An diesem Donnerstag, 15. Februar 2007, sitzt Edward Taylor in den USA bereits um 4 Uhr 30 morgens vor seinem Laptop. Der Reporter des «Wall Street Journal» hat sich einen wichtigen Termin in der Agenda angestrichen: Jahrespressekonferenz der Schweizer Grossbank Credit Suisse im fernen Zürich. Dort ist wegen der Zeitdifferenz von sechs Stunden die Medienkonferenz bereits im Gange.

Taylor, der Bankenspezialist des «Journal» für Europa, hat sich für dieses Ereignis vorbereitet: Schon Wochen zuvor, anlässlich des Investorentags der Bank, hat er Hintergrundgespräche mit CS-Oberen geführt, zudem viel Material zusammengetragen, recherchiert und analysiert. Vor allem einen Aspekt hat er verfolgt: die Kostensituation bei der Schweizer Bank. Er plant, die aktuellen Zahlen vor diesem Hintergrund in eine Story einzubauen.

Doch als Taylor in dieser frühen Morgenstunde seinen Blackberry-Handcomputer einschaltet, auf dem er automatisch alle Pressecommuniqués der CS erhält, weiss er, dass er seine Stossrichtung ändern muss: Die Bank gibt mehr als nur neue Kennzahlen bekannt, die CS präsentiert überraschenderweise einen neuen Chef – Investment-Banking-Leiter Brady Dougan ersetzt den bisherigen CEO Oswald Grübel.

Das ergibt eine bedeutende Story, auch für das «Wall Street Journal». Taylor kontaktiert umgehend die zuständige Bürochefin in London – ein Tag im Leben eines «Wall Street Journal»-Reporters hat begonnen.

Die Maschinerie des 7000-MitarbeiterKonzerns Dow Jones & Company, zu dem das «Wall Street Journal» gehört, dreht derweil wie jeden Tag längst auf Hochtouren. Die Reporter des US-Medienkonzerns müssen sich an diesem Tag ausgiebig mit der Schweiz befassen. Donnerstag, 15. Februar 2007, ist ein hektischer Tag in der Schweizer Wirtschaft: Neben der CS haben auch der Industriekonzern ABB und der Versicherer Zurich Financial Services ihre Jahrespressekonferenz auf dieses Datum terminiert. Zudem ist beim Technologiekonzern Ascom die Hölle los: Zwischen VR und operativer Führung ist Streit ausgebrochen, Ascom-Chef Rudolf Hadorn wurde fristlos entlassen. In einzelnen Wirtschaftsredaktionen in der Schweiz bricht angesichts der überraschenden News- und Arbeitsschwemme Nervosität aus.

Nicht hingegen in der News-Zentrale des «Wall Street Journal» in New York. Dort, an der Liberty Street Nummer 200 in Downtown Manhattan, kann man den etwas erhöhten Workload aus der fernen Schweiz entspannt angehen. 600 Reporter beschäftigt das Blatt – nimmt man die Leute der Tochtergesellschaften wie etwa Dow Jones Newswires hinzu, stehen fast 1900 Nachrichtenjournalisten im Dienst der Zeitung. 12 000 Meldungen produzieren sie Tag für Tag, rund 75 finden Eingang ins «Wall Street Journal». Um publiziert zu werden, muss die Meldung über die Landesgrenzen hinaus von Interesse sein. Von den vier wichtigen Ereignissen jenes Tages in der Schweiz werden alle ausser Ascom ihren Weg ins «Journal» finden.

«The Wall Street Journal»: Das ist mehr als nur eine Zeitung. «Bibel der Wirtschaftselite», nennt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» das Blatt, dessen Berichte weltweit Börsen erschüttern, Aktienkurse von Firmen in die Höhe treiben oder ins Bodenlose fallen lassen können. «The Wall Street Journal»: Das ist eine Ikone des Wirtschaftsjournalismus, stets etwas besser informiert als die Konkurrenz und meist auch etwas schneller. «Seit über hundert Jahren meldet das ‹Wall Street Journal› die Fakten, definiert die Themen und setzt die Agenda der Wirtschaft» so Paul E. Steiger, Chefredaktor der Zeitung.

Die Geschichte des Blattes reicht weit zurück. 1882 war es, als die Reporter Charles Dow, Edward Jones und Charles Bergstresser an der Wall Street Nummer 15 eine Nachrichtenagentur namens Dow Jones gründeten. Bergstressers Name fiel weg – die Gründer waren übereingekommen, dass der Firmenname sonst zu lange würde. Das Trio sammelte in den Banken der Umgebung Informationen, die sie dann in einem Bulletin festhielten. Diese waren handgeschrieben – die Mitarbeiter benutzten Kohlepapier und elfenbeinbesetzte Stifte und konnten so bis zu 24 Durchschläge gleichzeitig produzieren. Laufburschen brachten die Berichte den Kunden in den Strassen des New Yorker Finanzzentrums.

Was heute als reichlich rudimentäre Newsübermittlung daherkommen mag, war für damals eine Revolution. Es gab weder Jahresberichte noch Pressemitteilungen. Börsenkotierte Unternehmen waren undurchsichtige Gebilde. Erst Jahrzehnte später wurden die Firmen gezwungen, Daten herauszugeben. Bis dahin gab es als Quelle verlässlicher Wirtschaftsinformationen vor allem die eine: die Herren Dow, Jones und Bergstresser.

Kein Wunder, rannten die Kunden der Agentur die Türen ein. Schon bald wurde die Berichterstattung erweitert: Aus den Bulletins wurde 1883 ein vierseitiger «Customer’s Afternoon Letter». Es war Charles Bergstresser, der vorschlug, aus dem Nachmittagsbericht eine Zeitung zu machen, und er schlug auch gleich den Namen vor: «The Wall Street Journal». Am 8. Juli 1889 erschien die erste Ausgabe.

Es war der Beginn einer eindrücklichen Erfolgsgeschichte. Heute ist das «Wall Street Journal» mit 1,7 Millionen Abonnenten die zweitgrösste Publikation der USA, nach der Tageszeitung «USA Today» mit 2,3 Millionen Auflage.

Das «Journal», wie die Zeitung liebevoll genannt wird, wuchs nicht nur rasant, darum herum entstand auch eine ganze Produktfamilie. Seit 1976 gibt das «Journal» eine Asien-Ausgabe heraus, «The Wall Street Journal Asia», seit 1983 auch eine Europa-Ausgabe, «The Wall Street Journal Europe» (siehe unten). 1995 wurde die Online-Ausgabe www.wsj.com gegründet und entwickelte sich zur heute erfolgreichsten bezahlten Website der Welt, mit über 800 000 Abonnenten und wachsenden Inserateneinnahmen. Wochenendausgaben mit vermehrten Lifestyle- und Modethemen und das Hochglanz-Magazin «Style Journal», das seit April 2006 vierteljährlich zusammen mit der Europa-Ausgabe veröffentlicht wird, ergänzen die «Journal»-Palette.

Parallel zur Zeitung wuchs auch die Muttergesellschaft Dow Jones. Diese war von den Gründern bald in neue Hände gegeben worden. 1902 verkauften sie das «Journal» an den Bostoner Korrespondenten der Agentur, Clarence Barron. Bis heute sind dessen Nachkommen, die Familie Bancroft, der grösste Aktionär des Unternehmens und mit rund 60 Prozent der Stimmen auch die dominierende Kraft.

Der Name Dow Jones ist heute vor allem ein Begriff wegen des Dow Jones Index, des wichtigsten Börsenbarometers der Welt. Entstanden ist er 1896, als Charles Dow die Kurse der zwölf wichtigsten Industrieunternehmen addierte und durch zwölf teilte. Nach und nach wurde der Kreis der berücksichtigten Firmen erweitert. Heute ist der Dow Jones Industrial nur einer von rund 10 000 Aktienindizes, die Dow Jones erhebt und verkauft.

Daneben baute der Konzern auch seine journalistische Abstützung immer weiter aus, mit Publikationen wie den Wirtschaftsmagazinen «Barron’s» und «SmartMoney» sowie durch Kooperationen wie mit dem US-Fernsehsender CNBC. Eine der wichtigsten Tochtergesellschaften ist der Nachrichtendienst Newswires, der vor allem tagesaktuelle Meldungen verbreitet. Von den Mitarbeitern des Dow-Jones-Konzerns sind über 2400 Newsjournalisten.

Es ist dieses globale Räderwerk, das auch Reporter Edward Taylor zur Verfügung steht. Vor Ort in Zürich an der Pressekonferenz der CS ist Newswires-Reporterin Katharina Bart vom Zürcher Büro. Das «Wall Street Journal» beschäftigt seit einiger Zeit keinen eigenen Schweizer Korrespondenten mehr, wohl aber der Newswires-Dienst, für den sechs Mitarbeiter in einem Büro in Zürich tätig sind. Leiterin der Schweizer Dependance ist Anita Greil.

Newswires-Bankenreporterin Katharina Bart hat bereits frühmorgens einen Bericht zum Sesselwechsel bei der CS und den neusten Kennzahlen verfasst, gestützt auf die Pressemitteilung der CS. Gefordert ist auch ihr Kollege Goran Mijuk, der für Newswires in Zürich unter anderem die Versicherungen betreut. Er muss an diesem Tag gleich zwei Firmenberichte verfassen: den über Zurich Financial Services und den über ABB.

Berichte wie der von Newskorrespondentin Bart sind für «Wall Street Journal»-Reporter Taylor in den USA also längst abrufbereit, als er mit seinen Recherchen an diesem Tag beginnt. Nach dem Gespräch mit der Bereichschefin in London wird zunächst der Kontakt mit der Asienkorrespondentin in Hongkong hergestellt. «The Wall Street Journal Asia» hat den frühesten Redaktionsschluss der drei Ausgaben: Schon um ein Uhr mittags US-Zeit ist Deadline.

Kate Linebaugh in Hongkong kann einiges als Background zum CS-Sesselwechsel bieten; etwa über den Mann, der den promovierten Brady Dougan als Bereichschef Investment Banking ersetzen wird, Paul Calello, den bisherigen Asien-Chef der CS. Noch vor der Asienausgabe muss der Online-Bericht für www.wsj.com aufs Netz, den Taylor zusammen mit Kate Linebaugh und Katharina Bart verfasst. Für die später folgenden Ausgaben in Europa und den USA werden nach und nach weitere Bereichsspezialisten einbezogen, so Randall Smith und Gregory Zuckerman, die Zusatzinformationen einspeisen. Das «Journal» ist bekannt für Teamarbeit, viele Artikel erscheinen mit den Namen mehrerer Verfasser. Das Ziel des Journalistenteams: einen Artikel zu bauen, der über die reine Newsberichterstattung hinausgeht. Das «Journal» will sich vermehrt auf die vertiefte Erklärung der Tagesnews konzentrieren (siehe «Wir wollen Informationen in Wissen verwandeln» auf Seite 60). «Wir wollen nicht nur erzählen, was gestern passiert ist, sondern auch, was es bedeutet und was mit einiger Wahrscheinlichkeit als Nächstes passiert», hat Chefredaktor Steiger den Kurs des Blattes Anfang Januar in einem «Managing Editor’s Letter» festgehalten.

Die Publikation dieses Editorials ging einher mit der Änderung des Formates der US-Ausgabe, das seit dem 2. Januar dieses Jahres um eine Spalte dünner oder, in den Worten der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», «schlank wie Kate Moss» geworden ist. Mit dem schmaleren Format spart die Zeitung nicht nur rund 18 Millionen Dollar jährlich an Papierkosten, sie will dem Blatt damit auch einen Modernisierungsschub verleihen.

Ganz freiwillig erfolgte dieser Kurswechsel nicht. Seit Jahren ist die Zeitung finanziell unter Druck, die Auflage stagniert, die Einnahmen für Inserate sind seit 2001 stark gesunken. 2002 musste das «Journal» gar fünf Prozent der Newsreporter entlassen. Dies ist vor dem Hintergrund einer generellen Krise im US-Zeitungsbusiness zu sehen. Wie die «NZZ am Sonntag» kürzlich berichtete, verlieren US-Zeitungen an Einnahmen, wodurch in den nächsten fünf Jahren eine Deckungslücke von gesamthaft bis zu 30 Milliarden Dollar droht.

Grund für die sich öffnende Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben ist vor allem die zunehmende Konkurrenz der Online-Dienste, die Wachstumsraten von über 30 Prozent aufweisen. Das «Wall Street Journal» hat sich in diesem Bereich allerdings gut positioniert und kann Abstriche bei der Zeitung mit neuen Dienstleistungen ausgleichen. Mittels www.wsj. com und zusätzlich mittels Newslettern, E-Mails und Meldungen für Handy oder Handheld-Computer kann das «Wall Street Journal» die Kunden rund um die Uhr mit Meldungen versorgen.

Eine Gefahr in Krisenzeiten ist mitunter, dass Zeitungen ihre Inserenten übers Mass hinaus zu hofieren beginnen und kritische Aspekte in ihrer Berichterstattung ausklammern. Das ist und war nie eine Option für das «Wall Street Journal», dem die journalistische Freiheit über alles geht. Journalismus und Kommerz sind nicht nur organisatorisch strikt getrennt, es gilt zudem als Tabu, sich untereinander auszutauschen. «Wer bei uns Anzeigen bucht, ist mir total egal», hat Chefredaktor Paul E. Steiger in einem Interview einmal unmissverständlich festgehalten.

Neben diesen beiden getrennten Feldern gibt es bei der Zeitung noch eine dritte Säule, die in ihrer strikten Abtrennung eine Besonderheit des «Journal» ist: die Meinungsredaktion. Neben die Newsredaktion unter Steiger tritt die Editorialredaktion unter Paul Gigot, die für die Kommentare zuständig ist. Was Paul Gigot und sein Team ins Blatt hängen, sieht Chefredaktor Paul E. Steiger erst in der Zeitung. Auch wenn dieses Trennsystem breit akzeptiert ist, gibt es laut Insidern doch einige Animositäten. Nicht nur kommt es vor, dass Gigots Team mitunter regelrechte Newsenthüllungen in seinen Kommentaren mitliefert, von denen die Newsredaktion sicher gerne gewusst hätte. Es ist auch ein offenes Geheimnis, dass die Kommentatoren politisch einen weitaus konservativeren Kurs fahren als die eher liberalen Newsleute.

Wer durch das Grossraumbüro der Newsredaktion des «Wall Street Journal» geht, dem fällt die untypische Ruhe auf, die hier herrscht. Oft sind Redaktionsstuben von Hektik geprägt. Doch hier, im neunten Stock, mit Blick auf die Skyline von Manhattan, wird nicht herumgerannt oder geschrien. Journalisten und Journalistinnen sitzen vor ihren Bildschirmen, telefonieren oder studieren Unterlagen. Die Männer meist mit Krawatte und Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, die Frauen in Deuxpièces. Zwei Redaktionskonferenzen finden täglich statt: um 10 Uhr 30 und um 16 Uhr 30. Im kleinen Redaktionsraum treffen sich dann die paar Dutzend leitenden Redaktoren und konferieren mit den zugeschalteten Chefs der Aussenbüros.

Zwischen den Redaktionsterminen ist Chefredaktor Paul E. Steiger immer mal wieder im Newsraum zu erblicken, er geht herum, macht mal hier, mal dort ein Witzchen, spricht mit einzelnen Journalisten. Steiger zeigt wenig Boss-Allüren, der Kontakt ist von gegenseitigem Respekt geprägt.

Was macht einen guten Journalisten aus? Daniel Hertzberg, stellvertretender Chefredaktor des «Journal», blickt über seine Brillengläser, denkt kurz nach und sagt: «Neugier, Fairness und der Blick für den grösseren Zusammenhang.» Hertzberg ist Pulitzerpreisträger, einer von 31, die das «Wall Street Journal» hervorgebracht hat. 1988 hat er den weltweit wohl renommiertesten Journalistenpreis bekommen, für einen Artikel über einen Investment Banker, der des Insider-Tradings angeklagt wurde, und einen über den kritischen Tag nach dem Börsenkrach vom 19. Oktober 1987.

Die Fähigkeit, News zu beschaffen und damit Scoops – so nennt man in Journalistenkreisen eine Schlagzeilen machende Enthüllung – zu landen, erwähnt Hertzberg nicht. Natürlich sei es für eine Zeitung wie das «Wall Street Journal» wichtig, bei den News an vorderster Front dabei zu sein, meint er. Immer wichtiger werde aber die Einzigartigkeit der Einschätzung, die spezielle Idee bei der Einordnung der News. «Scoops of ideas» nennt Hertzberg dies.

Laut Hertzberg sind die wenigsten der «Wall Street Journal»-Reporter studierte Ökonomen oder verfügen über eine eigentliche Wirtschaftsausbildung – eine erstaunliche Tatsache, schliesslich ist man das führende Wirtschaftsblatt. Oft würden Fachspezialisten in einem für die breite Masse unverständlichen Jargon schreiben und seien daher als Journalisten weniger geeignet, erklärt Hertzberg.

Die Auswahl der Reporter gilt als sehr streng. Das «Journal» ist Sammelbecken für die besten Wirtschaftsreporter der Welt, zudem werden viele Eigengewächse aus den Schwestergesellschaften wie Dow Jones Newswires rekrutiert. Das System der Checks and Balances ist ausgeklügelt, jeder Bericht wird intensiv gegengelesen und aufwendig redigiert.
Teil der Corporate Culture ist eine ausgeprägte Einsatzbereitschaft. Zu spüren war das journalistische Herzblut etwa am 11. September 2001, als die Flugzeuge in die Zwillingstürme unmittelbar neben dem Hochhaus des «Wall Street Journal» rasten. Von der riesigen Staubwolke aus ihren Redaktionsräumen verjagt, produzierten die Journalisten zum Teil in ad hoc aufgestellten Redaktionsräumen in New Jersey und in den Privatdomizilen einzelner Mitarbeiter in Uptown Manhattan ihre Zeitung. Nie hat das «Journal» seit seiner Gründung 1889 auch nur eine Ausgabe verpasst. Für die Berichterstattung nach dem 11. September erhielt die Redaktion einen weiteren Pulitzerpreis.

Heute, über fünf Jahre später, ist von diesen dramatischen Tagen nicht mehr viel zu spüren. Die Newsmaschine «Wall Street Journal» dreht in gewohnter Präzision. Am Abend des 15. Februar 2007, als die CS-Leute in Zürich auf ihren neuen Boss Brady Dougan anstossen, geht beim «Journal» bereits die vierte Version des Artikels von Reporter Taylor in die Produktion. Nach je einem Artikel für die Online-, die Asien- und die Europa-Ausgabe wird zuletzt der Bericht für die US-Ausgabe erstellt. Er beruht zum grössten Teil auf dem Bericht der Europa-Ausgabe, wird aber um weitere Details und Zitate ergänzt sowie dramaturgisch etwas umgebaut. Die Berichte über ABB und Zurich Financial Services sind von den Bereichschefs als Nachrichtenmeldungen gewichtet worden, die nicht durch einen Sondereffort von «Journal»-Reportern ausgebaut werden sollen. So übernimmt das «Journal» die Newswires-Meldung von Goran Mijuk aus dem Zürcher Büro.

Es ist neun Uhr abends US-Zeit, als für Edward Taylor ein langer Arbeitstag zu Ende geht. «New Credit Suisse CEO: almost boring?» lautet der Titel des Artikels, der am nächsten Tag gross erscheint. By Edward Taylor and Randall Smith, heisst es in der Autorenzeile der Europa-Ausgabe, und unten: Kate Linebaugh and Gregory Zuckerman contributed to this article.

Der Bericht über den Sesselwechsel beinhaltet kritische Untertöne. So wird erwähnt, die CS sei in den Jahren 1999 und 2000 Gegenstand von Untersuchungen wegen umstrittener IPO-Geschäfte gewesen. Dougan war damals für den globalen Wertschriftenhandel zuständig. Auch wenn die Untersuchung eingestellt worden sei, so habe seine Verantwortlichkeit für diesen Bereich seine Karriere wohl vorübergehend beeinflusst. Von solch kritischen Aspekten ist am selben Tag in den Schweizer Zeitungen nichts zu lesen. Diese berichten stattdessen, dass der neue CS-Chef viel arbeitet und gerne Cola light trinkt.

«The Wall Street Journal»

Das «Wall Street Journal» ist die Flagship-Publikation des Verlagshauses Dow Jones & Company, einem Medienkonzern mit über 7000 Mitarbeitern, der neben dem «Journal» unter anderem auch die Wirtschaftspublikationen «Barron’s» und «Far Eastern Economic Review» herausgibt sowie den Nachrichtendienst Dow Jones Newswires betreibt.

Die Zeitung erscheint in Europa als «The Wall Street Journal Europe», in Asien als «The Wall Street Journal Asia». Die europäische Ausgabe erscheint seit Ende 2005 in einem kleineren Tabloid-Format, die US-Ausgabe hingegen hat per Anfang 2007 nur die Breite der Zeitung reduziert.

Das «Wall Street Journal» beschäftigt rund 600 Reporter, davon etwa 60 in Europa. Die Zeitung arbeitet zusammen mit anderen Dow-Jones-Gesellschaften, vor allem Newswires. Die Muttergesellschaft Dow Jones ist an der New York Stock Exchange kotiert. Hauptaktionär und mit 60 Prozent der Stimmen stärkste Kraft im Konzern ist die Familie Bancroft, die Nachkommen des früheren Besitzers Clarence Barron. Als CEO von Dow Jones & Co. waltet Richard F. Zannino.

«The Wall Street Journal»

Gründungsjahr: 1889
Auflage: 1,7 Millionen
(Print- und Online-Ausgabe
zusammen: 2,6 Millionen)
Chefredaktor: Paul E. Steiger
Erscheinungsweise: täglich
Sitz: New York

«The Wall Street Journal Europe»

Gründungsjahr: 1983
Auflage: 88 000
Chefredaktor: Michael Williams
Erscheinungsweise: täglich
Sitz: Brüssel

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