Einst feierten Fans Twitter als das vielversprechendste Internet-Netzwerk überhaupt. Heute ist die Zukunft des Kurznachrichtendienstes ungewisser denn je. In der Nacht veröffentlichte Zahlen zeigen das Ausmass des Desasters: Inzwischen verliert Twitter sogar aktive Nutzer, zuletzt hatte es immerhin noch ein Mini-Wachstum gegeben.

Andere Plattformen wie Facebook, Instagram oder Whatsapp laufen Twitter den Rang ab. An der Börse ging es steil bergab, zwischenzeitlich verlor der Titel nachbörslich rund 13 Prozent. Die Aktie ist nicht einmal mehr 15 Dollar wert, vor knapp einem Jahr waren es noch 50.

Twitter ist nicht massentauglich

Das Problem: Zwar gibt es einen harten Kern an Intensivnutzern, vor allem unter Journalisten, Politikern und Promis ist der Nachrichtendienst beliebt. Doch Twitter erreicht die breite Masse der Bevölkerung nicht. Die Vorzüge des Angebots, bei dem Nutzer nur Nachrichten mit einer Länge von maximal 140 Zeichen Länge verschicken können, erschliesst sich vielen Menschen nicht.

Das belegt auch eine Umfrage unter Passanten im Zürcher Kreis 5. Tatsächlich war es für den Video-Journalisten Pascal Scheiber schwierig, überhaupt jemanden zu finden, der Twitter nutzt – und dies nur passiv, um den Alltag der Stars zu verfolgen. Selbst Tweets versenden: Fehlanzeige.

Hier das Video:

 

Die Twitter-Chefs haben das Problem erkannt. Doch Massnahmen greifen nicht oder stossen bereits bei Ankündigung auf Ablehnung. So geschehen vor wenigen Tagen, als bekannt wurde, das Management wolle die chronologische Timeline durch einen Algorithmus ersetzen. Ironischerweise sorgte das auf dem Netzwerk selbst unter dem Hashtag #RIPTwitter («Ruhe in Frieden») für heftige Reaktionen. Schon länger kursiert die Idee, Twitter wolle das Alleinstellungsmerkmal des Dienstes, die Begrenzung auf maximal 140 Zeichen pro Tweet, aufgeben wollen.

Wichtige Manager verlassen Twitter

Darüber hinaus kommt es in der Chefetage nicht zur Ruhe, die besten Leute scheinen nicht mehr überzeugt. Viele Monate stand Twitter ohne CEO da, schliesslich kehrte Mitgründer Jack Dorsey vor einem halben Jahr doch noch an die Spitze des Unternehmens zurück. Ende Januar dann die nächste Hiobsbotschaft: Vier Top-Manager, darunter der Produktchef, der Personalleiter und der für die Software-Entwicklung Verantwortliche verlassen das Unternehmen. Kein Wunder, dass immer mehr Fans und Leitmedien ins Zweifeln kommen.

Das einflussreiche Magazin «The New Yorker» rief in einem viel beachteten Artikel bereits «das Ende von Twitter» aus. Die Gefahr sei gross, dass der Nachrichtendienst an Relevanz verliere, schrieb Autor Joshua Topolsky. Ein Grund sei nicht zuletzt, dass es Twitter schwer falle, adäquat auf Hassnachrichten zu reagieren. Das Angebot sei so «konfus und undifferenziert», dass es schwer sei, Argumente für die Existenz von Twitter zu liefern.

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