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Was der technische Wandel für die Velo-Händler bedeutet

Velo: Technik-Fortschritte befeuern und fordern Schweizer Branche. Flickr/CC

Immer schneller kommen neue Velos mit technischen Neuerungen auf den Markt. Den fortschrittsaffinen Velo-Fan freuts. Händler aber stehen vor grossen Herausforderungen. Was der Wandel für sie bedeutet.

Veröffentlicht 29.08.2016

Wenn vom 31. August an die Schweizer Velobranche an die Leitmesse «Eurobike» nach Friedrichshafen (D) pilgert, um sich für 2017 umzusehen oder zu bestellen, hat sie ein schwieriges 2016 noch nicht hinter sich. Die Flut von technischen Neuerungen fordert eine gute Hand beim Einkauf.

Fortschrittsaffine Velo-Liebhaber mit dickem Portemonnaie freuen sich über neue Radformate, Ein-Kettenblatt- und elektronische Gangschaltungen, breite «Boost»-Naben, neue Dämpfer-Standards, potente Elektromotor-Mountainbikes etcetera, welche die Industrie samt neuen Velos in immer schnellerer Kadenz auf den Markt wirft.

Für Velohändler hingegen ist das Tempo der Neulancierungen heute «definitiv eine Herausforderung», sagt Jochen Haar, Sprecher von Scott mit Sitz in Givisiez FR. Scott gehört mit insgesamt rund 600'000 verkauften Velos weltweit zu den fünf Grössten. Mit Schulungen helfe sein Unternehmen Händlern, die Innovationsflut zu bewältigen und die Kundschaft gut zu beraten. Das ist bei grossen Playern heute üblich.

Einkauf als «mittelgrosser Poker»

Für kleinere Läden ist überlebenswichtig, nur zu ordern, was die eigene Kundschaft dann auch kauft. Aber in den letzten zwei Jahren sei der Markt «völlig unvorhersehbar geworden», stellt Daniel Lüdi von Stonebite in Sissach BL fest. Vermutlich überfordere die zunehmende Vielfalt manche Kunden. Allerdings: Wenn deswegen auch weniger selber geschraubt wird, könnte das den Läden wiederum helfen.

Teure Ware in Laden und Lager bindet Kapital, und mit der News-Kadenz drohen rasch Abschreiber, Staffel-Rabatte beim Einkauf hin oder her. Marius Graber vom Krienser Laden Velociped, mit 16 Vollstellen ein grosser Player im Raum Luzern, sieht den Einkauf heute als «mittelgrossen Poker», risikoreicher und anspruchsvoller als früher. Die Flut von Neuheiten hält er für einen teuren taktischen Fehler der Industrie - manche Hersteller wollten wohl auch die Markttransparenz reduzieren.

Druck zur Spezialisierung

Entsprechend müssen sich kleinere Läden wie auch kleinere Hersteller noch deutlicher spezialisieren. Lüdi etwa kauft vorsichtiger ein und bei Bedarf nach. Der Laden CO13 in Basel nimmt primär gute Alltagsvelos und E-Bikes an Lager und baut daneben teurere individuell auf; neue MTBs werden künftig bei Bedarf erst auf Kundenwunsch bestellt.

Neue technische Standards kosten zudem Rückwärtskompatibilität, betreffen also auch das Ersatzteillager. An manche Bike-Rahmen, die für nur noch ein Kettenblatt konstruiert sind, passt kein Umwerfer (Schaltung vorne) mehr, und Boost-Radnaben passen nur in breitere Rahmen und Gabeln, die 2017 flächendeckend auf den Markt kommen.

Fünfstellige Preise keine Seltenheit

Zwar sind in der Schweiz nach wie vor viel mehr Alltagsvelos aller Niveaus unterwegs als Bikes, doch wegen der höheren Preise und damit auch Margen sind MTBs und E-Bikes für viele Läden sehr wichtig. Das gilt umso mehr für neueste Technik; Topmodelle mit fünfstelligen Preisetiketten sind keine Seltenheit mehr.

Technischer Fortschritt sickert wie beim Auto von Rennteams über Topmodelle zu den Alltagsvelos durch. Fortschrittsmotor der ganzen Branche ist das Mountainbike - Rennvelos sind mit fünf Prozent Marktanteil Nischenprodukte.

Allerdings geraten die Preise unter Druck: Das Internet macht Preise transparent. Das bringt Rabattdruck von Kundenseite, wie Lüdi feststellt. Ärgerlich seien frühe Ausverkäufe darbender Läden. Das grenznahe Ausland scheint hingegen nach Preiskorrekturen der Industrie nach dem Frankenschock ein kleineres Problem geworden zu sein.

Netz nutzen statt beklagen

Da heute bald jeder ein Smartphone in der Tasche habe, sei es witzlos, über Internet-Konkurrenz zu klagen, hält Graber fest. Auch stationäre Händler könnten das Einkaufen online bequemer machen; man müsse die Chancen nutzen.

Als Beispiel nennt Graber neue Plattformen einerseits für Händler und Lieferanten (veloconnect.ch) sowie andererseits für Kunden und mehrere Händler und Lieferanten (veloplace.ch). Das aufzubauen sei teuer und aufwendig, weshalb sich Zusammenarbeit aufdränge - was unter Konkurrenten teils Überwindung kostet.

Online informieren und im Laden abholen

Für Roland Fuchs, Sprecher der Zweirad-Fachstelle, ist Customizing, wie es etwa Thömus, IBEX oder Price mit Schweizer Montage schon länger anbieten, ein guter Ansatz: Kunden informieren sich online und holen ihr Velo in einem Laden ab. Seit jeher von Individualisten lebt auch die Solothurner Firma Aarios, der letzte Rahmenbauer in der Schweiz.

Für Fuchs ist indes guter ÖV die wahre Konkurrenz des Velos. Schicke Velos seien zudem heute mehr Lifestyle-Artikel, die man auch im traditionellen Veloland schneller ersetze als früher das haltbare Alltags-Transportmittel.

Indes bejubelt die Kundschaft nicht alles Neue: Angefragte Händler spüren teils wenig Begeisterung für die modischen und leichten Ein-Kettenblatt-Antriebe, die entweder beim Klettern oder beim Tempobolzen knapp seien. An der «Eurobike» dürften dennoch Einfachantriebe als Eyecatcher viele Stände zieren, inzwischen mit bereits 12 Ritzeln hinten.

(sda/ccr)

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