Die Schweiz darf erstmals wieder auf einen Oscar hoffen. Am kommenden Sonntag wird in Los Angeles zum 87. Mal die begehrteste Auszeichnung der Filmwelt verliehen. Auch der Kurzfilm «Parvaneh» der Aargauerin Talkhon Hamzavi ist nominiert. Bis vor ein paar Tagen buhlte sie in den USA um die Stimmen der 6000 Academy-Mitglieder. Damit will sie ihre Chancen auf das begehrte Goldmännchen erhöhen.

Hazavi will die Tophäe unbedingt. Kein Wunder. Denn der Preis bringt nicht nur Ehre und Ruhm. Er lässt auch die Kassen klingeln – bei Filmemachern ebenso wie bei Kinos und Filmverleihern. «Der Oscar ist für unser Geschäft sehr wichtig», sagt Roman Güttinger vom hiesigen Filmverleih Ascot-Elite.

Je mehr Oscar, desto höher der Marktwert

Ascot-Elit verleiht etwa den Film «The Imitation Game», der acht Nominierungen hat, unter anderem für den besten Film und den besten Schauspieler. «Je mehr Auszeichnungen ein Film hat, desto grösser ist sein Marktwert», sagt Güttinger. «Filme, die nominiert sind oder einen Oscar gewonnen haben, ziehen besonders den durchschnittlichen Kinogänger an.» Kassenmagneten sind in erste Linie die Auszeichung für den besten Film oder einen der Schauspieler.

Das sieht auch Beat Kälin so, der Geschäftsführer der Kinobetreiberin Arthouse: «Ein Oscar ist wie ein Gütesiegel.» Die kleine Statue habe eine viel grössere Sogwirkung als andere Filmpreise wie etwa die Goldene Palme beim Filmfestival Cannes. Genutzt wird das bei der Werbung, etwa um auf Flyern einen Film zu promoten.

Kino ist schnelllebiger geworden

Allerdings hat der Oscar nicht mehr die gleiche Schlagkraft wie früher. Noch Anfang 2000 konnte ein Goldmännchen für den besten Film den Marktwert um bis zu 30 Millionen Dollar steigern, hat das Kinomagazin Variety laut «Süddeutscher Zeitung» errechnet. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Damals liefen die Filme monatelang in den Kinos. Heute ist das Geschäft schnelllebiger, Filme sind oft nur noch gut fünf Wochen zu sehen. Inzwischen werden mit einem Oscar prämierte Werke auch nur noch selten wieder ins Programm genommen, die schon vor Monaten im Kino waren. «Dazu laufen einfach zu viele Filme», sagt Arthouse-Chef Käslin. Zudem seien sie dann schon oft auf DVD erhältlich.

Guter Zeitpunkt für «Whiplash»

Entscheidend für den Effekt eines Oscars an der Kinokasse ist daher das Timing. Der günstigste Zeitpunkt ist kurz vor der Preisverleihung. Dann spielen vor allem auch die Nominierungen eine zentrale Rolle. Läuft ein Film im Kino und wird nominiert, steigen die Besucherzahlen. Umso besser, wenn er später noch mit einem Oscar ausgezeichnet wird.

So habe der Film «Whiplash» einen super Zeitpunkt erwischt, um ins Kino zu kommen, sagt Roman Güttinger vom Ascot-Elite-Verleih. Bevor der Streifen am gestrigen Donnerstag ins Kino kam, hat er noch drei Nominierungen erhalten – darunter für den besten Film und den besten Nebendarsteller. Das dürfte dem Film bereits ab Kinostart gute Besucherzahlen bescheren.

Grosse Bedeutung für Kurzfilme

Auf einen Oscar-Effekt darf auch «Foxcatcher» hoffen. Der Film lief in der Schweiz Ende Januar an. Doch die Zahlen enttäuschten bisher. «Das Interesse für den Film  ist derzeit leider sehr gering», sagt Güttinger. Daran geändert haben überraschenderweise auch die hinzugekommenen fünf Nominierungen nichts, etwa für Steve Carell als besten Schauspieler. Helfen könnte, wenn Carell gewinnen würde.

Letztlich ist der Oscar-Effekt bei ohnehin schon bekannten Hollywood-Produktionen oftmals geringer als bei unbekannten Filmen. «Jene, die im Kino von Anfang an gut laufen, können die Besucherzahlen mit einem Oscar in der Regel halten oder gar leicht steigern.» Umso mehr Bedeutung hat ein Oscar für die beste fremdsprachige Produktion oder den besten Kurzfilm.

Die Auszeichnung kann den Zugang zum internationalen Markt öffnen, für mehr Aufmerksamkeit und entsprechen für grössere finanzielle Erfolge sorgen. Ein Oscar für den Schweizer Kurzfilm «Parvaneh» wäre daher für die Regisseurin Talkhon Hamzavi ein Segen.

Zuschauer haben bereits gewählt

Die Gewinner der Oscar-Nacht sind zwar noch geheim. Allerdings haben die Zuschauer offenbar ihre Favoriten bereits ausgesucht. In der Schweiz wird laut Google «American Sniper» im Internet am meisten gesucht, gefolgt von «Birdman», «The Imitation Game», «Whiplash» und «Boyhood». Bei der weltweiten Suche hat dann allerdings «The Imitation Game» die Nase vorne.

Bei den Hauptdarstellern suchen die Filmfans rund um den Globus am häufigsten nach Bradley Cooper, der für seine Hauptrolle in «American Sniper» nominiert ist. Bei den Frauen ist es Reese Witherspoon für ihre Darstellung in «Wild». Und vielleicht liefert die Google-Auswertung schon jetzt Hinweise auf die tatsächlichen Gewinner.

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