Für 20 Jahre Firmenzugehörigkeit waren die Abschiedsworte die Höchststrafe. «Andrea Orcel hat die Firma verlassen», teilte die Bank of America Ende März trocken mit. Dank für zahlreiche Deals und üppige Profite? Fehlanzeige.

Das Lob kam von der Gegenseite. UBS-Chef Sergio Ermotti pries die «grosse ­Erfahrung und Kompetenz» des Italieners Orcel, seines neuen Co-Chefs der Investmentbank, mit dem er elf Jahre bei Merrill Lynch zusammengearbeitet hatte.

Orcel: Der letzte Mohikaner

Hintergrund ist ein Machtkampf bei Bank of America Merrill Lynch. Orcel galt in der Londoner Niederlassung als der letzte Mohikaner der alten Merrill-Lynch-Garde. Nach dem Notverkauf des einst führenden Wall-Street-Hauses an die Bank of America 2008 hatten die Männer um Bank-of-America-Chef Brian Moynihan die Macht übernommen.

Der Chef installierte eigene Leute, Orcel brachte zwar weiter das Geld, wurde aber an den Rand gedrängt. Im März kam es zum Showdown: Orcel drohte mit dem Weggang. Um ihn zu halten, stimmte Moynihan einer Neuverteilung der Macht zu. Vergebens: Der 48-Jährige war dem Werben von Ermotti erlegen.

Umbau Zinsgeschäft

Dieser baut so seine Merrill-Lynch-Seilschaft weiter aus. Im VR setzt er auf den Support von Rainer-Marc Frey, mit dem er einst in der Zürcher Merrill-Lynch-Filiale zusammengearbeitet hat. Weitere aus der Merrill-Lynch-Truppe: Robert McCann, Chef der US-Vermögensverwaltung, letztes Jahr höchstbezahlter UBS-Manager, sowie Aktienchef Mike Stewart, den Ermotti 2002 noch selber bei Merrill Lynch einstellte.

Nur das kriselnde Zinsen­geschäft wird nicht von direkten Vertrauensleuten Ermottis geführt. Doch hier findet in den nächsten Jahren der Grossteil des Abbaus statt, und dafür ist der bisherige alleinige Investmentbank-Chef Carsten Kengeter verantwortlich.

Das M&A- und Kapitalmarktgeschäft, das Orcel obliegt, trägt weniger als 15 Prozent zu den Erträgen des Investment Banking bei. Die UBS schafft es hier weltweit nicht unter die ersten zehn (siehe Grafik). Doch auch wenn der Grossteil des Investment Banking formal weiter bei Kengeter liegt, wird sich Orcel kaum mit einer Nebenrolle begnügen. «Die Frage wird sein, ob die Chemie zwischen den beiden stimmt», betont ein Ex-­Merrill-Lynch-Banker. Kengeter weiss nur zu gut: Stimmt sie nicht, hat Orcel den ­direkteren Draht zum CEO. 

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