern Experten. Der US-Autor und Ökonom Tyler Cowen meint grundsätzlich: «Durchschnittlichkeit ist vorbei.»

Und wo bleibt die Revolution in Schulen und Universitäten? Warum sollen junge Menschen wie früher Wiederholen und Auswendiglernen können müssen, wenn die Maschinen in dem Feld besser sind? Ryan Holmes sieht dort eine zentrale Aufgabe. Der Unternehmer und Erfinder der Plattform Hootsuite, mit der man mehrere Social-Media-Netzwerke auf einmal verwaltet, sagt: Herausragende und einmalige menschliche Fähigkeiten zu kultivieren, bedeute eine völlig andere Erziehung. Weg von jeder Uniformität. Hin zur Aussergewöhnlichkeit.

Wem das zweite Maschinenzeitalter und viele Prognosen zu düster scheinen, für den formuliert Holmes ein Ziel. «Investiert in Fähigkeiten, die eine Maschine nicht reproduzieren kann. Es geht um höhere Funktionen: Kreativität, Problemlösung, Erfindungsgabe», fordert er. «Wir müssen vielleicht einen Schritt zurück machen, hin zu so etwas wie einem Renaissance-Menschen. Ausgestattet mit einmaligen Talenten zum Schöpfen und Erfinden.»

(sda/jfr)

Anzeige