Sie sind überzeugt vom Nestlé-Geschäftsmodell und glauben an eine herausragende Bonität des Lebensmittelherstellers? Dann stehen sie damit nicht allein. Doch was nun passierte, dürfte die Vorstellungskraft von so manchem Beobachter gesprengt haben. Erstmals zahlen Investoren dafür, dem weltgrössten Nahrungsmittelkonzern Geld leihen zu dürfen: Die Rendite einer 2016 auslaufenden Anleihe sank in den negativen Bereich, auf minus 0.034 Prozent.

«Wir betreten absolutes Neuland», sagt Gion Reto Capaul, Inhaber und Gründer des Analysehauses Visual Finance in Winterthur. «Die Notenbanken haben mit ihrer expansiven Geldpolitik den Zinsmechanismus total ausgehebelt.» Es bestehe die Gefahr, dass Wirtschaft und Anleger zu sehr auf die Sirenenrufe hörten und es zu einer Abwärtsspirale komme, die so eigentlich nicht notwendig sei,

EZB pumpt 1.1 Billion Euro in die Märkte

Aus Angst vor Deflation und einer schwachen Wirtschaftsentwicklung gab die Europäische Zentralbank kürzlich bekannt, für mindestens anderthalb Jahre jeden Monat Anleihen im Wert von 60 Milliarden Euro aufkaufen zu wollen. Insgesamt soll mindestens 1,1 Billion Euro in die Märkte fliessen. Das lässt die Zinsen auf vielen Märkten sinken. Nestlé als eines der am besten bewerteten Unternehmen in Europa profitiert davon.

Auf Staatsanleihen wirkt die EZB-Massnahme bereits: Gestern sank die Verzinsung deutsche Anleihen erstmals unter dem Niveau japanischer Staatspapiere. Schweizer Bonds sind auch über längere Laufzeiten im negativen Bereicht. Ähnliches gilt für niederländische, österreichische oder dänische Staatspapiere.

Negativzinsen – Zeichen für mehrjährige, harte Deflation

Negative Zinsen auf Unternehmensanleihen kommen bislang jedoch so gut wie nie vor. «Negative Zinsen bei Unternehmensanleihen deuten eigentlich auf eine mehrjährige, harte Deflation ohne Wirtschaftswachstum hin – eine Situation also, wie wir sie in der Vergangenheit noch nie hatten», erklärt Capaul.

Gemäss der Schweizer Grossbank UBS seien die Anleiherenditen der Ölfirma Shell in der vergangenen Woche einmal kurzzeitig in den negativen Bereich gefallen, berichtet die «Financial Times». Demnach warnt Salman Ahmed vom Genfer Investmenthaus Lombard Odier davor, das erwartete Programm der EZB könne zu ernsthafte Verschiebungen auf den Märkten für festverzinsliche Wertpapiere führen.

«Fürchterliche Unordnung an den Zinsmärkten»

«Es herrscht eine fürchterliche Unordnung an den globalen Zinsmärkten», so Visual-Finance-Experte Capaul. Das ist umso gefährlicher, als die Börsenkapitalisierung der Bondmärkte den Wert aller kotierten Aktien übersteigt – der Zins also besonders bedeutungsvoll für alle Arten und Formen von Verträgen ist. Capaul rechnet mit dem Schlimmsten in den kommenden Jahren, sagt er – Mikrorenditen wären da noch der «positivste, denkbare Ausgang».

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