Ursula Piëch bahnt sich den Weg. In ihrer rechten Hand schwenkt sie die sündhaft teure Birkin Bag von Hermès im grauen Straussenleder-Design, links hat sich Ehemann Ferdinand mit ernstem Blick, ­Hermès-Krawatte und schwarzer Aktentasche untergehakt. Die Frau mit der Pagenfrisur lächelt freundlich, aber in ihren braunen Augen blitzt Kampflust auf. So bewegt sich das Paar unaufhaltsam, Meter für Meter, durch die Messehalle, einen Schwarm von Volkswagen-Managern und Journalisten mit sich ziehend.

Die einen weisen servil auf die Details der ausgestellten Autos hin. Die anderen versuchen scharfzüngige Bemerkungen des mächtigen VW-Aufsichtsrats­chefs einzufangen – und der Frau an ­seiner Seite persönliche Dinge und Ansichten zu entlocken. Immerhin sitzt sie als Vertreterin der Kapitalseite seit über einem Jahr in den Aufsichtsräten von VW und Audi und kennt viele Geheimnisse aus den inneren Machtzirkeln bei Europas grösstem Automobilkonzern. Nur allzu gerne würde man Details erfahren, wissen, wie sie tickt und wie sie Einfluss auf ihren Mann und die übrigen Mitglieder des Kontrollgremiums nimmt.

«Eine ganz unbedeutende Frau»

Bitten um ein Interview, die der eine oder andere auch am Rande der VW-Hauptversammlung an sie richtet, prallen an der 58-Jährigen ab wie Gummibälle an einer Betonwand. Sie sei doch «eine ganz unbedeutende Frau», für Homestorys stehe sie prinzipiell nicht zur Verfügung, und über ihre Tätigkeit im Aufsichtsrat dürfe sie nicht reden. «Ich bitte Sie!» Ursula Piëch weiss mit Menschen umzugehen und hat gelernt, auf Distanz zu gehen: resolut, aber zugleich so freundlich, dass ihr niemand böse sein kann.

Jeder kennt VW, aber möglichst ­niemand soll die wichtigste Frau im ­Kontrollgremium kennen. Ursula Piëch möchte lieber weiter im Hintergrund wirken, im Schatten ihres Mannes, für den sie die perfekte Ergänzung ist, «so wie es in einer guten Partnerschaft sein sollte», wie sie findet.

Im Gespräch gibt das Paar, Seite an Seite auf einem schwarzen Ledersofa sitzend, einen kleinen Einblick in seine ­Beziehung. Es ist, das wird schnell klar, eine späte wie andauernde Liebe, auch eine romantische Story – die irgendwann eine gesamtwirtschaftliche Dimension erfahren könnte: Nach den Plänen von Ferdinand Piëch soll seine Frau im Stiftungsrat, der das Familienvermögen verwaltet, nach seinem Tod eine Schlüsselrolle spielen. Sie bekäme dann enormen Einfluss auf die Geschicke von Europas grösstem Auto- und Mobilitätskonzern.

Bescheidene Frau mit Einfluss

Seit inzwischen 30 Jahren sind Ursula und Ferdinand Piëch ein Paar, die gelernte Erzieherin und der Ingenieur, ehemalige Vorstandsvorsitzende von Volkswagen und heutige Aufsichtsratschef, der etwa 13 Prozent an der Porsche Holding SE und ein Privatvermögen von geschätzt über vier Milliarden Euro besitzt.

Das auf den ersten Blick ungleiche Paar wurde im Porsche-Piëch-Clan anfangs ­belächelt, teilweise auch kritisiert. Zumal Ferdinand Piëch für «Uschi» seiner ­Lebensgefährtin Marlene Porsche den Laufpass gab – die er Cousin ­Gerhard ausgespannt hatte. Anfangs war Uschi auch nur wenig mehr als die junge, so hübsche wie lebenslustige Rotblonde an Piëchs Seite, die Frau, die als Ersatzmutter seine Kinder grosszog und ihn aufmunterte, wenn er nach langen ­Vorstandssitzungen nach Hause kam. Doch dieser Rolle ist sie längst ent­wachsen. Aus dem früheren Kinder­mädchen wurde «eine bescheidene Frau mit grossem Einfluss», wie es ihr Mann formuliert.

In die Wiege gelegt war ihr die Rolle nicht. Ursula Plasser wird am 19. Mai 1956 in Linz an der Donau als Tochter eines Zollbeamten geboren. Die ersten 25 Jahre verbringt sie in der Landeshauptstadt von Oberösterreich. Sie absolviert eine Ausbildung zur Erzieherin und leitet später einen Kindergarten in Braunau am Inn. «Sie war eine beliebte, gute und geschätzte Kindergärtnerin», erzählte eine frühere Kollegin den «Oberösterreichischen Nachrichten».

Doch auf Dauer ist der lebenslustigen Frau das Innviertel zu eng – sie will ­hinaus in die Welt. Die Möglichkeit dazu eröffnet ihr 1982 eine Zeitungsannonce. Marlene Porsche, die damals mit Ferdinand Piëch im Salzburger Land lebt, sucht eine Gouvernante. Verlangt werden guter Umgang mit Kindern, aber auch Bereitschaft zu Mobilität: Die Familie plant Reisen.

Praxisberichte vom Autogott

Die damals 25-Jährige bewirbt sich und bekommt die Stelle. Zwei Tage nach ihrem Job­antritt in den Weihnachtsferien verlangt der Hausherr ihr plötzlich eine Prüfung im Allradfahren ab: Mit dem VW-Geländewagen Iltis soll sie den verschneiten Weg zur Berghütte hinauffahren. «Ich liess die Probandin an der steilsten Stelle, immerhin 17 Prozent, anhalten und wieder anfahren», erzählt Piëch in seiner «Auto.Biographie».

Ursula Piëch würgt das Auto zwar zweimal ab und schimpft im Geiste auf «den blöden Kerl», der ihr solche Fahrübungen abverlangt. Dennoch kommen sich die beiden schnell näher. Bald unternehmen sie ­Beschleunigungsrennen ­gegeneinander, er auf einem Gelände­motorrad, sie am Steuer eines roten, über 300 PS ­starken Audi Sport quattro – ihr Lieblingsauto bis heute. Im September 1984 wird geheiratet.

Der Mittvierziger hat da bereits neun Kinder aus drei Verbindungen. Eine Tochter des Bräutigams fragt noch: «Wie kannst du nur meinen Vater heiraten, du bist doch so ein fröhlicher Mensch?»

Liebe für die Ewigkeit

Doch die Skeptiker sollten sich täuschen. Das Paar bekommt drei Kinder – und scheint bis heute glücklich. «Ich glaube, dass er seine Frau immer noch von ganzem Herzen liebt», sagt ein enges Familienmitglied. «Sie ist eine tolle Frau», bestätigt der Patriarch mit heftigem Nicken seines Kopfes. Der als eiskalt geltende Piëch ist im privaten Rahmen nicht wiederzuerkennen, kommt witzig und warmherzig daher.

Ursula Piëch mit ihrer herzlichen Art gibt ihrem Mann etwas, was ihm lange gefehlt hatte. Der Vater stirbt, als er 15 Jahre alt ist. Die von ihm hochverehrte Mutter Louise hat nach dem frühen Tod ihres Mannes Anton als Chefin der Porsche Holding Salzburg, Generalimporteur für VW und Porsche in Österreich, keine Zeit, sich um ihre vier Kinder zu kümmern. Sie schickt ihren zweitältesten Sohn, Ferdinand, ins Lyceum Alpinum in der Schweiz. Piëch beschreibt die Einrichtung als «typisches Abhär­tungs­internat, elitär, schlicht und streng». Hier habe er die Erkenntnis gewonnen, dass «vieles nur im Alleingang möglich ist».

Nach diesem Prinzip führt Piëch später erst Audi, dann Volkswagen – «nicht ausgegorene Gedanken teile ich mit niemandem auf der Welt». Zutiefst miss­trauisch, hat er nur wenige Freunde, noch weniger echte Vertraute. «Der einzige Mensch, dem Ferdinand Piëch vollkommen vertraut, ist seine Frau», ist der Eindruck von jemandem, der die Familie privat gut kennt. «Sie unterstützt ihn, wo sie nur kann», heisst es an anderer Stelle in ihrem Umfeld, «und Ursula hat nie den ­Fehler gemacht, ihn in den Schatten zu stellen.»

Weiblicher Stellvertreter

Ursula Piëch hat weder Ingenieurwissenschaften studiert noch unternehmerische oder automobile Erfahrung. Doch inzwischen kennt sie den VW-Konzern mit seinen vielen Marken, Fragen des Managements und technischen Details aus Produktion und Fahrzeugentwicklung vermutlich besser als viele Manager. Denn ihr Mann hat sie sukzessive in die Branche eingeführt, mit den wesentlichen Themen vertraut und auch mit den Schlüsselfiguren der Branche bekannt gemacht, darunter mit den Fiat-Haupteignern der Familie Agnelli.

Den VW-Konzern dürfte Uschi heute bis in den letzten Spurwinkel kennen: Weil Ferdinand Piëch ungern lange Texte studiert, hat sie schon vor Jahren damit begonnen, ihm alle wichtigen Papiere vorzulesen. Dass Ferdinand ihr auch die Zusammenhänge erklärte, darf angenommen werden. Praxisberichte vom Autogott – einen besseren Lehrmeister konnte sie nicht bekommen. «Sie weiss genau, wie er tickt, worauf er hinauswill und was er dazu plant», vermutet ein langjähriger Wegbegleiter. So wurde sie quasi sein weiblicher Stellvertreter, eine Art Piëch zwo.

Sie bringt zudem einen leichten, selbstironischen Ton in den Konzern, der streng ­hierarchisch organisiert ist und in dem das Leistungsstreben oft den Humor ­erstickt.

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