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Rohrkrepierer 
Vom Aufstieg und Fall eines unausgereiften CS-Projektes

Die Credit Suisse wollte mit dem Schweizer Geschäft an die Börse. Jetzt macht sie einen Rückzieher. Der Gesinnungswandel ist nachvollziehbar, doch der Weg dahin war voller Stolpersteine. Eine Chronik.

Von Gabriel Knupfer
26.04.2017

Im Sommer 2015 übernahm Tidjane Thiam das Ruder der Credit Suisse. Um die schlingernde Grossbank zurück auf Kurs zu bringen, wurde eine neue Strategie verkündet. Ein Kernpunkt: Der Börsengang des Schweizer Geschäfts zwecks Erhöhung des Kapitalpolsters.

Am 26. April 2017 nun die Kehrtwende. Die nötigen rund 4 Milliarden Franken will die Grossbank entgegen den bisherigen Plänen mit einer normalen Kapitalerhöhung beschaffen. Für die Aktionäre sei es besser, wenn die Schweizer Bank weiterhin im Besitz der Muttergesellschaft bleibe, so die Credit Suisse. Der Gesinnungswandel ist nachvollziehbar, doch der Weg dahin war voller Stolpersteine. Eine Chronik.

Juli 2015: Der Ivorer Tidjane Thiam übernimmt als CEO bei der Grossbank. Der Mann aus der Versicherungsbranche ersetzt den stark auf das Investmentgeschäft fokussierten Amerikaner Brady Dougan. Thiam verspricht schnelle Korrekturen und eine rasche Stärkung der Kapitalbasis.

Oktober 2015: Der neue Chef der Credit Suisse stellt seine Strategie vor. Er will die Grossbank massiv umbauen und die Kosten radikal senken. Die Sparmassnahmen belaufen sich bis Ende 2018 auf 3,5 Milliarden Franken. Dem Programm werden laut Thiam innert drei Jahren bis zu 1600 Stellen in der Schweiz zum Opfer fallen. Die einzelnen Bankbereiche sollen unabhängiger werden. Einen Minderheitsanteil der Schweizer Bankeinheit will Thiam bis Ende 2017 an die Börse bringen.

Februar 2016: Die Credit Suisse weist für 2015 einen Verlust von 2,9 Milliarden Franken aus. Die Aktien fallen auf den tiefsten Stand seit 25 Jahren.

April 2016: An der Generalversammlung mahnt Verwaltungsratspräsident Urs Rohner zur Geduld. «Wir wollen dabei keinen Sprint gewinnen, sondern einen Marathon.» Trotz schwacher Zahlen bleibt ein Aufstand der Aktionäre aus.

Juni 2016: Die Wähler in Grossbritannien stimmen für den Austritt aus der EU. Der Brexit-Entscheid bringt Bankaktien weltweit unter Druck, auch die Papiere der Credit Suisse geben nach. Am 6. Juli steht die Aktie zum Börsenschluss unter 10 Franken. Damit ist ein weiterer historischer Tiefpunkt erreicht.

September 2016: In einem Interview mit der «Handelszeitung» hält Urs Rohner am geplanten Börsengang der Schweizer Tochter fest. Ganz überzeugt tönt er indes nicht mehr: «Der Plan steht. Wir prüfen, wie angekündigt, die Situation 2017, und laut Planung folgt der Börsengang im dritten oder vierten Quartal», sagt der Verwaltungsratspräsident.

November 2016: Die Schweizer Tochter der Credit Suisse nimmt offiziell den Betrieb auf. Die Credit Suisse (Schweiz) AG gehört vollständig der Nummer zwei im Schweizer Bankenmarkt und bündelt die Schweizer Aktivitäten. Chef der Schweizer Credit Suisse ist Thomas Gottstein. Der Verwaltungsrat wird vom ehemaligen SIX-Präsidenten Alexander Zeller geleitet.

Dezember 2016: Die Credit Suisse muss insgesamt über 5,3 Milliarden Dollar für die Beilegung des US-Hypothekenstreits bezahlen. In einem ersten Schritt überweist die Bank eine Geldbusse von 2,48 Milliarden Dollar an das Justizministerium. Hinzu kommen Zugeständnisse an die US-Konsumenten von nochmals 2,8 Milliarden Dollar über einen Zeitraum von fünf Jahren.

Januar 2017: Die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma stuft laut «Bilanz» den Verwaltungsrat der Credit Suisse (Schweiz) AG als zu wenig unabhängig von der Muttergesellschaft Credit Suisse ein. Vor dem für das zweite Halbjahr 2017 geplanten Teilbörsengang des Tochterunternehmens müsse das Aufsichtsgremium gewichtige Änderungen erfahren.

Februar 2017: Die Credit Suisse weist für das Jahr 2016 einen Verlust von 2,44 Milliarden Franken aus. Hauptgrund für die erneut tiefroten Jahreszahlen sind Sonderkosten. Der US-Hypothekenstreit hat das Jahresergebnis am stärksten belastet. So musste die Grossbank im vierten Quartal rund 2 Milliarden Dollar für ihre Tricksereien zurückstellen. Der Umbau der Bank verursachte zudem Zusatzkosten von mehr als 500 Millionen Franken.

Grossaktionär Harris Associates stellt sich gegen den geplanten Börsengang des Schweizer Geschäfts: «Aus heutiger Sicht meine ich, dass die Credit Suisse das IPO überdenken sollte», so Anlagechef David Herro in einem Interview.

März 2017: Die Credit Suisse treibt ihre Pläne zur Abspaltung des Schweiz-Geschäfts über einen Börsengang voran. Die Bank habe bei der Schweizer Tochter einen Leiter für die Kommunikationsarbeit mit Investoren (Investor Relations) angeheuert, sagte ein Sprecher. Davor war es zu Spekulationen gekommen, die Bank könne von ihren Plänen Abstand nehmen. Auch Thiam hatte den Börsengang öffentlich in Frage gestellt.

April 2017: Die Credit Suisse bläst den Börsengang für die Schweizer Bank ab. Die zur Erhöhung des Kapitalpolsters benötigten Gelder will die Grossbank entgegen den bisherigen Plänen mit einer normalen Kapitalerhöhung beschaffen. Diese soll an einer aussergewöhnlichen Generalversammlung im Mai beschlossen werden. Geschäftlich lief es der Grossbank im ersten Quartal 2017 besser. Der Gewinn liegt mit 596 Millionen Franken über den Erwartungen.

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