Allen Rückschlägen und Skepsis zum Trotz setzt Volkswagen auf die Elektromobilität. «Dieses Thema E-Fahrzeuge wird kommen», sagte Konzernchef Martin Winterkorn am Dienstag am Rande des Genfer Autosalons im ZDF-«Morgenmagazin». Er wünsche sich strukturelle Unterstützung der Regierung, etwa beim Bau von mehr Stromtankstellen für batteriebetriebene Fahrzeuge oder bei der Benutzung von mehr Fahrspuren, so ähnlich wie dies in Dänemark und Norwegen gemacht werde. «Wenn wir alle gemeinsam es wollen, werden wir unser Ziel erreichen.»

Die Elektromobilität treibt die Autobranche seit Jahren um, vor allem angesichts immer strenger werdender Absatzvorschriften in vielen Teilen der Welt, die kaum allein mit sparsameren Benzin- und Dieselmotoren zu erreichen sind. Nach anfänglicher Euphorie erlahmte jedoch bei vielen Autoherstellern das Engagement, und Ernüchterung kehrte ein - vor allem wegen der geringen Verkaufszahlen von batteriebetriebenen Fahrzeugen.

Benzinpreis kurz- und mittelfristig ein Thema

Kunden wie Konzerne sehen die im Vergleich niedrigere Reichweite der Elektroautos mit Sorge, zudem schrecken viele Käufer vor höheren Kosten zurück. Der niedrige Ölpreis tut ein Übriges, um Fahrzeuge mit Benzinmotoren attraktiver erscheinen zu lassen.

Winterkorn sagte, der Benzinpreis sei kurz- und mittelfristig ein Thema. «Wir müssen langfristig denken.» CO2-Vorgaben in Europa oder in China seien «unabhängig vom Benzinpreis». VW fertige inzwischen mehr als 30.000 E-Fahrzeuge. Insgesamt produzierte Europas grösster Autobauer im vergangenen Jahr mehr als zehn Millionen Fahrzeuge.

Beim Sparprogramm auf Kurs

Zudem sieht der Konzern sein Spar- und Effizienzprogramm auf Kurs. «Wir sind mit unserem Programm bei allen Marken gut unterwegs», sagte Winterkorn weiter. Es gehe nicht nur um die Mitarbeiter, sondern um die Fragen: «Wie kann man die Produktivität erhöhen? Wie kann man die Vielfalt verringern?»

Der Konzern habe das Effizienzprogramm mit Blick auf neue Technologien, Digitalisierung und Elektromobilität aufgesetzt. «Das alles kostet Geld.» Mit dem milliardenschweren Sparkurs will VW ausserdem der Ertragskraft auf die Sprünge helfen. Innerhalb des Konzerns wirft die Kernmarke VW deutlich weniger ab als die Oberklasse-Töchter Porsche und Audi. Die ersten Früchte des Programms will der Autobauer in diesem Jahr ernten.

VW angesichts von Apples iCar-Plänen kämpferisch

Die Herausforderung von Apple und Google im Kampf um die Vorherrschaft im Automobilgeschäft nimmt VW indes an. «Auch wenn es Sie vielleicht überrascht: Ich begrüsse ausdrücklich das Engagement von Apple, Google & Co beim Thema Automobil», sagte Vorstandschef Martin Winterkorn. Das Engagement der US-Technologie-Giganten werde dazu beitragen, dass das Auto wieder stärker von jungen Menschen akzeptiert werde. «Und ich bin überzeugt: Die Generation der iPhone-Begeisterten wird sich dann für die richtigen Automobile aus dem richtigen Haus entscheiden.»

Winterkorn verwies auf die hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung bei VW von 11,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Der Wolfsburger Konzern beschäftige mehr als 46.000 Forscher und Entwickler und mehr als 10.000 IT-Experten. Mit diesem Potenzial sehe er VW in der Lage, die Vernetzung von Autos und das autonome Fahren voranzutreiben.

Traditionelle Autobauer unter Druck

Gefragt, wann er mit Autos von Apple und Google rechne, sagte Winterkorn: «Wenn die beiden vorhaben, Elektrofahrzeuge zu bauen, kann das schnell gehen.» Zuletzt hatten sich Hinweise verdichtet, dass Apple an der Entwicklung eines Elektro-Autos arbeitet. Solche Pläne grosser IT-Konzerne setzen die traditionellen Autobauer gehörig unter Druck. Denn der Elektro-Antrieb und die Vernetzung der Fahrzeuge gelten als Zukunftsgeschäft in der Branche.

Experten sehen die Gefahr, dass die etablierten Auto-Hersteller an Boden verlieren und zu Zulieferern werden. Da die Software durch die zunehmende Vernetzung immer wichtiger wird und diese vor allem von Technologiefirmen kommt, könnten die Autobauer zu Lieferanten für die Hardware degradiert werden, also von Karosserien und Fahrgestellen.

Experten erwarten, dass sich die Geschäftsmodelle der Autobauer in den nächsten Jahren verändern werden. Bereits jetzt ist der Besitz eines eigenen Autos für viele Menschen in Grossstädten nicht mehr so wichtig. Sie nutzen lieber Carsharing-Angebote oder mieten sich einen Wagen für kurze Zeit. Darauf stellen sich Daimler und BMW bereits ein, indem sie solche Dienste ebenfalls anbieten.

Rekordabsatz

Im Januar und Februar steigerte Volkswagen den Absatz weiter. In den beiden Monaten habe der Konzern weltweit erstmals mehr als 1,5 Millionen Fahrzeuge ausgeliefert, sagte Winterkorn. Mit Blick auf die vorsichtige Prognose für das laufende Jahr, fügte er hinzu, VW wolle die Bodenhaftung nicht verlieren. «Denn es wäre fahrlässig, den Blick zu verschliessen vor den vielen weltpolitischen und gesamtwirtschaftlichen Brandherden, mit denen unsere Branche konfrontiert ist.» Volkswagen hatte einen Rekordgewinn für das abgelaufene Geschäftsjahr bekanntgegeben, sich aber zurückhaltend über die Entwicklung in 2015 geäussert. Das hatte manchen Börsianer zunächst enttäuscht.

(reuters/ccr)

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