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Wie bitte? 
Vorsorgereform: «Es gibt keinen 
Plan B»

Bern: Über die Reform entscheiden die Stimmbürger im September.  Keystone

Wirtschaftsverbandschef Blaise Matthey plädiert­ für ein Ja zum Reformvorhaben. Was er vom Gegenmodell des Nationalrats hält und woran es in der Schweiz zunehmend fehlt.

Von Florence Vuichard
22.05.2017

Herr Matthey, Sie unterstützen mit den welschen Wirtschafts­verbänden im Gegensatz zu Ihren Deutschschweizer Kollegen die Vorsorgereform 2020. Wieso?
Blaise Matthey*: Seit 20 Jahren versuchen wir unser Vorsorgesystem zu reformieren, und seit 20 Jahren scheitern wir. Jetzt liegt ein Kompromiss vor, der zwar nicht perfekt ist, aber sehr wichtige Elemente enthält – namentlich das einheitliche Renten­alter für Mann und Frau und die Senkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6 Prozent. Wenn diese Reform scheitert, dann verstreichen wieder 10 bis 15 Jahre. Und in dieser Zeit geht die Umverteilung von den Erwerbstätigen zu den Rentnern weiter. Das ist inakzeptabel. Zudem gibt es keinen Plan B.

Wie bitte? Der Nationalrat hat doch ein Gegenmodell ausgearbeitet.
Ja, aber dieses hat in einer Volksabstimmung keine Chance. Zudem ist auch dieses Modell mit erheblichen Kosten für die Wirtschaft verbunden.

Fürchten Sie nicht, dass mit den 
70 Franken für AHV-Neurentner letztlich die erste Säule auf Kosten der zweiten ausgebaut wird?
Es ist die Senkung des Umwandlungssatzes, welche die zweite Säule schwächt. Das hat mit Politik nichts zu tun, das ist Mathematik. Die Aufbesserung der AHV-Renten um 70 Franken bringt keine fundamentale Änderung in unserem Vorsorgesystem. Wenn dadurch die Anzahl Rentner, die auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind, ­etwas reduziert werden kann, dann ist das gut. So kommen wir dem Verfassungsauftrag auch wieder etwas näher.

In Deutschschweizer Verbänden ­erklärt man sich Ihr Ja damit, dass die Romands einfach linker seien.
Das höre ich auch. Es ist heute leider schwieriger, mit jenen, die nicht gleicher Meinung sind, sachlich über Inhalte zu diskutieren. Ich sehe darin einen der Gründe für die populistischen Tendenzen. In der Schweiz fehlt zunehmend die Fähigkeit, das gros­se Ganze zu sehen. Wer für Kompromisse einsteht, in der Vorsorge- und der Europa-Frage etwa, wird einfach als links abgestempelt.

Am 24. September wird abgestimmt. Glauben Sie, dass die ­Vorsorgereform angenommen wird?
Es wird ein heftiger Abstimmungskampf werden, aber ich denke, wir können ihn gewinnen. Gegen die Genfer Kommunisten und Zürcher Patrons, die Seite an Seite für ein Nein eintreten.

* Blaise Matthey ist General­direktor der Fédération des Entreprises Romandes Genève, des ­Wirtschaftsverbands der ­Westschweizer Unternehmen, und Vorstandsmitglied von Economiesuisse.

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