1. Home
  2. Nach dem Stadler-Rail-Börsengang: Und was jetzt, Herr Spuhler?

Neue Projekte 
Und was jetzt, Herr Spuhler?

12.02.2019, Berlin: Peter Spuhler, Mehrheitseigner der Stadler Rail AG, steht in seiner Werkshalle der Stadler Rail AG. Foto: Jšrg Carstensen/dpa [ Rechtehinweis: picture alliance/Jšrg Carstensen/dpa ]

Boss der Bahnen: Peter Spuhler hat Stadler gross und sich selbst reich gemacht, dazu seine Mitstreiter. Jetzt stehen neue Projekte an.

Quelle: picture alliance/dpa

Nach dem Börsengang von Stadler Rail sieht sich Peter Spuhler nach neuen Investments um. Seine Aebi Schmidt gilt bereits als Börsenkandidat.

Dirk Ruschmann
Von Dirk Ruschmann
16.05.2019

Am Freitag, dem 12., war Zahltag. Als vor einigen Wochen Peter Spuhlers Stadler Rail das Licht des Kapitalmarkts erblickte, klingelte es – aber nicht nur in der Kasse des Patrons. Genüsslich rechnete der «Blick» vor, wie eine ganze Fussballmannschaft von Spuhlers Getreuen zu Multimillionären wurden, angeführt von Roche-Präsident Christoph Franz und Ex-ABB-Chef Fred Kindle. Ihnen floss als Auftakt ins Wochenende ein Aktienvermögen von 56 Millionen Franken ins Depot, Wirtschaftsanwalt Hans-Peter Schwald konnte immerhin bis 43 Millionen zählen.

Die verschworene Truppe, zu der auch Finanzexperte Kurt Rüegg gehört, ist im identischen Alter, alle sind 1959 wie Spuhler oder 1960 geboren. Die ( jüngere) Mediensprecherin Marina Winder schaffte es mit ihren 1,7 Millionen Neugeld sogar in die deutsche «Bild». Spuhlers Konto schwoll dank dem IPO um über 1,5 Milliarden Franken an.

Anzeige

Mit nun knapp 40 Prozent der Aktien und Stimmrechte lässt sich im Reich der Züge immer noch komfortabel durchregieren. Persönlich- finanziell brauchte Spuhler den Cash-out nicht. Schon im Frühling 2006 konnte er sich den Einstieg beim Maschinenbauer Aebi leisten, jenen beim Textilmaschinenhersteller Rieter inklusive des später abgespaltenen Autozulieferers Autoneum zwei Jahre später. Und im Jahr 2017 schüttete Stadler gut 58 Millionen Franken Dividende aus, 2018 dann 70 Millionen. Ein zweites Schnitzel zum Lunch liegt also schon länger drin. Das wirft die Frage auf, was Spuhler mit seinen neuen Börsengroschen anstellen will.

Surrealer Kontostand

So wohltuend-surreal die Milliarde auch sein mag – der Blick auf den Kontostand dürfte Spuhler nicht allzu lange aufhalten. Zwar vermuten einige seiner Bekannten, Spuhler habe durchaus «dieses sichtbare Zeichen des Erfolgs gesucht» und sich damit ein «tiefes Gefühl der Befriedigung» verschafft. Doch die meisten sagen: Der kann keine drei Tage still sitzen. Tatsächlich kündigte er früh an, sich weiter um Stadler und die Kundenpflege zu kümmern. Und sein frisches Kapital werde nicht in private Luxusherbergen verbaut, sondern bleibt in seiner persönlichen Beteiligungsholding PCS (für Peter Christoph Spuhler). Von dort aus könne es auch zur Stadler fliessen, etwa für grössere Firmenübernahmen.

Dass Spuhler erst Kapital aus Stadler extrahiert (eine Kapitalerhöhung zum IPO gab es bekanntlich nicht), später der Firma aber wieder zur Verfügung stellen würde, ist auf den ersten Blick ein Widerspruch. Allerdings bringt das Dasein als transparent erfolgreicher Börsenkonzern – Stadler arbeitet hochrentabel – diverse Vorteile, weil viele Bahnbetreiber gern bei Gewinnern kaufen, das kommuniziert sich geschmackvoller. Ausserdem lief ein aktuelles «Window of Opportunity» womöglich aus. Denn noch läuft der Aktienmarkt aufwärts, noch sucht sich Schweizer Anlagevermögen Realinvestments statt Zinspapiere, während sich allmählich die Konjunkturaussichten in Stadlers Hauptmarkt Westeuropa eintrüben.

«Wenn ein Schweizer Maschinenbauer Hilfe braucht, schaut Spuhler sich das an.»

Ein Kenner der Industrie

Neben Stadler hat sich Spuhler mehrere Zweitbeschäftigungen aufgebaut. Die nächstliegende ist der «European Loc Pool» (ELP), vor wenigen Monaten zusammen mit der Luzerner Privatbank Reichmuth gegründet. Dieser ELP bietet Bahnbetreibern Outsourcing für ihre Lokomotiven an, liefert das Rollmaterial plus Service, sodass der Leasingnehmer keine Wartungs-Ressourcen aufbauen muss. Die Dienstleistung ist keine Neuerfindung, aber ein boomender Markt. Praktischerweise kann der ELP seine Fahrzeuge bei Stadler bestellen und hat dies auch bereits getan. Die ersten sollen noch dieses Jahr geliefert werden.

Ausserhalb der Bahnbranche hat Spuhler, neben einer eigenen Bleibe in St. Moritz und der Teilhabe am Gourmet-Tempel «Talvo» dortselbst, vor allem die erwähnten drei Investments, die er gern mit weiteren ergänzen möchte. Sanierungen wie bei Aebi Schmidt oder Rieter mit ihrer Abspaltung Autoneum würde er «gern noch einmal durchziehen», am liebsten in seiner Kernkompetenz «Maschinen- und Fahrzeugbau». Derzeit liege zwar keine Firma am Boden, es fehlen also Objekte am Markt. Ein Kenner der Industrie glaubt: Sobald ein Schweizer Maschinenbauer Hilfe braucht, «können Sie sicher sein, dass Spuhler sich das anschauen wird».

Rieter

Spuhlers Firmenreich: Rieter stellt Textilmaschinen her und ist damit weltmarktführend.

Quelle: ZVG

20 Prozent-Anteil bei Rieter und Autoneum

Bei seinen Beteiligungen an Rieter und Autoneum hält Spuhler via PCS jeweils knapp 20 Prozent, kann also die Entwicklung nicht alleine bestimmen. Vor allem im Fall von Rieter, mit ihren Textilmaschinen weltmarktführend, aber unter brutalem Druck von Günstiganbietern aus China, sehen Branchenleute die Perspektiven als begrenzt. Innovationssprünge seien im Geschäft mit der Garnherstellung kaum noch möglich. Der Trend gehe dahin, die Maschinen in Billigstlohnländern wie Bangladesch mit möglichst wenig Personal zu betreiben und per Fernwartung zu überwachen.

Autoneum, im Jahr 2011 wohl vor allem auf Initiative Spuhlers von Rieter abgespalten, gilt schon eher als Versprechen für die Zukunft. Der Autozulieferer mit seinen Wärme und Akustikdämmstoffen, Unterböden und Innenraumverkleidungen aus innovativen Materialien läuft einem Zukunftsmarkt entgegen: Je mehr der Automobilist dank elektronischer Hilfsmittel von den Aufgaben des Steuerns entlastet wird und sich während der Fortbewegung auf Unterhaltung und Entspannung verlegen kann, desto wichtiger werden Schalldämmung und Bequemlichkeit für die Insassen. Aktuell haben jedoch operative Probleme in Nordamerika tiefe Krater in der Geschäftsbilanz, und damit auch im Aktienkurs, hinterlassen.

Autoneum

Läuft einem Zukunftsmarkt entgegen: Autozulieferer Autoneum.

Quelle: ZVG

Versteckte Perle Aebi Schmidt

Gut hingegen, sofern man den zahlreicher werdenden Pressemitteilungen folgt, scheint es bei Aebi Schmidt zu laufen, die bei Spuhlers Einstieg nur Aebi war; die deutsche Schmidt wurde erst 2007 eingemeindet. Bei Aebi Schmidt, die einst mit Landmaschinen für steiles Gelände Ruhm erlangte, hat sich unter dem Radar der Öffentlichkeit viel getan. Diverse Firmenkäufe haben die ohnehin schon gut positionierte Firma in ihrem Kernmarkt Flughäfen an die weltweite Spitze geflogen: Schneeräumen und Flächenreinigen, wo es schnell und verlässlich vonstatten gehen muss. Für Kommunen soll bald eine batteriebetriebene Kehrmaschine in Produktion gehen, die ohne Emissionen stundenlang auf Gehsteigen und über Traminseln kurven könnte.

Auffällig sind die zahlreichen M&A-Aktivitäten bei Aebi Schmidt. Mit dem Kauf der amerikanischen M-B Companies ist Aebi Schmidt zur globalen Nummer eins im lukrativen Flughafengeschäft aufgestiegen. Und erst Ende März übernahm die Firma von der dänischen Nilfisk Group die Rechte an zwei Kehrmaschinen, um ihre Produktpalette abzurunden. In den vergangenen Monaten soll Aebi Schmidt mehrere Ausschreibungen an Flughäfen gewonnen haben, eine davon am gigantischen Airport-Neubau Peking.

«Aebi Schmidt hat derzeit offenbar einen Lauf im lukrativen Flughafengeschäft.»

Branchenmann

Zuletzt meldete die Firma stark gestiegene Auftragseingänge. Ein Branchenmann sagt, man reibe sich die Augen, «Aebi Schmidt hat derzeit wohl einen Lauf». Er schätze das Umsatzpotenzial für das laufende Jahr auf eine halbe Milliarde Euro, 2017 waren es noch 380 Millionen. Auch die Gewinnmarge sei im Steigen begriffen. Jüngst überraschte die Firma zudem mit einem umfassenden Relaunch der Marke: Die austauschbare Holding «ASH» benannte sich zu «Aebi Schmidt Group» um, glättete ihre Produktbrands und erfand zudem eine Bildmarke, die als optisches Dach das Portfolio zusammenhalten soll.

Aebi Schmidt Saeuberungsmaschine

Aebi Schmidt mit ihren Säuberungsmaschinen gilt als künftige Perle.

Quelle: Tim Andrew

Im Verwaltungsrat der Reinigungskräfte gibt es Parallelen zur Besetzung bei Stadler: mit Andreas Rickenbacher ein Schweizer Politiker, bis 2016 zehn Jahre lang Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Bern, und der deutsche Politiker Peter Ramsauer, der passenderweise vier Jahre lang als Verkehrsund Stadtentwicklungsminister unter Angela Merkel diente. Als CEO fungiert der ehemalige Spitzenbanker Barend Fruithof, dem Kenner eine ähnliche operativ zupackende Art wie Spuhler attestieren.

Der Patron hält mit 57,3 Prozent eine satte Mehrheit der Aktien, scheint zuletzt noch leicht aufgestockt zu haben, die Miteigentümer Gero Büttiker (über 30 Prozent) und CEO Fruithof (8 Prozent) dürften Seite an Seite mit Spuhler an einem Strang ziehen. Urbanisierung und zunehmender Luftverkehr versprechen langfristig wachsende Absatzmärkte. Dass ausgerechnet in der Schweiz noch die Konkurrenten Boschung und Zaugg den Ansaugrüssel vorn haben, wird den Kampfgeist der Aebi-Truppe zusätzlich anfeuern.

Gefahren fürs Image

Insofern braucht es keine prophetische Begabung für die Prognose, dass sich Spuhlers Interesse neben Stadler vor allem auf Aebi Schmidt richten wird. Dass die Firma potenziell ein Börsenkandidat wäre, kursiert als Gerücht schon länger durch Corporate Switzerland.

Letztlich wird sich Peter Spuhler auch vermehrt Gedanken machen müssen, wie er wirkt und gesehen werden will. Sein bisheriges Image als unermüdlicher Schaffer im Dienst der Erhaltung einer Schweizer Bahnindustrie, bedrängt von gesichtslosen ausländischen Multis, läuft Gefahr, mit weiteren Aktivitäten als Finanzinvestor Trübungen zu erfahren – vor allem, wenn einmal etwas schiefgehen sollte, Jobs gestrichen werden müssten. Denn dass Peter Spuhler, den viele gern als Bundesrat sähen, sein Image egal wäre: Das würde nicht mal er, der Prototyp des Unternehmers, von sich behaupten.

Dieser Artikel erschien in der Mai-Ausgabe 05/2019 der BILANZ.